Schulen im Exil wurden nach 1933 überwiegend von Lehrern und Erziehern gegründet, die Deutschland aus politischen Gründen oder aufgrund ihrer jüdischen Abstammung verlassen mussten. Sie gründeten auf der ganzen Welt mehr als 20 pädagogische Einrichtungen,Die Rekonstruktion der Geschichte dieser Einrichtungen ist weitgehend das Ergebnis der Forschungsarbeiten von Hildegard Feidel-Mertz häufig Internate, die größtenteils in der Tradition der Reformpädagogik und der Landerziehungsheime standen. Alleine in Großbritannien gab es mindestens sieben derartiger Gründungen, doch begann der Aufbau der Exilschulen nicht erst in den Jahren 1938/1939 als Folge der Kindertransporte, sondern gleich nach der nationalsozialistischen Machtergreifung im Jahre 1933. Die Exilschulen unterschieden sich voneinander konzeptionell und organisatorisch in mehrfacher Hinsicht, und das nicht nur in Großbritannien, aber sie alle hatten ein gemeinsames Aufgabe: die entwurzelten Flüchtlingskinder darin zu unterstützen, in einer ihnen fremden Umgebung eine neue Identität zu entwickeln und sie auf ein (Über-)Leben in der Fremde vorzubereiten.Die Geschichte zur Forschung der deutschsprachigen pädagogischen Emigration ist auch 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch nicht abschließend aufgearbeitet. Einen Überblick über den Stand der Forschung gibt Irina Michitarjan: Forschung zur deutschsprachigen pädagogischen Emigration: Bestandsaufnahme und Vorschläge für eine interdisziplinäre theoretische Analyse. In: Pädagogische Rundschau, 2/2010, S. 113–128. Im Internet zugänglich über: Neben der Betreuung und Bildung der Kinder hatten die Schulen im Exil eine weitere wichtige Funktion: Sie boten Arbeitsplätze für deutsche Emigrantinnen und Emigranten, für pädagogisch vorgebildete Personen ebenso wie für Akademikerinnen und Akademiker ganz allgemein und leisteten so einen Beitrag zu deren wirtschaftlichem Überleben in der Fremde.

Die Vertreibung progressiver Pädagogik aus Deutschland In der Weimarer Zeit hatte sich in Deutschland eine reformorientierte Pädagogik herausgebildet, die von der eher bürgerlich orientierten Reformpädagogik bis hin zu einer sozialistisch orientierten Erziehungsbewegung reichte. All diese Ansätze wurden nach 1933 innerhalb Deutschlands weitgehend zerstört. Lediglich die Jüdischen Landschulheime bildeten bis etwa 1938 noch einen Ort der Inneren Emigration für reformpädagogische Ansätze „in der Tradition des liberalen Flügels der Landerziehungsheimbewegung“Hildegard Feidel-Mertz: Jüdische Landschulheime, S. 164, während sich ansonsten nur das Exil als Ort anbot, an dem sie bewahrt und weiterentwickelt werden konnten. Zu einem hohen Preis allerdings: der Vertreibung auch der Protagonistinnen und Protagonisten dieser Erziehungsgedanken aus Deutschland. Protagonistinnen und Protagonisten der Schulen im Exil waren sehr häufig jüdische Pädagoginnen und Pädagogen, die teilweise zusammen mit ganzen Schulklassen oder Schulen den Weg in die Emigration beschritten. Zu ihnen gesellten sich Akademikerinnen und Akademiker, die von den deutschen Hochschulen vertrieben worden waren. Ihre Schülerinnen und Schüler stammten entweder aus bereits in der Emigration lebenden Familien oder wurden von ihren noch in Deutschland lebenden Eltern vorsorglich ins Ausland gebracht, um sie vor den zunehmenden Ausgrenzungen und Repressionen in Deutschland zu schützen. Sie alle fanden sich aufgrund der bedrängten existenziellen Situation meist in Schulen in der Tradition der Landerziehungsheime wieder, weil es so am ehesten möglich war, die Schulen kostengünstig selbst zu bewirtschaften und in diese Selbstbewirtschaftung sowohl die Schülerschaft als auch die Lehrerschaft einzubeziehen. Die „Erziehung zum Menschen und zur sozialen Verantwortlichkeit“Hildegard Feidel-Mertz: Pädagogik im Exil nach 1933, S. 121. als eine der Erziehungsmaximen konnte so aus dem Schulalltag heraus entwickelt werden und blieb kein abstraktes Erziehungsziel. In ihrem jeweiligen Gastland versuchten sich die Schulen im Exil als die Botschafter der „wahren“ deutschen Kultur zu präsentieren, was nicht immer einfach war, weil der Arm des faschistischen Deutschlands auch in viele Gastländer reichte oder sich dort starke reichsdeutsche Kolonien befanden. Dennoch „bewiesen einige Schulen ein spezifisches Selbstverständnis, leisteten Beiträge zur Lösung pädagogischer Probleme im Gastland und brachten es – wenn auch unter zum Teil erheblichen Veränderungen – fertig, längerfristig oder gar bis heute zu überdauern“.Hildegard Feidel-Mertz (Hrsg.): Schulen im Exil, S. 9.

In den einzelnen Exilländern waren die Bedingungen sehr unterschiedlich. Exilanten waren selten willkommen, und so reicht die Skala von Ignoranz bis zu totaler Ablehnung. In den nachfolgenden Abschnitten wird für jedes Land ein kurzer Abriss über die dortigen Bedingungen für Emigranten vorangestellte. Der muss kursorisch ausfallen. Für genauere Länderanalysen sei auf das Buch Handbuch der deutschsprachigen Emigration 1933–1945 verwiesen.Claus-Dieter Krohn, Patrik von zur Mühlen, Gerhard Paul und Lutz Winkler (Hrsg.): Handbuch der deutschsprachigen Emigration 1933–1945 (siehe Abschnitt Literatur)

Argentinien Auch, wenn Argentinien im März 1945 als letzter Staat der Welt Deutschland noch den Krieg erklärte: „Das in Argentinien mächtige Militär sympathisierte mit den Achsenmächten, also Deutschland und seinen Verbündeten, und verhinderte einen Kriegseintritt auf Seiten der Alliierten. Schließlich gab es zwischen dem argentinischen Militär und dem deutschen Vorbild eine fast hundertjährige Tradition der Kollaboration. Die argentinische Luftwaffe war wesentlich von deutschen Experten aufgebaut worden, die argentinische Militärjunta somit ausnehmend deutschfreundlich.“Prof. Dr. Olaf Blaschke über deutsch-argentinische Beziehungen Und spätestens ab dem Putsch der Militärs im Jahre 1943 kann man von Argentinien als einem pro-faschistischen Land sprechen. Zudem gab es in Argentinien viele deutsche Auswanderer aus dem 19. und 20. Jahrhundert, eine „deutsche Kolonie“, die stark mit dem Deutschen Reich sympathisierte. Dennoch flohen während der NS-Zeit etwa 40 000 Juden nach ArgentinienArgentinien: Am Ende eines neuen Lebens und auch Personen, die in ausgewiesener Gegnerschaft zum Nationalsozialismus in Deutschland standen. Aus ihnen rekrutierte sich das Lehrpersonal der Pestalozzi-Schule in Buenos Aires.Zur politischen Situation zur Zeit der Schulgründung: Interview mit Pieter Siemsen, antifaschistischer Emigrant in Argentinien

Pestalozzi-Schule, Buenos Aires Die Pestalozzi-Schule ist weitgehend dem Engagement von Dr. Ernesto Alemann, einem Schweizer, zu verdanken, der das Argentinische Tageblatt herausgab. Über diese Zeitung führte er einen langjährigen publizistischen Kampf gegen den Faschismus, was ihm 1938 die Aberkennung seines in Heidelberg erworbenen Doktortitels durch den damaligen Heidelberger Rektor Ernst Krieck einbrachte. Aleman engagierte sich für die Schule, als deren Träger die 1934 gegründete Pestalozzi-Gesellschaft fungierte, ideell und finanziell. Als Lehrer engagierte er ausschließlich Antifaschisten aus dem linken Spektrum, die meist der SAPD oder dem Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK) nahestanden.Hildegard Feidel-Mertz (Hrsg.): Schulen im Exil, S. 185.

Die Pestalozzi-Schule hat die Zeit des Exils überlebt, sie feierte 2014 ihr achtzigjähriges Jubiläum.Brecht und Goethe in der Calle Freire Auf ihrer Webseite präsentiert sie sich heute als „exzellente deutsche Auslandsschule“.Aktuelle Homepage der Pestalozzi-Schule Buenos Aires

Chile Die in Chile lebenden Volks- und Auslandsdeutschen waren schon früh in den 1930er Jahren unter den Einfluss des Nationalsozialismus geraten, Vereine, Schulen, Zeitungen und Kirchengemeinden, waren gleichgeschaltet worden. Gleichwohl gab es zwischen diesen deutschstämmigen Chilenen und den allmählich ins Land kommenden deutschsprachigen Emigranten keine größeren Konflikte, aber auch so gut wie keine Kontakte. Das politische Umfeld für die Emigranten war unter der damaligen Volksfront-Regierung erträglich, und 1937 gab es gar in der chilenischen Abgeordnetenkammer eine Debatte über die nationalsozialistischen Umtriebe in Chile und deren Auswirkungen auf die deutschen Schulen im Lande.Hermann Schnorbach: Für ein ‚anderes Deutschland‘. S. 205–206.

Eine auf deutsche Emigrantinnen und Emigranten zurückzuführende Schule im Exil wurde allerdings in Chile nicht gegründet. Es kam jedoch zur Gründung einer deutschsprachigen Schule außerhalb der nationalsozialistischen Einflusssphäre.Schnorbach berichtet darüber im Kontext seiner Studie über die Pestalozzi-Schule in Buenos Aires und subsumiert die Schweizer Schule in Santiago unter „Schulen gleicher Zielsetzung“. (Hermann Schnorbach: Für ein ‚anderes Deutschland‘. S. 205–206) Sieht man von der bewussten Abspaltung von der nationalsozialistischen deutschen Schule einmal ab, bleibt die antifaschistische Grundhaltung, die den Schulen in Buenos Aires und Montevideo zu eigen war, bei der Schweizer Schule recht diffus. Die Initiative dazu ging von Schweizer Eltern aus. Sie gründeten 1938 – als Abspaltung von der nationalsozialistisch geprägten deutschen Schule – den Schweizer Schulverein, der am 3. April 1939 die Schweizer Schule in Santiago de Chile eröffnete. Der Unterricht fand anfangs im Freien statt, bevor dann eine Villa auf dem Gelände des Schweizer Clubs gebaut und danach ein Haus für eine Grundschule gekauft werden konnte.In der Bildergalerie auf der Homepage der Schule gibt es ein Bild von dem anfänglichen Freiluftunterricht. Über die Gründungsgeschichte der Schule erfährt man dort allerdings nur wenig. Geschichte der Schweizer Schule in Santiago de Chile Die zunächst 12 Schüler, deren Zahl in den nächsten Jahren auf knapp 70 anstieg, darunter überwiegend Schweizer Kinder und nur wenige deutsche, wurden anfangs nur von einem Lehrer unterrichtet; er war bis 1936 an der Schweizer Schule in Barcelona tätig gewesen.Hermann Schnorbach: Für ein ‚anderes Deutschland‘. S. 206. Schnorbach benennt fünf deutsche Schüler und unter anderem auch 17 Schulkinder. Ob von diesen einige deutschstämmig waren, wird nicht berichtet. Die Schule sollte „die freie und demokratische Schweizer Tradition pflegen“ und besteht auch heut noch.Schweizer Schule Santiago

Dänemark Dänemark war wegen seiner Fremdenpolitik und seiner politischen Rücksichtnahmen gegenüber dem mächtigen Nachbarland Deutschland kein bevorzugtes Exilland für deutsche Flüchtlinge.Hans Uwe Petersen: DIE DÄNISCHE FLÜCHTLINGSPOLITIK 1933–1941

Dennoch bot Dänemark von 1933 bis 1938 ein einigermaßen sicheres Exil für das in Deutschland zwangsweise aufgelöste Landerziehungsheim Walkemühle.

Schulheim Östrupgaard Die Geschichte des Schulheims Östrupgaard und seiner Nachfolgeeinrichtung, der Schule auf dem Herrensitz Butcombe Court bei Bristol, reicht weit zurück in die Geschichte der Landerziehungsheime in Deutschland und ist eng verbunden mit den Namen Leonard Nelson und Minna Specht sowie der Arbeit des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK). Alle drei Schulen können trotz der unterschiedlichen Länder, in denen sie arbeiteten, nicht unabhängig voneinander betrachtet werden. Sie bilden ein Kontinuum in der Umsetzung pädagogisch-philosophischer Gedanken, die auf Leonard Nelson zurückgehen und in der Walkemühle erstmals in die Praxis transformiert wurden.

Frankreich