1969 und 1970 gelangte die Schweiz unvermittelt ins Visier von palästinensischen Terroristen.Edgar Schuler: Heikler Deal mit Terroristen in Tages-Anzeiger vom 21. Januar 2016. Drei Anschläge auf den Schweizer Luftverkehr erschütterten das Land. Bei den Anschlägen der palästinensischen Terroristen verloren insgesamt 51 Menschen, darunter ein Terrorist, das Leben. Zwei Flugzeuge der Swissair wurden dabei zerstört.

18. Februar 1969: Attentat auf dem Flughafen Zürich-Kloten

Am 18. Februar 1969 eröffneten vier Fatah-Attentäter auf dem Flughafen Zürich das Feuer auf ein Flugzeug der israelischen Fluggesellschaft El Al. Der Copilot starb im Kugelhagel. Der israelische Sicherheitsmann Mordechai Rachamim erschoss einen der vier Attentäter.Marcel Gyr: Arabischer Terror in der Schweiz (2/4): Mit der Royal Air Force in die Freiheit in Neue Zürcher Zeitung vom 29. Dezember 2014.

21. Februar 1970: Bombenattentat auf Swissair-Flug 330 mini|SR330: Baugleiche Convair 990A

Am 21. Februar 1970 stürzte der Swissair-Flug 330 nach der Explosion einer Paketbombe bei Würenlingen ab. Alle 47 Menschen an Bord der Convair CV-990 starben. Das Attentat der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) galt eigentlich der israelischen Fluggesellschaft El-Al. Wegen einer Verspätung einer El-Al-Maschine wurde das einen Tag zuvor in München per Post aufgegebene Paket auf die Swissair-Maschine umgeleitet. Das Paket war an eine imaginäre Adresse in Jerusalem adressiert. Erst auf dem Swissair-Flug nach Tel Aviv explodierte die mit einem Höhenmesser ausgestattete Bombe im Laderaum des Flugzeugs. Die Piloten versuchten noch zurück zum Flughafen Zürich-Kloten zu fliegen. Dichter Rauch in der Kabine verunmöglichte jedoch die Orientierung. Das Flugzeug stürzte schliesslich in ein Waldstück bei Würenlingen.Remo Hess: Blieb Würenlingen-Absturz ungesühnt, weil Bundesrat Deal mit PLO-Terroristen hatte? in Aargauer Zeitung vom 20. Januar 2016.

6. September 1970: Entführung von Swissair-Flug 100

mini|Die 1970 gesprengte Swissair Douglas DC-8-53 HB-IDD in Zürich (1965) Kurz nach dem Start des Swissair-Flugs SR100 von Zürich nach New York JFK wurde die DC-8 HB-IDD von Terroristen der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) entführt. An Bord waren 143 Passagiere und 12 Besatzungsmitglieder. Die Piloten wurden zum Flug nach Jordanien gezwungen und mussten auf dem sogenannten Dawson Field, einem stillgelegten Flugplatz der britischen Armee nahe der Stadt Zarqa, landen. Fast zeitgleich wurden zwei weitere Flugzeuge, eine Maschine von BOAC und eine von TWA von PFLP-Terroristen entführt. Die Flugzeugentführung einer vierten Maschine der israelischen Airline El Al durch eine Gruppe unter der Leitung von Leila Chaled misslang. Die Entführer forderten die Freilassung palästinensischer Gefangener im Austausch gegen die Geiseln. Eine fünfte Maschine der britischen Airline BOAC wurde am 9. September 1970 von einem PFLP-Sympathisanten unter seine Kontrolle gebracht und als Druckmittel für die Freilassung der in London verhafteten Leila Chaled eingesetzt. Die Maschine landete ebenfalls auf dem Dawson Field. Alle rund 300 Geiseln wurden nach langen Verhandlungen freigelassen. Die Terroristen sprengten als Zeichen ihrer Macht anschliessend die drei Flugzeuge. Diese Ereignisse wurden als Teil des sogenannten Schwarzen Septembers bekannt.Marcel Gyr: Arabischer Terror in der Schweiz (4/4): Als die Welt den Atem anhielt in Neue Zürcher Zeitung vom 31. Dezember 2014. Im Februar 2024 erschien der Dokumentarfilm «Swissair Flug 100 – Geiseldrama in der Wüste» von Adrian Winkler und Laurin Merz.

These eines Stillhalteabkommens der Schweiz mit der PLO mini|hochkant|Pierre Graber mini|hochkant|Jean Ziegler (2011) Anfangs 2016 stellte Marcel Gyr, Buchautor und Journalist bei der Neuen Zürcher Zeitung, in einem Buch sowie einer Artikelserie die These auf, dass der damalige Aussenminister, Bundesrat Pierre Graber, unter Vermittlung des damaligen Nationalrats Jean ZieglerZiegler: «Graber verletzte den Rechtsstaat zum Schutz des Volks» in SRF.ch vom 20. Januar 2016, mit der damals offen terroristisch agierenden Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO ein geheimes Stillhalteabkommen geschlossen hätte. Die Schweiz sollte fortan von Anschlägen verschont bleiben. Im Gegenzug hätte sich die Schweiz für die diplomatische Anerkennung der PLO am Uno-Sitz in Genf eingesetzt. Die Geheimgespräche hätten gemäss Gyr mit Farouk Kaddoumi, einem hohen PLO-Funktionär, in einem Genfer Hotelzimmer stattgefunden. Ziegler hält sich bedeckt, ob er damals auch bei Verhandlungen dabei gewesen sei: «Darüber sage ich nichts. Hin und wieder hat mich einer der engsten Beteiligten nach meiner Ansicht gefragt. Punkt.»

Gegen diese Behauptungen stehen viele Aussagen auch von Führern der PFLP selber, dass die PLO gar keinen Einfluss auf die PFLP gehabt hatte. Grabers persönlicher Mitarbeiter Franz Blankart sagte zu Gyrs Buch: «Ein solches Abkommen gab es nicht», während die Historikerin Aviva Guttmann aufgrund von Aufzeichnungen von Bundesratssitzungen der Meinung ist, die Idee sei verworfen worden.Philippe Reichen: Bundesrat war gegen Verhandlungen mit der PLO, Tages-Anzeiger, 6. Februar 2016 (Archiv) Im Februar 2016 wurde die Agenda von Pierre Graber, welche sich in der Stadtbibliothek von La Chaux-de-Fonds befindet, online einsehbar. Franz Blankart fand dort keine Spuren für Geheimverhandlungen.

Die Schweiz blieb ab Oktober 1970 von palästinensischen Terroranschlägen verschont, sah sich jedoch bald mit Forderungen von palästinensischen Diplomaten konfrontiert. So stellte Graber 1977 Kaddoumi einen offiziellen Empfang im Bundeshaus in Aussicht. Pierre Aubert, Grabers Nachfolger, weigerte sich aber zweimal, den palästinensischen Funktionär tatsächlich zu empfangen. Ziegler macht für sich und Graber geltend, «in guter Absicht» gehandelt zu haben. Sie wollten das Land und seine Bevölkerung nach einer einzigartigen Serie von terroristischen Anschlägen vor weiterem Schaden bewahren.Marcel Gyr: Bundesrat Grabers Alleingang: Schweizer Abkommen mit PLO enthüllt, Neue Zürcher Zeitung vom 20. Januar 2016.Marcel Gyr: Schweizer Terrorjahre Jean Zieglers geheime Mission, Neue Zürcher Zeitung vom 20. Januar 2016.

Bis Februar 2016 lag kein einziger schriftlicher Beleg dafür vor, dass Aussenminister Pierre Graber im September 1970 mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) einen Geheimdeal abgeschlossen haben soll.Grabers geheime Krisenagenda in Tages-Anzeiger vom 12. Februar 2016 (Archiv)

Am 14. Februar änderte Jean Ziegler, ein wichtiger Zeuge der Geheimabkommen-These, in einem Interview mit der SonntagsZeitung seine Aussage und widersprach sich selbst. Er sei sich nun nicht mehr sicher, ob es einen solchen Geheimdeal tatsächlich gab: «Ich bin bis heute verwirrt und erstaunt, dass es nicht zur Anklage und nicht einmal zu einem internationalen Haftbefehl kam. Aber ich weiss nicht, was die Gründe für die Passivität des Bundesanwalts gewesen sind». Auch weiss Ziegler nicht sicher, ob es tatsächlich ein Geheimabkommen gegeben habe, das Bundesanwalt Hans Walder daran gehindert hätte, Anklage zu erheben. Einen solchen Deal hätte Graber auch nicht selber abschliessen können. Dazu hätte es mindestens die Komplizenschaft von Justizminister Bundesrat Ludwig von Moos gebraucht.Ziegler weiss nichts vom Deal in SonntagsZeitung vom 14. Februar 2016 (online)

Reaktionen und Aufarbeitung Nach Berichten über ein angebliches Geheimabkommen kritisierte Tzach Sarid, israelischer Vizebotschafter in der Schweiz, ein solches Abkommen scharf. Die Erfahrung zeige, dass Nachgeben gegenüber Terror diesen fördere, sagte Tzach Sarid. Terror müsse durch Zurückschlagen bekämpft werden. Verhandlungen seien der falsche Weg.Geheimabkommen mit der PLO: Lückenlose Aufklärung gefordert in Neue Zürcher Zeitung vom 20. Januar 2016.

Mehrere Parlamentarier forderten eine lückenlose politische, aber auch historische Aufarbeitung der Ereignisse von 1970. Sie werden dazu parlamentarische Vorstösse unternehmen. Ob die Geschäftsprüfungskommissionen GPK beider Räte von sich aus aktiv werden, war kurz nach Bekanntwerden des Geheimabkommens noch unklar.

Am 27. Januar beschloss der Bundesrat eine Arbeitsgruppe des Bundes einzusetzen. Diese soll sich mit den Beziehungen zwischen der Schweiz und der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) in den 1970er-Jahren befassen. An der Arbeitsgruppe beteiligt sind das Justiz- und Polizeidepartement (EJPD), das Aussendepartement (EDA) und das Verteidigungsdepartement (VBS).Bundesrat setzt Arbeitsgruppe zu Geheimabkommen mit PLO ein in Neue Zürcher Zeitung vom 27. Januar 2016

Anfang Februar stuften die Geschäftsprüfungskommissionen beider Räte nach einer gemeinsamen Sitzung das Geheimabkommen mit der PLO als gravierend ein. Sie forderten vom Bundesrat eine rasche und lückenlose Aufarbeitung und von der Aufsichtsbehörde der Bundesanwaltschaft eigene Abklärungen, ob die Strafuntersuchungen beeinträchtigt wurden. Zum jetzigen Zeitpunkt wollen die Geschäftsprüfungskommissionen noch keine eigenen Untersuchungen eröffnen.Christof Forster: PLO-Geheimabkommen: Parlament fordert vom Bundesrat rasche Aufklärung in Neue Zürcher Zeitung vom 2. Februar 2016

Mehrere Zeitzeugen, darunter Franz Blankart, ehemaliger Staatssekretär und persönlicher Mitarbeiter des damaligen Aussenministers Pierre Graber, äusserten dagegen Zweifel an der Existenz eines Abkommens mit der PLO.Philippe Reichen: «Mit der PLO gab es keinen Geheimdeal», Tages-Anzeiger, 6. Februar 2016 (Archiv). Auch die ehemalige Bundesanwältin Carla Del Ponte erklärte, sie habe 1995 bei Ermittlungen zum Flugzeugabsturz von Würenlingen keine Hinweise auf ein Geheimabkommen gefunden, das die Aufarbeitung des Terroranschlags unterbunden habe.Del Ponte hatte «keinen Hinweis» auf Geheimabkommen mit der PLO, Neue Zürcher Zeitung, 5. Februar 2016.

Die vom Bundesrat eingesetzte interdepartementale Arbeitsgruppe veröffentlichte am 10. Mai 2016 ihren Abschlussbericht. Darin heisst es: «Basierend auf den Hunderten von ausgewerteten Dossiers, den schriftlichen Antworten von Personen, die möglicherweise über neue Informationen zu diesem Thema verfügen, und den zwischenzeitlich vom Autor des Buches gemachten Angaben kommt die Arbeitsgruppe zu folgendem Schluss: Es gab kein geheimes Abkommen, das im September 1970 (.. . ) in Genf abgeschlossen wurde.» Auch finde sich nirgendwo ein Hinweis «auf eine Behinderung der Abklärungen und Untersuchungen der Strafverfolgungsbehörden des Bundes zu Würenlingen».Philippe Reichen, Thomas Knellwolf: Bund schliesst Geheimdeal mit der PLO aus im Tages-Anzeiger vom 11. Mai 2016 (Archiv)NZZ-Reporter wehrt sich gegen Zweifel an PLO-Geheimdeal - Wann bringen Sie den Beweis, Marcel Gyr? in Blick online vom 19. Mai 2016Schweiz - Palästina: Aufsichtsbehörde findet keine Beeinflussungshinweise in PLO-Fall in Blick online vom 25. Mai 2016

Juristische Verfolgung Fall Flughafen Zürich Der Prozess gegen die drei überlebenden palästinensischen Terroristen sowie den israelischen Sicherheitsbeamten fand kurz vor Weihnachten 1969 unter grossen Sicherheitsvorkehrungen vor dem Geschworenengericht in Winterthur statt. Die drei Palästinenser (zwei Männer und eine Frau) wurden zu je 12 Jahren Zuchthaus verurteilt. Dem israelischen Sicherheitsbeamten wurde Notwehr zugestanden und er wurde nach dem Grundsatz «in dubio pro reo», im Zweifel für den Angeklagten, freigesprochen. Die Untersuchungen sowie der Prozess standen unter grosser internationaler Beobachtung, besonders aus der arabischen Welt. Der Schweiz wurde Voreingenommenheit zugunsten Israels vorgeworfen.Marcel Gyr: Arabischer Terror in der Schweiz (1/4): Ein dunkler Verdacht in Neue Zürcher Zeitung vom 27. Dezember 2014.

Fall Würenlingen mini|hochkant|Denkmal bei der Absturzstelle (2010)