mini|Die Geburt einer Nation (1915)
Die Geburt einer Nation (englischer Originaltitel The Birth of a Nation, ursprünglich The Clansman) ist ein US-amerikanischer Spielfilm des Regisseurs David Wark Griffith aus dem Jahr 1915. Der dreistündige Historienfilm, der zur Zeit des Amerikanischen Bürgerkriegs spielt, war das finanziell erfolgreichste Werk der Stummfilmzeit. Er wird einerseits für seine zahlreichen filmtechnischen Innovationen gerühmt und gilt als das vielleicht bedeutendste und einflussreichste Werk der amerikanischen Filmgeschichte.Filmsite.org Andererseits wird Griffiths Werk seit der Premiere wegen seines eklatant rassistischen Inhalts kritisiert, der unmissverständlich eine White Supremacy („weiße Überlegenheit“) propagiert und maßgeblich zur Neugründung des Ku-Klux-Klans beitrug, der im Film verherrlicht wird.
Handlung Der Film besteht aus zwei Teilen, der Zeit vor und während des Amerikanischen Bürgerkriegs sowie der Zeit der Reconstruction in den besiegten Südstaaten.
Erster Teil Der Film beginnt mit der Darstellung einer Auktion, auf der schwarze Sklaven verkauft werden. Auf einem Zwischentitel ist zu lesen: „Dass die Afrikaner nach Amerika gebracht wurden, pflanzte den ersten Samen der Entzweiung.“
Der Film zeigt nun die Vereinigten Staaten vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg am Beispiel zweier Familien. Auf der einen Seite der Norden, vertreten durch die Familie Stoneman, die in Washington, D.C. und einem Landhaus in Pennsylvania leben. Die Familie besteht aus dem mächtigen abolitionistischen Kongressabgeordneten Austin Stoneman (historisches Vorbild: Thaddeus Stevens), außerdem seinen zwei Söhnen Phil und Tod und seiner Tochter Elsie. Phil und Tod Stoneman sind befreundet mit den Camerons, die den Süden vertreten: In Piedmont, South Carolina bewirtschaften sie eine Baumwollplantage, wo zahlreiche Sklaven arbeiten, die gegenüber ihren Herren fröhlich und unterwürfig aufgelegt sind. Die Familie besteht aus den Eltern, zwei Töchtern Margaret und Flora sowie drei Söhnen, Benjamin (später im Film „der kleine Colonel“ genannt), Wade und Duke.
Die Stoneman-Jungen besuchen die Camerons, mit denen sie seit der Internatszeit befreundet sind. Phil Stoneman ist in Margaret verliebt, die seine Gefühle erwidert, und Benjamin Cameron betet ein Bild von Elsie Stoneman an, in der er seine Traumfrau zu erkennen glaubt. Die Sezession der Südstaaten macht der Harmonie ein Ende. Zugleich erfährt man, dass Austin Stoneman unter dem sexuellen Einfluss seiner Haushälterin Lydia Brown steht, einer Mulattin: „Des großen Führers Schwäche, die eine ganze Nation vernichten sollte“ (Zwischentitel), wird damit als eigentlicher Grund seiner abolitionistischen Politik dargestellt. Der Bürgerkrieg beginnt, die Jungen der Camerons und der Stonemans treten ihren jeweiligen Armeen bei. Vor allem auf Seiten der Südstaaten herrscht große Siegesgewissheit. Eine Großaufnahme zeigt den Wahlspruch der Südstaaten: „Wir müssen siegen, denn unsere Sache ist gerecht: Sieg oder Tod.“
Zweieinhalb Jahre vergehen, bis sich die Niederlage der Südstaaten abzuzeichnen beginnt. Eine Schwarzenmiliz unter Führung eines Scalawag plündert das Haus der Camerons und will die Frauen vergewaltigen, wird aber von konföderierten Truppen in die Flucht geschlagen. Unterdessen sterben Tod Stoneman und Duke Cameron auf dem Schlachtfeld, wo sie sich ein letztes Mal treffen und nun im Tod wiedervereint werden. Wade Cameron fällt 1864 während der verheerenden Offensive von US-General Sherman. Benjamin Cameron wird bei einer letzten verzweifelten Anstrengung vom Gegner verwundet und kommt in ein Nordstaaten-Hospital, in dem er Elsie trifft, die dort als Krankenschwester aushilft. Er soll als Guerillakämpfer hingerichtet werden, doch Elsie und Mutter Cameron flehen erfolgreich um Gnade bei Präsident Abraham Lincoln, der im Film „das Große Herz“ genannt wird.
Mit dem Ende des Krieges kehrt Benjamin heim, er muss jedoch erschüttert feststellen, wie sehr sein Elternhaus durch den Krieg und die mit ihm verbundene Armut heruntergekommen ist. Währenddessen wird Abraham Lincoln von Austin Stoneman aufgefordert, die Weißen im Süden hart zu bestrafen. Doch der Präsident erwidert: „Ich werde mit ihnen verfahren, als wären sie nie fort gewesen.“ Wenig später wird Lincoln jedoch im Ford-Theater von John Wilkes Booth erschossen. Der Tod des Präsidenten erlaubt es Austin Stoneman und anderen radikalen Kongressabgeordneten, die Südstaaten für ihre Sezession mit der Reconstruction zu bestrafen. Ende des ersten Teils.
Zweiter Teil Austin Stoneman und sein Schützling Silas Lynch, ein Mulatte, den er zum Führer der Schwarzen bestimmt hat, reisen nach Piedmont, um von dort die Herrschaft der früheren Sklaven über die Weißen zu sichern. Silas Lynch ist dazu, allerdings hinter dem Rücken Stonemans, jedes Mittel recht: Gewalt gegen Schwarze, die mit ihren früheren Herren sympathisieren, Unterdrückung der Weißen, Wahlbetrug. Das alles ahnt der naive Stoneman nicht, und auch nicht, dass Lynch sich in seine Tochter Elsie verliebt hat, die sie beide begleitet. Die Paare der Familien Stoneman und Cameron treffen erneut aufeinander, doch die Wunden des Krieges machen es vor allem Margaret schwer, zur alten Zuneigung zurückzufinden.
Am Wahltag dürfen nur die Schwarzen wählen, den Weißen wird die Stimmabgabe verweigert. Die Schwarzen beherrschen nun das Parlament, wo sie sich respektlos und barbarisch benehmen: Ein Schwarzer legt seine bloßen Füße auf sein Pult, andere trinken, die ganze Menge johlt. Die Weißen werden zu rechtlosen Unterdrückten: Auf der Straße werden sie angepöbelt, schwarze Jurys sprechen Fehlurteile gegen Weiße. Das Parlament erlaubt Mischehen.
Benjamin ist verzweifelt. Inspiriert von weißen Kindern, die als Geister verkleidet schwarze Kinder erschrecken, entwickelt er den Plan, eine geheime Widerstandsarmee der Weißen ins Leben zu rufen, den Ku-Klux-Klan. Elsie wendet sich aus Loyalität zu ihrem Vater von Benjamin ab, nachdem jener ihr vorgeworfen hat, dass ihr Verlobter Mitglied der „Mörderbande von Gesetzlosen“ sei. Kurze Zeit später wird Flora Cameron im Wald von Gus, einem ehemaligen Sklaven, überrascht, der ihr bedrängend einen Heiratsantrag macht. Flora flieht, woraufhin Gus sie verfolgt. An einem Abgrund in die Enge getrieben, springt Flora in den Tod, um nicht vergewaltigt zu werden. Ein Zwischentitel kommentiert ihren Selbstmord: „Um sie, die die harte Lektion der Ehre gelernt hatte, sollten wir nicht trauern, weil sie die opalenen Tore des Todes bevorzugte.“ Benjamin findet die Sterbende, schwört Rache und jagt mit seinem Klan Gus. Nach seiner Gefangennahme und einem laut Zwischentiteln „fairen Prozess“ wird Gus von den Weißen gelyncht, man wirft seine Leiche vor die Tür des Vizegouverneurs Silas Lynch.
Zur Vergeltung ordnet Lynch ein hartes Durchgreifen gegen den Klan an. Spione melden, dass die Frauen der Camerons Gewänder für den Klan schneidern. Man nimmt die Camerons gefangen, doch mit der Hilfe ihrer treuen ehemaligen Sklaven können sie fliehen. Sie verstecken sich in einer kleinen Hütte auf einem Feld, in der zwei Nordstaatenveteranen leben, die ihre ehemaligen Feinde nun bei der Verteidigung ihres, so der Zwischentitel, „arischen Geburtsrechts“ gegen die Schwarzen unterstützen. Unterdessen versucht Lynch, Elsie gegen den Willen von Austin Stoneman, der jetzt endlich Lynchs Bosheit erkennt, zur Heirat zu zwingen. Getarnte Klansmen entdecken dies und holen Verstärkung. Der Ku-Klux-Klan, jetzt in voller Stärke, reitet in die Stadt, rettet sie und nutzt die Gelegenheit, die schwarze Miliz gewaltsam zu vertreiben. Zur selben Zeit umzingeln und attackieren Lynchs Männer die Hütte, in der die Camerons sich verstecken, doch auch hier kommt der Klan noch rechtzeitig. Siegreich feiern die Klansmen in den Straßen, und der Film schneidet zur darauffolgenden Wahl, in der der Klan die Schwarzen mit vorgehaltenen Gewehren davon abhält zu wählen: „Die Herrschaft der Weißen ist wiederhergestellt.“
Es folgen Bilder der doppelten Flitterwochen von Phil und Margaret und Benjamin und Elsie. Die Weißen in Nord und Süd sind in Frieden vereint, eine Nation ist geboren. Der Film endet mit zwei allegorischen Bildern: Das erste Bild zeigt kämpfende Massen, beherrscht vom personifizierten Krieg, das zweite frohe Menschen in paradiesischer Umgebung, gesegnet von Jesus. Der abschließende Titel lautet: „Wagen wir von einem goldenen Tag zu träumen, wenn der bestialische Krieg nicht mehr herrscht, sondern stattdessen der edle Fürst in der Halle der Brüderlichen Liebe in der Stadt des Friedens.“
Hintergründe mini|Filmplakat, das das Attentat auf Abraham Lincoln zeigt
Geschichte Die Geburt einer Nation basiert auf den Bestsellern The Leopard’s Spots und The Clansmen des baptistischen Reverends Thomas F. Dixon, der den zweiten Roman auch selbst dramatisierte. Beide Romane werden heute in der Regel als rassistisch eingestuft. David Wark Griffith konnte Dixon nicht die verlangten 10.000 Dollar für die Filmrechte geben, also bot er dem Autor 25 Prozent Anteil am Gewinn des Films. Dixon wollte zunächst ablehnen, am Ende wurde er durch die Abmachung mehrfacher Millionär.
Der Film kostete eine damals astronomische Summe von über 100.000 Dollar. Obwohl Griffith bereits ein bekannter Filmemacher war, musste er Freunde bitten, ihm Geld zu leihen, um den Film fertigstellen zu können. Die Dreharbeiten dauerten über neun Wochen. Die spektakulären Schlachtszenen drehte Griffith teilweise an Originalschauplätzen und mit der Hilfe von etwa 500 Statisten, die Griffith von einem zehn Meter hohen Turm aus über den Set dirigierte. Wenn Rauchbomben und Geschosse zu laut waren, gab Griffith seine Anweisungen mit Leuchtsignalen.Robyn Karney (Hrsg.): Cinema Year by Year 1894–2005. 2005, S. 109.
Der Film hatte seine Premiere am 8. Februar 1915 in Los Angeles unter dem Titel The Clansman, drei Monate später wurde der Film jedoch umbenannt und bekam zur Weltpremiere in New York seinen heutigen Titel. Die Liebesgeschichte vor historischem Hintergrund war ein überwältigender finanzieller Erfolg: Eine Million Zuschauer waren im ersten Jahr nach der Premiere bereit, den für damalige Verhältnisse ungewöhnlich hohen Eintritt von zwei Dollar zu bezahlen (im heutigen Kurs etwa 36 Dollar), und verhalfen den Produzenten zu einem großen Gewinn. Wie hoch der Gewinn tatsächlich war, ist umstritten: Einige Quellen nennen bis 1932 rund 10 Millionen Dollar Gewinn, andere wie Richard Schickel gehen von bis zu 60 Millionen US-Dollar aus.Richard Schickel: D.W. Griffith: An American Life (1984) The Birth of a Nation gilt bis heute als das kommerziell erfolgreichste Werk der Stummfilmära.
Filmische Innovationen mini|Ein Filmplakat preist den Film als „achtes Weltwunder“ an
Die Geburt einer Nation bedeutete für das Kino einen Meilenstein und der Film wird heute vor allem wegen seiner filmischen Innovationen gewürdigt. Zwar waren nicht wenige von diesen schon zuvor eingesetzt worden, doch durch den enormen Erfolg von Griffiths Film wurden sie nachhaltig popularisiert: „Die Filmhistoriker sind sich einig, dass der Film das wichtigste Einzelwerk der amerikanischen Filmgeschichte ist und ein Schlüsselwerk der gesamten Filmgeschichte: Es enthält viele filmtechnische Neuerungen und Verbesserungen, technische Effekte und künstlerische Errungenschaften, darunter eine Farbsequenz am Schluss. Er hatte einen formgebenden Einfluss auf zukünftige Filme und hat eine erkennbare Wirkung auf die Filmgeschichte und die Entwicklung des Films als Kunstform.“The Birth of a Nation (1915). Auf www.filmsite.org, abgerufen am 6. März 2014.