mini|Die Marinesportschule Mürwik, in der sich im Mai 1945 die letzte Reichsregierung aufhielt mini|Um nach Flensburg zu gelangen, wurden auch Flugzeuge genutzt. In den letzten Kriegstagen landeten zahlreiche Maschinen auf dem damals noch größeren Flugplatz Flensburg-Schäferhaus.Vgl.: Kriegsende. Allerletzter Einsatz. Der Spiegel vom 17. November 2009 sowie Flugplatz Schäferhaus. Ein geschichtlicher Rückblick. Auf Flensburg-online, jeweils abgerufen am 8. Februar 2016. mini|hochkant=0.8|Abziehende deutsche Soldaten, die 1945 an der Grenze bei Krusau, einem Vorort von Flensburg, entwaffnet wurden Die Rattenlinie Nord bezeichnet die Fluchtroute von zahlreichen hochrangigen Nationalsozialisten nach Schleswig-Holstein in Richtung Flensburg im Jahr 1945. Sie wird allgemein von anderen sogenannten Rattenlinien, die aus Europa herausführten, getrennt betrachtet.

Gründe der Flucht in Richtung Flensburg In den letzten Kriegstagen des Zweiten Weltkrieges flüchtete ein großer Teil der verbliebenen NS-Größen nicht in die angebliche Alpenfestung, sondern über die sogenannte Rattenlinie Nord nach Schleswig-Holstein in Richtung Flensburg. Im unzerstörten Flensburger Ortsteil Mürwik wurde der Sonderbereich Mürwik für die letzte Reichsregierung unter Karl Dönitz eingerichtet.Vgl. Stephan Link: „Rattenlinie Nord“. Kriegsverbrecher in Flensburg und Umgebung im Mai 1945. In: Gerhard Paul, Broder Schwensen (Hrsg.): Mai ’45. Kriegsende in Flensburg. Flensburg 2015, S. 20.Reichshauptstadt. In: Andreas Oeding, Broder Schwensen, Michael Sturm: Flexikon. 725 Aha-Erlebnisse aus Flensburg! Flensburg 2009. Die Planungen für die Verlagerung der Reichsministerien in Form von Arbeitsstäben von Berlin weg hatten im Februar 1945 begonnen und wurden im April 1945 realisiert (vgl. Fall Clausewitz).Stephan Link: „Rattenlinie Nord“. Kriegsverbrecher in Flensburg und Umgebung im Mai 1945. In: Gerhard Paul, Broder Schwensen (Hrsg.): Mai ’45. Kriegsende in Flensburg. Flensburg 2015, S. 20. Ein kleinerer Teil der flüchtigen NS-Entscheidungsträger hoffte offenbar auch, sich nach Dänemark absetzen zu können. Doch am 5. Mai wurde von Mürwik aus die Teilkapitulation der deutschen Truppenteile in Dänemark angeordnet. Noch im Mai 1945 zogen die deutschen Soldaten aus Dänemark ab (vgl. Dänemark unter deutscher Besatzung).Vgl. sh:z: 70 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs : Die letzte Reichshauptstadt Flensburg und ein vergilbtes Stück Geschichte. 5. Mai 2015; abgerufen am 23. Januar 2015. Des Weiteren gab es unter den flüchtenden Nazis auch die Hoffnung, dass die britische Besatzungsmacht, wie in Großbritannien damals üblich, auf die Meldepflicht verzichten würde. Dies bewahrheitete sich später und begünstigte so die Möglichkeit des Untertauchens auf Dauer.

Geflüchtete Personen und Einheiten Auch der Reichsführer SS Heinrich Himmler setzte sich zusammen mit seinem Chefadjutanten Werner Grothmann und seinem persönlichen RFSS-Stab, der aus 150 Personen bestand, in Richtung Flensburg ab, das er am 3. Mai 1945 erreichte.Claus Olsen: Vor achzig Jahren in Flensburg. Herinrich Himmler, der Organisator des Holocaust. (In: Grenzfriedenshefte. 71. Jahrgang 2/2024, S. 178-205)Landeszentrale für politische Bildung Schleswig-Holstein (Hrsg.): Der Untergang 1945 in Flensburg. (Vortrag am 10. Januar 2012 von Gerhard Paul), S. 10.Stephan Link: „Rattenlinie Nord“. Kriegsverbrecher in Flensburg und Umgebung im Mai 1945. In: Gerhard Paul, Broder Schwensen (Hrsg.): Mai ’45. Kriegsende in Flensburg. Flensburg 2015, S. 21.Gerhard Paul: Zeitläufe: Flensburger Kameraden. In: Die Zeit vom 8. September 2013, abgerufen am 23. Januar 2016. Er wollte an der Regierung von Großadmiral Dönitz beteiligt werden.Stephan Link: „Rattenlinie Nord“. Kriegsverbrecher in Flensburg und Umgebung im Mai 1945. In: Gerhard Paul, Broder Schwensen (Hrsg.): Mai ’45. Kriegsende in Flensburg. Flensburg 2015, S. 22.

Kommandobehörden, die im Mai 1945 in den Raum Flensburg zogen, teilweise auf Anweisung von Himmler, waren:Vgl. Stephan Link: „Rattenlinie Nord“. Kriegsverbrecher in Flensburg und Umgebung im Mai 1945. In: Gerhard Paul, Broder Schwensen (Hrsg.): Mai ’45. Kriegsende in Flensburg. Flensburg 2015, S. 21, 22. das SS-Führungshauptamt unter SS-Obergruppenführer Hans Jüttner, das SS-Personalhauptamt unter dem SS-Obergruppenführer Maximilian von Herff, das Hauptamt der Ordnungspolizei unter dem SS-Obergruppenführer Alfred Wünnenberg, das Amt III des Reichssicherheitshauptamtes (SD-Inland) unter Otto Ohlendorf (SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei, Leiter der Einsatzgruppe D), das Amt VI des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) (SD-Ausland) unter SS-Gruppenführer Walter Schellenberg, Teile des Reichskriminalamtes (das als Amt V im RSHA integriert war), das SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt unter SS-Obergruppenführer Oswald Pohl sowie das Amt D des WVHA Inspektion KL unter SS-Gruppenführer Richard Glücks.

Neben diesen Kommandobehörden kamen auch die Mitarbeiter der Gestapostelle Schwerin unter dem SS-Standartenführer Ludwig Oldach und die Mitarbeiter der Leitstelle Stettin unter dem SS-Standartenführer und Polizeipräsidenten Fritz Karl Engel nach Flensburg.

Zu dem nach Flensburg verlagerten Amt D gehörten der Kommandant des KZ Auschwitz Rudolf Höß, SS-Hauptsturmführer Karl Sommer, KZ-Arzt Enno Lolling, SS-Sturmbannführer Wilhelm Burger, SS-Standartenführer Gerhard Maurer sowie die KZ-Kommandanten Hans Bothmann, Arthur Liebehenschel, Anton Kaindl und Paul Werner Hoppe. Weitere Personen, die nach Flensburg kamen, waren u. a. der SS-Gruppenführer Emil Höring, ehemaliger Befehlshaber der Ordnungspolizei (BdO) des Warthegaus, der Generalmajor der Polizei Walter Gudewill und der Reichsarzt SS Karl Gebhardt. SS-Generäle, die sich zum Kriegsende im Flensburger Raum aufhielten, waren Udo von Woyrsch, Curt von Gottberg, Hans-Adolf Prützmann, Wilhelm Koppe sowie der SS-General und chirurgische Begleitarzt Adolf Hitlers Karl Brandt.

Nach Flensburg kam auch der SS-Sturmbannführer Kurt Stawizki, ein Täter des Holocaust, der nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 eine leitende Position bei der Sonderkommission 20. Juli des RSHA einnahm.Stephan Link: „Rattenlinie Nord“. Kriegsverbrecher in Flensburg und Umgebung im Mai 1945. In: Gerhard Paul, Broder Schwensen (Hrsg.): Mai ’45. Kriegsende in Flensburg. Flensburg 2015, S. 22; Vgl. in diesem Zusammenhang auch: Der Gauleiter der NSDAP in Ostpreußen Erich Koch erreichte Flensburg ebenfalls, jedoch mit Zwischenstopp in Kopenhagen. Des Weiteren fand sich Anfang Mai auch der Reichsminister des Auswärtigen Joachim von Ribbentrop in Flensburg ein.Stiftung Deutsches Historisches Museum: Lebendiges Museum Online – Joachim von Ribbentrop 1893–1946, abgerufen am 1. Februar 2016.

In Flensburg angekommen, bezogen die geflüchteten Nazis Gasthäuser oder öffentliche Gebäude der Stadt. Sie kampierten im Flensburger Polizeipräsidium oder tauchten im kaum überschaubaren Mürwiker Stützpunkt unter. Viele Einheiten lagerten außerdem im Umfeld der Stadt Flensburg. Deshalb ist davon auszugehen, dass nicht alle geflüchteten Personen und Einheiten heute noch ermittelbar sind.

Verbleib mini|Mitglieder der letzten Reichsregierung aus Mürwik am 23. Mai 1945. Nach ihrer Verhaftung steigen sie am Flensburger ZOB aus. Beim ZOB befanden sich das Polizeipräsidium und der Regierungshof, der zentrale Standort der Britischen Kräfte

Schon vor dem Erreichen Flensburgs waren einige Einheiten versprengt oder von den Alliierten gefangen genommen worden oder hatten sich unauffindbar abgesetzt, so dass ihre geflüchteten Vorgesetzten nur noch ihr Verschwinden registrieren konnten. Die in Flensburg eingetroffenen NS-Größen erhielten nach der Ankunft im Polizeipräsidium, das dem SS-Standartenführer Hans Hinsch als Polizeipräsident unterstand, Papiere für neue Identitäten.Flensburger Tageblatt: Bustour durch Flensburg: Auf den Spuren der Zeitgeschichte. 30. Januar 2012; abgerufen am 23. Januar 2016.Landeszentrale für politische Bildung Schleswig-Holstein (Hrsg.): Der Untergang 1945 in Flensburg. (Vortrag am 10. Januar 2012 von Gerhard Paul), S. 13.Werner Junge: Als die SS-Verbrecher nach Flensburg kamen. Auf www.ndr.de vom 8. Mai 2015; abgerufen am 28. Februar 2016. So wurden SS-Angehörige zu einfachen Feldpolizisten, Unteroffiziere der Wehrmacht zu Maaten der Marine erklärt. Die genaue Anzahl der im Polizeipräsidium ausgestellten falschen Papiere ist bis heute unklar. Es sollen hunderte gewesen sein. Schätzungen gehen von ungefähr 2000 bis 3000 falsch ausgestellten Ausweispapieren aus.Wolfgang Börnsen, Leve Börnsen: Vom Niedergang zum Neuanfang. Kiel/Hamburg 2015, S. 146. In Mürwik erhielten diese „neuen Personen“ passende gebrauchte Uniformen. Wenn in Mürwik Eintreffenden noch Papiere fehlten, ließ auch der Kommandeur der Marineschule Mürwik, Wolfgang Lüth, falsche Kennkarten der Wehrmacht ausgeben.Uwe Danker, Astrid Schwalbe: Schleswig-Holstein und der Nationalsozialismus. Neumünster 2005, S. 151. Waren die SS-Angehörigen mit neuen Papieren ausgestattet, war es ihnen möglich, sich bei Krusau unter die aus Dänemark zurückkommenden Soldaten der Wehrmacht zu mischen.Stephan Link: „Rattenlinie Nord“. Kriegsverbrecher in Flensburg und Umgebung im Mai 1945. In: Gerhard Paul, Broder Schwensen (Hrsg.): Mai ’45. Kriegsende in Flensburg. Flensburg 2015, S. 29.

Am 3. Mai 1945 hatte Dönitz den nach Flensburg geflüchteten Himmler noch als Führer der Waffen-SS und Chef der deutschen Polizei bestätigt,Landeszentrale für politische Bildung Schleswig-Holstein (Hrsg.): Der Untergang 1945 in Flensburg. (Vortrag am 10. Januar 2012 von Gerhard Paul), S. 12. am 6. Mai setzte er ihn in seiner Anwesenheit während einer Kabinettssitzung ab. Himmler wurde es danach in Flensburg zu gefährlich; er verließ die Stadt und zog sich ins Umland zurück.Landeszentrale für politische Bildung Schleswig-Holstein (Hrsg.): Der Untergang 1945 in Flensburg. (Vortrag am 10. Januar 2012 von Gerhard Paul), S. 15. Mit einigen wenigen Gefolgsleuten floh er ab dem 11. Mai wieder zurück nach Süden, wo er am 21. Mai in Meinstedt, südöstlich von Bremervörde, verhaftet wurde und sich kurz darauf das Leben nahm.Landeszentrale für politische Bildung Schleswig-Holstein (Hrsg.): Der Untergang 1945 in Flensburg. (Vortrag am 10. Januar 2012 von Gerhard Paul), S. 18.sh:z Zivilkleidung, Augenklappe, neuer Name: Doch für Himmler gab es kein Entrinnen. 13. Mai 2015; abgerufen am 23. Januar 2016. Ebenso wie Himmler fand auch Ribbentrop keinen Anschluss in der geschäftsführenden Reichsregierung. Karl Dönitz lehnte ihn ebenfalls ab. Am 6. Mai 1945 wurde auch der Gauleiter und Oberpräsident von Schleswig-Holstein, Hinrich Lohse, durch Dönitz seiner Ämter enthoben. Es wurde behauptet, dass er mit Erich Koch zusammen ein U-Boot verlangt habe, um sich nach Südamerika absetzen zu können.

Otto Ohlendorf wurde an der Reichsregierung beteiligt, womit er Distanz zu Himmler gewann, zu dem er weiterhin bis zu dessen Tod Kontakt hielt. Das ihm unterstehende Amt III (SD-Inland) wurde am 13. Mai als Nachrichtendienst der Reichsregierung eingeordnet. Auch behielt er im Grunde seinen Posten als Staatssekretär des Reichswirtschaftsministerium unter Albert Speer, der zwar in der Flensburger Regierung für das Ressort „Wirtschaft und Produktion“ zuständig war, aber die eigentliche Leitung des Stabes Ohlendorf überließ. Der Nachrichtendienst machte mit ungefähr 200 Bediensteten den Großteil der Reichsregierung Dönitz aus, die insgesamt aus etwa 350 Mitarbeitern bestand.Wolfgang Börnsen, Leve Börnsen: Vom Niedergang zum Neuanfang. Kiel/Hamburg 2015, S. 60 f.Stephan Link: „Rattenlinie Nord“. Kriegsverbrecher in Flensburg und Umgebung im Mai 1945. In: Gerhard Paul, Broder Schwensen (Hrsg.): Mai ’45. Kriegsende in Flensburg. Flensburg 2015, S. 26 ff. 1948 wurde Ohlendorf im Einsatzgruppen-Prozess zum Tode verurteilt und 1951 hingerichtet.

mini|hochkant=0.8|Zurückkehrende deutsche Soldaten werden an der Grenze bei Krusau kontrolliert