mini|Elathalam in horizontaler Spielposition Elathalam (Malayalam), auch eḷathalam, ela-ttāḷam, ilathalam, iḷataḷam, ist ein kleines Paarbecken (Handzimbel) aus Messing, das im südindischen Bundesstaat Kerala in der rituellen Musik bei religiösen Prozessionen in Tempeln und zur Begleitung von Tanztheatern verwendet wird. Das elathalam gibt darüber hinaus in der traditionellen indischen Musik von Kerala den Takt (talam) vor, es ist neben zahlreichen zeremoniellen Perkussionsorchestern Bestandteil der Orchesterformation Panchavadyam („Fünf Instrumente“).

Herkunft Paarbecken oder Zimbeln sind Gegenschlagidiophone, die in der altindischen Sanskrit-Literatur, zusammengefasst in dem um die Zeitenwende entstandenen Werk Natyashastra, als ghana vadya („festes Instrument“) klassifiziert werden. Zu den relativ wenigen Abbildungen von Idiophonen aus altindischer Zeit gehören Becken und Schellen (Glöckchen oder Rasseln). Besonders häufig kommen Rasselringe vor, die Tänzerinnen an den Fußgelenken tragen, andere Rasseln wurden den Abbildungen zufolge beim Tanz mit den Händen geschüttelt. Sanskrit tala, Tamil talam, bezeichnet in der indischen Literatur die rhythmische Struktur der Musik, das taktgebende Händeklatschen und zugleich metallene Zimbeln oder Becken zur Anzeige des Taktes. Becken gehören seit jeher zur religiösen Musik und zur Tanzbegleitung. Die ältesten Becken kamen bei Ausgrabungen der Indus-Kultur zum Vorschein. Im Drama Mrcchakatika, das möglicherweise zwischen dem 3. und 5. Jahrhundert n. Chr. entstand und von einem ansonsten unbekannten König Shudraka verfasst worden sein soll, wird die im Haus einer reichen Kurtisane gespielte Musik gerühmt. Die Tänzerinnen ließen sich demnach von Trommeln (mridangam) und Becken (kansya tala) begleiten, zu hören waren ferner die süßen Klänge von Flöten (vamshi) und Harfen (vina).Walter Kaufmann: Altindien. Musikgeschichte in Bildern. Band 2. Musik des Altertums. Lieferung 8. VEB Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 27, 31

Mitte des 1. Jahrtausends n. Chr. standen Teile Südostasiens unter dem Einfluss der indischen Kultur, die entlang der Schiffshandelsrouten verbreitet wurde. Der älteste Fund eines Musikinstruments in einem Schiffswrack in asiatischen Gewässern ist ein einzelnes Becken. Das um die Mitte des 9. Jahrhunderts vor der Ostküste Sumatras untergegangene Schiff ist der früheste Nachweis für den Seehandel zwischen Indien und China. Das flache Bronzebecken mit einem Durchmesser von 30,5 Zentimetern besitzt wie die heutigen Exemplare einen Buckel in der Mitte und ein kleines Loch im Buckel.Arsenio Nicolas: Gongs, Bells, and Cymbals: The Archaeological Record in Maritime Asia. From the Ninth to the Seventeenth Centuries. In: Yearbook for Traditional Music, Bd. 41, 2009, S. 62–93, hier S. 63, 66 Das Wort elathalam ist aus talam und dem Präfix ela, Tamil „Blatt“, zusammengesetzt.

Bauform und Spielweise Das elathalam besteht aus zwei Messingplatten, deren Durchmesser 12 bis 15 Zentimeter und deren Dicke etwa 0,5 Zentimeter beträgt. Die Platten sind an der äußeren Hälfte eben, innen wölben sie sich zu einem flachen Buckel. Eine Kordel, die durch das Loch in der Mitte führt, ist an der Platteninnenseite mit einem Knoten gesichert und fixiert einen Kunststoffknopf im Abstand von zwei bis drei Zentimetern vom Buckel. Mit jeder Hand wird eine Platte zwischen Daumen und Zeigefinger gehalten.

Zwei unterschiedliche Spielweisen werden praktiziert. In horizontaler Spielposition schlägt der Musiker die beiden Platten flach an den Rändern gegeneinander. Unmittelbar nach dem Schlag hält er die untere Platte ruhig und streicht mit dem Rand der oberen Platte kreisförmig über den Rand der unteren, um den Nachklang des eher dunklen Schlages durch einen helleren, schleifenden Ton zu verlängern.Kerala India percussion ilathalam. Youtube-Video (Demonstration waagrecht geschlagene Becken) Alternativ hält der Musiker die Becken ungefähr senkrecht mit der Kordel in der gekrümmten Handinnenfläche und schlägt sie mit raumgreifenden, schwungvollen Bewegungen gegeneinander.

Tempelmusik miniatur|Panchavadyam-Perkussionsorchester. Links außen: Sanduhrtrommel idakka, Mitte: zwei Doppelkonustrommeln madhalam, links oben: Trompeten kombu, Mitte vorn: Sanduhrtrommel timila, rechts: elathalam. Bei religiösen Ritualen wird in Kerala zwischen der Verehrung (puja) in Tempeln (kshetram) und an Schreinen für Dorfgottheiten in heiligen Wäldchen (kavu) unterschieden. Die bei Prozessionen und in Tempeln aufgeführte Musik ist eine nicht mit Tanz verbundene und meist instrumentale (vadya) Musik, die kshetram vadyam genannt wird. Bis auf Blasinstrumente besteht das Tempelorchester nur aus Trommeln und Idiophonen. Die großen jahreszeitlichen Tempelfeste mit ihren zeremoniellen Perkussionsorchestern stellen in Kerala den Höhepunkt der kulturellen Ereignisse eines Jahres für Hindus und gleichermaßen Nicht-Hindus dar. Der Klang der aus mehreren Dutzend Spielern bestehenden Perkussionsorchester soll gewisse Gottheiten des Tempels heraufbeschwören und die Tempelbesucher unterhalten. Als musikalische Form gehören Perkussionsorchester in die Gruppe kutuka („trommeln“) gegenüber der gesungenen Musik pattu, („singen“, beispielsweise villu pattu, „Bogenlied“) und pulluvan pattu, den mit der einsaitigen Fiedel pulluvan vina, der Zupftrommel pulluvan kudam und elathalam von den Pulluvan in einem Schlangenkult gesungenen Liedern. Auch die Blasinstrumente haben im Perkussionsorchester die Funktion von Rhythmusinstrumenten, sie schmücken die Trommelschläge aus und verlängern deren Klang. Die elathalam geben den Takt vor und ergänzen den Ensembleklang um einen hohen, „fliegenden“ Aspekt.Rolf Killius, 2006, S. 45, 49, 60

Nach ihrer musikalischen Funktion werden die Musikinstrumente des kshetram vadyam als tala vadyam („Rhythmusinstrumente“) klassifiziert und nach ihrer Funktion im Ritual als deva vadyam, wenn sie zur Verehrung höherer Götter (deva) oder als asura vadyam, wenn sie zur Verehrung niederer, abhängiger Gottheiten (asura) dienen. Das elathalam gehört zur Instrumentengruppe für die letztgenannten Gottheiten, während seine Aufgabe in der Ritualmusik für die Hauptgötter im Innern des Haupttempels der kleine Handgong chengila übernimmt.Rolf Killius, 2006, S. 80

Die Saison der Tempelfeste dauert von Oktober bis Mai und schließt die kühlere und trockenere Jahreszeit ein. In dieser Zeit sind alle Tempelmusiker professionell oder semiprofessionell an verschiedenen Tempeln beschäftigt. Die Spieler gehören zu den Nayar, Marar oder einer verwandten Kaste und genießen ein hohes gesellschaftliches Ansehen, dem abgesehen von den gut bezahlten Solisten ein relativ geringes Einkommen gegenübersteht. Am wenigsten verdienen die Spieler des elathalam und der valantala chenda (der auf der Bassseite geschlagenen chenda).Rolf Killius, 2006, S. 94

mini|Panchavadyam in Cherpulasseri, westlich von Palakkad. Reihen von links nach rechts: elathalam und timila, gegenüber madhalam und kombu. Das große Panchavadyam gehört zu den ausgereiftesten Orchesterformen Keralas. Wesentlich ist ein im Verlauf der meist über eine Stunde dauernden Aufführungen immer schneller werdendes Tempo. Die Perkussionisten und die Bläser stehen sich in Gruppen gegenüber. Die heutige Form ist im Wesentlichen komponiert, enthält – da sie hauptsächlich zur Unterhaltung dient und nicht bei Ritualen im Innern des Tempels gespielt wird – auch improvisierte Elemente. Die fünf Instrumente des Panchavadyam sind die zweifellige Doppelkonustrommel madhalam, die beiden hölzernen Sanduhrtrommeln idakka und timila, das elathalam und als einziges Blasinstrument die gebogene Naturtrompete kombu. Die Position der Spieler ist festgelegt: In der ersten Reihe stehen typischerweise neun elathalam, in der zweiten Reihe sieben timila und in der Mitte zwei idakka. Ihnen gegenüber stehen in der dritten Reihe vier madhalam und dahinter in der vierten Reihe sieben kombu.Rolf Killius, 2006, S. 57 Ein solches Panchavadyam-Orchester kann auch aus 15 elathalam, zehn bis 15 timila, ein bis zwei idakka, zehn madhalam und zehn kombu bestehen.Rolf Groesbeck: "Classical Music," "Folk Music," and the Brahmanical Temple in Kerala, India. In: Asian Music, Bd. 30, Nr. 2, Frühjahr–Sommer 1999, S. 87–112, hier S. 90 Das Orchester beginnt, nachdem das Schneckenhorn shankh dreimal geblasen wurde. Zunächst wird ein sehr langsames Tempo von meist 448 Schlägen pro Zyklus (tala) vorgegeben, das sich allmählich steigert und in Abschnitte oder Schichten (talavattam) von kürzeren Zyklen mit 224, 112, 56 bis schließlich 7 und 3 ½ Schlägen pro Zyklus mündet. Jeder Zyklus besteht aus einer festen Grundstruktur, die von den elathalam zusammen mit der Mehrzahl der Trommler festgelegt wird. Eine andere rhythmische Struktur spielen Trommler, die zu bestimmten Zeiten solistisch hervortreten.

Das Panchari melam ist das beliebteste und vielleicht älteste Perkussionsorchester, das bei fast jedem Tempelfest in Zentralkerala auftritt. Zusätzlich zur kombu wird das kurze Doppelrohrblattinstrument kuzhal (auch kurum kuzhal) eingesetzt, eine nur in Kerala gebräuchliche Variante der mohori. Das Panchari melam gehört zur Familie der chenda melam. Weitere Ensembles und Musikgattungen des chenda melam sind Pandi, Chempata, Chempha, Dhruvam, Anchatanta und Atanta. Das chenda melam wird von der großen Zylindertrommel chenda dominiert, rhythmisch unterstützt von elathalam. Die Prozession mit dem Orchester Panchari melam gehört in ihrer großen Form zu Jahresfesten und wird dann von einem Elefanten oder einem Nambudiri-Priester angeführt, der eine Figur des Tempelgottes trägt. Vom Beginn am Eingang des Haupttempels umkreist die Prozession im Uhrzeigersinn diesen, hält an jeder der acht Himmelsrichtungen und spielt dort mindestens einen musikalischen Abschnitt (talavattam) für die jeweilige Nebengottheit. Zum hinter dem Elefanten aufgestellten Ensemble gehören in der ersten Reihe fünf kombu und in der zweiten Reihe fünf kuzhal. Ihnen stehen in der dritten Reihe fünf hoch tönende chenda gegenüber. Dahinter folgen zwei Reihen mit abwechselnd jeweils sechs tief klingenden chenda (valantala chenda) und dazwischen fünf elathalam. Den Abschluss bilden weitere drei valantala chenda.

Eine Besonderheit stellt das Ensemble kuzhal pattu dar. Es verkörpert den einzigen kshetram vadyam-Stil, bei dem ein Blasinstrument eine Melodielinie spielt und solistisch hervortritt.Kuzhal pattu...by Velappaya Nandhanan, Peruvanam Satheeshan Marar, Peruvanam Murali. Youtube-Video Hierzu gehören mindestens eine kuzhal, die von einer chenda und einem elathalam begleitet wird. Das der südindischen klassischen Musik verwandte Ensemble kann daneben aus einer toppi madhalam (eine nicht um die Hüfte, sondern um den Hals hängende, kleinere Version der madhalam) und gelegentlich aus einer sruti kuzhal bestehen. Letztere ergänzt einen Bordunton (sruti).Rolf Killius, 2006, S. 74f

Die meisten Perkussionsensembles spielen ausschließlich anlässlich von Tempelfesten. Nur Thayampaka und gelegentlich Keli werden auch auf Konzertbühnen aufgeführt. Beim Keli spielen chenda, madhalam und elathalam zusammen.Keli Kerala tradition. Youtube-Video Thayampaka ist ein Ensemble für Solo-chenda, mehrere begleitende chenda und mehrere, den Takt haltende elathalam. Diese musikalische Form bietet viel Raum für Improvisationen, in denen der chenda-Spieler seine Virtuosität demonstrieren kann.Rolf Groesbeck: Cultural Constructions of Improvisation in Tāyampaka, a Genre of Temple Instrumental Music in Kerala, India. In: Ethnomusicology, Bd. 43, Nr. 1, Winter 1999, S. 1–30, hier S. 4 Elathalam werden ferner im Ensemble des religiösen Schattenspiels Tholpavakuthu verwendet, das bei den Puram-Jahresfesten im Distrikt Palakkad zu Ehren der Göttin Bhadrakali aufgeführt wird. Dessen Tradition wird noch von einigen Mitgliedern der Pulavar-Familien gepflegt.

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