mini|Spinozas Formel malerisch interpretiert von Shoshannah Brombacher.Spinoza's Deus Sive Natura visualized in a pastel drawing by Shoshannah Jeanne Brombacher (pdf). Die synonymen lateinischen Formeln Deus sive Natura und Deus seu Natura („Gott, das heißt die Natur“)Rinse Herman Reeling Brouwer: Spinoza und seine „nichtreligiöse Religion". Vortrag im Rahmen der Vortragsreihe „Religion und Philosophie in Deutschland. Von Luther bis Heine", Lambertus-Saal der Lambertikirche, Oldenburg, 20. Oktober 2015, 19.30 Uhr. Online veröffentlicht unter: Vortragstext mit Zeichenkodierungsfehlern, Die Übersetzung von “sive” durch “das heißt”: „Deus sive Natura, Gott, das heißt die Natur“ steht in Abschnitt 3. „Mehr zum Gottesbegriff der Ethik“; (Zugriff: 26. September 2026)., verwendet Spinoza (1632–1677) im Vierten Teil seiner Ethik.zum Beispiel im Vorwort: „Ratio igitur, seu causa, cur Deus seu Natura agit, et cur existit, una eademque est.“ Lateinischer Text auf Wikisource, S. 422.
Sie bringen einen zentralen Gedanken der Metaphysik Spinozas zum Ausdruck: Gott ist keine transzendente, außerhalb der Natur stehende Ursache, sondern die immanente Ursache aller Dinge. Damit unterscheidet sich Spinozas GottesbegriffSpinoza spricht von „Gott“, versteht darunter jedoch keinen persönlichen Gott im Sinne der christlichen Offenbarung. Der reformierte niederländische Theologe Rinse Reeling Brouwer greift in seinem Vortrag Spinoza und seine „nichtreligiöse Religion“ eine oxymoronische Wendung auf, die er Salomon van Til zuschreibt: „ongodistische godistery“ („gottlose Gotteslehre“), und zwar in seinem Vortrag Spinoza und seine „nichtreligiöse Religion“, Abschnitt „Der Gott Spinozas in der Ethik“ grundlegend von der traditionellen Vorstellung eines persönlichen Schöpfergottes. Die Welt folgt nach Spinoza notwendig aus der göttlichen Natur und beruht nicht auf einem freien Willensentschluss Gottes.Steven Nadler: Baruch Spinoza. In: Stanford Encyclopedia of Philosophy, Abschnitt 2.1 („God or Nature“). Der Philosoph Helmut Seidel formuliert diesen Zusammenhang so:
Mit „Natur“ meint Spinoza dabei nicht bloß die sichtbare Umwelt oder die Gesamtheit körperlicher Dinge. Er unterscheidet die natura naturans (die wirkende Natur: Gott als Substanz mit seinen Attributen) von der natura naturata (der aus der göttlichen Natur folgende Gesamtheit ihrer Modi).Spinoza: Ethica, Teil I, Lehrsatz 29, Anmerkung; lateinischer Text bei Wikisource.
Fundstellen der Formel in Spinozas Ethik Die Formel Deus seu Natura beziehungsweise Deus sive Natura findet man in Spinozas Ethik (1677) einschließlich ihrer deklinierten Formen an vier Stellen des vierten Teils: zweimal im Vorwort und zweimal im Beweis zu Lehrsatz 4.Baruch de Spinoza: Ethik in geometrischer Ordnung dargestellt. Lateinisch–Deutsch. Neu übersetzt, mit einer Einleitung und Anmerkungen herausgegeben von Wolfgang Bartuschat. (= Sämtliche Werke, Band 2). 3., verbesserte Auflage. Felix Meiner, Hamburg 2010, S. 374–375.Baruch de Spinoza: Ethik in geometrischer Ordnung dargestellt. Lateinisch–Deutsch. Neu übersetzt, mit einer Einleitung und Anmerkungen herausgegeben von Wolfgang Bartuschat. (= Sämtliche Werke, Band 2). 3., verbesserte Auflage. Felix Meiner, Hamburg 2010, S. 388–389. Die folgende Tabelle führt zunächst die Formel im Nominativ, anschließend ihre Formen im Akkusativ und Genitiv auf.
Fundstelle Lateinischer Wortlaut Deutsche Übersetzung nach Wolfgang Bartuschat Vorwort Ratio igitur seu causa, cur agit et cur existit, una eademque est. „Also ist der Grund oder die Ursache, warum , handelt und warum er existiert, ein und dieselbe.“ Vorwort […] aeternum namque illud et infinitum ens, quod appellamus, eadem, qua existit, necessitate agit. „[…] denn jenes ewige und unendliche Seiende, das wir nennen, handelt aus derselben Notwendigkeit heraus, aus der es existiert […]“ Lehrsatz 4, Beweis Potentia, qua res singulares et consequenter homo suum esse conservat, est ipsa potentia […], non quatenus infinita est, sed quatenus per humanam actualem essentiam explicari potest […]. „Die Macht, kraft deren Einzeldinge und folglich der Mensch sein Sein erhält, ist genau […], nicht insofern sie unendlich ist, sondern insofern sie durch des Menschen wirkliche Essenz erklärt werden kann […]“ Lehrsatz 4, Beweis Potentia itaque hominis, quatenus per ipsius actualem essentiam explicatur, pars est infinitae potentiae, hoc est […] essentiae. „Des Menschen Macht ist also, insofern sie sich durch seine wirkliche Essenz erklären läßt, Teil von unendlicher Macht, d. h. […] Essenz.“
in Spinozas Briefen Im 73. Brief an Heinrich Oldenburg, den langjährigen Sekretär der Royal Society, erläutert Spinoza sein Verständnis von Gott und Natur:Karl Löwith: Spinoza. Deus sive Natura. In: Gott, Mensch und Welt in der Metaphysik von Descartes bis zu Nietzsche. Göttingen 1967, IX. Kapitel, S. 213/213.
Mit der Formulierung „lebt und webt“ nimmt Spinoza ausdrücklich auf Paulus Bezug. Die entsprechende Wendung findet sich in dessen Areopagrede in der Apostelgeschichte ().
Spinozas Pantheismus und seine Deutung
Spinozas Gleichsetzung von Gott und Natur wird in der Rezeptionsgeschichte häufig als Pantheismus bezeichnet. Ob dieser Begriff seine Lehre angemessen beschreibt, ist jedoch umstritten.Steven Nadler: Baruch Spinoza. In: Stanford Encyclopedia of Philosophy, überarbeitete Fassung vom 8. November 2023, Abschnitt 2.1 „God or Nature“.
In metaphysischer Hinsicht ist seine Position durch einen Substanzmonismus gekennzeichnet: Es gibt nur eine Substanz mit unendlich vielen Attributen, von denen dem Menschen Denken und Ausdehnung bekannt sind. Natur bezeichnet dabei nicht lediglich die materielle Welt. Gott ist kein transzendenter, außerhalb der Natur stehender Schöpfer, sondern die immanente Ursache aller Dinge. Alles folgt notwendig aus seiner Natur; ein nach menschlichem Vorbild handelnder Gott, der Zwecke verfolgt oder durch Wunder in das Naturgeschehen eingreift, ist mit dieser Auffassung nicht vereinbar.
Kuno Fischer unterscheidet in seiner Interpretation zwischen einer pantheistischen und einer naturalistischen Bedeutung von Spinozas Naturbegriff:
Matthias Jung betont die Absage an eine zweckgerichtete Naturordnung:
Die Bezeichnung als Pantheismus ist zugleich Gegenstand einer Diskussion über die Reichweite von Spinozas Gleichsetzung von Gott und Natur. Dabei wird unter anderem unterschiedlich beurteilt, ob „Gott“ nur die Natura naturans, also die Substanz mit ihren Attributen, oder auch die Natura naturata, die aus ihr folgenden unendlichen und endlichen Modi, bezeichnet.
Winfried Schröder problematisiert die Verwendung des Pantheismusbegriffs als eines philosophischen Etiketts:
Der Philosophiehistoriker Siegfried Wollgast unterscheidet zwischen idealistischem und materialistischem Pantheismus. Während der idealistische Pantheismus der Gottheit gegenüber der Welt einen Vorrang einräume, setze der materialistische Pantheismus Gott und Welt vollständig gleich. Ob Spinoza als Pantheist einzuordnen ist, lässt Wollgast in seiner Untersuchung ausdrücklich offen.Siegfried Wollgast: Deus sive natura: Zum Pantheismus in der europäischen Philosophie- und Religionsgeschichte. In: Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät. Band 27 (1998), Heft 8. Trafo-Verlag, Berlin 1999, S. 15 und 20–21.
Siehe auch Amor intellectualis Dei
Weblinks Spinoza Bibliografie - Spinoza Gesellschaft e.V. – Es wird die Erfassung der Spinoza-Literatur seit 1663 angestrebt. Spinoza: Das Abenteuer der Diesseitigkeit – Dr. phil. Mathias Jung, Live-Vortrag insbesondere ab 37:21. Shoshannah Brombacher: Spinoza's Deus Sive Natura visualized in a pastel drawing, Beschreibung des abgebildeten Pastells durch die Malerin selbst – PDF-Datei in englischer Sprache auf https://www.academia.edu/
Literatur Primärliteratur
Baruch de Spinoza: Vierter Teil der Ethik. Von der menschlichen Unfreiheit oder von der Macht der Affekte (in deutsche Übersetzung), Projekt Gutenberg – de Baruch de Spinoza: Ethik in geometrischer Ordnung dargestellt. Herausgegeben von Wolfgang Bartuschat (Lateinisch–Deutsch). 3., verbesserte Auflage. Felix Meiner Verlag, Hamburg 2010, ISBN 978-3-7873-1970-1.
Sekundärliteratur Kuno Fischer: Spinozas Leben, Werk und Lehre, 1898, Salzwasser Verlag Paderborn, ISBN 978-3-8460-2615-1, Nachdruck des Originals von 1898. (Kuno Fischer: Geschichte der neuern Philosophie, Zweiter Band: Spinoza) – . Matthias Jung: Spinoza: Gott ist Natur – Natur ist Gott. Emu Verlag, Lahnstein 2005, ISBN 3-89189-102-4. Karl Löwith: Spinoza. Deus sive Natura. In: Gott, Mensch und Welt in der Metaphysik von Descartes bis zu Nietzsche. Göttingen 1967, IX. Kapitel, S. 197–248. Rinse Herman Reeling Brouwer: Spinoza und seine „nichtreligiöse Religion". Vortrag im Rahmen der Vortragsreihe „Religion und Philosophie in Deutschland. Von Luther bis Heine", Lambertus-Saal der Lambertikirche, Oldenburg, 20. Oktober 2015, 19.30 Uhr. Online veröffentlicht unter: Vortragstext mit Zeichenkodierungsfehlern (Zugriff: 26. September 2026). Winfried Schröder: Deus sive natura. Über Spinozas sogenannten Pantheismus. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 57 (2009), Heft 3, S. 471–480; Auszug online – bei De Gruyter Brill. Helmut Seidel: Baruch de Spinoza zur Einführung. 2. Auflage. Junius, Hamburg 2007, ISBN 978-3-88506-644-6. Jean-Noël Vuarnet: Frédéric Benrath. Deus sive Natura. Paris, Les éditions de l'amateur, 1993. 198 p., 189 reproductions en couleurs, chronologie, expositions, bibliographie. In: Revue de l'Art, 1994, n°105. p. 79. - Rezension – Zur künstlerischen Rezeption der Formel. Siegfried Wollgast: Deus sive natura: Zum Pantheismus in der europäischen Philosophie und Religionsgeschichte.. (= Sitzungsbericht der der Leibniz-Sozietät. Band 27, 1998, H 8). 1999, ISBN 3-89626-207-6. Arnold Zweig: Baruch Spinoza. Portrait eines freien Geistes 1632–1677. Insel Verlag, 1961, insbesondere die Seiten 40 ff, und 50 ff.
Einzelnachweise
Kategorie:Baruch de Spinoza Kategorie:Pantheismus Kategorie:Weltanschauung Kategorie:Lateinische Phrase