mini|Weinende Frau bei der Deportation aus Ioannina, Nordwestgriechenland, 25. März 1944

Im Holocaust in Griechenland wurde im Zweiten Weltkrieg von den Besatzungsmächten Deutschland und Bulgarien zwischen 1943 und 1944 nach Ghettoisierung, Zwangsarbeit und Enteignung die jüdische Bevölkerung Griechenlands beinahe vollständig in deutsche Konzentrationslager deportiert und dort vernichtet. Zumindest 58.885 Juden, davon mehr als 46.000 aus Thessaloniki, wurden überwiegend in den Gaskammern der Vernichtungslager Auschwitz und Treblinka ermordet.

Vorgeschichte Juden leben in Griechenland seit vorchristlicher Zeit;. die ältesten jüdischen Gemeinden Europas wurden hier gegründet. Diese romaniotischen Juden, darunter zahlreiche Ärzte und Anwälte, verstanden sich (bis auf die Religionsausübung) nicht als Gruppe, sondern als Bestandteil der Mehrheitsgesellschaft.

Nach der Vertreibung der Juden aus Spanien 1492 kamen sephardische Juden, die mit Ladino auch eine eigene Sprache sprachen. Diese wohnten vornehmlich in Nordgriechenland und stellten in Thessaloniki bis ins 20. Jahrhundert auch eine große Anzahl der Bürger.

Nach der Machtergreifung Hitlers suchte der autoritär regierende Ministerpräsident Ioannis Metaxas die Nähe zu Hitler, ging aber insbesondere aufgrund dessen Antisemitismus mit ihm auf Distanz. Metaxas war mit dem Rabbiner Zvi Koretz befreundet. Seine Politik strebte die stärkere Assimilation von Juden an, so wurde in der Jugendorganisation seiner Partei eine jüdische Abteilung gegründet, der Juden wahlweise beitreten konnten.

Durch die zunehmenden Repressionen gegen Juden in Deutschland in den Jahren vor Beginn des Zweiten Weltkriegs emigrierten ein paar hundert Juden nach Griechenland. Als Vorwände wurden bei der Erstellung von Reisepässen berufliche oder Studienzwecke genannt, beispielsweise der Archäologie und Geschichte.

Besetzung Griechenlands mini|Besatzungszonen (1941–1944)

Im Griechisch-Italienischen Krieg wehrte sich Griechenland erfolgreich gegen eine italienische Invasion, ein Kriegsheld war der Jude Mardocheos Frizis, der als erster Offizier fiel. Die griechische Armee kapitulierte erst mit dem Eingreifen der Wehrmacht, endgültig am 21. April 1941. Kein anderes Land hatte den Achsenmächten so lange Widerstand geleistet.

Griechenland wurde von den Siegern Italien, Deutsches Reich und Bulgarien in drei Besatzungszonen aufgeteilt. Es wurde zum großen Teil italienisch, da Hitler die italienische Hegemonie (preponderanza) in Griechenland anerkannte.Jason Chandrinos, Anna Maria Droumpouki: The German Occupation and the Holocaust in Greece: A Survey. In: Holocaust in Greece. Hrsg.: Antoniou und Moses, Cambridge University 2018, ISBN 978-1-108-47467-2, S. 17. Die Regionen Saloniki-Ägäis, Athen-Piräus und der Westteil Kretas wurden der deutschen Militärverwaltung unterstellt. Bulgarien annektierte einen Landstreifen westlich des Strymon und besetzte Ostmazedonien, die Inseln Thasos und Samothrake. Georg II. von Griechenland bildete in London eine Exilregierung. Nachdem die Marionettenregierungen Tsolakoglou und Logothetopoulos gescheitert waren, ernannten die Achsenmächte Ioannis Rallis, einen Politiker mit royalistischer Vergangenheit, zum Ministerpräsidenten Griechenlands. Er übernahm am 7. April 1943 die Amtsgeschäfte.

Die jüdische Bevölkerung war auf die Besatzungszonen verteilt:

Zoneannektiert durch Bulgarienunter deutscher Verwaltungunter italienischer Verwaltung jüdische Einwohner 1941Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden. Band 2, Fischer Verlag 1982, ISBN 3-596-24417-X, S. 737. 5000 bis 6000 ca. 55.000 ca. 13.000

Judenpolitik der Besatzungsmächte mini|„JUDEN UNERWUENSCHT“, Saloniki, Mai 1941 (Foto der Atlantic Pressebilderdienst, die für das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda arbeitete)

Unmittelbar nach dem deutschen Überfall auf Griechenland traf Anfang Mai 1941 ein der 12. Armee angegliedertes Sonderkommando des Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg unter Leutnant Hermann von Ingram in Griechenland ein. In Thessaloniki führte eine lokale Arbeitsgruppe des Einsatzstabes in Zusammenarbeit mit der Geheimen Feldpolizei der Wehrmacht über 50 Razzien bei der jüdischen Gemeinde von Thessaloniki durch. Dabei wurden die für spätere Deportationen notwendigen Einwohnerdaten gesammelt und historisch wertvolle Dokumente, Kulturgüter und liturgische Gegenstände geraubt, darunter ca. 100.000 Bücher aus den jüdischen Bibliotheken., abgerufen am 19. Juni 2016.

Im Herbst 1941 wurde bei einer Besprechung im Führerhauptquartier Wolfsschanze mit Adolf Hitler von Reichsführer SS Heinrich Himmler im Beisein von Reinhard Heydrich und den Wehrmachtsoffizieren Wilhelm Keitel, Alfred Jodl, Rudolf Schmundt und Gerhard Engel die Frage der jüdischen Bevölkerung von Thessaloniki aufgeworfen und Himmler erhielt die Vollmacht zur Deportation.Steven Bowman: The Agony of Greek Jews, 1940–1945, Stanford University Press, 2009, ISBN 978-0-8047-5584-9, S. 60 ff.

Italien verweigerte sich wie in Frankreich hartnäckig deutschem Druck zu einem abgestimmten antijüdischen Vorgehen auch in Griechenland. Ende 1942 sandten Himmler und Eichmann ein Sonderkommando unter SS-Hauptsturmführer Alois Brunner und Dieter Wisliceny mit weitreichenden Vollmachten nach Thessaloniki, um die Deportation der Juden von Saloniki-Ägäis durchzuführen.Jason Chandrinos, Anna Maria Droumpouki: The German Occupation and the Holocaust in Greece: A Survey. S. 21.Hagen Fleischer: Griechenland. S. 251 f.

Bulgarien verweigerte sich zwar der Deportation von Juden aus dem bulgarischen Kernland. Jedoch konnte SS-Hauptsturmführer Theodor Dannecker im Februar 1943 mit dem bulgarischen Kommissar für Judenangelegenheiten Aleksandar Belew, einem extremen Nationalisten und überzeugten Antisemiten, die Deportation von 8.000 Juden aus Makedonien und 6.000 Juden aus Thrakien vereinbaren, da die dortige jüdische Minderheit als Hindernis für die Bulgarisierungspläne angesehen wurden.Hagen Fleischer: Griechenland. S. 255 f.Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden. Fischer 1990, Band 2, ISBN 3-596-24417-X, S. 806 f.

Phase 1: Nordgriechenland Deportationen aus der deutsch besetzten Zone Anfang Mai 1941 traf das der 12. Armee angegliederte Sonderkommando des Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg unter Leutnant Hermann von Ingram in Griechenland ein. In Thessaloniki führte eine Arbeitsgruppe unter Leitung des Studienrates Hans Arnold in Zusammenarbeit mit der Geheimen Feldpolizei über 50 Razzien durch. Dabei wurden die für spätere Deportationen notwendigen Einwohnerdaten und Informationen über jüdische Besitzungen, Institutionen und Synagogen gesammelt und historisch wertvolle Dokumente, Kulturgüter und liturgische Gegenstände geraubt, darunter ca. 100.000 Bücher aus den jüdischen Bibliotheken., abgerufen am 18. April 2016.Jason Chandrinos, Anna Maria Droumpouki: The German Occupation and the Holocaust in Greece: A Survey. S. 18.

Nachdem sich die kollaborierende griechische Generalinspektion für Makedonien bei der deutschen Militärverwaltung beklagt hatte, dass im Gegensatz zur griechischen Bevölkerung Juden nicht zu Arbeits- und Sachleistungen herangezogen würden, mussten sich auf Anordnung des Militärbefehlshabers Saloniki Ägäis, General Curt von Krenzki, alle männlichen Juden im Alter von 18 bis 45 Jahren am 11. Juli 1942, einem Sabbat, auf dem Freiheitsplatz zur Musterung und Erfassung zur Zwangsarbeit versammeln.Wolfgang Breyer: Dr. Max Merten – ein Militärbeamter der deutschen Wehrmacht im Spannungsfeld zwischen Legende und Wahrheit. Universität Mannheim, Mannheim 2003, , S. 48ff. Die tauglichen Juden wurden in malariaverseuchte Sümpfe geschickt oder mussten Schwerarbeit in Chrombergwerken leisten.Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden. Band 2, Fischer Verlag 1982, ISBN 3-596-24417-X, S. 738 ff.Hagen Fleischer: Griechenland. S. 250. Eine Fluchtbewegung in die italienisch besetzte Zone Griechenlands setzte ein.Peter Longerich: Politik der Vernichtung. Eine Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen Judenverfolgung. 1998, Pieper Verlag, ISBN 3-492-03755-0, S. 526f. Die Zwangsarbeitspflicht wurde im Oktober 1942 wieder aufgehoben. Kriegsverwaltungsrat Max Merten von der Militärverwaltung Saloniki-Ägäis hatte der jüdischen Gemeinde eine Vereinbarung abgepresst, die die Juden von Zwangsarbeit gegen Zahlung von 2,5 Mrd. Drachmen und Überlassung des wertvollen, 300.000 Quadratmeter großen Areals des jüdischen Friedhofs (auf den die Stadtverwaltung seit langem ein Auge geworfen hatte) befreite., abgerufen am 23. Februar 2019 Von den knapp 3.500 zur Zwangsarbeit Herangezogenen starben nach jüdischen Schätzungen 12 % also etwa 400 Menschen.Hagen Fleischer: Griechenland. S. 251.

Am 6. Februar 1943 traf das Sonderkommando der Sicherheitspolizei für Judenangelegenheiten in Saloniki-Ägäis mit den SS-Hauptsturmführern Dieter Wisliceny und Alois Brunner in Thessaloniki mit vorgefertigten Judenerlassen ein, die dem Kriegsverwaltungsrat Max Merten in Vertretung des Wehrmachtsbefehlshabers Saloniki-Ägäis vorgelegt wurden, da das Gebiet unter der Verwaltung der Heeresgruppe E stand.Steven B. Bowman: The Agony of Greek Jews, 1940–1945. Stanford University Press, 2009, ISBN 978-0-8047-5584-9, S. 64 f.

Noch im Februar 1943 verpflichtete Kriegsverwaltungsrat Max Merten von der Wehrmachtsverwaltung Ägäis Saloniki die öffentliche Verwaltung, jüdische Beamte zu entlassen und keine Geschäfte mehr mit Juden zu tätigen. Diese wurden auch aus Vereinen des öffentlichen Rechts, Organisationen und Verbänden ausgeschlossen.Stratos N. Dardanos, Vaios Kalogrias: Die jüdische Gemeinde von Thessaloniki während der deutschen Besatzungszeit. In: Ghetto, Räume und Grenzen im Judentum. Pardes 2011 Heft 17, ISBN 978-3-86956-132-5, S. 110. Während der Ghettoisierung im März mussten Vermögensaufstellungen und die Schlüssel zu Geschäften und Wohnungen abgegeben werden. Um die Verwertung kümmerte sich die formal griechische Dienststelle zur Verwaltung des Judenvermögens (griechisch: Yperesia Diacheiriseos Isrilitikis Periousias; kurz: YDIP) unter deutscher Aufsicht.Stratos N. Dardanos, Vaios Kalogrias: Die jüdische Gemeinde von Thessaloniki während der deutschen Besatzungszeit. S. 114. Mit Hilfe von Spitzeln und systematischer Folter zwangen die Mitarbeiter Eichmanns die wehrlosen Juden, Verstecke ihres Schmuckes und Goldes zu nennen. Allein an Gold wurden so nach vorsichtigen Schätzungen mindestens 12 Tonnen erbeutet.Götz Aly: Hitlers Volksstaat, Fischer Verlag 2005, ISBN 3-10-000420-5, S. 287. Die verlassenen Wohnungen wurden von deutschen Soldaten geplündert und zuletzt erschienen griechische Kollaborateure, Diebe und Bettler auf der Suche nach Wertgegenständen.Stratos Dordanas und Vaios Kalogrias, Die jüdische Gemeinde von Thessaloniki während der deutschen Besatzungszeit, S. 117

Griechische Juden mussten den Judenstern tragen, ihre Geschäfte und Wohnungen damit kennzeichnen und in Ghettos umsiedeln. Diese lagen im Baron-Hirsch-Viertel und in zwei weiteren Stadtteilen in der Nähe des Bahnhofs (in Kalamaria, Singrou et Vardar/Agia Paraskevi). Rabbi Koretz wurde als zentraler jüdischer Ansprechpartner bestimmt, ein jüdischer Ordnungsdienst unter Vital Aaron Chasson gebildet und innerhalb von weniger als drei Wochen wurden die nationalsozialistischen Maßnahmen der Ausgrenzung, Kennzeichnung und Ghettoisierung umgesetzt.Steven Bowman: The Agony of Greek Jews, 1940–1945, S. 64 ff.Stratos Dordanas und Vaios Kalogrias, Die jüdische Gemeinde von Thessaloniki während der deutschen Besatzungszeit, S. 107 ff.

Im Zeitraum vom 14. März bis zum 7. August 1943 wurden in 19 Zugtransporten 43.850 Juden, d. h. 95 Prozent der jüdischen Bevölkerung von Saloniki, deportiert, die meisten davon in das KZ Auschwitz-Birkenau. Zusätzlich wurden in diesen Zügen weitere Juden aus anderen Städten und Gemeinden Nordgriechenlands abtransportiert.