Die Volkswerft Stralsund ist eine ehemalige Werft in Stralsund. Die Werft wurde unter den wechselnden Namen Volkswerft Stralsund (1948–2010), P+S-Werften (2010–2014), Nordic Yards Stralsund (2015–2016) und zuletzt MV Werften Stralsund (2016–2022) betrieben. Seit 2022 existiert auf dem Gelände der Maritime Industrie- und Gewerbepark Volkswerft. alt=MV Werften Stralsund, 2018|mini|Die Schiffbauhalle auf dem Werftgelände (2018)
Werftnutzung Die 1948 gegründete Werft trug zu einem großen Teil zum Fischereischiffbau der Deutschen Demokratischen Republik bei. Sie war viele Jahre der weltgrößte Produzent von Fischereischiffen; die in Stralsund gefertigten Schiffe machten ein Drittel der Fischereiflotte der Sowjetunion aus. Nach 1990 spezialisierte sich die Werft zunächst auf den Bau von Containerschiffen und Offshore-Versorgern; ab 2005 wurden die zweitgrößten in Deutschland gefertigten Containerschiffe mit einer Kapazität von etwa 4200 TEU (Standard-Container) auf der Stralsunder Volkswerft gebaut. Im Jahr 2009 änderte die Werft die Ausrichtung hin zum Spezialschiffbau; ab Juni 2014 wurden auch Teile für Offshore-Windenergieanlagen gefertigt., Ostsee-Zeitung, abgerufen am 22. November 2014 Ab März 2016 wurden hier Teile für Kreuzfahrtschiffe sowie – als letztes Schiff in einer Reihe von Bauten – ein Kreuzfahrtschiff gebaut. Seit Januar 2022 betreibt die Stadt Stralsund hier einen maritimen Gewerbepark.
Geschichte 1941 bis 1945 Im Januar 1941 wurde die Stralsunder Kröger-Werft-GmbH gegründet. Ab März 1941 wurde auf dem Industriehafengelände der Rüstungsbetrieb gebaut, auch von Kriegsgefangenen. Im April 1942 begann die Produktion von Rüstungsprodukten, bis Ende April 1945 wurden Schiffe (so Flugsicherungsboote und Sprengboote Linse) für die deutsche Kriegsmarine gebaut. Als die Rote Armee auf Stralsund vorrückte, flohen die Eigner der Werft, die Gebrüder Kröger, am 30. April 1945 in den westlichen Teil Deutschlands nach Schleswig-Holstein, wobei sie alle schwimmfähigen Boote und Produktionseinrichtungen mitnahmen.
Im Oktober 1945 befahl die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) mit den Befehlen Nr. 124 und 126 die Beschlagnahme und Übernahme des Eigentums des Deutschen Reichs, der NSDAP, Kriegsverbrecher und aktiver Nationalsozialisten. Die in Stralsund eingerichtete Sequesterkommission, bestehend aus Vertretern des Rates der Stadt, der SED, LDPD, CDU und des FDGB, beschloss die Beschlagnahme von 34 Betrieben, darunter das Kröger-Werft-Zweigwerk, die Dornquast-Werft sowie Zweigstellen von Siemens & Halske, Siemens-Schuckert und AEG.
1945 bis 1948: Ingenieurbau Ges.m.b.H. Am 1. Oktober 1945 wurde die Ingenieurbau Ges. m. b. H. als Nachfolgerin der ehemaligen Kröger-Werft GmbH gegründet; 106 Beschäftigte waren dort tätig. Mit 90 % der Anteile war die Stadt Stralsund Hauptgesellschafterin, 10 % gehörten der Ingenieurbau GmbH von Anton Will. Im März 1946 forderten die enteigneten Brüder Kröger in einem Brief an den Stralsunder Oberbürgermeister die Rückgabe der Werft: „Die Wiederingangsetzung der Werft wird jedoch nur durch wirklich erfahrene und mit den örtlichen Verhältnissen vertraute Schiffbausachverständige möglich sein.“ Dessen ungeachtet wurde mit dem Wiederaufbau begonnen, wobei zunächst die Trümmer beseitigt und die verbliebenen Werftanlagen demontiert wurden. Im Mai 1946 hatte die SMAD die beschlagnahmten Betriebe den Ländern und Provinzen zur Selbstverwaltung übergeben. Im selben Monat wurden auf der Werft erste Schiffsreparaturen durchgeführt, im September 1946 mit dem Bau des ersten Fischkutters der Reihe 17-m-Kutter begonnen. Der im September 1946 auf Kiel gelegte 17-m-Kutter der Serie wurde im April 1948 abgeliefert. Im März 1948 erhielt die Entscheidung zur Enteignung u. a. der Kröger-Werft auf der Grundlage des „Gesetzes Nr. 4 zur Sicherung des Friedens durch Überführung von Betrieben der faschistischen Kriegsverbrecher in die Hände des Volkes“ ihre Rechtskraft, der Betrieb wurde endgültig in Volkseigentum überführt. 1947 trafen sich auf dem Gelände der Werft der stellvertretende Chef der SMAD, Armeegeneral Wassili Tschuikow, und der Vertreter der Deutschen Wirtschaftskommission Fritz Selbmann. Sie prüften vor Ort die Möglichkeiten zum Aufbau einer Großwerft. Mehr als 1.000 Beschäftigte waren mittlerweile hier tätig.
1948 bis 1990: VEB Volkswerft Stralsund Da die Besatzungsmacht Sowjetunion einen enormen Bedarf an Fischereifahrzeugen hatte, wurde auch in dem zur sowjetischen Besatzungszone gehörenden Stralsund der Aufbau des industriellen Schiffbaus angestrebt. Am 7. Juni 1948 ordnete die SMAD im Befehl Nr. 103 den Bau einer Werft in Stralsund an, die am 15. Juni 1948 als VEB Volkswerft Stralsund in das Handelsregister eingetragen und am 1. Juli 1948 der Vereinigung Volkseigener Werften (VVW) unterstellt wurde. Im Jahr 1948 wurden sieben Große Schwarzmeer-Kutter, die auf den Werften in Brandenburg an der Havel, Roßlau, Aken und Derben zu 60 % vorgefertigt und in Stralsund endmontiert wurden, an die Sowjetunion übergeben.
Im Jahr 1949, so der Plan, sollte die Volkswerft innerhalb der Logger-Großserie 20, ab 1951 jährlich 100 Logger herstellen. Diese Größenordnung war für eine neu errichtete Werft nur durch Industrialisierung und Serienbau erreichbar. Das Schweißen ersetzte die bis dato üblichen Nietkonstruktionen. Im Taktverfahren wurden die Schiffe auf gleisgebundenen Transportmitteln, „auf rollendem Kiel“, in Sektionsbauweise gefertigt. Um wetterunabhängig zu bauen, waren feste, beheizbare Hallen notwendig.
Am 1. Juli 1948 wurde eine Lehrwerkstatt aufgebaut, aus der am 17. Oktober 1949 das Lehrkombinat der Werft entstand (von 1948 bis 1998 wurden über 10.000 Fachkräfte hier ausgebildet); damit erfolgte die Ausbildung des dringend benötigten Nachwuchses fast komplett auf der Werft selbst. Am 27. September 1948 wurde die Betriebssportgemeinschaft (BSG) Motor Stralsund gegründet. Im selben Monat fand eine von FDJ und FDGB organisierte „Jungaktivistenkonferenz“ mit 100 Jugendlichen statt, die zur Erfüllung des Zweijahrplanes höhere Arbeitsleistungen forderte. Dieser Plan beinhaltete die Erschließung von sumpfigem Gelände als Bauland für die neuen Werkshallen, für die 15.300 Pfähle gerammt wurden; 6.000 Arbeiter waren an der Erschließung des Werftgeländes beteiligt. Nach Aufspülungen und Pfahlgründungen wurden 12 Millionen Ziegel und 10.000 m³ Holz verarbeitet, in zehn Monaten eine 215 × 50 m große Schiffbauhalle gebaut. Mit dem Bau des ersten Loggers wurde am 29. August 1949 begonnen.
Am 28. Oktober 1948 leistete der Maurerpolier und spätere Ehrenbürger Stralsunds Paul Sack eine gut organisierte Höchstleistungsschicht, bei der er mit 2.600 vermauerten Steinen die Norm mit 430 % übererfüllte; weitere derartige Schichten anderer Maurer wie Hans Brandt folgten. Wurden zum Bau der Halle II noch 44 Tage benötigt, waren es für die Halle V nur noch zwölf Tage. Die Aktivistenbewegung wurde ins Leben gerufen.
Im Oktober 1949 waren auf der Volkswerft insgesamt 4.420 Mitarbeiter beschäftigt, wobei von den 727 Arbeitern im Schiffbau nur 39 gelernte Schiffbauer waren.
Am 6. November 1949, vier Wochen vor dem Besuch des Präsidenten der DDR Wilhelm Pieck, wurde der erste, im August des Jahres auf Kiel gelegte, Logger auf den Namen „Oktoberrevolution“ getauft; wegen einer Havarie an der Slipbühne konnte das Schiff erst am 18. November 1949 zu Wasser gelassen werden. Anstelle des Nietverfahrens war erstmals das Schweißverfahren angewandt worden; gab es 1948 nur acht Schweißer auf der Werft, wuchs die Zahl schnell auf über 400, dabei viele Frauen. Statt der geplanten 20 wurde im Jahr 1949 allerdings nur ein Logger gefertigt. Die Werft warb tausende Arbeitskräfte für die so genannte „Loggerschlacht“ an. Der Bau der Logger erfolgte in immer weniger Stunden: Für den Logger 401 wurden 212.247 Stunden benötigt, für Logger 403 noch 159.337 und für Logger 406 dann 94.268 Stunden. Zum III. Parteitag der SED im Juli 1950 wurde die Erfüllung des Zweijahrplanes mit der Fertigstellung des Loggers 424 als „Schiff der Partei“ gemeldet. Zu Beginn des ersten Fünfjahresplans forderten die Stralsunder Werftarbeiter die Arbeiter der anderen DDR-Werften zum „Massenwettbewerb“. Am 13. Oktober 1951 erfolgte der Stapellauf für das erste Hochseefischereifahrzeug der DDR, Trawler ROS 201, in Anwesenheit des stellvertretenden Ministerpräsidenten Heinrich Rau, der in seiner Rede betonte, dass die Werftarbeiter den Plan der Loggerproduktion um fünf Logger übererfüllt hätten.
Im Rahmen des Aufbaus der Volkspolizei See war ein Marinebauprogramm aufgelegt worden, das für die Jahre 1954 bis 1957 den Bau von 14 U-Booten, 55 U-Boot-Jägern noch neben dem Fischereibauprogramm vorsah. Für das U-Boot-Programm der DDR war U 345 gehoben und im November 1953 nach Stralsund verbracht worden; durch eine Havarie beim Aufslippen entstanden Schäden an der Slipanlage, die noch bis Ende 1953 die Fischereischifffertigung behinderten. Die Pläne für den U-Boot-Bau wurden Mitte 1953 eingestellt, U 345 Anfang 1955 auf dem Werftgelände verschrottet.
Am 2. Juli 1952 wurde die Betriebspoliklinik „Speranski“ (benannt nach Alexei Speranski) eröffnet, die die medizinische Betreuung der Werftmitarbeiter sicherstellte. Anfang 1953 bildeten die Werftarbeiter Dittmeier und der spätere Stralsunder Ehrenbürger Otto Nautsch die ersten „Komplexbrigaden“ zur Umsetzung der „kollektiven Aktivistenarbeit“. Ein „Kampfplan für den sparsamsten Materialverbrauch“ sah die Einsparung von Kohle, Koks, Blechen, Eisen und Öl im Wert von 700.000 Mark vor.
Am 18. Juni 1953 kam es auf der Werft zu Streiks im Rahmen des 1953er Volksaufstands. Etwa 1.000 Arbeiter der Nachtschicht legten die Arbeit nieder, die Werft wurde durch die Volkspolizei See und sowjetische Truppen abgeriegelt, dabei wurden auch Warnschüsse abgegeben. Der Aufstand wurde am 23. Juni 1953 endgültig beendet.Ines Sommer: Warnschüsse auf Werftarbeiter abgefeuert, in: Ostseezeitung Stralsund, 15. Juni 2023 Im Ergebnis wurden Pläne gesenkt, aber auch Kampfgruppen aufgebaut; bis Ende 1953 hatte die Kampfgruppe der Volkswerft schon 60 Mitglieder.
Der IV. Parteitag der SED im März/April 1954 brachte den Beschluss, noch im Jahr 1954 Massenbedarfsgüter für eine Milliarde Mark zusätzlich zu produzieren. Die Volkswerft stellte dafür verzinkte Wannen, Wassereimer und Ersatzteile für landwirtschaftliche Maschinen her. Zur Verbesserung der angespannten Wohnungssituation (zahlreiche Häuser waren beim Bombenangriff auf Stralsund am 6. Oktober 1944 zerstört worden) wurde am 8. Juni 1954 die Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft (AWG) Volkswerft gegründet (1996 verfügte diese über 3.975 Wohnungen). Am 3. Januar 1956, dem 80. Geburtstag Wilhelm Piecks, lief ein Werftschlepper vom Stapel, der von Jugendlichen in 20.000 Stunden freiwilliger Arbeit und aus eingespartem Material gebaut worden war. Im selben Jahr berichtete die Werftzeitung „Unsere Werft“, dass 450 junge Werftangehörige freiwillig der KVP beigetreten seien, einer von ihnen war Klaus-Jürgen Baarß, später stellvertretender Chef der Luftstreitkräfte der DDR, er lernte auf der Volkswerft Stahlschiffbauer. mini|SRT-4585 Autze aus der Logger-Großserie, Baujahr 1958