Grundformen der Angst ist eine tiefenpsychologische Studie des Psychoanalytikers Fritz Riemann, die erstmals im Jahr 1961 unter dem Titel Grundformen der Angst und die Antinomien des Lebens erschien. In dem Werk werden vier verschiedene Typen der Persönlichkeit charakterisiert und ihre jeweiligen Ängste und Verhaltensweisen sowie deren Ursachen thematisiert. Riemann unterscheidet schizoide, depressive, zwanghafte und hysterische Strukturen der Persönlichkeit.

Das Buch, durchgehend im Ernst-Reinhardt-Verlag veröffentlicht, ist im August 2026 in 48. Auflage erschienen und wurde allein bis 2026 mehr als 1.000.000 Mal verkauft. Die zweite Hälfte des ursprünglichen Titels ist zwischenzeitlich verändert und schließlich ganz aufgegeben worden.

Inhalt Als Schüler Schultz-Henckes entwickelte Riemann in seiner Studie eine Persönlichkeitstypologie, mit der er seine Vorstellung von den verschiedenen Persönlichkeitsstrukturen der Menschen darlegte, wie sie viele Jahre später und in abgewandelter Form mit dem psychodynamischen Diagnoseinstrument der OPD von Rudolf und anderen systematisch erfasst werden sollten. Dabei widmete Riemann den vier idealtypisch beschriebenen Strukturen jeweils ein eigenes Kapitel. Jedes Kapitel ist untergliedert in fünf Unterkapitel, die sich ausführlich mit den Aspekten der Liebe, der Aggression, des lebensgeschichtlichen Hintergrundes, mit Beispielen für die jeweilige Erlebnisweise sowie ergänzenden Betrachtungen beschäftigen. Dafür griff Riemann auf theoretische Kenntnis und Erfahrungswissen zurück, das er in seiner Praxis als analytischer Psychotherapeut zusammentrug. Jeder Persönlichkeitstyp wird im Kontext beschrieben und in Kontrast zu den anderen Typen gesetzt.

Da Riemann in der Lage war, komplizierte Sachverhalte einfach und verständlich zu vermitteln, fand sein Buch Anklang unter interessierten Laien und trug auf diese Weise zu einer Verbreitung psychoanalytischer Erkenntnis, doch zugleich auch zu einer Entwidmung psychoanalytischer Fachsprache bei. Damit verbunden ist das Risiko von Missverständnissen, indem beispielsweise der Begriff schizoid fälschlich in die Nähe der Schizophrenie und der schizoiden Persönlichkeitsstörung gerückt oder gar als Synonym verwendet wird, obwohl Begriffe, die eine Persönlichkeitsstruktur näher bezeichnen, nichts mit Krankheitsbildern gemein haben. So sind auch depressive Persönlichkeiten nicht Träger von Symptomen einer depressiven Erkrankung.

In seiner Einleitung schickte Riemann einige allgemeine Bemerkungen über die menschliche Angst voraus:

Darüber hinaus werden in der Einleitung die vier Grundformen der Angst in einer ersten Annäherung vorgestellt: Die Angst vor Hingabe, wie sie sich bevorzugt bei schizoiden Persönlichkeiten findet, die Angst vor Eigenständigkeit und Selbstbestimmung, wie sie bevorzugt bei depressiven Persönlichkeiten auftaucht, die Angst vor Veränderung und Vergänglichkeit, wie sie bevorzugt bei zwanghaften Persönlichkeiten anzutreffen ist und die Angst vor Endgültigkeit und Unabänderlichkeit, wie sie bevorzugt hysterische Persönlichkeiten umtreibt. „Alle möglichen Ängste sind letztlich immer Varianten dieser vier Grundängste“, so Riemann.Fritz Riemann: Grundformen der Angst. 1975, S. 15. Die Komplexität des innerseelischen Geschehens deutet sich mit seinem Hinweis an, dass Menschen nicht nur meiden, wovor sie sich fürchten, sondern es zugleich auch erstreben. All das würde sich „paarweise ergänzen und widersprechen“.Fritz Riemann: Grundformen der Angst. 1975, S. 15. Mit schizoider Struktur werde aus Angst, sich selbst zu verlieren, der Kontakt zu den Mitmenschen vermieden; wer als ihrem Gegenspieler eine depressive Struktur entwickelt habe, verbleibe aus Angst vor Trennung und Einsamkeit in Abhängigkeiten. Mit zwanghafter Struktur und der darin begründeten Angst vor Wandel und Vergänglichkeit werde beharrlich am Gewohnten festgehalten und mit ihrem Gegenspieler einer hysterischer Struktur sei der Willkür Tür und Tor geöffnet, um „die Angst vor der Notwendigkeit und Endgültigkeit zu vermeiden“.Fritz Riemann: Grundformen der Angst. 1975, S. 204.

Schlussendlich werden die potentiell entwicklungsfördernden Aspekte der Angst betont und ihrer Vermeidung eine Absage erteilt, denn sie erhält die Angst aufrecht.

Auch wenn Riemann sein Erfahrungswissen bevorzugt aus den Krankengeschichten seiner Patienten bezog, hat er mit diesem Buch keine Krankheitslehre vorgelegt und versah dementsprechend seine Mitteilungen zu den vier Typen mit Titeln, die auf Persönlichkeit und nicht auf Krankheit fokussieren.

Schizoide Persönlichkeiten Die Hauptangst eines Menschen mit einer schizoiden Persönlichkeitsstruktur sei, so Riemann, die Angst vor der Hingabe.Fritz Riemann: Grundformen der Angst. 1975, S. 20 ff. Sie sei verknüpft mit dem Impuls zur „Selbstbewahrung und Ich-Abgrenzung“.Fritz Riemann: Grundformen der Angst. 1975, S. 20. Angst und Impuls würden „überwertig“, wenn das Schizoide sich in einer Weise entwickelt habe, dass es die Persönlichkeit beherrsche. Menschen mit einer solchen Struktur mieden Nähe und Bindung an andere Menschen, seien ichbezogen und strebten nach Individuation und größtmöglicher Unabhängigkeit bis hin zur Autarkie:

Auf ihre Mitmenschen wirkten schizoide Persönlichkeiten „fern, kühl, distanziert, schwer ansprechbar, unpersönlich bis kalt“.Fritz Riemann: Grundformen der Angst. 1975, S. 21. Sie würden oft „seltsam, absonderlich, in ihren Reaktionen unverständlich oder befremdend“ erscheinen und selbst, wer sie lange kenne, werde immer aufs Neue überrascht. Ihr Verhalten habe Folgen, auch für sie selbst. Weil sie dem Kontakt mit anderen Menschen aus dem Weg gingen, lernten sie nicht, ihre Mitmenschen einzuschätzen, und deshalb blieben sie ihnen fremd. Zuneigung und Sympathie, in der Regel beziehungsstiftend, erlebten sie als bedrohlich und ihre Integrität gefährdend.

Liebe sei für schizoide Persönlichkeiten insofern besonders heikel, als sich hier ihre ganze „Unbeholfenheit und Unerfahrenheit in Gefühlsdingen“ offenbare.Fritz Riemann: Grundformen der Angst. 1975, S. 25. Sie gestalteten ihre Partnerschaften eher rational und kühl und seien auf Partner angewiesen, die das ertrügen oder selbst wünschten. Sexualität werde instrumentalisiert und weitgehend versachlicht. Häufig ließen sie sich „nur auf unverbindliche, leicht zu lösende, oder auf rein sexuelle Beziehungen“ ein.

Aggression spiele eine besondere Rolle. Angriffe, egal ob tatsächliche oder vermeintliche, würden stets als die „gesamte Existenz gefährdend“ erlebt.Fritz Riemann: Grundformen der Angst. 1975, S. 32. Schizoiden Persönlichkeiten stehe in der Regel keine sonst übliche Bandbreite aggressiver Reaktionen zur Verfügung. Stattdessen antworteten sie mit archaischer Wut, reagierten sofort und sorgten rücksichtslos für Entlastung des eigenen Befindens. Zugleich stelle Aggression für sie die fast einzige Möglichkeit dar, im Sinne eines aggredī (sich zubewegen auf) Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen.

Für die Entstehungsgeschichte seien konstitutionelle Faktoren anzunehmen, die der Herausbildung einer schizoiden Persönlichkeit mit ihren Strukturmerkmalen entgegenkämen. Sie würden in einer besonderen Sensibilität und Verwundbarkeit gesucht. Daneben habe sich gezeigt, dass diesen Menschen in der frühen Zeit ihrer Entwicklung während des ersten Lebensjahres nicht der Schutz – und hier besonders auch Reizschutz – gewährt worden sei, dessen sie bedurft hätten. Daneben habe es an Geborgenheit und liebevoller Begleitung gemangelt, so dass sie sich nicht hätten aufgehoben fühlen können.Fritz Riemann: Grundformen der Angst. 1975, S. 34 ff.

Als Beispiel dient die Geschichte eines erwachsenen Musikers aus der Praxis des Autors.Fritz Riemann: Grundformen der Angst. 1975, S. 41 ff. In den abschließenden Betrachtungen wird auf den großen „Unterschied des Reifegrades“ zwischen Verstand und Gefühl und zwischen Rationalität und Emotionalität hingewiesen, der für diese Persönlichkeiten charakteristisch sei.Fritz Riemann: Grundformen der Angst. 1975, S. 47 ff. Daneben beschreibt Riemann, wie sich aus dieser Struktur Erkrankungen entwickeln könnten und welche Besonderheiten sie aufwiesen. Am Schluss werden die „positiven Seiten schizoider Menschen“ zusammengetragen, die sich beispielsweise in „souveräner Selbständigkeit und Unabhängigkeit, im Mut zu sich selbst, zur Autonomie des Individuums“, aber auch in einer „scharfe[n] Beobachtungsgabe“ und einem „kritisch-unbestechliche[n] Blick für Tatsachen“ zeigten.Fritz Riemann: Grundformen der Angst. 1975, S. 57. Diese Menschen prüften, ehe sie etwas übernähmen und verträten ihre Positionen unsentimental, „klar und kompromißlos“.

Depressive Persönlichkeiten Gegenspieler der schizoiden Struktur sind nach Riemann depressive Persönlichkeiten.Fritz Riemann: Grundformen der Angst. 1975, S. 59 ff. Ihre Hauptangst ist, selbständig zu werden – Riemann nannte es unter anderem Ich-Werdung – und damit verbunden die Angst vor dem Verlust von Geborgenheit. Eigenständigkeit zu erwerben, setzt einen Entwicklungsschritt voraus, der mit Trennung verbunden ist, und diese Trennung vermeiden Menschen mit einer depressiven Persönlichkeitsstruktur. Der damit verknüpfte Impuls strebt danach, das eigene Ich aufzugeben und ganz im Anderen aufzugehen. Er wird gebraucht, um sich sicher fühlen zu können. Ein Mensch mit depressiver Struktur versucht, der Angst dadurch zu entkommen, dass er sich in Abhängigkeit begibt und auf Freiheit verzichtet, die er auch seinem Gegenüber nicht zugestehen kann.

Sich zu unterscheiden, anders zu denken und zu fühlen mobilisiert Angst, weil es als Entfernung und Entfremdung erlebt wird, sodass diese Menschen bemüht sind, alles sie Unterscheidende aufzugeben und sich anzupassen.Fritz Riemann: Grundformen der Angst. 1975, S. 61. Abhängigkeit gibt ihnen Sicherheit, jedoch um den Preis einer gesteigerten Verlustangst. Weil sie sich nicht nehmen können, was sie brauchen, entwickeln sie eine passive Erwartungshaltung und reagieren enttäuscht, wenn ihre Wünsche nicht erfüllt werden. Vorwürfe können sie nicht ertragen, und deshalb breiten sich zahlreiche altruistische Tugenden aus, von denen einige benannt werden: Bescheidenheit, Verzichtsbereitschaft, Friedfertigkeit, Selbstlosigkeit, Mitgefühl, Mitleid und vieles mehr.Fritz Riemann: Grundformen der Angst. 1975, S. 62. Weil sie sich für Andere aufreiben, geraten sie schnell in einen Zustand der Überforderung und Erschöpfung.

Die Liebe ist depressiven Persönlichkeiten „das Wichtigste im Leben“, und zugleich liegen hier ihre „größten Gefährdungen“. Für die mit einer Partnerschaft verbundenen Krisen haben sie keine Toleranzen und über die allfälligen Anlässe für partnerschaftliche Konflikte hinaus stehen sie immer wieder vor ihrer quälenden Verlustangst, wenn sich der Partner „aus der zu engen Umklammerung zu befreien versucht“.Fritz Riemann: Grundformen der Angst. 1975, S. 67. Sexualität ist ihnen weniger wichtig als Zuneigung und Zärtlichkeit.Fritz Riemann: Grundformen der Angst. 1975, S. 70.

Der Umgang mit Aggression stellt für depressive Persönlichkeiten ein ernsthaftes Problem dar. Sich behaupten und durchsetzen würde bedeuten, „den Ast abzusägen“, auf dem sie sitzen, so Riemann.Fritz Riemann: Grundformen der Angst. 1975, S. 70. Diese Menschen neigen dazu, aggressive Situationen umzudeuten und zu verharmlosen und eigene Impulse zu unterdrücken. Kränkungen und andere Verletzungen kompensieren sie mit einem Gefühl moralischer Überlegenheit, die zugleich eine „sublime Form der Aggression ist“,Fritz Riemann: Grundformen der Angst. 1975, S. 71. weil sie das Gegenüber in Schuldgefühlen gefangen hält.