mini|Hauptgebäude der Finnischen Literaturgesellschaft, Hallituskatu 1 in Helsinki Die Finnische Literaturgesellschaft (finn. Suomalaisen Kirjallisuuden Seura, Abkürzung SKS, gegr. 1831) ist eine wissenschaftliche Vereinigung zur Förderung der finnischen Sprache, Literatur und Kultur mit Sitz in Helsinki.
Geschichte Gründung Nachdem Finnland 1809 infolge des russisch-schwedischen Krieges von Schweden als Großfürstentum Finnland unter russische Herrschaft gekommen war, mussten die finnischen Intellektuellen ihre Position neu definieren. Bekannt geworden ist der häufig Adolf Ivar Arwidsson zu geschriebenen, wohl aber von Johan Vilhelm Snellman stammendeKari Tarkiainen: Adolf Ivar Arwidsson. in Matti Klinge (Hrsg.): Suomen kansallisbiografia 1. Helsinki: SKS 2003, S. 406. Ausspruch: „Schweden sind wir nicht mehr, Russen wollen wir nicht werden, lasst uns also Finnen sein!“ Nach dem Brand von Turku (1827), der alten Hauptstadt des Landes, wo 1640 auch die erste Universität Finnlands gegründet worden war, konzentrierte sich das geistige Leben des Landes auf Helsinki. Diese Stadt war seit 1812 Hauptstadt des Großfürstentums Finnland, und hier wurde 1828 als Nachfolgerin der Turkuer Akademie auch die Universität Helsinki eröffnet.
mini|links|hochkant|Elias Lönnrot Am 16. Februar 1831 trafen sich zwölf Männer aus dem Umfeld der Universität im Hause des ersten Finnisch-Lektors der Helsinkier Universität, Carl Niclas Keckman (1793–1838). Die Versammlung wurde protokolliert von Elias Lönnrot. Da die Überlieferung jedoch lückenhaft ist, weiß man nicht, ob die Versammlung zwecks Gründung einer Gesellschaft einberufen war, auch ist unbekannt, wer tatsächlich der Einladende war. Nicht einmal der genaue Ort ist sicher, vermutlich wohnte Keckman aber zum damaligen Zeitpunkt im Helsinkier Stadtteil Kruununhaka.Irma Sulkunen: Suomalaisen Kirjallisuuden Seura 1831–1892. Helsinki: SKS 2004, S. 17, 29. Überliefert sind jedoch alle Namen. Neben den beiden Genannten waren das der Theologiedozent Jacob Algoth Gadolin (1798–1848), der Dozent für griechische und römische Literatur Nils Abraham Gylden (1805–1888), der Arzt Immanuel Ilmoni (1797–1856), der Theologe Bengt Olof Lille (1807–1875), der Arzt Mårten Johan Lindfors (1800–1869), der Hilfsrektor Arnold Gerhard Lindforss (1804–1850), der Jurist Johan Jacob Nordström (1801–1874), der Philologe und spätere Geschichtsprofessor Gabriel Rein (1800–1867), der Bibliothekar Carl Henrik Ståhlberg (1799–1878) und der Magister der Philosophie, anschließend aber Medizin studierende Fredrik Ticklén (1802–1844).Irma Sulkunen: Suomalaisen Kirjallisuuden Seura 1831–1892. Helsinki: SKS 2004, S. 34–40.
Die Männer waren zwischen 24 und 38 Jahren alt und hatten alle ihre Ausbildung an der Turkuer Akademie begonnen. Im Laufe des Abends kamen sie gemeinsam zu der Einsicht, dass man sich mehr „um die finnischen Buchmittel (finn. „suomalaisista kirja keinoista“), und besonders um die finnische Sprache, wie man ihr zu einer besseren Funktionsweise in der schriftlichen Darstellung verhelfen“Irma Sulkunen: Suomalaisen Kirjallisuuden Seura 1831–1892. Helsinki: SKS 2004, S. 17. könne, kümmern müsste. Eine Konsequenz hieraus war die Gründung einer Gesellschaft, zu deren Gründungsversammlung dann eine Woche später geladen wurde. Innerhalb dieser Woche hatte sich die umständliche Formulierung „finnische Buchmittel“ gewandelt in „suomalainen kirjallisuus“ („finnische Literatur“) – womit das finnische Wort für Literatur (finn. kirjallisuus, Genitiv kirjallisuuden), das es bis dahin noch nicht gegeben hatte, geschöpft worden war. Im Namen der Gesellschaft wurde also ein Neologismus verwendet, der gleichzeitig das Programm verkörperte. Wer genau der Schöpfer des Wortes war, ob der Protokollant Lönnrot oder doch der Lektor und gute Sprachkenner Keckman, ist nicht mehr mit Sicherheit festzustellen.Irma Sulkunen: Suomalaisen Kirjallisuuden Seura 1831–1892. Helsinki: SKS 2004, S. 26.
Als Ziel der Gesellschaft kann man somit die „Förderung und Verbreitung der finnischen Sprache und finnischen Schrifttums sowie die allgemeine Erforschung des Finnentums überhaupt“Cornelius Hasselblatt: Sprache und Literatur in Finnland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in: Der Neue Norden: Norweger und Finnen im frühen 19. Jahrhundert. Frankfurt am Main u. a.: Peter Lang 1990, S. 58. bezeichnen. Dies war insofern nötig, als der Status des Finnischen, das von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung gesprochen wurde, noch lange nicht dem des Schwedischen entsprach. Auch die Sprache der Universität war durchweg das Schwedische, erst 1828 wurde überhaupt das erste Lektorat für Finnisch eingerichtet, das besagter Keckman bekleidete. 1832 wurde die erste Magister-Arbeit auf Finnisch verfasst,L.A. Puntila: Der sprachsoziologische Gleichstellungsprozeß des Finnischen, in: Ural-Altaische Jahrbücher 44 (1972), S. 138–139. ab 1856 gab es erste Vorlesungen auf Finnisch (von Lönnrot) und 1858 wurde die erste finnischsprachige Dissertation verteidigt. Diese Entwicklung wurde auch maßgeblich von der Gesellschaft mitbeeinflusst, deren Mitglieder ab der dritten Versammlung in den Räumen der Universität zusammenkamen.Irma Sulkunen: Suomalaisen Kirjallisuuden Seura 1831–1892. Helsinki: SKS 2004, S. 29.
Das Wort „suomalainen kirjallisuus“ – wie auch „Literatur“ in anderen Sprachen – bedeutete damals viel mehr als heute. Es bezeichnete „die untrennbare Einheit von Sprache, Geschichte und dem geschriebenen Wort, wobei die Verschriftlichung der Volksdichtung genauso wichtig war wie die weiträumige Verbreitung von finnischsprachiger schriftlicher Bildung.“Irma Sulkunen: Suomalaisen Kirjallisuuden Seura 1831–1892. Helsinki: SKS 2004, S. 27. Damit hatte sich die Gesellschaft also ein so umfangreiches Programm gegeben, dass sie für die kommenden Jahrzehnte, aber auch Jahrhunderte ausgelastet war. Sie wurde damit „eine Art zentraler Pflanzstätte der finnischen Kultur, […] [eine der] Inseln lebendiger Tradition im Meer einer gedächtnisarmen Welt…“Hans Fromm: Die Finnische Literaturgesellschaft, in: Ural-Altaische Jahrbücher Neue Folge 1 (1981), S. 230. Die große gesellschaftliche Bedeutung wird auch daran deutlich, dass 1931 alle Schülerinnen und Schüler von finnischen Schulen in Helsinki einen Tag frei bekamen, als die SKS ihr 100-jähriges Jubiläum feierte.Kai Häggman: Sanojen talossa: Suomalaisen Kirjallisuuden Seura 1890-luvulta talvisotaan. Helsinki: SKS 2012, S. 331.
Weitere Entwicklung und gesellschaftliche Bedeutung mini|hochkant|Yrjo-Koskinen Die rasch wachsende und sich konsolidierende Gesellschaft hatte außer dem Mitgliedsbeitrag anfangs keine eigenen Geldmittel. Ab den 1840er-Jahren kamen Einkünfte durch den Buchverkauf, und ab 1850 auch immer mehr Spenden und Erbschaften, was teilweise mit dem Zensurerlass von 1850 zusammenhing, der für zehn Jahre fast das sämtliche finnische Schrifttum verbot. Dadurch fühlten sich viele Privatpersonen bemüßigt, der Gesellschaft zu spenden, bis hin zu umfangreichen Erbschaften von über 100.000 Finnmark, beispielsweise 1858 von dem kinderlosen Bäckermeisterehepaar BlombergIrma Sulkunen: Suomalaisen Kirjallisuuden Seura 1831–1892. Helsinki: SKS 2004, S. 59. oder 1918 von dem jung verstorbenen Kaufmann Gustaf Fredrik Ahlgren, der der Gesellschaft 185.913 Finnmark vermachte.Kai Häggman: Sanojen talossa: Suomalaisen Kirjallisuuden Seura 1890-luvulta talvisotaan. Helsinki: SKS 2012, S. 56. Außerdem bemühte sich die Gesellschaft von Beginn an um die Einwerbung von Geldern und Finanzierung von Projekten. So war eine ihrer ersten Aktionen die Spendensammlung für ein zu errichtendes Denkmal für Henrik Gabriel Porthan. Die Statue wurde 1864 festlich in Turku eingeweiht.
Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts kam es zu Polarisierungen innerhalb der finnischen Gesellschaft hinsichtlich der Stellung des vorherrschenden Schwedischen und des Finnischen. Die Fennomanen setzten sich radikal für eine Durchsetzung des Finnischen in allen Lebensbereichen ein, und hier spielte die Gesellschaft unter dem Vorsitz des Politikers und Historikers Yrjö Koskinen eine wichtige Rolle. Der Machtkampf wurde zum Teil auf dem Rücken Schwächerer ausgetragen, wofür als bestes Beispiel der Roman Die sieben Brüder von Aleksis Kivi genannt werden kann, der 1870 von der SKS verlegt wurde. Dieser erste finnische Roman ist heute immer noch eines der berühmtesten Werke der finnischen Literatur, wurde aber seinerzeit von dem Sprachforscher und Dichter August Ahlqvist völlig verrissen. Als ein Grund hierfür kann auch der Machtkampf zwischen Yrjö Koskinen und Ahlqvist angesehen werden, den letzterer verloren hatte und wofür er sich nun rächte.Irma Sulkunen: Suomalaisen Kirjallisuuden Seura 1831–1892. Helsinki: SKS 2004, S. 154–156. Die Radikalisierung der Gesellschaft führte auch zum Austritt mancher Mitglieder, die eine weniger radikale Richtung verfolgten, wie zum Beispiel Johan Ludvig Runeberg oder Zacharias Topelius.Irma Sulkunen: Suomalaisen Kirjallisuuden Seura 1831–1892. Helsinki: SKS 2004, S. 138.
mini|Hauptgebäude der SKS in einer Aufnahme von 1908 1890 konnte das heutige Gebäude bezogen werden. Mithilfe einer umfangreichen Spendenaktion war der Bau, ein Entwurf des Architekten Sebastian Gripenberg (1850–1925), finanziert worden. Hier ist die Gesellschaft mit Bibliothek und Archiv bis heute beherbergt.
1977 wurde als Teil der Gesellschaft FILI gegründet, das Informationszentrum für finnische Literatur, das unter anderem die Übersetzung von finnischer Literatur in Fremdsprachen subventioniert. Unter dessen Ägide erschien auch die Quartalszeitschrift „Books from Finland“. Sie wurde seit 1967 von der Universitätsbibliothek Helsinki herausgegeben und nun vom FILI übernommen.Kai Häggman: Pieni kansa, pitkä muisti: Suomalaisen Kirjallisuuden Seura talvisodasta 2000-luvulle. Helsinki : SKS 2015, S. 256–266. Die Zeitschrift erschien bis 2008, dann von 2009 bis 2015 als Internet-Publikationen und ist im Juli 2015 eingestellt worden.s. Über Booksfromfinland.fi
Forschungstätigkeit mini|links|Der Archivar Urpo Vento und Professor Toivo Vuorela im Volksdichtungsarchiv, 1965 Bis heute ist die finanzielle Unterstützung von Forschungsvorhaben, die im weitesten Sinne mit der finnischen Kultur zu tun haben, eines der Hauptanliegen der Gesellschaft. Seit den 1830er-Jahren wurden Forschungsreisen unterstützt, allen voran die Reisen von Elias Lönnrot und Matthias Alexander Castrén. Meistens betraf es entlegene Gebiet in Finnland, wo man noch Volksdichtung aufzeichnen konnte, bisweilen auch angrenzende Regionen wie Estland oder Ingermanland.Verzeichnis für den Zeitraum 1831–1890 bei Irma Sulkunen: Suomalaisen Kirjallisuuden Seura 1831–1892. Helsinki: SKS 2004, S. 198–199. Infolgedessen sind umfangreiche Materialsammlungen entstanden, die im Archiv der Gesellschaft aufbewahrt werden. Dabei handelt es sich um Volksdichtung, Tonbandaufnahmen, Fotos u. ä. Material. Außerdem wurde parallel dazu eine wissenschaftliche Bibliothek angelegt.
Im Zusammenhang mit der SKS ist 1924 auch die Wörterbuchstiftung (finn. Sanakirjasäätiö) zu sehen, die für viele lexikographische Großprojekte verantwortlich werden sollte. Federführend war hier Eemil Nestor Setälä, der sie zunächst in Konkurrenz zur SKS errichtete. Nach seinem Tode arbeitete die Stiftung eng mit der SKS zusammen, lange Zeit auch in deren Räumen.Kai Häggman: Sanojen talossa: Suomalaisen Kirjallisuuden Seura 1890-luvulta talvisotaan. Helsinki: SKS 2012, S. 300–301. Das erste große einsprachige finnische Wörterbuch Nykysuomen sanakirja I-VI (1951–1961) wurde unter Leitung der SKS zusammengestellt und vom finnischen Verlag WSOY verlegt.