mini|Vom Präsidenten des ABN enthüllte Gedenktafel an der Bradford Cathedral in West Yorkshire Der Antibolschewistischer Block der Nationen (; (ABN)) war eine Vereinigung der Befreiungsorganisationen der von dem Bolschewismus unterdrückten Völker unter Führung der Organisation Ukrainischer Nationalisten. Der ABN koordiniert die revolutionären Kräfte dieser Organisationen, die nach Vernichtung des bolschewistischen Regimes und Wiederherstellung der nationalen Staaten ihrer Völker streben.Artikel in der ABN-Korrespondenz Nr. 2/1949 vom 5. Oktober 1949. Darüber hinaus arbeitete der ABN eng mit westlichen Geheimdiensten zusammen.Stefanie Birkholz: Die stärksten Verbündeten des Westens, S. 83ff.

Geschichte Der ABN geht auf eine Konferenz zurück, die am 21. und 22. November 1943 auf Initiative der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) und der Organisation Ukrainischer Nationalisten im Gebiet von Schytomyr abgehalten wurde. In dieser Konferenz formierten sich Ukrainer, Weißruthenen, Aserbaidschaner, Baschkiren, Armenier, Georgier, Kabardiner, Turkestaner, Ossetiner, Tataren, Tscherkessen und Tschuwaschen zu einer Anti-Bolschewistischen Front.Artikel in der ABN-Korrespondenz Nr. 4/1949 vom Dezember 1949 zur Gründung des ABN, Titelseite. Gegner war damals nicht nur Sowjetunion, sondern auch das Deutsche Reich.Artikel in der ABN-Korrespondenz Nr. 4/1949 vom Dezember 1949, S. 6.

Nach dem Krieg wurde diese Gruppierung unter dem Namen ABN am 16. April 1946 von der Auslands-Sektion (Zch OUN) der OUN unter Stepan Bandera erneuert.Grzegorz Rossolinski-Liebe: Stepan Bandera, S. 323. Jetzt war die Sowjetunion alleiniger Gegner. Das Ziel des ABN war es, die Sowjetunion in einzelne souveräne Staaten aufzuteilen, also die Zerschlagung der Sowjetunion:„Was wir wollen, ist die Zerschlagung des russischen Imperiums.“Artikel in der ABN-Korrespondenz Nr. 3/1949 vom November 1949, Titelseite.Damit folgte der ABN dem Zersetzungsansatz gegenüber der Sowjetunion, den auch das deutsche Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete während des Krieges unter dem Abteilungsleiter Fremde Völker Gerhard von Mende praktiziert hatte.

Seinen Sitz hatte die Organisation in München, zunächst in der Dachauer Straße 9,Grzegorz Rossolinski-Liebe: Stepan Bandera, S. 317–318. ab 1954 in der Zeppelinstraße 67.Grzegorz Rossolinski: Stepan Bandera: The Life and Afterlife of a Ukrainian Nationalist, S. 317, 318. ABN und OUN waren untrennbar miteinander verbunden. Stepan Bandera führte die OUN, während sein Stellvertreter Jaroslaw Stezko den ABN leitete. Stezko wurde 1968 auch Führer der OUN und blieb zugleich Präsident des Antibolschewistischen Blocks der Nationen.

Beim ABN nutzte man den Begriff „versklavte Nationen“ (eng. „captive nations“) um Sympathien im Westen für die „Gefangenen Völker“ der Sowjetunion zu generieren.Grzegorz Rossolinski-Liebe: Stepan Bandera, S. 324. Das half beim Aufbau einer antikommunistischen Weltfront, die seitens des ABN zu Beteiligungen an verschiedenen Organisationen mit ähnlicher Zielsetzung führte, wie etwa dem antikommunistischen CEDI in München (Centre Européen de Documentation et d’Information). Stezkos Kommentar beim CEDI-Kongress 1959 verdeutlicht das:„Die unterdrückten Völker hinter dem Eisernen Vorhang sind integraler Bestandteil Europas; ihr Streben nach Freiheit und Unabhängigkeit ist Teil ihres europäischen Erbes; und das Freie Europa muss sie ohne Unterlass unterstützen.“Stefanie Birkholz: Die stärksten Verbündeten des Westens, S. 93.Mit dem Beitritt zur World Anti-Communist League (WACL) bekam der ABN 1967 eine weltweite Plattform, die ihn nicht nur für die Geheimdienste, sondern auch für die Politik interessant machte.Stefanie Birkholz: Die stärksten Verbündeten des Westens, S. 101. Letztlich blieb der Kern der Bestrebungen des ABN die Errichtung von Nationalstaaten auf ethnischer Basis auf dem Gebiet der Sowjetunion, wobei die eigene Rolle nie kritisch betrachtet wurde.Stefanie Birkholz: Die stärksten Verbündeten des Westens, S. 131.

Vorsitzender des ABN war von der Gründung bis 1986 Jaroslaw Stezko, der während des deutschen Einmarsches in Lemberg 1941 eine unabhängige Ukraine ausgerufen hatte und danach zusammen mit Stepan Bandera bis 1944 im KZ interniert war. Seine Nachfolgerin war seine Ehefrau Jaroslawa Stezko. Der ABN organisierte Demonstrationen, Pressekonferenzen sowie Kongresse. Die Organisation kooperierte mit der World Anti-Communist League und dem European Freedom Council. Nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Gründung der unabhängigen Republik Ukraine 1991 wurde der ABN 1996 aufgelöst.Anti-Bolshevik Bloc of Nations, encyclopediaofukraine.com

Wie hoch der Anteil der Bemühungen des ABN an der Errichtung souveräner Staaten in Osteuropa war, ist schwer festzustellen. In der Erinnerung der Osteuropäer spielen die ABN-Vertreter zweifellos eine große Rolle und sie werden vielfach als Freiheitskämpfer verehrt, wobei deren Anteil an Kollaboration und Kriegsverbrechen hingegen häufig negiert oder relativiert wird.

Strukturen Geleitet wurde der ABN von einem Zentralkomitee unter dem Präsidenten Jaroslaw Stezko und drei Vizepräsidenten und einem Generalsekretär. Hinzu kam der Völkerrat der beteiligten Nationen, dessen Präsident der Slowake Ferdinand Durcansky war. Auch er hatte drei Vizepräsidenten. Für Einzelfragen waren Kommissionen eingerichtet worden: Zuständig für Nationenprobleme war Veli Kajum Khan (Turkestan), für Militärfragen Ferenc Farkas de Kisbarnak (Ungarn) und für Außenpolitik Michael Alschibaja (Georgien).Laut Briefkopf des ABN-Zentralkomitees, Stand 1959.

Die Operationszentrale in München verfügte daneben noch über Sektionen für Jugend, Spionageabwehr und Propaganda, wobei Spionageabwehr und Propaganda wohl nicht nach außen offiziell auftraten. Jede dieser Sektionen operierte unabhängig von den anderen.Jonathan H. Levy: Madison, Wilson and East Central European Federalism, S. 315–316.

Beziehungen zu Geheimdiensten

US-Amerikaner Das Counter Intelligence Corps der US Army beobachtete den ABN in Bayern aufmerksam und stufte ihn schon im April 1946 als Bande ein, die nationalistisch, antiamerikanisch, antisowjetisch und antisemitisch orientiert sei. Das Führungspersonal des ABN bestand fast ausschließlich aus Nazi-Kollaborateuren, teils auch in Positionen, die an Kriegsverbrechen beteiligt waren, wie der vormalige slowakische Minister DurcanskiStefanie Birkholz: Die stärksten Verbündeten des Westens, S. 65–66. oder der Weißrusse Radaslau AstrouskiStefanie Birkholz: Die stärksten Verbündeten des Westens, S. 73. sowie aus vielen ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS.

Zu letzteren gehörten der vormalige Kommandeur der ukrainischen Abwehr-Einheit „Roland“ Jewhen Pobihushchyi-Ren, zuletzt Regimentskommandeur der SS-Division „Galizien“. Nach dem Krieg lebte er in München und arbeitete für den Antibolschewistischen Block der Nationen (ABN). Der spätere Professor an der Freien Ukrainischen Universität München Ivo Polulach war 1941 Anführer eines Juden-Pogroms in Sambir/UkraineKai Struve: Deutsche Herrschaft, ukrainischer Nationalismus, antijüdische Gewalt – Der Sommer 1941 in der Westukraine (DeGruyter, 2015), ISBN 978-3-11-035998-5, S. 436ff. und zuletzt Untersturmführer in der ukrainischen SS-Division. Polulach war unter dem Falschnamen Iwan Iwaschko eine Zeit lang Sekretär der Ukrainer im ABN. Er war Mitbegründer des ABN und der erste Sekretär für außenpolitische Beziehungen.https://day.kyiv.ua/news/271221-zavtra-na-lvivshchyni-proshchatymutsya-z-uchasnykom-vyzvolnoho-rukhu-ivo-polulyakhom

Die US-Amerikaner scheuten sich wegen des Risikopersonals, mit dem ABN zusammenzuarbeiten und gingen davon aus, dass der ABN von den Sowjets unterwandert wäre.Jonathan H. Levy: Madison, Wilson and East Central European Federalism, S. 317. Tatsächlich interessierten sich bereits 1946 die sowjetischen Sicherheitsorgane intensiv für den ABN, wie ein Geheimbericht der Central Intelligence Group (Vorläufer der CIA) festhielt:„In Erwartung eines Konflikts mit der anglo-amerikanischen Welt bemühen sich die Sowjets, sich politisch auf allen Gebieten vorzubereiten. Einer der Aspekte dieser politischen Vorbereitung besteht darin, völlige Verwirrung über die innere Situation in der UdSSR zu erzeugen. So widmen die Sowjets nun den Separatistenbewegungen besondere Aufmerksamkeit. Sie haben viele MVD-Agenten in die Führung dieser Bewegungen im Ausland infiltriert. Diese Abgesandten sind von Moskau angewiesen, neue Kontakte zu knüpfen und engere Beziehungen zu den Anglo-Amerikanern aufzubauen. Die Separatistenbewegungen sollen als stark, gut organisiert und in der UdSSR als bestens vernetzt dargestellt werden. Eine Erscheinungsform dieser Vorbereitungen ist die Organisation des Anti-Bolschewistischen Blocks (ABN) in den drei westlichen Zonen in Deutschland. Dieser Block ist das Ergebnis einer Allianz mehrerer Separatistengruppen unter Führung der ukrainische Nationalistenorganisation (OUN). Die Führer der OUN sind hauptsächlich Galizier aus der Westukraine, die niemals Teil der russischen Volksgemeinschaft waren. Zusätzlich zur OUN, sind im ABN auch Weißrussen, Kaukasier, Zentralasiaten und sogar Kosaken-Gruppen zusammengeschlossen. Der ABN erweckt den Eindruck, eine kraftvolle, weitverzweigte Gruppierung zu sein. In Wirklichkeit sind das alles kleine, künstliche Organisationen, die mit Ausnahme der OUN keine Partisanen auf russischem Boden haben."Soviet Penetration and use of the ABN and Central European Federal Club, 10.12 1946, CIA, special collection, CIA-RDP82-00457R000100790001-7.Die US-Amerikaner störte 1946 die illegale Propagandaarbeit des ABN gegen die Sowjets und der US-Geheimdienst in München unter Boleslav Holtsman versuchte diese mit der Operation „Lynx“ zu unterbinden.CIA FOIA, Electronic Reading Room, AERODYNAMIC Vol. 42 (Contact Reports) 0013. Insgesamt misstrauten die US-Amerikaner der OUN unter BanderaStefanie Birkholz: Die stärksten Verbündeten des Westens, S. 90–91. und damit auch dem ABN und beobachteten beide Organisationen, während sie selbst mit dem Ukrainian Supreme Liberation Council (UHWR) zusammenarbeiteten.

Briten Ebenso wie die Auslands-Sektion der OUN wurde auch der ABN anfänglich vom britischen Geheimdienst MI6 finanziert, der dazu vatikanische Organisation zwischenschaltete, um die Herkunft der Gelder zu verschleiern.Grzegorz Rossolinski-Liebe: Stepan Bandera, S. 324. 1948 hatte sich der ABN zur führenden anti-kommunistischen Exilorganisation entwickelt, die in viele Geheimoperationen in Osteuropa eingebunden war und eng mit der UPA in der Ukraine verbunden war, die nach wie vor gegen die Sowjets kämpfte.Jonathan H. Levy: Madison, Wilson and East Central European Federalism, S. 318. Immer mehr Exilgruppen traten dem ABN bei, wobei der vormalige Abteilungsleiter Gerhard von Mende im Ostministerium eine entscheidende Rolle spielte. Mende arbeitete inzwischen für den britischen Geheimdienst und brachte diese Gruppen über seine Kontakte zu führenden Exilpolitikern aus Kriegszeiten zum ABN.Erling von Mende und Bergljot von Mende Østring: Gerhard von Mende (1904–1963) Ein Bürokrat der mittleren Ebene - Der Versuch einer Quellenkritik, 2016, S. 128–129. Gemeinsames Kennzeichen dieser Gruppen war, dass es sich um vormalige Kollaborateure mit dem Nationalsozialismus handelte.Jonathan H. Levy: Madison, Wilson and East Central European Federalism, S. 319.

Im April 1948 schaltete Gerhard von Mende – sehr wahrscheinlich über Walter Schenk und Jaroslaw Stezko vom ABN – den Kontakt zwischen Bandera und dem MI6 – trotz Warnungen der Amerikaner an die Briten.Richard Breitman, Norman J.W. Goda: Hitler’s Shadow, S. 81–84.

→ Hauptartikel: Gerhard von Mende