Bruno Mendel (geboren am 3. November 1897 in Essen an der Ruhr; gestorben am 23. August 1959 in Bussum, Provinz Noord-Holland, Niederlande) war ein deutsch-kanadischer Mediziner, Biochemiker und Pharmazeut.Wilhelm Siegmund Feldberg: Bruno Mendel, 1897–1959. In: Biographical Memoirs of Fellows of the Royal Society, 1. November 1960W. S. Feldberg: Mendel, Bruno. In: Biographical Memoirs of the Fellows of the Royal Society Vol. 6 (1960), S. 191–200
Familie Er war das erstgeborene Kind und der Sohn des wissenschaftlich forschenden und publizierenden Allgemeinmediziners und Sanitätsrates Friedrich „Felix“ Mendel (geboren 2. März 1862 in Essen an der Ruhr; gestorben 19. Dezember 1925 ebenda) und dessen Ehefrau Margaretha Elsa Goldstec (geboren am 30. November 1875 in Dambritsch, Landkreis Militsch, Provinz Schlesien).Heiratsurkunde Nr. 20 vom 14. Januar 1897, Standesamt 3 Hamburg Er hatte eine jüngere Schwester, Hanna (geboren am 18. Mai 1900 in Essen; gestorben am 24. September 1972 in London).Felix Mendel (19.12.1925). In: Epidat, Epigraphische Datenbank des Salomon Ludwig Steinheim-Instituts für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen
Sein Vater war Vorstand der Jüdischen Gemeinde Essens, vertrat diese im jüdischen Landesverband und engagierte sich für das Wohlfahrtswesen der Stadt Essen.Joseph Walk (Hrsg.): Kurzbiographien zur Geschichte der Juden 1918–1945. Hrsg. vom Leo Baeck Institute, Jerusalem. Saur, München 1988, ISBN 3-598-10477-4, S. 262Verzeichnis der Mitglieder der Synagogengemeinde Essen (1910). In: Hermann Schröter: Geschichte und Schicksal der Essener Juden. Druck-Partner, Essen 1980, , S. 297–317, 624, 658 (Zitatstelle S. 312)
mini|Hochzeitsfoto vom 7. April 1921: links das Hochzeitspaar Hertha und Bruno Mendel, rechts die Brauteltern Antonie „Toni“ und Albert Mendel mini|Bruno Mendels Ehefrau Hertha Mendel, 1943 Aus der am 7. April 1921 in Berlin geschlossenen Ehe von Bruno Mendel mit seiner Cousine 1. Grades, Hertha Mendel (geboren am 26. April 1899 in Berlin; gestorben am 26. Oktober 1977 in Bussum, Niederlande),Geburtsurkunde für Hertha Mendel, Nr. 537/1899, Standesamt Berlin IIIBeurkundete Eheschließung Nr. 13/1921, 7. April 1921, Standesamt Berlin-Wannsee gingen drei Kinder hervor, Gerald „Gerry“ Albert (geboren am 31. Mai 1922 in Berlin; gestorben am 5. Januar 2014 in Ottawa, Ontario, Kanada),Elizabeth Ellis marries Mr. Gerald Albert Mendel. In: The Ottawa Journal, 24. Dezember 1951, S. 13Gerald Mendel. In: Ottawa Citizen, 10. Mai 2014; remembering.ca Ruth (geboren 2. Juli 1924 in Berlin; gestorben 10. April 2008 in Santa Clara, Kalifornien, USA) und Anita. Jüdisches Museum Augsburg Schwaben; jkmas.deRalph Dreike. legacy.comJosef Eisinger: Flucht und Zuflucht – Erinnerungen an eine bewegte Jugend (PDF; 12 MB). Hrsg. v. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. Wien 2019, ISBN 978-3-901142-74-1, S. 118–152, 239Harold A. Skaarup: Out of Darkness-Light – A History of Canadian Military Intelligence. iUniverse 2005, ISBN 978-0-595-80382-8, S. 309
Die Eltern von Bruno Mendels Ehefrau Hertha waren der wohlhabende Kaufmann und Mitinhaber eines Bekleidungshauses Albert Mendel (geboren 21. November 1866 in Essen; gestorben 10. Oktober 1922 in Berlin) und dessen Ehefrau Antonie „Toni“, geborene Meyer († 1956 in Oakville, Ontario, Kanada).
Albert Mendel hatte sich zusammen mit seinen Geschäftspartnern Karl und Josef Fischbein auf Kinderkonfektion spezialisiert, später auf Damenkonfektion. Ihr Bekleidungshaus, die Confektionsgesellschaft Fischbein & Mendel, dessen von Architekt Hans Bernoulli, Alfred Messel und Louis Rinkel (1855–1929) geplantes und 1909 errichtetes Gebäude im Stil des Deutschen Werkbundes mit Bronzearbeiten von Alex Müller erhalten ist und unter Denkmalschutz steht, befand sich in der Lindenstraße 44–47 (heute: Axel-Springer-Straße 44) in Berlin-Kreuzberg unmittelbar neben der dortigen liberalen Synagoge Lindenstraße. Nur wenige Jahre nach Fertigstellung des Bekleidungshauses ließen die Bauherren durch Bernoulli ein weiteres Geschäftshaus in der Lindenstraße 51–53 errichten,Zeitgenössische Fotos der Kaufhäuser Fischbein & Mendel in der Lindenstraße 44–47 und der Lindenstraße 51–53, dazwischen die Synagoge Lindenstraße 48–50. stadtbild-deutschland.org das jedoch während des Zweiten Weltkriegs durch Luftangriffe der Alliierten auf Berlin zerstört wurde. Landesdenkmalamt Berlin, Denkmaldatenbank, Objekt-Nr. 09031116.Karl-Heinz Hüter: Architektur in Berlin 1900–1933. Kohlhammer, Stuttgart 1988, ISBN 3-17-009732-6, S. 71Klaus Konrad Weber: Hans Bernoulli in Berlin. In: Karl und Maya Nägelin-Gschwind (Hrsg.): Hans Bernoulli – Architekt und Städtebauer. Mit einem Geleitwort von Mario Botta. Birkhäuser, Basel / Boston / Berlin 1993, ISBN 3-7643-2829-0, S. 22, 27–28, 136 ff.Georg Dehio: Dehio – Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler Berlin. Hrsg. v. d. Dehio Vereinigung e. V. Deutscher Kunst-Verlag, Berlin 2006, ISBN 978-3-422-03111-1, S. 311
Albert Mendel und „Toni“ Mendel beauftragten zwischen 1912 und 1914 den Architekten Walter Gropius damit, ihre Stadtwohnung am Berliner Lützowplatz nach und nach einzurichten.
Ihre etwa 1912 erworbene Villa in Berlin-Nicolassee (übliche Schreibweise bis ca. 1930) auf dem Anwesen Friedrich-Karl-Straße 18 (umbenannt ab 1933: Am Sandwerder 37 und Am Sandwerder 39) ließ er 1920/21 durch den inzwischen am Bauhaus wirkenden Gropius komplett umbauen und modernisieren, dabei entstand beispielsweise eine eindrucksvolle expressionistische Treppenhalle.Henrik Schnedler: Unbekannte Innenräume von Walter Gropius. In: Norbert Huse (Hrsg.): Verloren – gefährdet – geschützt. Argon-Verlag, Berlin 1989, ISBN 3-87024-131-4, S. 292–303Rainer Pohl: Haus Mendell, Am Sandwerder 37, Wannsee. In: Reparieren, Renovieren, Restaurieren – Vorbildliche Denkmalpflege in Berlin. Hrsg. v. Landesdenkmalamt Berlin, Wiederspahn, Wiesbaden 1998, S. 52 ff. Denkmale in Berlin – Bezirk Steglitz-Zehlendorf, Ortsteil Wannsee (= Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland). Hrsg. v. Landesdenkmalamt Berlin, Michael Imhof-Verlag, Petersberg 2013, ISBN 978-3-86568-931-3, S. 139 f. Albert Mendel verstarb jedoch unerwartet kurz nach der Fertigstellung. Seine Witwe „Toni“ Mendel beauftragte Gropius damit, die unkonventionelle Grabstätte Albert Mendels zu gestalten, die sich auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee befindet. Ihre Gestaltung zitiert Details der Innenraumgestaltung der Villa Mendel.Moderne Asymmetrie aus Weimar. berliner-grabmale-retten.deRundgang. jewish-cemetery-weissensee.org Die Werkstücke für die Grabstätte wurden in Weimar unter Mitwirkung des Leiters der Bildhauerwerkstatt des Staatlichen Bauhauses Josef Hartwig angefertigt, per Zug nach Berlin gebracht und vor Ort 1923 aufgebaut. Anfang der 1980er Jahre von Hartmut Probst wiederentdeckt, wurde das Grabmal Anfang der 1990er Jahre im Rahmen einer Benefizaktion des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker und Daniel Barenboim erstmals restauriert.Grabstätte Albert Mendel, Jüdischer Friedhof Weißensee, Berlin. nedelykov-moreira.com
Insbesondere „Toni“ Mendel, Bruno Mendels Tante und Schwiegermutter, war sehr eng mit dem Physiker Albert Einstein befreundet, der sie ab etwa Anfang der 1920er Jahre häufig in deren Villa in der Friedrich-Karl-Straße 18 (ab 1933: Am Sandwerder 37) in Berlin-Nikolassee aufsuchte, Landesdenkmalamt Berlin, Denkmaldatenbank, Objekt-Nr. 09075518. ebenso der Physiker Leopold Infeld.Barbara Kobek: Die Villa »Am Sandwerder 5« – Literarisches Colloquium Berlin. In: Zehlendorf – Altes und Neues von Menschen, Landschaften und Bauwerken (Jahrbuch 1999). Hrsg. v. Heimatverein für den Bezirk Zehlendorf (1886) e. V. und dem Bezirksamt Zehlendorf von Berlin. Verlag Presse Peterburs, Berlin 1999, S. 134 f.
Das Ehepaar Albert und „Toni“ Mendel hatte Elsa und Albert Einstein über den pazifistischen Bund Neues Vaterland kennengelernt, dem sie angehörten. „Toni“ Mendel ließ Albert Einstein ab 1929 in Caputh bei Potsdam von ihrem Chauffeur zu gemeinsamen Konzert- oder Theaterbesuchen abholen, sie ging mit ihm auch regelmäßig auf dem Wannsee segeln. Elsa Einstein stand diesen Vergnügungen ihres Mannes mit „Toni“ Mendel teils skeptisch gegenüber.
Die Familie Mendel war musisch interessiert und begabt, das Ehepaar Bruno und Hertha Mendel trug beispielsweise als Hausmusik Sonaten von Wolfgang Amadeus Mozart vor. Die mit unzähligen Büchern, Kunstwerken und Musikinstrumenten angefüllte Villa Mendel war daher ein gesellschaftlicher Treffpunkt für Künstler und Wissenschaftler. Auf dem Grundstück befand sich auch das Labor Bruno Mendels, das Albert Einstein häufig aufsuchte.
1928/29 ließen sich Hertha und Bruno Mendel durch den Architekten Heinrich Schweitzer auf dem Grundstück von „Toni“ Mendel eine eigene Villa im Stil der Neuen Sachlichkeit errichten und zogen nach deren Fertigstellung mit ihren drei Kindern aus der alten Villa Mendel in die neue unter derselben Adresse Friedrich-Karl-Straße 18 (ab 1933: alte Villa Mendel: Am Sandwerder 37, neue Villa Mendel: Am Sandwerder 39). Landesdenkmalamt Berlin, Denkmaldatenbank, Objekt-Nr. 09075519. Beide stehen heute unter Denkmalschutz.Julius Posener: Berlin auf dem Weg zu einer neuen Architektur. Prestel, München 1995, ISBN 3-7913-1476-9, S. 631Angelika Kaltenbach: Denkmalgerechte Instandsetzungen in Wannsee in Denkmalschutz und Denkmalpflege. Berlin 2001, S. 89 f.Denkmale in Berlin – Bezirk Steglitz-Zehlendorf, Ortsteil Wannsee (= Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland). Hrsg. v. Landesdenkmalamt Berlin, Michael Imhof-Verlag, Petersberg 2013, ISBN 978-3-86568-931-3, S. 141
Im Zuge der erlassenen Verordnung zur Neugestaltung der Reichshauptstadt Berlin vom 5. November 1937 sollte „Toni“ Mendels Anwesen dem geplanten Internationalen Forstinstitut übertragen werden;Reichsministerialblatt – Zentralblatt für das Deutsche Reich (RMBliV.), Band 68, hrsg. v. Reichsministerium des Innern. Carl Heymanns Verlag, Berlin 1940, S. 251: Reichsgesetzblatt I, S. 1162, Achtzigste Anordnung vom 26. Juli 1940, Reichsministerialblatt S. 196: „[…] Als Bereich im Sinne des § 1 Abs. 2 des Gesetzes über die Neugestaltung deutscher Städte vom 4. Oktober 1937 gelten die im Verwaltungsbezirk Zehlendorf gelegenen Grundstücke: Berlin-Wannsee, Am Sandwerder 33 bis 41 (ungerade Zahlen), […]“ möglicherweise wären die Villen der davon betroffenen Grundstücke Am Sandwerder 33 bis 41 (nur ungerade Hausnummern) für NS-Neubauten abgerissen worden, hätte der weitere Kriegsverlauf diese Planungen des Generalbauinspektors für die Reichshauptstadt (G.B.I.), Albert Speer, nicht zunichtegemacht.
Die Mendels stellten Einstein den ihnen persönlich bekannten Philosophen Rabindranath Tagore vor. Bruno Mendel organisierte in der Folge zwei Diskussionsveranstaltungen mit den beiden Geistesgrößen in Caputh, so z. B. am 14. Juli 1930 und im August desselben Jahres.Rabindranath Tagore: The Religion of Man. George Allen and Unwin, London 1931, Fifth Impression 1958, Appendix II: Note on the Nature of Reality, S. 222–225Anthony Sudbery: Einstein and Tagore, Newton and Blake, Everett and Bohr – The dual nature of reality (PDF; 2,1 MB) S. 3–5, philsci-archive.pitt.eduSitansu Ray: The Tagore-Einstein Conversations – Reality and the Human World, Causality and Chance. In: Tymieniecka AT (Hrsg.): Heaven, Earth, and In-Between in the Harmony of Life (= Analecta Husserliana, The Yearbook of Phenomenological Research, Vol. 47). Springer-Verlag, Dordrecht 1995, ISBN 978-94-010-4110-2 Am 24. September 1931 trug sich „Toni“ Mendel in Caputh in Einsteins Gästebuch ein: „Heute ham mir keine Händl, Ob ich gleich die Toni Mendel“. einstein-website.de