mini|Apotheose der Reichsgründung, zentrales Wandbild des Kaisersaals in Goslar, Hermann Wislicenus, 1880–1882 – glorifizierende Darstellung des „deutschen Berufs“ Preußens und der HohenzollernMonika Arndt: Die Goslarer Kaiserpfalz als Nationaldenkmal – eine ikonographische Untersuchung. Lax, Hildesheim 1976, ISBN 3-7848-4011-6, S. 179–184. mini|Borussia, 1885, Staatsallegorie Preußens von Reinhold Begas – Die Abbildung zeigt die 1980/1981 angefertigte Kopie im Preußenpark. Das Original von 1885 wurde als Zentrum der Ruhmeshalle geschaffen, 1936 im Preußenpark aufgestellt, 1980 ins Lapidarium transloziert, schließlich in die Zitadelle Spandau geschafft. mini|Ansicht der Siegesallee vom Königsplatz, um 1900 – Mit der 1895 in Auftrag gegebenen Siegesallee ließ Kaiser Wilhelm II. im Sinne borussischer Geschichtsauffassung, die seine Herrschaft als notwendiges Ergebnis einer historischen Gesetzmäßigkeit begriff, eine Prachtachse glorifizierender Darstellungen der Hohenzollernherrscher vom Mittelalter bis in Kaiserreich verwirklichen. Die meisten Figuren befinden sich heute in der Zitadelle Spandau. Borussianismus, abgeleitet von dem neulateinischen Wort Borussia (‚Preußen‘) und dem Namen der preußischen Staatsallegorie Borussia, ist ein von dem Mainzer Erzbischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler im Jahr 1867 geprägter politischer Begriff zur Bezeichnung des deterministischen und teleologischen Geschichtsmythos, Preußen habe die historische Mission, Deutschland in ein protestantisch dominiertes Kaiserreich zu führen, und über diesen „deutschen Beruf“ hinaus eine besondere Aufgabe in der Weltpolitik.

Der von Ketteler nach dem Deutschen Krieg in das frühe Kulturkampfmilieu und in den weiteren politischen und historischen Diskurs eingeführte Begriff wandte sich gegen ein entsprechendes, von zeitgenössischen Historikern wie Johann Gustav Droysen, Heinrich von Sybel und Heinrich von Treitschke propagiertes Geschichtsbild, gegen den politischen Mythos einer notwendigen Hegemonie Preußens und gegen die kleindeutsche Lösung der Deutschen Frage.

Als Indizien für Borussianismus wertete Ketteler die Vorstellung einer „Oberherrschaft eines absoluten preußischen Königthums“, die „Glorificirung des preußischen Bürokratismus“ und die Idee der „Verbreitung des Protestantismus unter Führung des preußischen Königthums“.

Der Borussianismus prägte das deutsche Meinungsklima im 19. Jahrhundert, insbesondere in den preußisch-deutschen Eliten des deutschen Kaiserreichs. Martin Luther wurde im Rahmen dieser Weltanschauung als Gründerheros stilisiert. Dieser habe – so der Historiker Treitschke – das „sittliche Ideal der Deutschen“ gebildet und durch die Verbindung von Reformation und Sakralisierung des Staates eine Revolution vollzogen, nach der der „Staat selbst eine Ordnung Gottes“ geworden sei.Edgar Wolfrum, S. 14. Mit diesem Lutherbild, deutlich ausformuliert 1883 in seiner Rede Luther und die deutsche Nation, beförderte Treitschke den Nationalprotestantismus.

Gegenpositionen zum Borussianismus – gelegentlich als Antiborussianismus oder Antiborussismus bezeichnet – wurden vor allem in der römisch-katholisch, großdeutsch und demokratisch-republikanisch geprägten, österreichischen sowie süd- und westdeutschen Publizistik artikuliert.

Begriffsgeschichte Mit einem ähnlichen Begriff, dem Terminus Borussismus, versuchte der katholische Romantiker Karl Rottmanner 1808 in seiner Kritik der Abhandlung Jacobi’s, einer Erwiderung auf Friedrich Heinrich Jacobis Abhandlung Ueber gelehrte Gesellschaften (1807), eine vermeintlich „einseitige Cultur“ zu fassen, durch die sich das „nördliche Teutschland“ vom übrigen abgesondert habe. In seiner Schrift hatte Jacobi, ein im Gelehrtenmilieu Genfs geschulter Denker des Liberalismus und der Aufklärung, die Reformation unter Hinweis auf deren Fortschrittlichkeit als „eine die gesammte Menschheit dieser Weltgegend veredelnde, ihren Zustand wahrhaft und allgemeine verbesserende Veränderung“ und demgegenüber den Katholizismus als rückständig charakterisiert.Friedrich Heinrich Jacobi: Ueber gelehrte Gesellschaften, ihren Geist und Zweck. E. A. Fleischmann, München 1807, S. 41 (Digitalisat). Diesbezüglich kritisierte Rottmanner, dass die von Jacobi bezeichnete Kultur „bey all dem einzelnen Guten, das sie geleistet hat, doch im Allgemeinen den Charakter des neuern Protestantismus selbst [trage], d. h. den der Einseitigkeit, der bloßen Verstandesmäßigkeit, des Mangels an höherem Sinn und Leben an sich.“ Sie habe „das muntre frische Leben mit dem todten Mechanismus, den hohen Sinn und das tiefe Gemüth unserer Ahnen mit kalter Verständigkeit vertauscht.“ Das nördliche Deutschland habe „zuerst fremde Sitte nachgeahmt, sich ausländischer Eitelkeit und entnervender Verfeinerung gefallen und die Anhänglichkeit an den alten Glauben, den schlichten natürlichen Sinn seiner Nachbarn auf mannichfaltige Weise mißkannt und verachtet.“Karl Rottmanner: Kritik der Abhandlung F. H. Jacobi’s. Jos. Thomann, Landshut 1808, S. VII ff., insbesondere S. XI. (Google Books).

Über die Rolle Preußens innerhalb des Deutschen Bundes und zu dessen gewichtigstem Mitglied, dem Kaisertum Österreich, gab es seit Bestehen dieses Bundes eine anhaltende politische Diskussion, insbesondere dann, wenn die preußisch-österreichische Zusammenarbeit im Bund gestört war. Zur Lösung des Problems wurde eine Reform des Deutschen Bundes erwogen. In der Phase der Deutschen Revolution 1848/1849 stritten sich die verschiedenen politischen Gruppen im Rahmen der deutschen Frage vor allem darüber, ob die deutsche Einheit als großdeutsche Lösung unter Führung Österreichs oder als kleindeutsche Lösung, ohne Österreich und unter preußischer Dominanz, erreicht werden solle. Nur die kleindeutsche Lösung entsprach dem Anspruch einer preußischen Hegemonie in Deutschland, wie er später von einer borussischen Geschichtsschreibung und Publizistik als „deutscher Beruf“ Preußens ausformuliert werden sollte. Heinrich von Gagern, einer der maßgeblichen Politiker dieser Zeit und Befürworter einer preußischen Führungsrolle und einer kleindeutschen Lösung, scheiterte schließlich in dem Versuch, in einer Kaiserdeputation dem preußischen König eine konstitutionelle deutsche Kaiserwürde anzutragen.

In den frühen 1860er Jahren war der Begriff Borussismus als ein Schlagwort zur polemischen Kennzeichnung eines bestimmten Standpunkts der HistoriografieVom Rhein an die Donau und Ein historisch-politischer Gothaer. In: Adolph Kolatschek (Hrsg.): Stimmen der Zeit. Wochenschrift für Politik und Literatur. Jahrgang 1862, 1. Semester, Wien und Leipzig 1862, S. 62, 113, 118 (Google Books). und eines angeblich „den ganzen preußischen Staat und seine Verwaltung von oben bis unten durchdringenden Geist[s]“ im politischen Diskurs geläufig. Beispielsweise wurde der „borussische Geist“ als „eine jener pathologischen Erscheinungen der Psyche“, als „ein dogmatischer [Geist], zum Glauben, zur Unterwerfung unter alle möglichen Autoritäten geneigt, der stets lieber mit dem Strom schwimmt als den fremden Gedanken sich widersetzt“ beschrieben. Bescheinigt wurde dem Borussianismus etwa „die Empfänglichkeit für Ansichten, Ideen, leere Phrasen, sobald sie Mode geworden“, „Formalismus“, „das Kleben am Aeußerlichen und am Schein, die Neigung zum Humbug, zur Charlatanerie, zur Großsprecherei und Großthuerei, kurz jene Eigenthümlichkeiten, welche das preußische Wesen in Deutschland so lächerlich und widerlich gemacht, und welche sich in frappanter Aehnlichkeit im französischen Leben wieder finden.“Der Cultus der Gemeinheit der „Süddeutschen Zeitung“ und Zwei politische Standpunkte. In: Adolph Kolatschek (Hrsg.): Stimmen der Zeit. Wochenschrift für Politik und Literatur. Jahrgang 1861, 2. Semester, C. F. Winter’sche Verlagshandlung, Leipzig und Heidelberg 1861, S. 345, 895, 921 ff. (Google Books). Ein Kommentator der in München erscheinenden Zeitung Bayerischer Kurier hielt den Borussianismus in seiner primären Form für „die Ansicht, das Haus Hohenzollern müsse den piemontesischen Schwindel (gemeint ist der Risorgimento) nachahmen und mit oder ohne Beihilfe Bonaparte’s die übrigen deutschen Staaten und Stämme unter seine unmittelbare Herrschaft zu bringen suchen.“ „Spezifisch preußisches, und gänzlicher Mangel an deutschem Nationalgefühl, preußischer Dünkel und französisches Geld“ hätten „diese politische Richtung erzeugt“.Das italienische Fieber in Deutschland. In: Bayerischer Kurier, Ausgabe Nr. 18 vom 9. Januar 1861, S. 118 (Google Books). Eine prominente Gegenposition zum Borussismus (Anti-Borussismus) nahm 1864 der württembergische Publizist Ludwig Pfau ein, indem er während des Deutsch-Dänischen Kriegs frei nach Cato dem Älteren gar die Auflösung Preußens forderte: „Ceterum censeo Borussiam essere delendam“.Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen. Band 1: Deutsche Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik. C. H. Beck, München 2000, S. 170. mini|hochkant|Unwiderstehlich, Illustration eines „schneidigen“ preußischen Offiziers in der Zeitschrift Die Gartenlaube nach einem Gemälde von Eduard Daelen, 1889 In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sprach der Schriftsteller Theodor Fontane ebenfalls vom Borussismus. Kurz nach dem Deutsch-Französischen Krieg schrieb er: „Dieser nationale Enthusiasmus der eigenen Seite, dieser hochgradige Borussismus, dieses ‚Deutschland, Deutschland über alles‘ – das eine wie das andere (die Entwicklung in Frankreich) macht mich nervös.“Theodor Fontane: Der Krieg gegen Frankreich 1870/1871. Königliche Geheime Ober-Hofbuchdruckerei, Berlin 1873–1876, Band 1. Unter Borussismus verstand er ein zur Ideologie degeneriertes Preußentum, eine „unheilvolle[] Verquickung […] von Absolutismus, Militarismus und Spießbürgerthum“Theodor Fontane: Ein Kaiser-Gefängniß. In: Die Gartenlaube. 1871, Heft 43, S. 718.Bettina Musall: Der Herzenspreuße. In: Spiegel Geschichte, 3/2013, S. 135 (PDF) – „diese niedrigste Kulturform, die je da war“.Theodor Fontane am 6. Juni 1897 an Wilhelm Hertz, in: Kurt Schreinert, Gerhard Hay (Hrsg.): Theodor Fontane. Briefe an Wilhelm und Hans Hertz 1859–1898. Klett-Cotta, Stuttgart 1972, ISBN 978-3-12-902670-0, S. 303. In einem Fontane-Porträt befasste sich der Historiker Gordon A. Craig mit dessen Preußen- und Borussismus-Rezeption und trug vor, dass Fontane wahrgenommen habe, dass sich Preußen durch seine Siege von 1866 und 1870/71 zu seinem Nachteil verändert hatte und eine neue Gruppe von Karrieristen die Militär- und Verwaltungslaufbahnen beschritten. Als Indiz dieser These zitierte er eine Stelle aus Fontanes Kriegstagebüchern, worin Fontane im Jahr der Reichsgründung die jungen preußischen Leutnants und Assessoren, die in das Reichsland Elsaß-Lothringen einzogen, als „die Streber, die Abenteuerlustigen, die Rastlosen, die Ambitiösen“ beschrieb. Ferner wies Craig zur Erhärtung seiner These darauf hin, dass Fontane „den Kult der ‚Schneidigkeit‘, den die Offiziere neuen Typs pflegten“, als lächerlich und unmanierlich empfand. In einem Brief an seine Tochter schrieb Fontane 1880: „Ein Leutnant darf eben nur ein Leutnant sein und muß darauf verzichten, selbst wenn er bei den Ziethenhusaren steht, (…) ein Halbgott oder überhaupt Exzeptionelles sein zu wollen.“Der Triumph des Borussismus: Theodor Fontane und Wilhelm II. In: Gordon A. Craig: Das Ende Preußens. Acht Porträts. C. H. Beck, München 2001, ISBN 3-406-45964-1, S. 67 ff. (Google Books).

Borussische Schule mini|hochkant|Johann Gustav Droysen, Foto