mini|321px|Trend in Nieren- und Lebertransplantationen in der Volksrepublik China (1997–2007) In den 1960er-Jahren wurden erstmals Organtransplantationen in China vorgenommen. 2004 betrieb China mit über 13.000 Transplantationen eines der umfangreichsten Organtransplantationsprogramme der Welt und betreibt in diesem Bereich eine fortschrittliche Chirurgie, die unter anderem Gesichtstransplantationen mit Knochen einschließt. Zwischen den Jahren 2000 und 2016 fanden an 712 Leber- und Nierentransplantationszentren in ganz China jährlich zwischen 60.000 und 100.000 Organtransplantationen statt, jedoch ohne dass China über ein funktionsfähiges Organspende-System verfügt.Gabriel Samuels: China kills millions of innocent meditators for their organs, report finds, The Independent, 29. Juni 2016, abgerufen am 26. August 2016Megan Palin: ‘A bloody harvest’: Thousands of people slaughtered for their organs, new report reveals. News.com, 28. Juni 2016; abgerufen am 7. September 2016Report: China still harvesting organs from prisoners at a massive scale. CNN WIRE, FOX8, 26. Juni 2016; abgerufen am 9. September 2016 Berichte wie der Kilgour-Matas-Gutmann-Untersuchungsbericht zeigen, dass ein großer Teil davon stattdessen aus Organraub von hingerichteten Gefangenen und ermordeten politischen Gegnern, etwa Falun-Gong-Anhängern, stammt.
Geschichte Anfang des 20. Jahrhunderts fanden erste Experimente mit menschlichen Organtransplantationen in der Medizin statt. Vorreiter war der französische Chirurg Alexis Carrel. Erfolgreiche Transplantationen konnten schließlich nach dem Zweiten Weltkrieg durchgeführt werden. China führte 1972 die erste Nierentransplantation mit Lebendspende durch, und 1981 fand die erste erfolgreich verlaufende allogene Knochenmarkstransplantation an einem Leukämiepatienten statt. Die erste verifizierbare Lebertransplantation von einem Lebendspender wurde 1995 durchgeführt, sieben Jahre nach der ersten Lebertransplantation überhaupt, die in São Paulo, Brasilien, stattgefunden hatte.
China begann in den 1960er Jahren mit Organtransplantationen, die zunächst noch eher selten durchgeführt wurden, ab dem Jahr 2000 jedoch sprunghaft anstiegen und im Jahr 2004 mit über 13.000 Organtransplantationen ihren ersten Höhepunkt erreichten. Zwischen Januar 2001 und Oktober 2003 erhielten bereits 45 Patienten in fünf verschiedenen Krankenhäuser Lebertransplantationen von Lebendspendern. Ärzte des Krankenhauses Xijing der Vierten Militärmedizinischen Universität dokumentierten 2002 drei Fälle von Lebertransplantationen mit Lebendspenderorganen. Chinesische Medien berichteten 2002, dass Zheng Wei an der Universität Zhejiang der 34-jährigen Tang Fangfang einen vollständigen Eierstock von deren Schwester transplantiert habe. 2003 kam es zum Hirntod eines Patienten, der dadurch verursacht wurde, dass bei ihm die Beatmung abgestellt worden war. Nach Bekanntwerden dieses Vorfalls kam es im Bereich der Medizinethik und der Transplantationsgesetzgebung zu Veränderungen, wodurch es möglich wurde, die erste erfolgreiche Organtransplantation mit Organen eines Hirntodpatienten durchzuführen. Zwischen Oktober 2003 und Juli 2006 führte das West China Hospital im Universitätsklinikum der Universität Sichuan alleine bereits 52 Lebertransplantationen von Lebendspendern durch. Im Oktober 2004 wurden am Transplantationszentrum des Universitätsklinikums der Universität Peking zwei Lebertransplantationen von Lebendspendern mit komplexer Blutgefäßanatomie durchgeführt. Das Militärkrankenhaus Xijing nahm im April 2006 bei Li Guoxing eine Gesichtstransplantation vor, bei der Wange, Oberlippe und Nase wiederhergestellt wurden. Diese waren von einem Kragenbären verstümmelt worden, als Li seine Schafherde beschützen wollte. Im Militärkrankenhaus in Guangzhou wurde im September 2006 die erste erfolgreiche Penistransplantation durchgeführt. Dem 44-jährigen Patienten wurde der Penis von einem hirntoten 22-Jährigen transplantiert. Die Operation verlief zwar erfolgreich, musste jedoch 15 Tage später wieder rückgängig gemacht werden, da sowohl der Patient als auch dessen Ehefrau durch den Eingriff ein psychologisches Trauma erlitten hatten. Der für die Durchführung der weltweit ersten Gesichtstransplantation bekannt gewordene Jean-Michel Dubernard bemerkte zu diesem Vorfall, dass dieser viele Fragen aufwerfe und von einigen Seiten kritisiert werde. Zudem wies er auf die vorherrschende Doppelmoral hin: „Ich kann mir nicht vorstellen, welche Reaktionen es vom Ärztestand, von Ethikexperten und von den Medien gegeben hätte, wenn ein europäisches Operationsteam denselben Eingriff durchgeführt hätte.“
Wie das Internationale Komitee des Roten Kreuzes berichtete, konnten durch Chinas Etablierung eines Transplantationsprogramms, zahlreiche Leben gerettet werden, auch wenn es zu einigen Todesfällen aufgrund von Infektionen und Hepatitiserkrankungen gekommen war. Obwohl die Organtransplantationen im Jahre 2005 nach offiziellen Angaben unter 11.000 sanken, besitzt China immer noch eines der größten Transplantationsprogramme weltweit. Darüber hinaus ist China auch im Bereich fortschrittlicher Chirurgie tätig, wie beispielsweise der ersten Gesichtstransplantation einschließlich Muskeln und Knochen, die von Professor Guo Shuzhong ausgeführt wurde. Gleichzeitig führte die Entwicklung des Immunsuppressivums Cyclosporin A, das in der Lage war, die Abstoßungsreaktion des Körpers wesentlich besser zu unterdrücken, dazu, dass Organtransplantate für mehr Personen verwendbar wurden.
In Bezug auf freiwillige Organspenden herrscht in der chinesischen Bevölkerung immer noch starke Zurückhaltung, da dies nicht den traditionellen und kulturellen Werten Chinas entspricht. Darin werden Nieren und Herzen eine symbolische Lebenskraft zugeschrieben, und der Leichnam des Verstorbenen soll unversehrt bestattet werden. Organhandel ist laut chinesischem Gesetz offiziell verboten. Berichte über den Verkauf der Organe von hingerichteten Straftätern in China tauchten seit den 1980er Jahren auf. 1984 legalisierte China schließlich die Organentnahme bei verurteilten Straftätern, wenn die Familie die Einwilligung dazu gibt oder kein Anspruch auf die Leiche erhoben wird.
Organraub Obwohl nach chinesischem Gesetz unfreiwillige Organentnahmen verboten sind, wurde 1984 eine Verordnung verabschiedet, welche die Organentnahme bei hingerichteten Straftätern legalisierte, falls der Straftäter selbst oder dessen Angehörige das Einverständnis zur Organentnahme geben würden. Die Verwendung der Organe von hingerichteten Straftätern löste auf internationaler Ebene zunehmende Bedenken bezüglich eines möglichen ethischen Missbrauchs von Einverständniserklärungen unter Zwang und Einflussnahme aus, sodass diese Praktik Anfang der 1990er-Jahre von Medizinern und Menschenrechtsorganisationen verurteilt wurde. Als 2001 ein um Asyl ansuchender chinesischer Chirurg aussagte, selbst an Organentnahmen beteiligt gewesen zu sein, wurden die früher vorgebrachten Einwände wieder aktuell.
2006 tauchten Vorwürfe auf, dass eine große Anzahl Falun-Gong-Praktizierender wegen ihrer Organe getötet wurden, um den Transplantationsmarkt Chinas mit Organen zu versorgen. Eine erste Untersuchung durch den kanadischen Menschenrechtsanwalt David Matas und den ehemaligen Bundesstaatsanwalt und kanadischen Staatssekretär David Kilgour ergab, dass die Herkunft von 41.500 Organen in den Jahren zwischen 2002 und 2005 nicht benannt werden konnten. Die Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass es „in großem Stil zu unfreiwilligen Organentnahmen bei Falun-Gong-Praktizierenden gekommen ist und dies immer noch geschieht“. Eine weitere Untersuchung durch den China-Analytiker und Investigativjournalisten Ethan Gutmann führte bereits 2008 zu ähnlichen Ergebnissen und wurde 2014 in Buchform veröffentlicht. Gutmann schätzt, dass ca. 64.000 Falun-Gong-Praktizierende zwischen 2002 und 2008 wegen ihrer Organe getötet wurden.
Zum Tode verurteilte Gefangene als Organquellen
Anfang der 1970er Jahre begann China seine Organtransplantationen mit Organen von hingerichteten Häftlingen durchzuführen. Es wurden zwar auch andere Quellen ausprobiert, wie beispielsweise Lebendorgane von hirntoten Patienten, doch gab es dafür keine gesetzlichen Regelungen, was diesen Bereich als Organquelle einschränkte. Deshalb sagte Doktor Klaus Chen im Jahre 2007, dass die vorherrschende Organquelle immer noch die hingerichteten Häftlinge seien.
Der stellvertretende Gesundheitsminister Chinas Huang Jiefu bestätigte im Dezember 2005, dass die Praktik der Organentnahme bei hingerichteten Straftätern weit verbreitet ist. 2007 wurden Verordnungen erlassen, die den kommerziellen Handel von Organen verbieten. Der Chinesische Ärzteverband kam darin überein, die Organe von Gefängnisinsassen nicht mehr für Transplantationen zu verwenden, außer für direkte Angehörige des Verstorbenen. Im Jahre 2008 wurde in Schanghai ein Verzeichnis für Lebertransplantate etabliert, einhergehend mit einem landesweiten Plan, in den Führerschein von freiwilligen Organspendern die betreffenden Informationen zu vermerken.
Trotz dieser Initiativen berichtete im August 2009 China Daily, dass ca. 65 % der transplantierten Organe immer noch von Insassen des Todestraktes stammen würden. Die verurteilten Straftäter wurden jedoch von Huang Jiefu als „ungeeignete Quelle für Organtransplantate“ bezeichnet. 2013 änderte Huang Jiefu seine Sichtweise in Bezug auf die Verwendung der Organe von Gefangenen erneut und stimmte Organspenden von Todeskandidaten zu, die in das neue computerbasierte Verteilungssystem aufgenommen werden sollten. 2014 veröffentlichte Huang Jiefu, dass ab Januar 2015 keine Organe von hingerichteten Gefangenen mehr verwendet werden sollen. Gosteli Hauser von Amnesty International stellte im Oktober 2015 fest, dass Organentnahmen bei Hingerichteten in China immer noch nicht gesetzlich verboten seien. Und nach dem Medizinethiker Norbert Paul und dem Pharmakologen Huige Li klingen Huangs Äußerungen nicht nach einem Ende der Organentnahme bei Hingerichteten.
Weltärztebund Bereits 1985 verurteilte der Weltärztebund in Brüssel den Handel mit menschlichen Organen wegen der Besorgnis, dass ärmere Länder den Mangel an ausreichenden Spenderorganen in wohlhabenden Ländern nutzen könnten, um einen lukrativen Organhandel mit reicheren Ländern aufzubauen. 1987 und 1994 wiederholte der Weltärztebund in Stockholm seine Bedenken und die Verurteilung eines An- und Verkaufs menschlicher Organe.
Ebenfalls 1987 verurteilte der Weltärztebund in Madrid die Praxis, Organe von exekutierten Häftlingen zu verwenden, da es im Grunde nicht möglich sei, herauszufinden, ob Gefangene ihr Einverständnis zur Organspende freiwillig gegeben haben. International wachsenden Bedenken führten schließlich dazu, dass sich in den 1990er Jahren auch medizinische Berufsverbände und Menschenrechtsorganisationen der Verurteilung dieser Praxis anschlossen und die Art und Weise der Organbeschaffung infrage stellten.
Im Mai 2006 verurteilte der Weltärztebund auf seiner Ratsversammlung in Divonne-les-Bains, Frankreich, erneut die Praxis der Organverwendung von Häftlingen und forderte die chinesische Ärztekammer auf, sicherzustellen, dass keine chinesischen Ärzte in die Entnahme von Transplantationsorganen von hingerichteten chinesischen Häftlingen verwickelt werden. Der Weltärztebund verabschiedete gleichzeitig eine Resolution, welche die Wichtigkeit der freien und aufgeklärten Wahl einer Organspende hervorhob. Die Resolution wiederholte damit eine frühere Richtlinie, die Häftlinge als nicht in der Position betrachtet, eine freie Entscheidung treffen zu können, und deren Organe deshalb nicht für Organtransplantationen verwendet werden dürfen.
Weltgesundheitsorganisation