Die aserbaidschanisch-deutschen Beziehungen können auf eine lange Geschichte zurückblicken, obwohl sich die Motive der Beziehung zwischen Aserbaidschan und Deutschland im Laufe der Zeit geändert haben.

Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts wanderten Deutsche in das Staatsgebiet des heutigen Aserbaidschan aus, um der Armut und dem Hunger in Deutschland zu entfliehen. Heutzutage finden vor allem deutsche Wirtschaftsunternehmen Anreize, um sich in Aserbaidschan niederzulassen. Ursprung des wirtschaftlichen Interesses ist in den meisten Fällen der Reichtum an Bodenschätzen in der Region bzw. das damit erwirtschaftete und im Umlauf befindliche Kapital. Schließlich ist Aserbaidschan durch seine Lage zwischen Europa und Asien und an den Erdgas- und Erdölvorkommen am Kaspischen Meer ein großer geopolitischer Faktor. Diese Tatsache rückt Aserbaidschan ins internationale politische und wirtschaftliche Interesse. Nicht nur die einstigen Konfliktparteien im Kalten Krieg loten ihren Einfluss auf das, erst seit 1991 unabhängige, Aserbaidschan aus. So schreibt Zbigniew Brzeziński, der als polnisch-amerikanischer Politologe US-Präsidenten in der Außenpolitik beraten hat:

Auf Basis dieses Zitats lässt sich nachvollziehen, welche Vorteile eine gute bilaterale Beziehung zwischen dem Westen und Aserbaidschan bieten kann. Es lässt sich aber auch erkennen, welche Risiken eine Vernachlässigung der Beziehung birgt. mini|Eine Briefmarke von 1919 mit der Abbildung des Ateschgah von Baku Traditionell ist Aserbaidschan sehr eng an Russland gebunden. Das Land ging am 28. Mai 1918 als Demokratische Republik Aserbaidschan aus dem russischen Reich hervor. Bereits 23 Monate später wurde es zu einem Teil der Sowjetunion. Erst 1991 erlangte es erneut seine Souveränität.Website der Aserbaidschanischen Botschaft in Berlin:

Seitdem gelingt Aserbaidschan der politische Spagat, einerseits die Beziehung zu Russland im Norden aufrechtzuerhalten, als auch andererseits das bilaterale Verhältnis zu anderen, meist westlich geprägten Ländern zu stärken. Die aserbaidschanischen Ziele liegen dabei auf der Hand: Man ist bestrebt, sich als eigenständiges Land zu manifestieren und von Russland unabhängiger zu werden. Gleichzeitig weiß man aber auch um die Macht Russlands und möchte den einstigen Bruderstaat nicht verärgern.Nahida Ahmadova In: Die Rolle Aserbaidschans in der Kaukasus- und Zentralasienpolitik der Europäischen Union. Universität Siegen 2006, S. 190. Die Staaten der EU, in welcher Deutschland als eine der stärksten wirtschaftlichen und politischen Staaten eine wegweisende Führungsrolle zukommt, können die von Aserbaidschan gesuchte wirtschaftliche und politische Unabhängigkeit bieten.Münkler, Herfried, Wir sind Hegemon Website der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", 21. August 2015, abgerufen am 24. Januar 2016. Die EU und somit Deutschland als Teil der Staatengemeinschaft versucht durch die Partnerschaft zu Aserbaidschan die eigene Abhängigkeit von der Energieversorgung durch Russland einzudämmen.

Bereits heute ist Aserbaidschan Deutschlands sechstgrößter Öllieferant. Aber auch Aserbaidschan profitiert durch die zunehmende Diversifizierung der eigenen Wirtschaft, welche aus der europäischen und deutschen Unterstützung sowie aus Investitionen deutscher Unternehmen resultiert.Mitschrift der Pressekonferenz beim Besuch Əliyevs in Berlin Website der Bundesregierung. Abgerufen am 24. Januar 2016.

Geschichte der aserbaidschanisch-deutschen Beziehungen Der deutsche Forschungsreisende Engelbert Kaempfer (1651–1716) besuchte bereits im 17. Jahrhundert das Gebiet des heutigen Aserbaidschan. Am 17. Dezember 1683 erreichte er Schemacha, Hauptstadt der damals noch unter iranischer Herrschaft stehenden Region Schirwan. Den dortigen einmonatigen Aufenthalt nutzte Kaempfer zur Besichtigung der Erdölquellen Fontes Naphta von Badkubeh (heute Baku), die er als erster Europäer erkundete und genauer beschrieb. Noch heute erinnern Ausstellungstafeln im Museum von Baku an den Besuch Kaempfers.

Deutsche Siedlungen des 19./20. Jahrhunderts auf dem Land und Industrialisierung in Baku mini|210px|Deutsche Siedlungen in Kaukasien 1914

In Deutschland war der Beginn des 19. Jahrhunderts eine Zeit voller Armut und Hunger. Zahlreiche Familien suchten deshalb eine neue Heimat, in der sie überleben und wirtschaften konnten.

Der damalige Zar des russischen Reiches, Alexander I., lud die Deutschen in sein Land ein, um sich dort ein neues Leben aufzubauen. Hunderte Familien, vor allem aus dem Schwabenland, machten sich auf die Reise. Die erste deutsche Kolonie im heutigen Aserbaidschan war 1818 Alt Katharinenfeld (wurde 1819 wieder aufgegeben), eine weitere kurz darauf auf der anderen Seite des Flusses Schamchor in Annenfeld. Helenendorf, das heutige Göygöl, wurde 1819 von 194 schwäbischen Familien gegründet. Sie kamen über den Nordkaukasus und Tiflis in die Region, wo Helenendorf zur größten deutschen Siedlung wurde. 1857 wurde dort die erste evangelisch-lutherische Kirche errichtet. Viele Winzer waren in den deutschen Siedlungen tätig. Deutsche Siedler haben an der Geschichte des Weinbaus der Region somit einen großen Anteil. Anfang des 20. Jahrhunderts bildeten sich die ersten deutschen Genossenschaften, wie zum Beispiel die Genossenschaft „Hilfe“, die zur Herstellung von Wein und Cognac diente und in Helenendorf ansässig war. Deutsche Namen wie Hummel, Vohrer und Votteler wurden zum Inbegriff für Qualitätsprodukte."Fremde Heimat, fernes Land" Website "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Abgerufen am 24. Januar 2016. Hummel und Vohrer waren bekannt für ihren Wein, Votteler für die Manufaktur von Pferdewagen. Ebenfalls in Helenendorf wurde später auch die erste Installation einer elektrischen Lichtanlage im heutigen Aserbaidschan durch die Berliner Firma AEG durchgeführt.Rede von Prof. Dr. Rainer Lindner für den Wirtschaftstag Aserbaidschan im Rahmen der Global Business Week Dokument. Abgerufen am 26. Januar 2016. Zwischen 1888 und 1914 entstanden sechs weitere deutsche Gemeinden: Georgsfeld (1888), Alexejewka (1902), Grünfeld sowie Eichenfeld (1906), Traubenfeld (1912) und Jelisawetinka (1914). In den 1920er Jahren kamen die deutschen Dörfer Marxowka und Kirowka hinzu. Ihre Gründer stammten aus den Ursprungsgemeinden um Helenendorf und Annenfeld. In den 1920er-Jahren gab es mehrere deutschsprachige, kommunistische Zeitungen, die auch staatliche Unterstützung erfuhren, darunter etwa Lenins Weg und Bauer und Arbeiter.

Sie machten die fruchtbare Vorgebirgssteppe urbar. Ab 1860 konzentrierten sie sich auf den Weinbau. Ende des 19. Jahrhunderts wurde 58 % des Weins im Gouvernement Elisabethpol von den Gebr. Vohrer und den Gebr. Hummel aus Helenendorf hergestellt.

Den Menschen ging es gut; sie integrierten sich schnell. Sie betrieben Landwirtschaft auf traditionelle Weise. Mit ihrem Erfolg schufen sie schnell Arbeitsplätze. Zu dieser Zeit wurde besonders Baku, heute die Hauptstadt Aserbaidschans, durch die deutsche Kultur und Lebensweise geprägt. Dies geschah wesentlich durch Nikolaus von der Nonne. Der deutschstämmige Ingenieur prägte von 1889 bis 1902 als Bürgermeister der Stadt Baku die Entwicklung der Stadt. Aufgrund der Landflucht erlebte Baku zu dieser Zeit ein enormes Wachstum. Auch durch die Förderung des Energiesektors verhalf er der Stadt damals zu mehr Wohlstand. russische Website Bakus. Abgerufen am 25. Januar 2016.

Seit der Zarenzeit wurde in der Region Kedabeg Gold abgebaut. Das Kupferbergwerk in Kedabeg wurde 1864 von den Brüdern Carl und Werner von Siemens gekauft, auf Vorschlag ihres mit dem Bau der Telegraphenleitungen im Kaukasus beauftragten Bruders Walter. Es wurde – unter Überwindung mancher Schwierigkeiten – als von der Firma Siemens & Halske getrenntes Privatgeschäft betrieben, zeitweise unter persönlicher Leitung der jüngeren Brüder Walter und Otto Siemens. Werner von Siemens besuchte Kedabeg dreimal in den Jahren 1865, 1868 und 1890. Er konstruierte eigens Schmelzöfen, die mit Naphtha betrieben wurden, weil das Holz der umliegenden Wälder trotz Wiederaufforstung zur Neige ging. Hierzu ließ er Mannesmann-Röhren verlegen, mit denen die aus Baku angelieferte Naphtha zum hochgelegenen Bergwerk hinaufgepumpt wurde. In diesem Zusammenhang beteiligte er sich 1890 an der Gründung der Deutsch-Österreichischen Mannesmannröhren-Werke AG in Berlin. Der Abbau in Kedabeg wurde inzwischen eingestellt.Website des Minenunternehmens

Erster Weltkrieg, Zwischenkriegszeit, Zweiter Weltkrieg & seine Folgen

Im Ersten Weltkrieg (1914–1918) entstand für die Kaukasus-Deutschen die schwierige Situation, dass das Land ihrer Vorfahren, Deutschland, gegen ihre gegenwärtige Heimat, Russland, kämpfte. Nach der Bildung unabhängiger Republiken im Südkaukasus nach 1917 schlossen sich die deutschen Kolonisten zum Transkaukasischen Deutschen Nationalrat mit Sitz in Tiflis zusammen, der die Deutschen in den Republiken Aserbaidschan und Georgien verband. Nach dem Ersten Weltkrieg versprach die junge aserbaidschanische Regierung den Deutschen einen sicheren Abgeordnetensitz im Parlament. Dies wurde im „Gesetz über die Bildung des Aserbaidschanischen Parlaments“ verankert. Mit dem Einmarsch der Roten Armee und ihrer Machtübernahme 1920 verloren die Deutschen neben ihrem Besitz auch ihre zuvor erworbenen Rechte und Privilegien. Zur Kompensation ihrer Verluste bildeten einige Familien Produktionskollektive. Das bekannteste, weil erfolgreichste Kollektiv war die „Concordia“. Mit zunehmendem Erfolg wurde diese Vereinigung mit Sanktionen belegt und schließlich vollständig verboten. Die deutsche Sprache wurde aus Klassenzimmern und Städtenamen verbannt. Nach der Eingliederung Georgiens und Aserbaidschans in die Sowjetunion wurde Helenendorf in Xanlar umbenannt. In den 1930er Jahren waren die deutschen Kolonisten im Kaukasus in besonderem Maße politischen Verfolgungen ausgesetzt. 1935 wurden 600 Deutsche aus Aserbaidschan nach Karelien deportiert.

Während des Zweiten Weltkrieges schickten aserbaidschanische Ölarbeiter 75 Millionen Tonnen Öl an die Front, was über drei Viertel des gesamten in der UdSSR produzierten Öls ausmachte. Die Republik produzierte insgesamt 130 Arten von Waffen, Munition und Ausrüstung.

1941 lebten in der Aserbaidschanischen Sozialistischen Sowjetrepublik mehr als 23.000 Kolonisten. Im gleichen Jahr siedelte Stalin alle Kaukasiendeutschen, die nicht mit Einheimischen verheiratet waren, innerhalb weniger Monate nach Kasachstan und Sibirien um. Grundlage war eine Verordnung des Staatlichen Verteidigungskomitees „Über die Aussiedlung der Deutschen, die das Gebiet der Georgischen, Armenischen und Aserbaidschanischen Sowjetrepubliken bewohnen“ vom 8. Oktober 1941. Über 45.000 Kaukasiendeutsche wurden zwischen dem 15. Oktober und 12. November 1941 deportiert. Die Häuser der deutschen Siedler wurden an Migranten aus anderen Regionen Transkaukasiens vergeben.

Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs setzten deutsche Truppen 1942 alles daran nach Baku vorzudringen. Für Deutschland waren die Ölvorräte um das Kaspische Meer strategisch entscheidend. Gegenüber Feldmarschall Erich von Manstein sagte Adolf Hitler: „Wenn wir das Öl bei Baku nicht kriegen, ist der Krieg verloren.“Wolfgang Gründinger: Die Energiefalle: Rückblick auf das Erdölzeitalter. C. H. Beck-Verlag, München 2006, S. 144 Somit lag 1942 der Fokus der deutschen Offensiven im Rahmen der Fall Blau genannten Operation auf der Eroberung des Kaukasusgebietes.

Der 5. SS-Panzer Division „Wiking“ gelang es zwar am 9. August 1942 Maikop einzunehmen, die eigentlichen Ziele, die Felder bei Grosny und vor allem Baku wurden jedoch nie erreicht. In Maikop machte sich die speziell dafür geschaffene Technische Brigade Mineralöl (TBM) sofort an Reparaturarbeiten der dortigen Ölanlagen, was jedoch nur zu einem verschwindend geringem Teil gelang. Dies lag vor allem daran, dass die Rote Armee beim Rückzug die Anlagen zerstört und die Felder Maikops in Brand gesetzt hatte.