Sexuelle Belästigung und Übergriffe waren und sind ein erhebliches Problem im modernen Ägypten. Durch besonders prominente Fälle seit Mitte der 2000er Jahre ausgelöste öffentliche Diskussionen hierüber haben zu einer Reihe von zivilgesellschaftlichen Initiativen und der Gründung mehrerer Nichtregierungsorganisationen geführt. Neue Brisanz und verstärkte internationale Aufmerksamkeit erhielt das Phänomen durch vermehrte sexuelle Übergriffe auf Frauen, darunter Vergewaltigungen durch Gruppen von Männern, bei Massendemonstrationen auf dem Kairoer Tahrir-Platz im Rahmen der Revolution in Ägypten 2011. Die fortlaufende öffentliche Debatte führte 2014 zu ersten Änderungen im Sexualstrafrecht. mini|Qāsim Amīn (1863–1908), ägyptischer Frauenrechtler und Verfasser der Werke Die Befreiung der Frau (Tahrir Al-Mar’ah, 1899) und Die neue Frau (Al-Mar’ah Al-Jadidah, 1901)

Hintergrund Ägypten zählt zu den bevölkerungsreichsten arabischen Ländern,siehe 'Bevölkerungsuhr' (Ende 2017: etwa 96,25 Millionen Menschen) der Anteil an Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung ist sehr hoch. 2012 war das Durchschnittsalter knapp 25 Jahre, und knapp ein Drittel der Gesamtbevölkerung war jünger als 15 Jahre.Frauen in der islamischen Welt. Dt. Orientinstitut, 2013, S. 20.

In Ägypten hatte es bereits im 19. Jahrhundert einflussreiche Frauenrechtlerinnen wie die Poetin Aïscha Taimur (1840–1902) gegeben.Mervat Fayez Hatem: Literature, gender, and nation-building in nineteenth-century Egypt: the life and works of ’A’isha Taymur. Literatures and cultures of the Islamic world. Palgrave Macmillan, Basingstoke: 2011, S. 10 ff. Diese entstammte einer Familie, die eng mit dem Aufstieg der Dynastie des Muhammad Ali verbunden war.Mervat Fayez Hatem: Literature, gender, and nation-building in nineteenth-century Egypt: the life and works of ’A’isha Taymur. Literatures and cultures of the Islamic world. Palgrave Macmillan, Basingstoke: 2011, S. 8. Um 1900 entbrannte ein erster Streit um Geschlechtertrennung und Verschleierung. Die Reformkräfte im Land, einflussreich unter anderem Qasim Amin, äußerten Kritik an den vorherrschenden Verhältnissen besonders in Bezug auf Frauenrechte und nahmen dabei alte Elite wie einheimische Unterschichten aufs Korn.Frauen in der islamischen Welt. Dt. Orientinstitut, 2013, S. 21. Man setzte sich für eine verbesserte Frauenbildung ein, stilisierte aber gleichzeitig Ehe und Familie als Ort nationaler und religiöser Authentizität. Politische Rechte blieben den Frauen verwehrt, gleichzeitig waren Frauen bei den Protesten gegen die englische Kolonialherrschaft maßgeblich beteiligt. Ägyptens Gesellschaft macht kulturell wie rechtlich einen starken Gegensatz zwischen den unterschiedlichen Naturen von Männern und Frauen. Die weibliche Sexualität wird dabei als inhärente Gefahr dargestellt.

Wie in anderen islamisch geprägten Ländern auch, ziehen sich Versuche der Emanzipierung oder der Ausschaltung traditioneller Geschlechterbilder durch autoritäre Regierungen wie ein roter Faden durch die jüngere Geschichte.Frauen in der islamischen Welt. Dt. Orientinstitut, 2013, S. 7 (Einleitung). Näheres im Ägyptenabschnitt siehe S. 20ff. Die Emanzipierungsmaßnahmen „von oben“ wurden dabei auch immer als Überfremdung durch westlichen dekadent-unmoralischen Einfluss und Teil einer fremden mit Gewalt oktroyierten Ordnung empfunden. In den 1960er Jahren kam es zu (solchen) verschiedenen Modernisierungsansätzen, die unter anderem das 1960 von General Gamal Abdel Nasser eingeführte Frauenwahlrecht ermöglichten.

Weitere Reformen für die Sache der Frauen sind eng mit der wirtschaftlichen Öffnung seines Nachfolgers Anwar as-Sadat gegenüber den USA und mit Reformprojekten seiner Frau bzw. (seit Sadats Ermordung 1981) Witwe Jehan Sadat verbunden. Jehans Gesetze, setzten ein (umstrittenes, obwohl die Praxis als solche kaum verbreitet oder wirtschaftlich möglich ist) Verbot der Vielehe, das Recht auf Alimente und ein verbessertes Sorgerecht für die Kinder nach einer Scheidung durch. Die Öffnungspolitik erwies sich als zwiespältig für die Lage der Frauen und der armen Schichten insgesamt, weil sie vor allem den privaten Sektor stärkte, die traditionellen Arbeitsbereiche für sozial Schwache aber reduzierte.El-Baz, S.: The impact of social and economic factors on women’s group formation in Egypt. In: D. Cahtty & A. Rabo: Organizing women: Formal and informal women’s groups in the Middle East. Oxford: Berg Publishers. Zitiert beim in The International Encyclopedia of Sexuality, Bd.e I–IV (1997–2001), Hrsg. von Robert T. Francoeur. Gleichzeitig verstärkten sich mächtige fundamentalistische Strömungen (vgl. Muslimbrüder), die Frauen auf Heim und Familie reduzieren wollten. Verfassungsrechtlich wurde die Gleichstellung insoweit eingeschränkt, als jedwede Gleichstellung von Frauen mit der Shari'a, dem hergebrachten islamischen Recht, in Gleichklang sein müsse.Hatem, A.: Economic and political liberalization in Egypt and the demise of state feminism. In International Journal of Middle East Studies, Nr. 24 (1992), zitiert beim in The International Encyclopedia of Sexuality, Volume I–IV (1997–2001), hrsg. von Robert T. Francoeur. Eine zwischenzeitliche Reduktion der insgesamt in Ägypten, auch wie bei der koptischen christlichen Minderheit weitverbreiteten Weiblichen Genitalverstümmelung, wie sie 1994 nach der Weltbevölkerungskonferenz in Kairo erlassen wurde, stieß auf erbitterten Widerstand. Schon 1997 wurde die 1994 erlassene Beschränkung des Eingriffs auf Krankenhäuser wieder aufgehoben. Die Gleichsetzung von Gleichberechtigung und herrschenden politischen Machtinteressen setzte sich bei dem unter Mubarak im Jahre 2000 gegründeten National Council for Women (NCW)Bedrängt, beschnitten, entrechtet. Spiegel Online, 27. Dezember 2017. fort, der von seiner Ehefrau Suzanne Mubarak geleitet wurde. Die enge Zusammenarbeit des NCW mit den Vereinten Nationen und das Zusammenspiel mit der Nationaldemokratischen Partei Ägyptens diskreditierte teilweise den Einsatz für mehr Frauenrechte als Teil der autoritären Regierungsstrategie.Frauen in der islamischen Welt. Dt. Orientinstitut, 2013, S. 20. Das Internet und insbesondere die sozialen Netzwerke ermöglichen Frauen zunehmend einen eigenständigen Raum jenseits der „Reformen von oben“.

Ägypten wird aktuell (2013) eine profunde Kultur der Missachtung von Frauen in öffentlichen Bereichen konstatiert.Frauen in der islamischen Welt. Dt. Orientinstitut, 2013, S. 24.

Eine 2008 erschienene – auch mit EU-Mitteln geförderte – Studie einer ägyptischen Nichtregierungsorganisation beschrieb den gesamten Bereich des belästigenden Verhaltens bis einschließlich der Vergewaltigung.Rasha Hassan, Aliyaa Shoukry, Nehad Abul Komsan: Clouds in Egypt’s Sky: Sexual Harassment: From Verbal Harassment to Rape. 1998. Zitiert bei Abdelmonem 2015, (PDF). Die Studie wurde unter dem englischen Titel Clouds in Egypt’s Sky (Wolken am Himmel Ägyptens) öffentlich bekannt und verbreitet. Sexuelle Übergriffe gegen Frauen sind in der ägyptischen Öffentlichkeit alltäglich und finden unabhängig vom Regimetyp statt; sexuelle Gewalt und Belästigung sind auch als politisches Mittel eingesetzt worden (siehe nächsten Abschnitt).

Sexuelle Gewalt und Belästigung im öffentlichen Raum Begriffsgeschichte Die Beschreibung und Thematisierung von sexueller Belästigung ist in Ägypten selbst bei den verwandten Begrifflichkeiten umstritten. Für sexuelle Belästigung beziehungsweise einseitige Avancen im öffentlichen Raum wurde (und wird teilweise nochAngie Abdelmonem: In: Kohl: A Journal for Body and Gender Research. 1 (Sommer 2015): S. 23–41.) das Wort mu’aksa () verwendet. Abdelmonem sieht eine (umstrittene) Verschiebung zum Begriff taharrusch („Belästigung“) bzw. taharrusch dschinsi (arabisch sexuelle Belästigung) hin. Dieser bezog sich laut Abdelmonem bis 2006 eher auf die Belästigung und Vergewaltigung von Minderjährigen. Die Organisation „Ägyptisches Zentrum für Frauenrechte“ hatte bereits zuvor den Begriff taharrusch für ihre Kampagne gegen sexuelle Belästigung im Alltag gewählt; andere Initiativen behielten dies bei.Angie Abdelmonem, Kohl 2015, S. 23 (Abstract) Mit der Ergänzung des Strafrechtsparagraphen 306 um einen eigenen Absatz fand der Begriff sexuelle Belästigung (taharrusch dschinsi) 2014 erstmals Eingang in einen Gesetzestext.Angie Abdelmonem, Kohl 2015, S. 34Paragraph 306 (b) in und Fassung. HarassMap.org; abgerufen am 18. Januar 2016

Fallbeispiele Im Frühjahr 2005 wurden ägyptische Frauenrechtlerinnen, die sich gegen die 2005 geplante Verfassungsabstimmung zur Direktwahl des Präsidenten wandten, in der Innenstadt Kairos von Polizisten und „baltigiyya“, vermutlich staatlich angeheuerten Agents Provocateurs, angegriffen und misshandelt; das Ereignis wurde als Schwarzer Mittwoch bekannt. Julia Gerlach sieht solche Angriffe in Ägypten als schon länger etabliertes politisches Mittel, um Aufstände zu bekämpfen: „Dazu wird sexuelle Belästigung in Ägypten schon seit Jahrzehnten eingesetzt. Zivilpolizisten mischen oft Demonstrationen auf, fassen Frauen in die Hose oder reißen ihnen die Kleider weg.“Julia Gerlach: Frühling der Frauen am Nil. In: Susanne Schröter (Hrsg.): Geschlechtergerechtigkeit durch Demokratisierung? Transformationen und Genderverhältnisse in der islamischen Welt. Campus, Bielefeld 2013, ISBN 978-3-8376-2173-0, S. 52.

Ein in Ägypten sehr prominentes Beispiel für sexuelle Übergriffe ereignete sich 2006 während des Feiertags zum Fastenbrechen, bei dem eine Gruppe junger Männer, die zuvor an einem überfüllten Kino abgewiesen worden waren, Frauen und Mädchen in der Innenstadt aggressiv belästigten. Videoaufnahmen der von den staatlichen Autoritäten zunächst ignorierten und abgestrittenen Vorkommnisse wurden von ägyptischen Bloggern wie Wael Abbas und Malek X. bekannt gemacht. Das Verschweigen der Vorkommnisse wurde damit öffentlich und in der Folge massiv kritisiert.Eine detaillierte Untersuchung der Rolle der Blogger siehe Sarah Weirich, 2013 Rutgers University. Women’s and Gender Studies, Blogging the Gendered Citizen and the Panoptical Web: The Cases of Egypt, Morocco, Saudi Arabia, and Palestine, zum Vorfall siehe FS 10 The Interior Ministry denied the return of harassment in Cairo and said „Everything is fine, Effendim!“, zitiert nach Mohamed Khayr. Al-Dustur Weekly, 1. November 2006. Es folgte eine breite öffentliche Debatte der Vorfälle, die vor allem in unabhängigen Zeitungen stattfand.Samuli Schielke: Ambivalent Commitments: Troubles of Morality, Religiosity and Aspiration among Young Egyptians. In: Journal of Religion in Africa. 39 (2009) S. 158–185 samuli-schielke.de (PDF; 192 kB), hier S. 158–161 (englisch).

2008 gelang es Noha Rushdie, einer damals 27-jährigen Filmemacherin, zum ersten Male in Ägypten einen Gerichtsprozess in Sachen sexueller Belästigung erfolgreich abzuschließen. Basis war eine unziemliche Verletzung der Sittsamkeit und eine Verletzung ihrer Ehre.Angie Abdelmonem, 2015 „Kohl“, S. 26, Verweise auf Amar 2011; Ilahi 2008.

Sexuelle Gewalt am Tahrir-Platz seit 2011

mini|Massendemonstration am Tahrirplatz am 9. Februar 2011, wenige Tage vor dem Rücktritt Mubaraks