Der Niederländische Aufstand war eine Erhebung der Spanischen Niederlande gegen die Herrschaft König Philipps II., die 1568 begann, in den Achtzigjährigen Krieg mündete und schließlich zur Unabhängigkeit der Republik der Vereinigten Niederlande führte. Der Aufstand resultierte vorwiegend aus der Opposition gegen die Einschränkungen, welche die Herrschaft des Königs von Spanien den Niederländern auferlegte. Auch der Kampf zwischen den Konfessionen spielte eine große Rolle. Der Krieg endete 1648 mit dem Frieden von Münster, in dem die Unabhängigkeit der überwiegend protestantischen nördlichen Niederlande endgültig anerkannt wurde.
Ursachen Einfluss der Burgunder und Habsburger in den Niederlanden Die Niederlande standen bis 1555 unter dem Einfluss von Burgundern und Habsburgern. Der Machteinfluss der Burgunder begann durch Philip den Guten (1396–1467), der seine unehelichen Söhne als Bischöfe eingesetzt hatte. Ein halbes Jahrhundert dauerte es, bis ihm dieses Vorgehen die Herrschaft der heutigen Beneluxländer und Nordfrankreichs bereitete. Philip der Gute war somit Herzog von Burgund, Brabant und Luxemburg sowie Graf von Flandern, Artois, Hennegau, Holland, Zeeland und Namur. Das Blijde Inkomst (dt. feierlicher Einzug) war ein Dokument, das mit seinem Amtseintritt bei Brabant in Kraft trat und seine Rechte vehement einschränkte. Es besagt, dass seine Untertanen das Recht besitzen, ihm den Gehorsam aufzukündigen, sollte er bewusst ihren Interessen schaden. Nach Philip dem Guten kam sein Sohn Karl der Kühne (Regentschaft 1467–1477) an die Macht und führte zeit seines Amtes Kriege, um die Gebiete zu erweitern. Nach dessen Tod am 5. Jänner 1477Johannes Arndt: Das Heilige Römische Reich und die Niederlande 1566 bis 1648. Politisch-konfessionelle Verflechtung und Publizistik im Achtzigjährigen Krieg. Verlag Böhlau, Köln 1998, ISBN 3-412-00898-2, S. 32. kam seine unerfahrene siebzehnjährige Tochter Maria von Burgund an die Macht. Das große Privileg des Blijde Inkomst wurde unter ihrer Herrschaft gewährt, was den Einfluss der Burgunder in den Niederlanden begrenzte, da nun die Stände ohne Einwilligung des Fürsten zusammenarbeiten durften. Mit den Nachfolgern von Maria nahm die Durchschlagskraft dieses Privilegs wieder ab. Nach Philip dem Schönen kam Karl V. 1515 in den burgundischen Niederlanden an die Macht. Am 23. Oktober 1520 wurde er zum Kaiser des Deutschen Reichs in Aachen gekröntChristoph Driessen: Geschichte der Niederlande. Von der Seemacht zum Trendland. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2009, ISBN 978-3-7917-2173-6, S. 11 f., was zur Folge hatte, dass darunter auch die Niederlande, Spanien, Österreich und die Hälfte Italiens unter seinem Einfluss standen. Zur Amtszeit Karls V. gab es Kriege und zahlreiche Bedrohungen, darunter durch Frankreich, die Osmanen und die neue Bedrohung der Reformationsbewegungen in Europa. Karl V. führte einen strengen Glaubenskrieg gegen Luther und seine Anhänger und versuchte die Gebiete der Niederlande zu erweitern. Sein großes Ansehen ermöglichte ihm 1528 im Bistum Utrecht die weltliche Macht an sich zu reißen. Dies hatte zur Folge, dass Utrecht, Overijssel und Drenthe seinem Imperium hinzugefügt wurden. Durch das Privileg der eigenen Bischofswahl erlangte er mit den Bistümern Cambrei, Besançon und Lüttich als kaiserliche Enklaven weitere Einflussgebiete. Hinzu kam die Grafschaft Lingen. Keinen Erfolg hatte er damit, seine niederländischen Einflussgebiete auf Ostfriesland und das Bistum Münster auszuweiten.Anton van der Lem: Opstand! Der Aufstand in den Niederlanden. Egmonts und Oraniens Opposition, die Gründung der Republik und der Weg zum Westfälischen Frieden. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1996, ISBN 3-8031-2259-7, S. 19–62.
Herrschaftsantritt Philipp II. mini|hochkant|König Philipp II. von Spanien in einem Portrait von Sofonisba Anguissola
Am 26. Oktober 1555 wurde Philipp II., dem Sohn Karls V., im Brüsseler Palast feierlich die Regierung über die Niederlande übertragen. Generell war die vorherrschende Situation zu dieser Zeit für Karl V. äußerst bedrückend. Seine Geldreserven waren durch seine zahlreichen Heereszüge aufgebraucht. Wieder lag er mit Frankreich in einem Krieg und die Türken stellten eine ständige Gefahr im Mittelmeerraum dar. Zusätzlich gelang es dem Kaiser nicht, die Protestanten im Deutschen Reich vollkommen zu unterwerfen. Die Tatsache, dass der Kaiser freiwillig die Herrschaft über die Niederlande an seinen Sohn übertrug, war zur damaligen Zeit höchst ungewöhnlich. Üblicherweise regierte man bis zu seinem Tod. Karl V. wollte sich jedoch als treuer Katholik für seine letzten Lebensjahre in ein Kloster zurückziehen, um sich dort auf seinen Tod vorzubereiten. Ein weitaus bedeutsamerer Grund für den freiwilligen Regierungsverzicht war vermutlich ein politischer. So wurden schon vor dem Antritt Philipps II. immer wieder Zweifel seitens der niederländischen Stände gegenüber dem Thronfolger Karls geäußert. Dies hatte zur Folge, dass man sich nun nicht mehr sicher war, ob die Stände nach einem plötzlichen Tod Karls Philipp II. als Herrscher anerkennen würden. Auch der erste offizielle Auftritt des jungen Prinzen war kein souveräner, so musste Granvelle aufgrund der nicht ausreichenden Französischkenntnisse Philipps die persönliche Ansprache zu den versammelten Ständen übernehmen. In seinen ersten Regierungsjahren versuchte er die Regierung seines Vaters fortzusetzen. Daher verfolgte er unter anderem auch die Bekämpfung der „Ketzerei“ und nahm gleichzeitig große Rücksicht auf den Hochadel und die Institutionen, da eine Einigkeit für den Krieg gegen Frankreich dringend notwendig war. Um den hohen Adel an sich zu binden, übertrug er ihnen beispielsweise wichtige Ämter.Anton van der Lem: Opstand! Der Aufstand in den Niederlanden. Egmonts und Oraniens Opposition, die Gründung der Republik und der Weg zum Westfälischen Frieden. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1996, ISBN 3-8031-2259-7, S. 37–40.
Auch musste er weiterhin die alten Generalstände einberufen. So geschah es im Jahr 1556 aufgrund eines drohenden Staatsbankrottes. Da die Stände den Krieg gegen Frankreich leid waren, versuchten sie ihren Interessen nachzukommen und forderten, dass zwei Drittel der Truppen aus Niederländern unter einem niederländischen Befehlshaber bestehen sollten. Philipp musste einwilligen und Graf von Egmont errang einen Sieg bei St. Quentin und Grevelingen. 1558 wurde eine neuerliche Einberufung der Generalstände in Arras vorgenommen. Philipp II. forderte von ihnen die Einführung einer Umsatzsteuer. Diese lehnten sie ab und schlugen eine feste Summe vor, die sie zur Verfügung stellen würden. Widerwillig musste Philipp auch diesen Vorschlägen nachkommen. Nach dem Frieden zwischen Spanien und Frankreich in Cateau-Cambresis verließ Philipp II. die Niederlande, um sich in Spanien als König anerkennen zu lassen, und kehrte nie wieder in die Niederlande zurück. Als seine Stellvertreterin ernannte er als Statthalterin die uneheliche Tochter Karls V., Margarethe von Parma. An den vorherrschenden Regierungsinstitutionen änderte Philipp nichts. Daher standen Margarethe von Parma weiterhin die drei Räte zur Seite, nämlich der Staatsrat, der Geheime Rat und der Finanzrat. Die drei Spitzenbeamten Granvelle, Viglius und Berlaimont nahmen daher einen großen Einfluss auf die Politik und schmälerten bewusst den Einfluss des Hochadels. Zu dieser Zeit lassen sich somit schon zwei Quellen großer Unzufriedenheit der Bevölkerung erkennen, einerseits die seit 1553 stationierten Soldaten und andererseits die Glaubensverfolgung durch Philipp II.Anton van der Lem: Opstand! Der Aufstand in den Niederlanden. Egmonts und Oraniens Opposition, die Gründung der Republik und der Weg zum Westfälischen Frieden. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1996, ISBN 3-8031-2259-7, S. 41–45.
Ein Projekt, das schon Karl V. verfolgt hatte und das sein Sohn Philipp II. dann versuchte in die Tat umzusetzen, war die Neueinteilung der Kirchenbezirke.Horst Lademacher: Geschichte der Niederlande. Politik – Verfassung – Wirtschaft. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1983, ISBN 3-534-07082-8, S. 50–52. 1559 wurden die Pläne zur Neueinteilung vom Papst genehmigt. Die Niederlande sollten eine einzige Kirchenprovinz bilden, in drei Erzbistümer unterteilt. Im Zuge dessen wurde Granvelle von Philipp zunächst zum Erzbischof von Mechelen und später vom Papst zum Kardinal erhoben.Anton van der Lem: Opstand! Der Aufstand in den Niederlanden. Egmonts und Oraniens Opposition, die Gründung der Republik und der Weg zum Westfälischen Frieden. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1996, ISBN 3-8031-2259-7, S. 49. Die neuen Vorschriften irritierten den gesamten Adel, da ein Bischof in Zukunft Doktor der Theologie sein musste. Dies hatte zur Folge, dass der Bischofssitz nicht mehr den jüngeren Brüdern und Söhnen der Adeligen übertragen werden konnte. Auch innerhalb des Klerus verschärfte sich die Kritik, da jeder Bischof zugleich Abt einer reichen Abtei sein musste und die Einkünfte dieser nur den Bistümern zugutekommen sollten. Das Ziel lag darin, den Bistümern finanzielle Unabhängigkeit zu verschaffen.
Erste Konflikte mit dem Adel mini|hochkant|Wilhelm von Oranien
Ein Beispiel der immer stärker werdenden antispanischen Propaganda waren Gerüchte, dass Philipp II. die als besonders grausam geltende spanische Inquisition auch in den Niederlanden einführen wollte. Aus heutiger Sicht ist jedoch festzustellen, dass dies aber nie wirklich geschah, sondern nur die revolutionäre Stimmung schüren sollte.Anton van der Lem: Opstand! Der Aufstand in den Niederlanden. Egmonts und Oraniens Opposition, die Gründung der Republik und der Weg zum Westfälischen Frieden. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1996, ISBN 3-8031-2259-7, S. 51.Luc J. Van der Vynckt: Geschichte der Vereinigten Niederlande. Von ihrem Ursprung im Jahr 1560 an bis zum Westphälischen Frieden. Bd. 1. Drell, Geßner, Füßli & Co, Zürich 1793, S. 197 f. Zu dieser Zeit war der Adel das Sprachrohr der Bevölkerung und dieser fühlte sich, maßgeblich vertreten von Personen wie Wilhelm von Oranien und die Grafen Egmont und Hoorn, in den Niederlanden zusehends von den Regierungsgeschäften ausgeschlossen. Der Adelsstand fürchtete auch um das traditionelle Partizipationsmodell, durch das alle Bürger über die Ständeversammlung politischen Einfluss nehmen konnten.Anton van der Lem: Opstand! Der Aufstand in den Niederlanden. Egmonts und Oraniens Opposition, die Gründung der Republik und der Weg zum Westfälischen Frieden. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1996, ISBN 3-8031-2259-7, S. 52.