Andreas Jawlensky (* 18. Januar 1902 im Herrenhaus Ansbach bei Prely im Gouvernement Witebsk, Russisches Reich, heute: Anspoki bei Preiļi in LettlandBrigitte Roßbeck: Marianne von Werefkin. Die Russin aus dem Kreis des Blauen Reiters. Siedler, München 2010, Fn. 57.; † 10. Juli 1984 in Barga, Toskana) war ein russisch-schweizerischer Maler. Bis zur Heirat seines Vaters Alexej Jawlensky mit seiner Mutter Helene Nesnakomoff 1922 führte er den Nachnamen seiner Mutter, anschließend, bis in die späten 1920er Jahre, den Doppelnamen Jawlensky-Nesnakomoff.

Leben und Wirken Geburt in Russland 1902 Andreas Jawlensky war der Sohn des Malers Alexej Jawlensky und der erst 16-jährigen Helene Nesnakomoff, des Dienstmädchens von Jawlenskys Lebensgefährtin Marianne von Werefkin. In der Literatur variiert sein Vorname zwischen Andrej, Andreas und André.Gerhart Söhn (Hrsg.): Andreas Jawlensky. Im Schatten des berühmten Vaters. Edition GS, Düsseldorf 1986, S. 10. Alexej Jawlensky schrieb in seinen Lebenserinnerungen: „In Anspacki wurde im Januar 1902 mein Sohn Andrej geboren.“Alexej Jawlensky: Lebenserinnerungen. In: Clemens Weiler (Hrsg.): Alexej Jawlensky. Köpfe – Gesichte – Meditationen. Dr. Hans Peters Verlag, Hanau 1970, S. 109. Werefkin war mit Alexej Jawlensky und der im sechsten Monat schwangeren Helene Nesnakomoff von ihrer Wahlheimat München in das zum Russischen Kaiserreich gehörende Lettland gereist. Zweck der Reise war, die wahre Vaterschaft von Andreas und das Alter der jungen Nesnakomoff (1885–1965) zu verheimlichen. Ansonsten hätte Jawlensky in Bayern mit juristischen Konsequenzen rechnen müssen, zumal er keine Heiratsabsichten mit Nesnakomoff hatte. Das Geburtsdatum von Andreas nennt erstmals ein Nachtrag auf dem Reisepass von Werefkin in russischer und französischer Sprache nach dem Gregorianischen Kalender: „André, né le 5. Janvier 1902.Bernd Fäthke: Alexej Jawlensky. Zeichnung – Graphik – Dokumente. Ausstellungskatalog. Museum Wiesbaden 1983, S. 53, Kat. Nr. 81; ders.: Marianne Werefkin. Hirmer, München 2001, S. 54, Doc. 5.“ Nach dem Julianischen Kalender handelt es sich folglich um den 18. Januar.

Kindheit in München, 1902–1914 mini|Marianne von Werefkin: Helene Nesnakomoff (1909) Nach etwas mehr als einem Jahr Aufenthalt in Russland kehrte man mit Andreas und Helene Nesnakomoffs älterer „Schwester Marie“ am 23. November 1902 nach München zurück.Bernd Fäthke: Marianne Werefkin. Hirmer, München 2001, S. 55 ff. Als Vorsichtsmaßnahme, damit seine Vaterschaft von den Behörden nicht entdeckt würde, gab Jawlensky seinen Sohn noch zehn Jahre später sogar gegenüber August Mackes Frau als seinen NeffenElisabeth Erdmann-Macke: Erinnerungen an August Macke. Frankfurt am Main 1987, S. 238 ff. aus. Andreas wuchs in München auf und besuchte dort die Schule. Mit seinem Vater, seiner Mutter und deren Schwester Marie wohnten sie unter der Obhut der Werefkin in der Giselastraße 23, im dritten Stock, im Stadtteil Schwabing bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Erste Malversuche Die Literatur kennt keine zuverlässigen Daten zu den Anfängen von Andreas’ Malerei. Die erste Nachricht über seine künstlerische Ausbildung stammt aus dem Jahr 1924. Demnach soll es sich bei dem allerersten Bild, das er malte, um ein Stillleben gehandelt haben. Das erfährt man von der Kunsthistorikerin Mela Escherich, die neben Hanna Bekker vom Rath, Hedwig Brugmann und Lisa Kümmel zu den sogenannten „Nothelferinnen“Alexander Hildebrand: Alexej Jawlensky in Wiesbaden – Reflexe auf Leben und Werk (1921–1941). In: Ausstellungskatalog Jawlenskys japanische Holzschnittsammlung. Eine märchenhafte Entdeckung. Edition der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten, Bad Homburg v. d. H., Nr. 2, 1992, S. 56 ff. Jawlenskys zählt. Sie berichtet, dass Alexej Jawlensky 1908 einige Gegenstände vor seinem sechsjährigen Kind aufstellte, die der Kleine dann auch „malte. So entstand eine Reihe – ausstellungsreifer Arbeiten.“Mela Escherich: Andre Nesnakomoff-Jawlensky. In: Der Cicerone, Halbmonatsschrift für Künstler, Kunstfreunde und Sammler, XVI. Jg., 1924, XVII JG., 1925, S. 311.

Fünfunddreißig Jahre später, 1959, weiß Clemens Weiler, der damalige Direktor des Museums Wiesbaden und erster Jawlensky-Biograph, von einem noch früheren Datum zu berichten: Andreas „hatte schon als kleines vierjähriges Kind im Atelier seines Vaters in München zu malen begonnen“.Clemens Weiler: Alexej Jawlensky. Köln 1959, S. 109. Das wäre folglich 1906 gewesen. Weilers Nachfolger im Amt widersprach 1978 den früheren Versionen mit Bestimmtheit: „1907 entstand sein erstes Bild.“Ulrich Schmidt: Die schöne Welt des Andreas Jawlensky – Gemälde, Pastelle, Aquarelle, Grafik. Ausst. Kat.: Museum Wiesbaden. Wiesbaden 1978, S. 2. Damals war Andreas fünf Jahre alt. Ein Jahr später griff Andreas Jawlensky selbst in die Diskussion um den Beginn seiner Malerei ein und behauptete 1979: „Es war im Sommer bis Dezember 1906, […] ich war damals vier Jahre alt und bekam vom Nikolaus einen Malkasten […] in Wasserburg.“Gottlieb Leinz: Jawlenskys Aufenthalt in Wasserburg 1906/07. In: Ausst. Kat.: Alexej Jawlensky – Vom Abbild zum Urbild. Galerie im Ganserhaus, Wasserburg am Inn 1979, S. 25 und Anm. 5. Doch Jawlenskys Aussage ist schon deshalb nicht stimmig, weil er die fragliche Zeit in Frankreich verbracht hatte.Bernd Fäthke: Werefkin und Jawlensky mit Sohn Andreas in der „Murnauer Zeit“. In: Ausst. Kat.: 1908–2008, Vor 100 Jahren, Kandinsky, Münter, Jawlensky, Werefkin in Murnau. Schloßmuseum Murnau 2008, S. 46 ff.

1987 wurde erstmals ein doppelseitiges, 53 × 42 cm großes Ölbild, Blumen – Roter Mohn,Ausst. Kat.: Jawlensky, Father and Son. Leonard Hutton Galleries, New York 1987, S 7, Abb. 1. das Jawlensky als Fünfjähriger gemalt haben will, in New York City bei Hutton ausgestellt. Es zeigt eine gewisse stilistische Verwandtschaft mit dem 49,5 × 53,5 cm großen Ölbild Rote Blumen auf rosa Tisch im Lenbachhaus, das von Jawlensky am „13.III.1959“ rückseitig beschriftet und „1910“ datiert wurde.Rosel Gollek: Der Blaue Reiter im Lenbachhaus München. Katalog der Sammlung in der Städtischen Galerie. München 1974, S. 48. Damals wäre er also acht Jahre alt gewesen. Beide Bilder fanden 1978 jedoch keinen Eingang in die Wiesbadener Ausstellung.Ulrich Schmidt: Die schöne Welt des Andreas Jawlensky – Gemälde, Pastelle, Aquarelle, Grafik. Ausst. Kat.: Museum Wiesbaden, Wiesbaden 1978.

Einigkeit, die künstlerischen Anfänge Jawlenskys überzeugend zu bestimmen, wurde nie erzielt. Das Dilemma ist, dass man meist von Malerei sprach, jedoch damit Zeichnungen meinte. In dieser Hinsicht gibt es für das Jahr 1910 indes eine glaubwürdige Schilderung von Frau Macke. Bei einem Besuch mit ihrem Mann in Alexej Jawlenskys Münchener Wohnung lernte sie frühe Arbeiten des heranwachsenden Andreas kennen und berichtet darüber: „Viele bunte Kinderzeichnungen waren mit Reißnägeln an der Wand befestigt. Der kleine André, damals sechs Jahre alt, […] hatte sie gemalt. Jawlensky zeigte sie uns […] mit großem Stolz.“Elisabeth Erdmann-Macke: Erinnerungen an August Macke. Frankfurt am Main 1987, S. 240. Nicht zu unterschätzen ist die Tatsache, dass Frau Macke Andreas – obwohl bereits acht Jahre alt – als Sechsjährigen einschätzte und seine Arbeiten unmissverständlich qualitativ als „Kinderzeichnungen“ und nicht als Malereien beurteilte. Hätte Andreas bis zu jenem Zeitpunkt Ölbilder aufzuweisen gehabt, so hätte sie der Vater zweifellos mit ebenso „großem Stolz“ seinen Besuchern gezeigt. In diesem Zusammenhang ist zu nennen, dass selbst Alexej Jawlensky in seinen Lebenserinnerungen noch von „wunderbaren Zeichnungen“, die Andreas in den ersten Schweizer Jahren gemacht habe, spricht, und nicht von Malerei, gar Ölmalerei.

Frankreichreise, 1906 Es war Alexej „Jawlenskys ganz großer Irrtum“,Bernd Fäthke: Werefkin und Jawlensky mit Sohn Andreas in der „Murnauer Zeit“. In: Ausst. Kat.: 1908–2008, Vor 100 Jahren, Kandinsky, Münter, Jawlensky, Werefkin in Murnau. Schlossmuseum Murnau 2008, S. 44. als er in seinen Lebenserinnerungen schrieb: „Im Frühling 1905 fuhren wir alle nach der Bretagne.“Alexej Jawlensky: Lebenserinnerungen. In: Clemens Weiler (Hrsg.): Alexej Jawlensky. Köpfe – Gesichte – Meditationen. Dr. Hans Peters Verlag, Hanau 1970, S. 110 f. Man glaubte Jawlenskys Darstellung, so auch zeitlebens Andreas, der als Vierjähriger auf dieser Frankreichreise mit von der Partie war. Dass diese Reise nicht 1905, sondern 1906 stattfand, wurde erst 2004 entdeckt.Bernd Fäthke: Jawlensky und seine Weggefährten in neuem Licht. München 2004, S. 75 ff.

Durch Alexej Jawlenskys Lebenserinnerungen erfährt man, dass man sich zunächst im Seebad Carantec aufhielt. Er berichtet über den weiteren Verlauf der Reise: „Wir sind von der Oktoberausstellung in Paris nach Südfrankreich in die Provence und Sausset am Mittelmeer gefahren, wo wir bis Weihnachten blieben […] Über Genf sind wir nach München zurückgefahren. In Genf blieben wir einige Tage, wo ich Hodler […] in seinem Atelier aufsuchte.“

Murnau, 1908 Mit seinem Vater und Werefkin war Jawlensky in Murnau und traf dort auch mit Münter und Kandinsky zusammen.Ausst. Kat.: Gabriele Münter – Die Jahre mit Kandinsky, Photographien 1902–1914. Städtische Galerie im Lenbachhaus, München 2007, S. 188, 189. Was seine damalige Malerei anbetrifft, so schrieb Alexej Jawlensky in seinen Lebenserinnerungen: „in Murnau […] malte er sehr schöne Stilleben und Landschaften.“Alexej Jawlensky: Lebenserinnerungen. In: Clemens Weiler (Hrsg.): Alexej Jawlensky. Köpfe – Gesichte – Meditationen. Dr. Hans Peters Verlag, Hanau 1970, S. 117.

An der Ostsee, 1911 Alexej Jawlensky erzählt in seinen Lebenserinnerungen: „Im Frühling 1911 fuhren wir nach der Ostsee nach Prerow, Werefkin, André, Helene und ich.“Alexej Jawlensky: Lebenserinnerungen. In: Clemens Weiler (Hrsg.): Alexej Jawlensky. Köpfe – Gesichte – Meditationen. Dr. Hans Peters Verlag, Hanau 1970, S. 112. Außerdem informiert er für den Aufenthalt auf der Halbinsel Darß, dass Andreas „in Prerow sehr schöne Stilleben und Landschaften malte“. In dieser Situation nimmt es sich kurios aus, dass Andreas Jawlensky 1983 behauptete, sein Vater habe sein aus „frühester Jugend“ stammendes „Kinderbild“Bruno Russ: Der 40ste Jawlensky – wer hat ihn gemalt? Der Sohn des Malers sagt: Es ist ein Kinderbild von mir. In: Wiesbadener Kurier, 10./11. September 1983, S. 9. Stilleben mit grüner FlascheMuseum Wiesbaden, Inv. Nr. 995. benutzt, um auf dessen Rückseite 1911 die Kirche in PrerowMaria Jawlensky, Lucia Pieroni-Jawlensky, Angelica Jawlensky (Hrsg.): Alexej von Jawlensky, Catalogue Raisonné of the oil-paintings, Bd. 1. München 1991, Nr. 422, S. 331. zu malen. Dabei hatte er noch in einem Brief vom 23. Juni 1971 an Clemens Weiler geschrieben: „Es ist nicht mal von mir.“Bernd Fäthke: Der Fall Jawlensky. Original-Kopie-Fälschung. Beilage zur WELTKUNST. 1. März 1996, S. 10, Anm. 95 und 43. Folglich lieferte Andreas Jawlensky für ein und denselben Sachverhalt paradoxe Auskünfte zu den ehemals zusammengehörigen Bildern, die „erst 1970 in Wiesbaden gespalten wurden“.Bruno Russ: Diskussion um 40. Jawlensky, Gegenargumente und ein Vortrag. In: Wiesbadener Kurier, 23. September 1983, S. 11. Diese und weitere Widersprüche wurden 1983 folgendermaßen kommentiert: „Nun ist freilich bekannt genug, daß gerade die […] Künstlerkinder schon für so manchen Wirbel um das Werk ihrer […] Väter gesorgt haben bzw. nicht immer dessen verlässlichste Zeugen oder Sachverwalter waren. Im Falle des vorliegenden Bildes mag man sich zudem mit Erstaunen fragen, ob wirklich ein kleiner Junge es gemalt haben solle.“Bruno Russ: Der 40ste Jawlensky – wer hat ihn gemalt? Der Sohn des Malers sagt: Es ist ein Kinderbild von mir. In: Wiesbadener Kurier, 10./11. September 1983, S. 9.

Oberstdorf, 1912