Robert Emil Meyer (* 26. März 1869 in Rheinbach; † 16. Oktober 1949 in Gelsenkirchen) war ein deutscher Prediger und Evangelist der pietistischen Gemeinschaftsbewegung, der eine bedeutsame Rolle bei der Entstehung der Pfingstbewegung in Deutschland spielte. Er betätigte sich auch als Schriftsteller und Verleger.
Leben Meyers Vater Eduard Julius Meyer (* 20. März 1825 in Prittag, Kreis Grünberg; † 7. November 1911) stammte aus Schlesien und war berittener Gendarm, seine Mutter Auguste Wilhelmine Radke (* 13. August 1838 in Polch) stammte aus dem Rheinland. Die Ehe der Eltern wurde am 27. Mai 1857 in Flamersheim geschlossen. Aus ihr gingen sieben Kinder hervor. Emil Meyer war das zweitjüngste.Stammbaum der Familie Meyer, im Privatbesitz, eingesehen am 31. März 2016.
Zwölf Jahre lang, von 1887 bis 1899, war Emil Meyer Soldat im Rheinland. Wo er stationiert war, ist unbekannt. 1892 hatte er, ausgelöst von Predigten, in Köln ein Erweckungserlebnis. Dadurch sei er in das Reich Gottes hineingekommen: „Gott rettete mich als Einzigen aus einer großen Familie heraus. Er rettete mich als jungen Soldaten aus einem Regiment Kameraden heraus.“Meyer, Lamm …, S. 34.
Im Herbst 1899 trat Meyer als Gast in die Evangelistenschule Johanneum in Barmen ein. Als sein Wohnort wurde damals Koblenz eingetragen, als sein Beruf „Zahlmeister-Aspirant“. Wohl kurz danach heiratete er die Nümbrechter Fabrikantentochter Ida Louise Geldmacher.Seit 1806 betrieben Mitglieder der Familie Geldmacher die Homburger Papiermühle und damit eine der ältesten im Oberbergischen Kreis. Über die Eheschließung von Emil Meyer und Ida, geb. Geldmacher, liegen irritierende Angaben vor, womöglich haben sie zweimal geheiratet, 1900 und 1945, ein Datum der Ehescheidung ist nicht bekannt; siehe dazu Albrecht und Nebl: Emil Meyer …, S. 62 ff. Bereits ein Jahr später schloss er seine Zeit an der Evangelistenschule ab. Auch für die damalige Zeit war ein Schulaufenthalt von nur wenigen Monaten ungewöhnlich; vorgesehen war eine dreijährige Ausbildung. Meyer galt aber seit 1900 als einer der ausgesandten Brüder. In den ersten zehn Jahren nach dem Abschluss durften diese ohne Zustimmung der Leitung in Barmen keine neue Stellung annehmen. In einem Jahresbericht des Johanneums wird Meyer zu den Brüdern gerechnet, „die in Großstädten Gemeinschaftsarbeit“ ausüben.
Als Emil Meyer im September 1900 nach Hamburg berufen wurde, hatte die Christliche Gemeinschaft Hamburg, die er leiten sollte, bereits feste organisatorische Strukturen. Präses war Pastor Johannes Mau und Schriftführer Emil Koehn, der für den Hamburger CVJM eine wichtige Rolle spielte. Zu weiteren Vorstandsmitgliedern gehörte Pastor Paul Stritter, der seit 1899 als Direktor die Alsterdorfer Anstalten leitete. Für Frauen und Mädchen war Helene Beckmann zuständig, Baronin von NettelbladtLuise Wilhelmine Charlotte Freifrau von Nettelbladt, geb. von Bonin (1846–1933), Witwe von Friedrich von Nettelbladt hatte den Vorsitz des Jungfrauen-Vereins inne.Jahresbericht der Christlichen Gemeinschaft Hamburg für 1900/1901. Mission unter Strandgut. Nebst Rückblick auf die ersten 5 Jahre des Bestehens, S. 5. Die an die Gebäude und das Netzwerk am Alten Pferdemarkt und den CVJM angebundenen Gruppen und Personen bildeten eine Brücke zwischen den traditionellen kirchlichen Strukturen Hamburgs und den neuen Initiativen. Abendmahlsfeiern fanden nicht in den Hauptkirchen, sondern entweder in der Stiftskirche in St. Georg oder auf der Anscharhöhe statt.
Meyers Arbeit bezog sich zunächst auf drei Standorte: den Alten Pferdemarkt, die ursprüngliche Anbindung; die Norderstraße als bereits etablierter Sammelpunkt und als neues Missionsprojekt die Niedernstraße. Die Niedernstraße inmitten der Hamburger Altstadt gehörte zu den Gängevierteln, überbevölkerten Fachwerkhäusern, in denen die Bewohner unter prekären Bedingungen lebten. Alkoholismus, Arbeitslosigkeit, Gewalt und Prostitution kennzeichneten diese Straßenzüge. Paul Fleisch spricht von den „Verbrecherkellern der Niedernstraße“.Paul Fleisch: Die moderne Gemeinschaftsbewegung …, 3. Aufl. 1912, S. 176.
In einer kurzen autobiografischen Rückblende schrieb Meyer: „Ich komme von Kind an aus kirchlichen Verhältnissen, wurde als Kind getauft und konfirmiert, bekehrte mich als junger Soldat zu Gott und fing gleich an, anderen das Heil anzubieten, arbeitete unter der Jugend, in der Blättermission, und richtete zuletzt in meiner eigenen Wohnung ein Soldatenheim ein, das ich fünf Jahre führte. Gott holte mich nach zwölf Jahren aus dem Militär; ich besuchte ein Jahr eine Evangelistenschule und bekam in mein Zeugnis hinein den Satz: ‚Er vertritt die Lehren der Kirche aus Ueberzeugung.‘ Als Leiter einer christlichen Gemeinschaft in Hamburg berufen, entwickelte sich sehr schnell eine Rettungsarbeit unter den Tiefstgefallenen, ‚die Strandmission in Hamburg‘. So arbeitete ich von 1900 bis 1905 im großen Segen, weit und breit anerkannt von dem Volke Gottes.“Meyer: Lamm …, S. 55.
In Hamburg lebte und arbeitete Meyer etwa zwanzig Jahre lang. In dem bereits bestehenden Geflecht miteinander oder auch nebeneinander arbeitenden christlichen Initiativen„Um 1900 existierten neben den lutherischen Kirchengemeinden und Freikirchen, die schon seit längerem hier ansässig waren wie Methodisten, Baptisten, Heilsarmee und Herrnhuter, viele unterschiedliche Gruppen, die verschiedenen Flügeln der Erweckungs-, Gemeinschafts- und Heiligungsbewegung zugerechnet werden können.“ Albrecht und Nebl: Emil Meyer …, S. 65. Zu diesen Gruppen und ihrer Geschichte in Hamburg siehe Wolfgang Grünberg u. a. (Hrsg.): Lexikon der Hamburger Religionsgemeinschaften. Religionsvielfalt in der Stadt von A bis Z, Hamburg 2. Aufl. 1995. besetzte Emil Meyer ein eigenes Feld. Im 1903 von Friedrich Sauerlandt herausgegebenen Führer durch das kirchliche Hamburg wird auch die von Emil Meyer geleitete Christliche Gemeinschaft Hamburg erwähnt mit der Charakterisierung „Mission unter den Trinkern, Arbeits- und Obdachlosen in den Straßen, Höfen und Kneipen; auf dem Boden der Landeskirche stehend.“Friedrich Sauerlandt (Hrsg.), Führer durch das kirchliche Hamburg, Hamburg 1903, S. 78 f. Bei ihrem fünfwöchigen Einsatz in Hamburg 1903 lernte die Evangelistin Adeline Gräfin von Schimmelmann die Arbeit von Emil Meyer kennen und schätzen.
Sein Wirken als Evangelist in der Hamburger Strandmission wurde wohlwollend vom Vorstand des Johanneums begleitet. 1907 tauchte der erste Hinweis auf, dass Meyer der damals so bezeichneten Zungenbewegung zuneigte.Es war vor allem die in der Gemeinschaftsbewegung starke Erwartung einer neuen Geistestaufe, die in Deutschland der Pfingstbewegung die Tür öffnete. Einige deutsche Vertreter der Heiligungsbewegung reisten deshalb 1907 nach Norwegen, um sich ein eigenes Bild von den neuen Aufbrüchen zu machen, so auch Emil Meyer, der Leiter der Hamburger Strandmission. Er bat die beiden Norwegerinnen Dagmar Gregersen und Agnes Telle mit nach Deutschland zu kommen. Ihr Auftreten führte in der Strandmission und in einem Jugendbund zu vereinzeltem Zungenreden. Emil Meyer bat dann den Evangelisten Heinrich Dallmeyer, in Hamburg zu evangelisieren. Dort kam Dallmeyer in Kontakt mit den Norwegerinnen und begann, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Vom 7. Juli bis 2. August 1907 evangelisierte Dallmeyer daraufhin mit den Norwegerinnen im Saal des Kasseler Blaukreuzvereins. Zunächst wurden vor allem in Gemeinschaftskreisen die Nachrichten von der neuen Bewegung mit offenen Herzen aufgenommen. Nachdem die Blankenburger Allianzkonferenz sich von der neuen Kasseler Bewegung abgrenzte, war der Herbst 1907 geprägt von allgemeiner Verwirrung in der Gemeinschaftsbewegung. Auf der einen Seite standen – vor allem im Osten – die begeisterten Anhänger der neuen Bewegung, die sich einer großen Gruppe von Ablehnenden, Vorsichtigen und Enttäuschten gegenüber sahen. (Evangelische Hochschule Tabor: Der Beginn der Zungenrede in Deutschland ) 1910 erklärte die Schule, dass Meyer nicht mehr zum Johanneumsverband gehöre, „da er im Geiste der Pfingstbewegung und als Geschäftsmann arbeitet“.Die Angaben zu Meyers Aufenthalt im Johanneum und seine Beurteilung durch die dortige Leitung stammen vom Direktor des Johanneums Burkhard Weber, zitiert bei Albrecht und Nebl: Emil Meyer …, S. 59–61.
Nachdem Meyer wesentlich dazu beigetragen hatte, die Pfingstbewegung in Deutschland zu beheimaten, wurde er auch aus dem wichtigsten Verband der Pfingstgemeinden ausgeschlossen. Von 1911 an galt er nicht mehr als Mitglied der Gemeinden, die sich im Zuge der Mülheimer Konferenzen zusammengeschlossen hatten.
Im Sommer 1913 unternahm Meyer eine Reise zu seinen Verwandten väterlicherseits in Schlesien und in der Provinz Posen. Er schrieb darüber an seine seit anderthalb Jahren verwitwete Mutter und seine Geschwister und teilte dabei eine besondere Begebenheit mit:
„Dann kam ich am 2. Juni nach Unruhstadt (Prov. Posen). Ich hatte gehört, daß dort eine Tochter von Hermann Meyer (uns. Onkel) wohnen soll. Ich fand sie dicht dabei, wo ich wohnte. Sie heißt Berta Meyer, 61 Jahre alt. Die Überraschung und Freude war groß, als ich mich ihr als Cousin vorstellte. Sie ist unverheiratet geblieben, war über 40 Jahre als Haushälterin bei einer Gutsfamilie, besitzt Denkkreuze & Broschen für 25, 30 o. 40 J. treue Dienste (letzteres in Gold von der Kaiserin). Wir haben viel miteinander geplaudert. U. a. erzählte sie, daß ihr Vater Hermann, als er auf der Wanderschaft gewesen, ohne es zu wissen, zu unserem Vater nach Jülich ins Haus gekommen sei, um zu betteln. Vater sei darüber gekommen, habe die Papiere verlangt und dann seinen eigenen Bruder gefunden. Recht nett, nicht wahr?“Brief vom 4. Juni 1913 aus Hamburg, Niedernstraße 113/14, mit dem Briefkopf Mission unter Gestrandeten, Leiter: Emil Meyer; im Privatbesitz der Familie Meyer, eingesehen am 31. März 2016.
In den 1920er Jahren verlegte Meyer seinen Wohnsitz in das südliche Schleswig-Holstein in die Nähe der Kleinstadt Kellinghusen. In dem zu Brokstedt gehörenden Ortsteil Rotensande wandte er sich anderen Schwerpunkten als in der Großstadt zu. Neben der schriftstellerischen Tätigkeit in einem eigenen Verlag widmete sich Meyer der Sorge für Kranke; das von ihm errichtete Missionshaus lud zu kurartigen Aufenthalten auf dem Lande ein. Das Ehepaar Meyer hatte zu diesem Zeitpunkt fünf teilweise schon erwachsene Kinder: Samuel (* 2. Januar 1902), Johannes (* 5. September 1903), Ruth (* 20. Januar 1905), Hanna (* 2. März 1908), Emanuel (* 10. April 1910); die am 4. Juni 1906 geborene Phoebe war bereits am 19. August 1906 in Hamburg verstorben.Stammbaum der Familie Meyer, im Privatbesitz, eingesehen am 31. März 2016.
Bei einer Evangelisation in Kassel Anfang der 1930er Jahre hörte der Journalist Karl Fix eine Predigt Meyers, durch dessen Schrift Aus Satans Bann er bereits zur Sündenerkenntnis gekommen war. Das anhaltende Gebet Meyers heilte ihn seelisch und körperlich. Nach seiner Bekehrung stellte sich Fix zunächst mit seiner schriftstellerischen Begabung in den Dienst Meyers und gründete dann 1934 die pfingstlich orientierte Volksmission entschiedener Christen.
Die Schwierigkeiten, die zum Scheitern aller Projekte Emil Meyers führten, begannen mit der nationalsozialistischen Machtergreifung. Das 1930 in Rotensande veröffentlichte Buch Aus Satans Bann wurde von den Nationalsozialisten indiziert, d. h. der Vertrieb wurde unter Strafe gestellt. Ein ganzes Bündel von weiteren Elementen verschärfte den Konflikt zwischen dem Evangelisten und den neuen Machthabern. Öffentlich propagierte Krankenheilungen durch Gebete waren nicht im Sinne des nationalsozialistischen Menschenbildes.