mini|300px|Schematische Darstellung der militärischen und zivilen Besiedlung Rottweils vom 1. bis zum 3. Jahrhundert Arae Flaviae (deutsch: „Altäre der Flavier“) war der lateinische Name einer römischen militärisch-zivilen Siedlungsagglomeration aus fünf Kastellen, mindestens einer Zivilsiedlung und mindestens zwei Nekropolen auf dem Gebiet der heutigen baden-württembergischen Kreisstadt Rottweil im gleichnamigen Landkreis am Oberlauf des Neckars. Arae Flaviae wurde in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts errichtet (womit Rottweil heute als älteste Stadt Baden-Württembergs vermarktet wird) und bestand bis gegen die Mitte des dritten Jahrhunderts. In der römischen Antike gehörte sie administrativ zum obergermanischen Heeresbezirk und später zur Römische Provinz Germania superior.
Lage, Quellen und Forschungsgeschichte mini|Arae Flaviae als aris flavio auf der Tabula Peutingeriana Die militärischen und zivilen Siedlungsgebiete verteilen sich auf zwei Bergsporne, die links und rechts des Neckars in nordnordöstliche Richtung vorspringen. Auf dem linken Sporn befindet sich ein großes, „Nikolausfeld“ genanntes Plateau, der rechte, den Flurnamen „Hochmauren“ tragende Sporn ist deutlich schmaler und wird außer vom Neckar im Westen, auf seiner Ostseite durch das Flüsschen Prim eingegrenzt. Da sich ab Rottweil das Neckartal weiter nach Norden hin immer tiefer in die umgebenden Hochflächen einschneidet, bot der Bereich zwischen den beiden Bergspornen eine passable Möglichkeit, den Fluss zu queren.C. Sebastian Sommer, Klaus Kortüm: Rottweil (RW). In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1555-3, S. 292–302, hier: S. 292. In der römischen Verkehrsgeographie lag der Standort an der wichtigen Kreuzung zweier Fernstraßen. Die von der Rheintalstraße bei Argentorate (Straßburg) über die Kastelle von Offenburg (Kastell Rammersweier Kastell Offenburg und Kastell Zunsweier), das Kinzigtal, das Kastell Waldmössingen und Arae Flaviae zum Kastell Tuttlingen führende und dort die Donausüdstraße erreichende Kinzigtalstraße kreuzte dort die von Sumelocenna über das Kastell Sulz, Arae Flaviae und das Kastell Hüfingen nach Vindonissa (Windisch) führende Trasse (siehe auch Römerstraße Neckar–Alb–Aare).
Der antike Name Arae Flaviae wurde bereits in der Geographike Hyphegesis des Geographen Claudius Ptolemäus und als aris flavio auf der Tabula Peutingeriana verzeichnet, konnte aber erst 1950 durch den Fund einer mit Wachs bezogenen, hölzernen Inschriftentafel sicher mit Rottweil identifiziert werden.Wachstafel: Rudolf Egger: Die Wachstafel von Rottweil. In: Germania, Anzeiger der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts, Band 36, 1958, S. 373–385 (Digitalisat).
Der Jurist und Politiker Johann Baptist Hofer (1759–1838) war der Erste, der 1784 Nachforschungen auf Rottweiler Boden unternahm und dabei auch das Mosaik des Sol entdeckte. Im frühen 19. Jahrhundert wurde diese Suche nach Altertümern dann vor allem von dem Geologen Friedrich von Alberti (1795–1878) betrieben, der um 1831 den „Verein zur Aufsuchung der Alterthümer in der Gegend von Rottweil“, später „Archäologischer Verein zu Rottweil“, den Vorläufer des heutigen „Rottweiler Geschichts- und Altertumsvereins“ begründete.Offizielle Webpräsenz des Rottweiler Geschichts- und Altertumsvereins, abgerufen am 14. Mai 2026. In dieser Epoche des Vormärz wurde 1834 auch das Orpheusmosaik gefunden. Bereits auf beginnendem wissenschaftlich-archäologischen Niveau bewegten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Untersuchungen durch den Kunstlehrer und Zeichner Oskar Hölder (1832–1894).Oskar Hölder: Die Römischen Thongefässe der Altertumssammlung in Rottweil. Kohlhammer, Stuttgart 1889 (Digitalisat). Das Zeitalter der modernen Archäologie begann dann Anfang des 20. Jahrhunderts mit Peter Goessler (1872–1956)Peter Goessler: Das römische Rottweil. Hauptsächlich auf Grund der Ausgrabungen vom Herbst 1906. Metzler, Stuttgart 1907. und Gerhard Bersu (1889–1964).Gerhard Bersu: Rottweil. In: Fundberichte aus Schwaben, Band 21 (1913), Schweitzerbart'sche, Stuttgart 1914, S. 73–81 (Digitalisat).Herbert Nesselhauf, Hans Lieb: Dritter Nachtrag zu CIL XIII. Inschriften aus den germanischen Provinzen und dem Treverergebiet. In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission, Band 40 1959, 1960, S. 170–172 (Digitalisat).
In der Nachkriegszeit stand die Archäologie infolge der notwendigen Neubebauungen vorrangig im Zeichen der Baubeobachtungen und Notgrabungen. Hierbei wirkten hauptsächlich der Kirchenmann Ludwig Ragg (1911–2002),Ludwig Ragg: Die Pelagiuskirche in Rottweil-Altstadt und ihr Kirchenpatron Pelagius. Eine kirchen- und baugeschichtliche Betrachtung. Rottweil 1987² sowie der umstrittene Denkmalpfleger des Kreises Rottweil, Rudolf Ströbel (1910–1972), der unter anderem eine Thermenanlage nahe der Lorenzkapelle entdeckte. Nahezu unverzichtbar wurde für die gesamte zweite Hälfte des 20. und das beginnende 21. Jahrhundert der Lokalpolitiker und langjährige ehrenamtliche Denkmalpfleger Alfred Danner (1926–2026).Das „Gedächtnis Oberndorfs“ Alfred Danner feiert 100. Geburtstag im „Schwarzwälder Boten“ vom 20. Februar 20126, abgerufen am 14. Mai 2026. Wichtig für die Archäologie in Rottweil war natürlich auch der spätere Gründungsdirektor des Archäologischen Landesmuseums Baden-Württemberg und langjährige Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege Baden-Württemberg im Regierungspräsidium Stuttgart, Dieter Planck (1944–2025), der schon 1975 über Arae Flaviae promoviert wurde.Dieter Planck: Arae Flaviae I. Neue Untersuchungen zur Geschichte des römischen Rottweil (= Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg. Band 6). 2 Teilbände, Müller und Gräff, Stuttgart 1975, ISBN 3-87532-061-1 und ISBN 3-87532-062-X (Dissertation). Ferner der Prähistorische Archäologe und Hochschullehrer Hartmann Reim (* 1942), der 1972 die Grabungen in Rottweil leitete, sowie der viel zu früh verstorbene Alfred Rüsch (1938–1983), der von 1974 bis 1983 Ausgrabungsleiter in Rottweil war.Christoph Unz: Personalia. Alfred Rüsch †. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg, Band 13, Heft 2, 1984, S. 84 (Digitalisat) Für die jüngere Vergangenheit sind zu nennen: der Goldschmied Thomas Schlipf, der bis 2018 über vier Jahrzehnte lang Grabungstechniker in Rottweil war und heute noch ehrenamtlich tätig istPersonalia.Thomas Schlipf. In Denkmalpflege in Baden-Württemberg, Band 48, Heft 1, 2019, S. 63 (Digitalisat). und C. Sebastian Sommer (1956–2021), der von 1984 bis 2001 als Referent für Provinzialrömische Archäologie im Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg für die Rottweiler Ausgrabungen verantwortlich war.
Archäologische Befunde Militärische Anlagen
Der Ursprung der militärischen Präsenz der Römer auf Rottweiler Gebiet dürfte wohl in vespasianischer Zeit gelegen haben, als um 73/74 u. Z. Gnaeus Pinarius Cornelius Clemens, kaiserlicher Statthalter im Range eines Praetors, die Kinzigtalstraße erbaute, mit der man nach den Erfahrungen des Bataveraufstands und des Vierkaiserjahres den Marschweg von den gallischen zu den donauländischen Provinzen um sieben Tagesmärsche (160 km) verkürzte und gleichzeitig den Grundstein für die Okkupation der agri decumates legte. Der Abzug der römischen Truppen erfolgte dann vermutlich in frühtrajanischer Zeit mit der Errichtung des Neckar-Odenwald-Limes. Vermutlich unter Trajan (98–117) endete um 110 plus/minus 10 Jahre die militärische römische Präsenz in Rottweil. Teile der Militäranlagen wurden dann in die Zivilstadt integriert oder als Baumaterial sekundär verwendet.
Die Nummerierung der folgenden Kastelle erfolgte durch die Ausgräber in der Reihenfolge ihrer Entdeckung und spiegelt insofern nicht die Chronologie ihrer Erbauung wieder. Ihr zeitliches Verhältnis zueinander ist nicht gänzlich geklärt, jedoch erscheint gesichert, dass Kastell I älter ist als Kastell II und Kastell IV älter als Kastell V. Die Kastelle IV und V dürften vermutlich wiederum älter sein als Kastell III.C. Sebastian Sommer, Klaus Kortüm: Rottweil (RW). In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1555-3, S. 292–302, hier: S. 292–293.
Kastell I (Legionslager) Kastell I war ein großes Lager auf dem „Nikolausfeld“.Kastelle I und II weitläufig um Thermen der Kastelle I und II bei Es bedeckte mit seinem rechteckigen Grundriss von 426 m mal 390 m eine Fläche von rund 16,6 Hektar. Auf seiner südlichen Seite diente ein Doppelgrabensystem als Annäherungshindernis, dessen innerer Spitzgraben sich um das ganze Kastell herumzog. Der äußere Graben war rund fünf Meter breit und zwei Meter tief, der innere Graben hatte bei einer Breite von sieben Metern eine Tiefe von drei Meter aufzuweisen. Hinter dem Graben erhob sich wohl eine Rasensodenmauer, deren Verlauf aber nur noch durch die Spuren der im Abstand von 18 m errichteten Zwischentürme nachvollzogen werden konnte. In den Bereichen der Lagertore wurde nicht gegraben, so dass über deren Strukturen keine Aussagen gemacht werden können. Durch den inneren Aufbau des Kastells wurde aber deutlich, dass dieses mit seiner Praetorialfront nach Osten hin ausgerichtet war. Der Verlauf der Lagerstraßen lässt sich im heutigen Stadtbild noch nachvollziehen. Die Via praetoria (Lagerhauptstraße) entsprach dem Verlauf der „Hoferstraße“, die Via principalis (vordere Lagerquerstraße) lag unter der „Lindenstraße“ und die „Hölderstraße“ zeichnet den Verlauf der Via quintana (hintere Lagerquerstraße) nach.
Beherrscht wurde des Zentrum des Lagers von den beeindruckenden Principia (Kommandantur, Stabsgebäude), die es auf die stolzen Abmessungen von rund 80 m mal 70 m (≈ 5600 m²) brachten. Die Principia wurden im Kreuzungsbereich Hölderstraße/Hoferstraße nachgewiesen, wo sich die Strukturen der rückwärtigen Raumflucht zeigten, die vermutlich zweigeschossig war. Davor befand sich eine wahrscheinlich dreischiffige Basilica. Unmittelbar hinter den Principia stand ein Bauwerk mit Wasserversorgung und Innenhöfen, das als mögliche Fabrica (Werkstatt) angesprochen wurde. Unweit davon erstreckte sich ein rund einhundert Meter langes Gebäude unbestimmter Funktion in nördliche Richtung. Möglicherweise handelte es sich bei diesem Bauwerk um einen Speicherbau. In den „Insulae“ östlich der Via principalis, in der Praetentura sinistra (linker vorderer Lagerteil) und der Praetentura dextra (rechter vorderer Lagerteil), wurden die Häuser der Tribunen vermutet, aber nicht nachgewiesen. Die Mannschaftsbaracken mit ihren Contubernia (Stubengemeinschaften) reihten sich in den Außenbereichen des Kastells aneinander. Sie waren zwischen 63 und 65 Meter lang, 10,5 m breit, enthielten jeweils zwölf Contubernia sowie den Kopfbau des Centurios und waren an ihrer Vorderseite mit Portiken versehen. Die Baracken waren mit den Kopfbauten der Centuriones zur Kastellumwehrung hin ausgerichtet. Jeweils sechs Baracken waren zu Blöcken der einzelnen Kohorten zusammengefasst, von denen vier nachgewiesen und insgesamt zehn vermutet wurden, so dass Platz für mindestens 4800 Soldaten vorhanden war (8 Mann pro Contubernium, mal 10 Stück pro Centurie, mal 6 Baracken pro Kohorte, mal zehn Kohorten). Größe und Struktur legen daher die Stationierung einer Legion nahe.
mini|links|Kastellthermen auf dem „Nikolausfeld“. Blick vom großen Praefurnium nach Norden