mini|Heinrich Barth, um 1865 Johann Heinrich Barth (* 16. Februar 1821Als Geburtsdatum wird verschiedentlich auch der 18. April (XIV. kal. Maias) angegeben, der so im Lebenslauf seiner lateinischen Dissertation erscheint, wohl ein Fehler des Setzers für den 16. Februar (XIV. kal. Martias). in Hamburg; † 25. November 1865 in Berlin) war ein deutscher Afrikaforscher und Wissenschaftler (Historiker, Geograph, Philologe).

Heinrich Barth gehört nicht zu den bekanntesten Afrikaforschern wie etwa Henry Morton Stanley und David Livingstone, was primär damit zusammenhängt, dass sein Reisewerk kein Bestseller wurde. Barth wandte sich weniger an das breite Publikum als vielmehr an die Wissenschaftler, vornehmlich die Geographen und Historiker, und lieferte eine detailreiche Reisebeschreibung und lange Exkurse zur Kultur und Geschichte der nord- und westafrikanischen Völker, jedoch keine spannenden Abenteuer, obwohl der Fortgang der Expedition mehrfach durch lebensbedrohliche Situationen gefährdet war. Wegen des geringen zeitgenössischen Interesses an Afrika in Deutschland wurde Barths umfangreiches Werk nur teilweise zur Kenntnis genommen, und sein weit vorausschauendes Konzept einer interdisziplinären Afrikawissenschaft wurde erst nach 1950 aufgegriffen. In der Gegenwart gilt er nicht nur als Pionier der Afrikaforschung, sondern auch als einer der wenigen Forschungsreisenden des 19. Jahrhunderts, die den Afrikanern ausgesprochen unvoreingenommen begegneten und bereit waren, beispielsweise mit den Vertretern des afrikanischen Islam in einen interkulturellen Dialog einzutreten. Viele der von Barth erworbenen Kunstgegenstände sind heute unter anderem im Ethnologischen Museum (Berlin) aufzufinden.

Leben Jugend und Studium mini|hochkant|Die Gelehrtenschule des Johanneums (um 1840) mini|links|hochkant|Philipp August Boeckh (1785–1867), Barths Doktorvater Heinrich Barth wurde als Sohn eines wohlhabenden Fleischereibesitzers in Hamburg geboren. Bereits zu Ostern 1831 wurde er Mitglied in der Hamburger Turnerschaft von 1816, in die auch Adolf Overweg Anfang Oktober 1837 eintrat.Carl Heitmann: Zeittafel der Geschichte der Hamburger Turnerschaft von 1816: 1816 – 1882. Herbst, Hamburg 1883, S. 6. https://resolver.sub.uni-hamburg.de/goobi/PPN791282244 Er besuchte zuerst eine Privatschule und wechselte an das renommierte Johanneum, wo er 1839 sein Abitur ablegte. Schon während seiner Schulzeit zeigten sich eine ausgesprochene Begabung für das Erlernen von Fremdsprachen und ein großes Interesse an der Antike. Ob er bereits während der Schulzeit Arabisch lernte, wie zuweilen zu lesen ist, muss bezweifelt werden. Vermutlich erwarb er diese Sprachkenntnisse erst später vor seiner Reise entlang der nordafrikanischen und vorderasiatischen Küste.

mini|hochkant|Geographieprofessor Carl Ritter (1779–1858) Er immatrikulierte sich danach an der Universität zu Berlin, wo er die Hauptfächer Philologie und Geographie belegte, aber auch Vorlesungen und Seminare in Germanistik, Geschichte und Recht besuchte. Seine Interessenschwerpunkte waren Archäologie und Handelsgeschichte. Nach einer Studienreise, die ihn bis nach Sizilien führte, promovierte er 1844 bei dem berühmten Altphilologen August Boeckh mit einer Doktorarbeit über die antike Handelsgeschichte im östlichen Mittelmeer, Zweitgutachter der Dissertation war der Begründer der modernen Geographie, Carl Ritter. Drei Jahre später, nach einer Studienreise durch Nordafrika und den Vorderen Orient, habilitierte er sich mit einer Arbeit über den Mittelmeerraum in der Antike für Geographie (inklusive Geschichte der Geographie) an der Universität zu Berlin und wurde Privatdozent. Angesichts der revolutionären Ereignisse von 1848, die Barth kaum zur Kenntnis nahm, fanden sich nur wenige Hörer in seinen Vorlesungen und Seminaren ein. Überdies war der Dozent kaum in der Lage, seinen Unterrichtsstoff fesselnd und strukturiert vorzutragen. Angesichts der restriktiven Stellenpolitik des preußischen Staates eröffnete sich für Barth auf absehbare Zeit keine Möglichkeit, zum ordentlichen Professor berufen zu werden. Daher griff er zu, als ihm die Beteiligung an einer britischen Expedition angeboten wurde. Eine unglückliche Liebesbeziehung, die zuweilen in der biographischen Literatur erwähnt wird, ist quellenmäßig nicht belegt und dürfte kaum den Ausschlag für Barths Entscheidung gegeben haben. Die Expedition stellte ein kalkulierbares Risiko dar, da die Route zum Tschadsee bereits von Europäern genutzt worden war und sich als relativ sicher erwiesen hatte: Die Gefahr, an Malaria zu erkranken, schien gering zu sein, und die dort lebenden Völker – vornehmlich Tuareg und Kanuri – hatten sich stets fremdenfreundlich gezeigt.

Nebenher war Barth ein ausgezeichneter Linguist und sprach fließend Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Türkisch und Arabisch, außerdem erlernte er mehrere afrikanische Sprachen. Er hatte es sich auf seiner Afrikareise zur Maxime gemacht, nach Möglichkeit mit den Menschen, mit denen er zusammentraf, in ihrer Landessprache kommunizieren zu können. So beherrschte er mehrere Dialekte des Tamaschaq, der Sprache der Tuareg, die maurisch-arabischen Dialekte Nordwestafrikas, das Hausa, das Fulfulde und das Kanuri.

Kurzüberblick über die beiden Afrikareisen Seine erste Afrikareise führte Barth von 1845 bis 1847 entlang der Mittelmeerküste Tunesiens und Libyens und nach Malta. Hierbei interessierte er sich vornehmlich für die archäologischen Spuren der Antike (Phönizier, Griechen und Römer) und noch nicht für die Völker Innerafrikas und deren Geschichte und Kultur. Im Grenzgebiet zwischen dem heutigen Libyen und Ägypten wurde Barth Opfer eines Überfalls, bei dem er einen Teil seiner Tagebücher und vor allem seine Daguerre-Fotokamera einbüßte. Der Bericht über diese Reise, der sich vor allem der Bedeutung Nordafrikas in der antiken Kultur- und Handelsgeschichte widmete, wurde 1847 an der Berliner Universität als Habilitationsschrift anerkannt.

Im Jahre 1849 beauftragte die britische Regierung den Missionar und Abolitionisten James Richardson mit einer Expedition durch die Sahara, die von Tripolis an den Tschadsee führen sollte. Da Richardson über keine wissenschaftliche Vorbildung verfügte, wurde Barth durch die Vermittlung des preußischen Botschafters in London, des Freiherrn Christian Karl Josias von Bunsen, als Begleiter an die britische Seite vermittelt. Zusätzlich wurde noch der Astronom und Geologe Adolf Overweg engagiert. Durch diese Reise, die die wohl bedeutendste und auch am besten ausgerüstete Afrikaexpedition darstellte, erlangte Barth Weltruhm, wenn auch nur für wenige Jahre.

Diese Reise dauerte für Barth sechs Jahre; seine Begleiter Richardson und Overweg starben allerdings 1851 (im heutigen Nordnigeria) bzw. 1852 (am Tschadsee). Daraufhin wurde Barth von der britischen Regierung zum Leiter der Expedition ernannt. Er erforschte die Gebiete südlich des Tschadsees und den Flusslauf des Benue (Nebenfluss des Niger). Dann drang er weiter bis zur berühmten Handelsstadt Timbuktu vor und kehrte anschließend an den Ausgangspunkt Tripolis zurück. Von dort reiste er nach London. Auf dem Rückweg von Timbuktu traf er auf Eduard Vogel, der Barth nachgereist war, da dieser als vermisst galt. Die beiden trennten sich jedoch schon sehr bald wieder. Insgesamt legte Barth auf der gesamten Reise knapp 20.000 km zurück.Die beste Überblicksdarstellung der Reisen aus geographiegeschichtlicher Perspektive liefert immer noch der Artikel „Barth, Heinrich.“ In: Dietmar Henze: Enzyklopädie der Entdecker und Erforscher der Erde. Graz 1978, Band 1, S. 175–183. Barths Forschungen zu den Humanwissenschaften (Geschichte, Linguistik, Völkerkunde) werden hier nur am Rande berührt.

mini|hochkant|Der britische Missionar James Richardson

Barths große Reise durch Nord- und Westafrika (1849–1855) Seine Vorgeschichte Nach einer ersten Expedition zu den nördlichen Tuareg im Tassili n'Ajjer hatte der Missionar James Richardson den Eindruck gewonnen, dass es möglich sei, durch die Intensivierung des Transsaharahandels den Sklavenhandel durch die Sahara zu unterbinden. Der Export von nichtmenschlicher Ware aus dem Sudan sollte gefördert werden, und die in Innerafrika begehrten europäischen Fertigprodukte sollten nur gegen Ausfuhrprodukte der genannten Art getauscht werden. Zu diesem Zweck wollte Richardson mit den Herrschern in Bornu und Sokoto entsprechende Abkommen abschließen. Die Tuareg als Träger des Transsaharahandels sollten als Verbündete für die Abschaffung des Sklavenhandels gewonnen werden. Deshalb war geplant, mit ihren Führern Verträge abzuschließen, die den Nomaden Schutz vor dem französischen Ausgreifen in Richtung Sahara garantierten. Im Jahre 1849 wurde der Missionar von der britischen Regierung mit der Leitung einer großangelegten Expedition betraut, die das Ziel hatte, mehr über die großen Handelswege von den Oasen der Sahara zu den Städten am südlichen Rand der Wüste herauszufinden. Die Expedition wurde von der britischen Regierung und der Royal Geographical Society finanziert, denn in diesen Kreisen erhoffte man sich nicht nur eine Erweiterung des geographischen Wissens, sondern auch einen direkten Zugriff auf die Handelsgüter Innerafrikas und gleichzeitig auf die Steigerung der Ausfuhr von industriellen Fertigprodukten.Siehe dazu das entsprechende Kapitel bei A. A. Boahen: Britain, the Sahara and the Western Sudan 1788–1861. London 1964, S. 181–212.

Richardson, der selber über keine wissenschaftliche Vorbildung verfügte, wollte seine Expedition so international wie möglich machen, und als preußische Stellen den Privatdozenten Barth, der bereits Erfahrung in der Erforschung des Nahen Ostens und von Nordafrika gesammelt hatte, vorschlugen, wurde dieser von Richardson gebeten, an der Expedition teilzunehmen. Er schien, besonders wegen seiner Sprachkenntnisse, ein idealer Anwärter zu sein, und stimmte der Bitte Richardsons begeistert zu. Kurzfristig war seine Teilnahme gefährdet, weil Barths Familie die erforderliche finanzielle Beteiligung nicht aufbringen wollte. Das dritte Mitglied der Expedition wurde der junge deutsche Astronom und Geologe Adolf Overweg.

Reise durch die Sahara mini|Route von Barths Reise durch Afrika zwischen 1850 und 1855 mini|links|Tuaregkrieger in naiv romantisierender Sicht als Nachfahre eines Kreuzritters, aus dem 1. Band von Barths Reisewerk

Die Expedition verließ im März 1850 Tripolis (heutige Hauptstadt Libyens), um die Sahara zu durchqueren. Als erstes mussten sie die wasserlose Hammada al-Hamra überwinden, bevor sie im Mai 1850 den Ort Murzuk im Fessan erreichten. Erst am 13. Juni ging es weiter über das Hochplateau des Messak Settafet und am Akkakus-Gebirge vorbei nach Ghat. Nach kurzem Aufenthalt in Ghat reiste die Expedition über die Ausläufer des Tassili n’Ajjer und des Ahaggar-Gebirges nach Tintellust im Aïr-Gebirge, das sie am 4. September erreichten.

Die Expedition war gut organisiert worden. Sie hatte ausreichend Ausrüstung, einschließlich eines großen hölzernen Bootes, das dazu gedacht war, den Tschadsee zu erforschen. Barth war wissenschaftlich besonders gut vorbereitet, während Richardson bereits Wüstenerfahrung mitbrachte und sich bestens mit dem Ödland und seinen Gefahren auskannte. Überdies hatte er bereits mit den Führern der Tuareg Freundschaft geschlossen, was das Fortkommen der Expedition erleichterte. Allerdings scheinen die beiden Männer bald eine persönliche Abneigung füreinander entwickelt zu haben, was dazu führte, dass die Expedition sich in zwei nationale Gruppen aufteilte, welche sogar in zwei verschiedenen Lagern die Nacht verbrachten.