Das Landerziehungsheim Walkemühle wurde von 1921 an von dem Lehrer und Reformpädagogen Ludwig Wunder in Adelshausen (Melsungen) aufgebaut. Nach dessen Ausscheiden aus der Einrichtung wurde 1924 der Betrieb des Landerziehungsheims unter der Leitung von Minna Specht aufgenommen, deren pädagogische Konzeption von der Philosophie Leonard Nelsons geprägt war.

Die deutschen Jahre Die Gründung des Landerziehungsheims Walkemühle 1921 kaufte Ludwig Wunder die Walkemühle in Adelshausen (Melsungen), um dort ein Landerziehungsheim zu errichten.Die nachfolgende Gründungsgeschichte der Walkemühle stützt sich weitgehend auf das Kapitel 5 Der Anfang aus dem Buch von Rudolf Giesselmann: Geschichten von der Walkemühle. Davor war Wunder ein Mitarbeiter von Hermann Lietz, erst als Lehrer auf Schloss Bieberstein und nach dem Tod von Lietz als Leiter des Landerziehungsheims in Haubinda. Dort hatte er die Lehrerin Minna Specht kennengelernt, über die er in Kontakt zu Leonard Nelson kam.

An der Universität Göttingen besuchte Wunder Vorlesungen des Philosophen Nelson und identifizierte sich stark mit dessen Theorien. Nelson selber trug sich ebenfalls mit der Idee einer Schulgründung, die primär die Schulungsarbeit des von ihm initiierten „Internationalen Jugendbund (IJB)“ fördern sollte. Zur Finanzierung dieser Schule wurde am 1. Dezember 1918 die „Gesellschaft der Freunde der Philosophisch-Politischen Akademie“ (GFA) gegründet, ohne dass es in der Folge zu einer Schul- bzw. Akademiegründung kam.

Die philosophisch-politische Übereinstimmung zwischen Wunder und Nelson und dessen Möglichkeit, Gelder für den weiteren Ausbau der Walkemühle zur Verfügung stellen zu könnenDiese Gelder stammten zum einen von Hermann Roos (1864–1939), einem in Frankfurt am Main geborenen und in England erfolgreichen Geschäftsmann. Er war verwandt mit einem Freund Leonard Nelsons und kam auf diesem Wege mit dessen Philosophie in Kontakt. Weitere Gelder stammten von dem Seifenfabrikanten Max Wolf, dem 1934 enteigneten Besitzer der Firma Dreiturm. Die Schwägerin von Max Wolf war Mitglied im IJB. vgl. dazu: Birgit S. Nielsen: Erziehung zum Selbstvertrauen, S. 28, 163, 189 , führte 1922 zu einer Zusammenarbeit, und Ende des Jahres trafen die ersten Anhänger Nelsons in der Walkemühle ein, um dort noch vorbereitende Arbeiten bis zur geplanten Eröffnung des Landerziehungsheimes Walkemühle im Frühjahr 1924 auszuführen.

1923 war für Wunder und für die Lehrerin Julie PohlmannJulie Pohlmann gehörte 1917 zusammen mit Nelson und Specht zu den Gründungsmitgliedern des IJB. ein „Unterrichtserlaubnisschein“ ausgestellt worden. Dem folgte im März 1924 der Antrag beim Kreisschulrat in Melsungen, für die Oberlehrerin Specht einen weiteren Erlaubnisschein auszustellen und zugleich die Erlaubnis zum Unterrichten schulpflichtiger Kinder zu erteilen. Stattdessen traf am 23. April in der Walkemühle eine Verfügung des Kreisschulrats ein, mit der dem Antragsteller der Unterricht mit Zöglingen im schulpflichtigen Alter untersagt wurde. Wunder wandte sich daraufhin an den Preußischen Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung in Berlin und erhielt von dort im August 1924 die Genehmigung zur Aufnahme des Schulbetriebs. Nachdem die Genehmigung erteilt war, kam es zum Streit zwischen Wunder und Nelson. Wunder verließ daraufhin die Walkemühle noch im November 1924. Leiterin des Landerziehungsheimes war fortan Minna Specht.Rudolf Giesselmann: Geschichten von der Walkemühle, Kapitel 5: Der Anfang

Die Walkemühle war fortan eine zweigliedrige Einrichtung: Es gab die Erwachsenenabteilung, die Philosophisch-Politische AkademieDie Philosophisch-Politische Akademie wurde 1949 als gemeinnützige Organisation wieder gegründet. Sie veranstaltet bis heute regelmäßig politische Tagungen und Seminare zum Sokratischen Gespräch und zur Philosophiedidaktik. , die die Funktionärsschulung des ISK betrieb, und es gab die Kinderabteilung. Obwohl sich diese beiden Schulen unter einem Dach befanden, wurden sie von unterschiedlichen Prinzipien geleitet. Jede Schule hatte ihre Zweckbestimmung, und es bestand keine Arbeitsgemeinschaft zwischen ihnen.Birgit S. Nielsen: Erziehung zum Selbstvertrauen, S. 28 Nielsen geht davon aus, dass die Kinderabteilung im Schatten der Erwachsenenabteilung stand.

Erwachsenenbildung in der Walkemühle Die Erwachsenenabteilung der Walkemühle war eine Kaderschule des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes und des IJB.

Die an sich schon strengen Regeln, die auch die Hierarchisierung der Mitglieder in einen inneren und einen äußeren Kreis und, damit verbunden, die ständige Statusüberprüfung beinhalteten, wurden ab 1923/24 noch rigider.

Was hier nach Askese und totaler Unterwerfung klingt, war eingebunden in ein pädagogisches Konzept, das die Schüler befähigen sollte, „in Gemeinschaft selbständig logisch zu denken. Der Lehrer durfte nicht mit seinem eigenen Urteil eingreifen.“Birgit S. Nielsen: Erziehung zum Selbstvertrauen, S. 30 Grundlage hierfür war die von Nelson wiederentdeckte und weiterentwickelte sokratische Methode, die die wichtigste Methode für die Unterrichtsarbeit mit den erwachsenen Kursteilnehmern in der Walkemühle war.

Auf der Basis dieser Vorstellungen sollten in der Walkemühle die Funktionäre des ISK als politische Führer ausgebildet werden.Recht informativ darüber, wie die Schüler an ihre Ausbildung herangingen, ist der Abschnitt 8 bei: Rudolf Giesselmann: Geschichten von der Walkemühle Zielgruppe waren Jugendliche zwischen 17 und 20 Jahren, die in dreijährigen Kursen ausgebildet werden sollten. Ihre Erziehung zur Willensstärke und die Herausbildung ihrer organisatorischen Fähigkeiten ging einher mit der Teilnahme an den zum Betrieb der Walkemühle notwendigen praktischen Arbeiten in den Werkstätten und bei der Haus- und Gartenarbeit. Hinzu kamen Exkursionen in die Arbeitswelt.Birgit S. Nielsen: Erziehung zum Selbstvertrauen, S. 29 Im Herbst 1931, als die Erwachsenenabteilung der Walkemühle geschlossen wurde, hatten nach siebeneinhalbjährigem Bestehen der Schule etwa 30 Schüler diese Ausbildung durchlaufen. Sie siedelten nun zusammen mit den Lehrenden nach Berlin über, um sich dort dem Aufbau einer Einheitsfront gegen die Nationalsozialisten zu widmen. Die Kinderabteilung blieb weiterhin in der Walkemühle.

Kindergarten und Schule Die Kinderabteilung der Walkemühle verfügte über eine von Lieselotte WettigLieselotte Wettig, geboren 1907, arbeitete später auch an den Nachfolgeschulen in Dänemark und Großbritannien und nach dem Zweiten Weltkrieg als Erzieherin für verhaltensgestörte Kinder in Hamburg. Birgit S. Nielsen: Erziehung zum Selbstvertrauen, S. 191 geleitete Kindergartengruppe und über mehrere Gruppen schulpflichtiger Kinder, die anfangs von Julie PohlmannJulie Pohlmann (1886–1959), Gründungsmitglied des IJB, war bereits unter Ludwig Wunder an die Walkemühle gekommen, Hans LewinskiHans Lewinski (1911–1953) arbeitete später ebenfalls an den Nachfolgeschulen in Dänemark und Großbritannien. Er war der Halbbruder von Erich Lewinski, dessen Sohn Tom ebenfalls die beiden Schulen in Dänemark und Großbritannien besuchte. Birgit S. Nielsen: Erziehung zum Selbstvertrauen, S. 187. Nach Inge Hansen-Schaberg blieb Lewinski nach der Schließung von Butcombe Court als Schule dort weiter tätig und betreute Kinder, die Konzentrationslager überlebt hatten. (Inge Hansen-Schaberg: Reformpädagoginnen im englischen Exil), in: Yearbook of the Research Centre for German & Austrian Exile Studies, 2017, Vol. 18, p114–127 und anderen geleitet wurden, später auch von Minna Specht selbst.

Für die Schule charakteristisch war – wie auch für die Erwachsenenabteilung – das Primat eines einfachen Lebens, das für die Erzieher ebenso galt, wie für die Schüler. Daran wurde nicht nur aus finanziellen Gründen festgehalten, sondern aus pädagogisch-prinzipiellen: Pädagogisches Leitziel der Schule war das Bemühen, den Kindern die Möglichkeit zur freien Entfaltung ihrer sittlichen, geistigen und ästhetischen Kräfte zu gewähren. Dies sollte geschehen durch die Vermeidung jeglicher Bevormundung.Birgit S. Nielsen: Erziehung zum Selbstvertrauen, S. 32 Gustav Heckmann, der 1933 mit Minna Specht und einem Teil der Kinder ins dänische Exil ging, beschrieb 1981 rückblickend Nelsons die Schule leitenden Erziehungsvorstellungen:

mini|hochkant|Gustav Heckmann Heckmann weist ausdrücklich darauf hin, dass diese Prinzipien sowohl für die Walkemühle leitend waren als auch für die beiden Nachfolgeeinrichtungen. Sie gehen zurück auf Nelsons Anknüpfen an die Philosophie von Immanuel Kant und Jakob Friedrich Fries und grenzen sich in ihrem Bemühen um eine Erziehung zur vernünftigen Selbstbestimmung bei gleichzeitigem Beharren an festen ethischen Normen von anderen zeitgenössischen pädagogischen Strömungen ab, besonders aber von A. S. Neill.Birgit S. Nielsen: Erziehung zum Selbstvertrauen, S. 37 Ihm, dem sie unterstellte, moralische Normen zu negieren und zu meinen, alleine das sich freie Entwickeln eines Kindes sei Voraussetzung genug, um ein nützliches Glied der Gesellschaft zu werden, hält Minna Specht 1936 entgegen:

Der theoretische Überbau ist das Eine, der praktische Schulalltag das Andere. Dass das Leben in der Walkemühle für die Kinder auch spannend und unterhaltsam gewesen ist, belegen die vielen Erfahrungsberichte, die Rudolf Giesselmann zusammengetragen hat. Er dokumentiert zudem sehr detailreich – gestützt auf Berichte ehemaliger Schüler und deren Erzieher sowie einer Vielzahl von Dokumenten und Bildern – die Tagesabläufe in der Walkemühle und die Unterrichtsverläufe.Rudolf Giesselmann: Geschichten von der Walkemühle, insbesondere die Abschnitte 10 bis 19. Vergleichbar materialreich dokumentiert Nielsen den Schulalltag für die Jahre in Dänemark und lässt so die durch das Exil nicht unterbrochene Kontinuität der pädagogischen Arbeit deutlich werden.

Nach Nielsen hat sich Minna Specht im Herbst 1932 entschieden, ihre politische Arbeit für den ISK und den ihm nahestehenden Einrichtungen zu reduzieren und sich stärker der pädagogischen Arbeit zu widmen. Angesichts des erstarkenden Nationalsozialismus sah sie sich vor die Wahl gestellt, entweder Politikerin oder Pädagogin zu bleiben. Beides zugleich schien ihr nicht möglich, und sie plädierte auch dafür, die pädagogische Arbeit nicht durch die politische Arbeit zu gefährden – ein Prinzip, das sie weitgehend auch im Exil aufrecht hielt.Birgit S. Nielsen: Erziehung zum Selbstvertrauen, S. 40 Das Bestehen der Schule sollte durch politische Aktivitäten nicht gefährdet werden. Das schloss nicht aus, dass ISK-Aktivisten später in Dänemark die Schule gelegentlich besuchten (zumal ihre Kinder ja teilweise hier lebten), doch war die Schule zu keiner Zeit eine Art Kommandozentrale für die illegale Arbeit des ISK in Deutschland, oder etwa ein Rückzugsort für verfolgte ISK-Aktivisten. Umgekehrt hieß dies aber nicht, dass die Schule durch die Betonung des Primats der Pädagogik unpolitisch geworden wäre. Ihr war, wie es Gustav Heckmann rückblickend formulierte, eine politische Haltung zu eigen, ohne politisch tätig zu sein:

Ende des Landerziehungsheims Walkemühle