mini|hochkant|Can Dündar auf der Frankfurter Buchmesse 2023

Can Dündar (* 16. Juni 1961 in Ankara) ist ein türkischer Journalist, Dokumentarfilmer und Buchautor. Der auch als Fernsehmoderator arbeitende Kolumnist und ehemalige Chefredakteur der Zeitung Cumhuriyet wurde 2015 in der Türkei der Spionage angeklagt und festgenommen. Am 6. Mai 2016 wurde Dündar der Veröffentlichung von Staatsgeheimnissen für schuldig befunden. Er wurde zu fünf Jahren und zehn Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Dündar legte Revision ein. Der Kassationshof kassierte das Urteil am 9. März 2018 als zu milde, weil er auch wegen Spionage angeklagt werden müsse.Türkisches Gericht kassiert Urteil gegen Can Dündar. In: FAZ.net. 9. März 2018, abgerufen am 25. Dezember 2010.

Am 22. Dezember 2020 wurde er in Abwesenheit zu 18 Jahren und neun Monaten Haft wegen Spionage und zu weiteren acht Jahren und neun Monaten wegen Terrorunterstützung verurteilt. Vom Vorwurf, geheime Informationen öffentlich gemacht zu haben, wurde er freigesprochen. Das Gericht ordnete Dündars Festnahme an. Dündar lebt und arbeitet seit 2016 in Deutschland. Er leitet dort als Chefredakteur das Webradio ÖZGÜRÜZ (dt. „Wir sind frei“), das vom gemeinnützigen Recherchezentrum Correctiv betrieben wird. Weil er von der Türkei als flüchtig angesehen wird, wurde sein Vermögen, u. a. seine Istanbuler Wohnung, seine Bibliothek und ein Haus am Mittelmeer, beschlagnahmt.Claus Christian Malzahn: Jetzt noch entschlossener gegen Erdogan [Titel in der Printausgabe]. In: Die Welt, 2. Januar 2021, S. 7

Kindheit und Ausbildung Can Dündar wurde 1961 als Sohn eines Mitarbeiters des türkischen Geheimdienstes Millî İstihbarat Teşkilâtı (MIT) geboren. Er studierte Journalismus an der Mülkiye, der Fakultät für Politikwissenschaften der Universität Ankara, und schloss das Studium 1982 ab. Er besuchte die London School of Journalism in London und seinen Mastergrad erhielt er 1988. 1996 erreichte er seinen Ph.D. in Politikwissenschaften an der Technischen Universität des Nahen Ostens (ODTÜ). Karriere Dündar schrieb für die Zeitungen Hürriyet, Nokta, Haftaya Bakış, Söz, Tempo, Sabah und Milliyet. Er produzierte Sendungen für die staatliche TRT, CNN Türk und NTV. Seine über 20 Bücher behandeln unter anderem den Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk, Ismet Inönü, Nâzım Hikmet und Vehbi Koç.

2015 übernahm er die Chefredaktion der Cumhuriyet.

Anklage, Festnahme und vorläufige Freilassung, 2015–2016 Hauptartikel: Cumhuriyet-Prozess

Dündar und die Cumhuriyet berichteten am 29. Mai 2015 unter der Überschrift „İşte Erdoğan'ın yok dediği silahlar“ („Hier sind die Waffen, die Erdoğan leugnet“Can Dündar: Lebenslang für die Wahrheit: Aufzeichnungen aus dem Gefängnis. Hoffmann & Campe, Hamburg 2016, S. 22) über Munition, die der türkische Geheimdienst MIT im Jahr 2014 per LKW ihrer Meinung nach an islamistische Milizen in Syrien geliefert hat. Bericht der Cumhuriyet vom 29. Mai 2015 (türkisch).Die Zeit, 7. Mai 2016Kritischem Chefredakteur droht lebenslange Haft. In: Der Spiegel, 3. Juni 2015.

Unmittelbar danach stellte Präsident Erdoğan persönlich gegen Dündar Strafanzeige wegen des Verdachts auf Spionage und forderte darin lebenslange Haft. Erdoğan sprach von Beleidigung und übler Nachrede gegen den Geheimdienst und drohte öffentlich, Dündar werde einen hohen Preis für seinen Bericht bezahlen. Aber erst nachdem die AKP am 1. November 2015 im Parlament die absolute Mehrheit zurückerlangt hatte, begann Dündars Verfahren. Am 26. November 2015 wurde Dündar zusammen mit dem Leiter des Hauptstadtbüros, Erdem Gül, wegen des Verdachts der Spionage und der Mitgliedschaft in einer Terroristischen Vereinigung festgenommen. Mit den Berichten über Waffenlieferungen des Geheimdienstes MIT an syrische Extremisten seien zudem Staatsgeheimnisse verbreitet worden.Karen Krüger: Der Staat nimmt sich das Recht zu lügen. Frankfurter Allgemeine Zeitung, FAZ, 29. Januar 2016

Die Festnahmen Güls und Dündars stießen auf breite internationale Kritik, so sprach die Europäische Kommission von einer „beunruhigenden Situation“.Türkei verhaftet zwei führende Journalisten. FAZ, 27. November 2015 Der amerikanische Außenminister John Kerry ließ verlautbaren, er sei sehr beunruhigt.Can Dündar: Lebenslang für die Wahrheit. Aufzeichnungen aus dem Gefängnis. Hamburg 2016, S. 157 US-Vizepräsident Joe Biden traf sich bei einem Besuch in der Türkei mit Dündars Familie.Protokolle von Can Dündar. FAZ, 10. September 2016 Der stellvertretende russische Verteidigungsminister unterstrich, Dündar und Gül seien verhaftet worden, weil sie Erdogans Lüge aufgedeckt hätten.Can Dündar: Lebenslang für die Wahrheit. Aufzeichnungen aus dem Gefängnis. Hamburg 2016, S. 157

Die Journalisten erfuhren darüber hinaus Solidarität seitens der Zivilgesellschaft in der Türkei und in aller Welt. Ab dem 2. Dezember startete Dündars Freund Mete Akyol auf einem Holzstuhl vor dem Gefängnistor der Strafvollzugsanstalten Silivri die Ein-Mann-Aktion „Wache der Hoffnung“, die augenblicklich Unterstützung erfuhr. Am nächsten Tag kamen Nükhet Ipekçi, Tochter des erschossenen Journalisten Abdi İpekçi, und Doğan Satmış. Auch Deniz Yücel drückte auf diese Weise seine Solidarität mit Dündar aus.Doris Akrap: Er kann dort Freunde finden. In: Taz, 3./4. März 2017 Der Presserat übernahm die Organisation.Vgl. Lebenslang für die Wahrheit. Aufzeichnungen aus dem Gefängnis. Am 15. Dezember fand vor dem Gefängnis eine Redaktionssitzung von „Cumhuriyet“ statt.Protokolle von Can Dündar. FAZ, 10. September 2016

Am 25. Februar 2016 erklärte das türkische Verfassungsgericht die Verhängung der Untersuchungshaft gegen Dündar und Gül für nicht rechtens; die beiden wurden daraufhin am 26. Februar 2016, nach drei Monaten Untersuchungshaft, entlassen.Türkei: Regierungskritische Journalisten aus U-Haft entlassen, Der Spiegel, 26. Februar 2016 Erdoğan kritisierte die Entscheidung des Verfassungsgerichts mit den Worten: „Ich sage es offen und klar: Ich akzeptiere das nicht und füge mich der Entscheidung nicht. Ich respektiere sie auch nicht.“ Mehrjährige Haftstrafe für Journalisten Can Dündar. NZZ, 6. Mai 2016

Der Cumhuriyet-Prozess begann am 25. März 2016. Am 25. April wurde Dündar wegen „Beleidigung des Staatspräsidenten“ zu einer Geldstrafe von etwa 29.000 Türkischen Lira (9.000 Euro) verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Dündar Erdoğan, dessen Sohn Bilal Erdoğan und mehrere Minister in seinen Kolumnen beleidigt habe. Dündars Anwalt Bülent Utku bestritt die Vorwürfe und kündigte Rechtsmittel an. In dem inkriminierten Artikel hatte Dündar den AKP-Korruptionsskandal aus dem Jahr 2013 thematisiert. Damals waren mehrere Minister der AKP-Regierung, deren Söhne und Bilal Erdoğan in Verdacht geraten, in Korruptionsfälle verwickelt zu sein; drei Minister waren zurückgetreten. Während Dündar am 6. Mai 2016 auf die Urteilsverkündung wartete, wurde ein Schusswaffenattentat auf ihn verübt. Dündars Frau und dessen Anwalt konnten den Attentäter überwältigen, Dündar wurde nicht verletzt. Das Gericht hob das Ausreiseverbot gegen Dündar und Gül auf.Schüsse auf türkischen Journalisten vor Gerichtsgebäude. In: Die Welt. 6. Mai 2016.Mehrjährige Haftstrafe für Journalisten Can Dündar. NZZ, 6. Mai 2016. Dündar legte Revision beim Kassationshof ein. Anfang Juli 2016 reiste er aus der Türkei nach Deutschland aus.Jürgen Gottschlich: Can Dürdar gibt auf. In: taz vom 16. August 2016, S. 19. Der Attentäter wurde im Oktober aus der Untersuchungshaft entlassen.

Nach dem Putschversuch in der Türkei 2016 kündigte Dündar am 15. August 2016 an, er werde sich nach seiner Verurteilung zu knapp sechs Jahren Haft vorerst nicht der türkischen Justiz stellen. Er wolle aber kein politisches Asyl beantragen, sondern zurück in die Türkei.Kerstin Krupp: Cumhüriyet-Chefredakteur Can Dündar: „Und Angela Merkel sagte nichts“. In: Berliner Zeitung. 12. August 2016, abgerufen am 25. Dezember 2020 (Interview). In Deutschland Nach seiner Anklage durch die türkische Justiz, zeitweiliger Inhaftierung und einem auf ihn verübten fehlgeschlagenen Attentat reiste Dündar im Juli 2016 aus der Türkei nach Deutschland aus.

Seit Anfang August 2016 schreibt Dündar eine regelmäßige politische Kolumne in der Wochenzeitung Die Zeit in türkischer Sprache, die auch ins Deutsche übersetzt wird.Can Dündar: Meine Türkei. Türkische Außenpolitik: Abschied von Amerika. In: Die Zeit, 6. August 2016 Er gab seinen Rücktritt als Chefredakteur der Cumhuriyet bekannt; die Cumhuriyet-Kolumne werde er weiterführen. Aufgrund des nach dem gescheiterten Putschversuch verhängten Ausnahmezustands herrsche in der Türkei „Gesetzlosigkeit“.Can Dündar tritt zurück, FAZ, 15. August 2016Can Dündar tritt als Chefredakteur zurück, zeit.de, 15. August 2016 Die Türkei, die als einziges Land mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit einmal ein modernes europäisches Land habe sein wollen, sei inzwischen eine islamische Diktatur.FAZ, 20. Oktober 2016 (Kommentar von Jürgen Kaube)

Er ist Chefredakteur der zweisprachigen journalistischen Plattform Özgürüz, die seit dem 24. Januar 2017 online ist. „Özgürüz“ heißt übersetzt „Wir sind frei“. Die Plattform, die Dündar zu Beginn für wenige Monate zusammen mit dem türkisch-armenischen Journalisten Hayko Bağdat redaktionell betreute, enthält Texte auf Deutsch und Türkisch und arbeitet mit dem gemeinnützigen Recherchezentrum Correctiv zusammen. Die Özgürüz-Website wurde, kurz nachdem sie online gegangen war, in der Türkei durch die 'Behörde für Informationstechnologie' (BTK) blockiert. Auf der Website erschien stattdessen eine Mitteilung, in der sich die Behörde auf ein Gesetz beruft, das den Zugang zu den von ihr als gefährlich eingestuften Webseiten regelt.Online-Medium „Özgürüz“: Sie fürchten Dündar. FAZ.net, 27. Januar 2017.

Bundespräsident Joachim Gauck führte am 7. November 2016 in seinem Amtssitz ein Gespräch mit Dündar. online Das mehr als einstündige Gespräch fand in Anwesenheit des Geschäftsführers der NGO Reporter ohne Grenzen statt.Theresa Martus: . Der Westen online, 7. November 2016.

Beim Neujahrsempfang des damals von Heiko Maas geleiteten Bundesjustizministeriums hielt Dündar am 25. Januar 2017 die Festrede.Neujahrsempfang. Erdogan-Kritiker Dündar hält Festrede im Justizministerium. FAZ, 14. Januar 2017. Das türkische Außenministerium bestellte den deutschen Botschafter ein, um sein „Unbehagen“ auszudrücken.Festrede im Justizministerium. Türkei verärgert über Einladung Dündars. Tagesschau.de, 26. Januar 2017.

In seinem 2016 auf Deutsch erschienenen Buch: Lebenslang für die Wahrheit. Aufzeichnungen aus dem GefängnisHamburg 2016, S. 193. schrieb er: Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete Ende September 2017, die Staatsanwaltschaft Diyarbakır habe beantragt, Dündar mittels einer Red Notice bei Interpol suchen zu lassen. Ziel sei Dündars Auslieferung an die Türkei. Grundlage der Ermittlungen sei eine Rede Dündars bei einer Konferenz im April 2016 in Diyarbakır, bei der er Methoden der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK als legitim dargestellt haben soll.

Zu Beginn des umstrittenen Staatsbesuchs Erdogans Ende September 2018 forderte die Türkei von Deutschland die Auslieferung Dündars und 68 weiterer Personen.

Privatleben Dündar ist mit der Wirtschaftswissenschaftlerin und Dokumentarfilmerin Dilek Dündar verheiratet. Das Paar hat einen Sohn. Seine Ehefrau konnte ihn lange nicht besuchen, da die türkische Regierung ihr den Reisepass entzogen hatte. Im Juni 2019 gelang ihr die Ausreise nach Deutschland. Im Juni 2022 war er Gründungsmitglied des PEN Berlin. Publikationen Dokumentarfilme Demirkırat (1991) 12 Mart („12. März“; 1994) Cumhuriyetin Kraliçeleri („Königinnen der Republik“, 1992) Sarı Zeybek („Der blonde Held“, 1993), Gölgedekiler („Die im Schatten“, 1994–1995) Yükselen Bir Deniz („Eine steigende See“, 1998) İsmet Paşa (1999) Devlet Tiyatroları („Regierungstheater“, 1999) Köy Enstitüleri („Dorfinstitute“, 2000) Halef („Der Nachfolger“, 2003)