Die chilenische Literatur ist die Literatur Chiles in spanischer Sprache und somit Teil der hispanoamerikanischen Literatur. Die seit dem 20. Jahrhundert zögernd erfolgende Verschriftlichung der Literatur der Mapuche ist nicht Gegenstand dieses Artikels.
Kolonialzeit Literarische Werke aus der Zeit der spanischen Kolonialherrschaft in Chile sind rar. Der Theologe Pedro de Oña (1570–1643), der erste in Chile geborene Autor, verfasste 1596 ein heroisches Epos über den Araukanerkrieg und das Leben der Inés de Suárez auf Grundlage des Werks La Araucana des spanischen Dichters Alonso de Ercilla y Zúñiga. mini|hochkant|Tegualda La Araucana trifft Alonso de Ercilla auf dem Schlachtfeld. Illustration der Buchausgabe Madrid 1884 Der humanistische gebildete Ercilla, der sowohl als ein Gründervater der lateinamerikanischen Literatur als auch als chilenische Nationalautor gilt, schreibt allerdings weitaus elaborierter als sein in Chile geborener detailversessener Epigone. Ercilla stammte aus Madrid, war in Chile in Ungnade gefallen und hatte in seinem in den 1560er bis 1580er Jahren in achtzeiligen Stanzen noch im Stil der Renaissance verfassten Epos, das sich formal an Homer, Vergil und Ariost orientierte, die todesverachtende Tapferkeit der Araukaner gepriesen und die Rolle der spanischen Eroberer stark kritisiert.Rössner 2002, S. 42 ff.
Der Jesuit Alonso de Ovalle (1603–1651) verfasste die erste Prosachronik und illustrierte Beschreibung der Landesnatur Chiles (Histórica relación del reino de Chile y de las Missiones y Ministerios que exercita la Compañia de Jesus, erschienen 1846 in spanischer und italienischer Sprache 1646 im Rom). Auch er widmet dem Araukanerkrieg breiten Raum.
Republikanismus und Romantik Die chilenische Literatur entfaltete sich erst nach der Unabhängigkeit. Wie in Argentinien spielten dabei Zeitungen eine große Rolle. Die erste regelmäßige (national und republikanisch orientierte) Zeitung La Aurora de Chile erschien erst 1812, bis 1830 entstanden jedoch etwa 100 teils sehr kurzlebige Zeitungen. Literatura verstand sich zunächst nicht als Kunst, sondern als essayistische Reflexion und politische Bildungstätigkeit im Rahmen des Aufbaus des neuen Staates mit der Absicht, das Publikum politisch zu beeinflussen, aber auch im Kontext der rasch einsetzenden Auseinandersetzungen zwischen Konservativen und Liberalen.Dieter Janik: Die Anfänge einer nationalen literarischen Kultur in Argentinien und Chile: eine kontrastive Studie auf der Grundlage der frühen Periodika (1800-1830). Tübingen 1995, S. 10; 17. mini|hochkant|José Victorino Lastarria Später wiederholte sich in Chile wie in anderen lateinamerikanischen Ländern das bekannte Schema der Abfolge von Stilepochen. Der Venezolaner Andrés Bello (1781–1865), ein Aufklärer, Diplomat, Linguist, Übersetzer, Lyriker und großer Didaktiker, lebte und arbeitete seit 1829 im chilenischen Exil. Er gründete die Nationaluniversität und übersetzte Texte von Alexander von Humboldt ins Spanische. Seine Schüler gründeten 1842 in Santiago die Sociedad literaria, in der jüngere Autoren eine nationale Literatur im Geist der Romantik proklamierten. Der Anwalt, Diplomat und costumbrista José Victorino Lastarria (1817–1888) war Führer dieser liberal-radikalen Bewegung, deren Ziele er in dem mit Mythen der Mapuche metaphorisch-phantastische verschlüsselten ersten chilenischen Roman Don Guillermo (1860) propagierte. Zeitweise musste er nach Peru emigrieren.Kurzbiographie auf memoriachilena.gob.cl Zu dieser Bewegung gehörten auch Salvador Sanfuentes (1817–1860), Francisco Bilbao (1823–1865), Alberto Blest Gana (1830–1904), Guillermo Matta (1829–1899) und Eusebio Lillo (1826–1910).
Seit den 1850er Jahren erfuhr auch die wissenschaftliche Literatur – vor allem die Geschichtsschreibung durch Diego Barros Arana und Benjamín Vicuña Mackenna – einen Aufschwung.
Realismus, Modernismo, Spätromantik Blest Gana, der von irischen und baskischen Vorfahren abstammte und als Botschafter in mehrere europäische Länder entsandt wurde, entwickelte sich in seinen Romanen allmählich zum ersten bedeutenden Vertreter des Realismus in Chile. Sein erster Roman Martín Rivas (1862) ist eine sozialkritische Familiengeschichte, Teil einer chilenischen Comédie humaine nach dem Vorbild Balzacs, die seit 1925 fünfmal verfilmt und auch für das Theater und als Musical adaptiert wurden. Die Werke des Autors sind in Chile heute noch Bestandteile der Schullektüre. Sie waren prägend für die Autoren der Generation 1867, zu der auch Zorobabel Rodríguez (1849–1901), Journalist, Essayist, Romanautor und Lexikograph des chilenischen Wortschatzes zählte. mini|hochkant|Alberto Blest in der Uniform eines chilenischen Botschafters Baldomero Lillo Figueroa (1867–1923) verbindet einen realistisch-costumbristischen Stil mit sozialem Protest. In seinen Kurzerzählungen schildert er das harte Leben der Bergarbeiter; später wandte er sich dem Symbolismus zu. In den Darstellungen des Lebens der oberen Klassen durch den Schriftsteller, Essayisten und Diplomaten Luís Orrego Luco (1866–1949) ist bereits der Einfluss des französischen Naturalismus erkennbar.
1886 besucht Rubén Darío aus Nicaragua das Land und regt hier die Entstehung des Modernismo an. Dessen Vertreter Francisco Contreras (1880–1932), Carlos Mondaca (1881–1928) blieben international unbekannt. Der national hoch verehrte Lyriker Diego Dublé Urrutia (1877–1967) gilt als Begründer des chilenischen Criollismo (Kreolismus). Vom Trend des Modernismo fern hielten sich die Lyriker Carlos Pezoa Véliz (1879–1908) und der Spätromantiker Max Jara (1886–1965).
1914–1945 Die Verletzlichkeit des relativ wohlhabenden, aber lange Zeit von Salpeterexporten abhängigen Landes machte sich durch die Isolation während des Ersten Weltkrieges und die in der Folge fallenden Salpeterpreise bemerkbar. Die wirtschaftliche Lage verbesserte sich erst seit 1924 und die Mittelschichten expandierten. Dennoch waren viele Autoren darauf angewiesen, in den Staatsdienst zu treten und z. B. im diplomatischen Dienst zu arbeiten. Das führte zur besseren Kenntnis und Verbreitung der nicht-spanischen europäischen Literatur.
Prosa: Criollismus, Imaginismo mini|hochkant|Titelseite von Pedro Prados Roman Alsino (1920) Nach der Jahrhundertwende erstarkte das „Interesse für das ‚Eigene‘“: Die Fixierung der chilenischen Literatur auf postkoloniale Themen wurde abgestreift, und unter dem Einfluss des europäischen Naturalismus entwickelte sich eine volkstümliche literarische Strömung, die detailreiche Milieustudien hervorbrachte. Erster Preisträger des seit 1942 jährlich verliehenen Premio Nacional de Literatura de Chile (kurz: Nacional de literatura), des wichtigsten chilenischen Literaturpreises, war der naturalistische Schriftsteller, Dichter und Dramatiker Augusto d’Halmar (1882–1950), der bereits vor dem Ersten Weltkrieg das Leben der chilenischen Bohème erkundet hatte (Juana Lucero, 1902). Auch sein Freund Fernando Santiván (1886–1973) verfasste seinen ersten, sogleich preisgekrönten Roman Ansia (1910) über sein Leben als armer Literat. Der konservative Anwalt Jenaro Prieto (1889–1946) war Vertreter des gesellschaftssatirischen Romans, der die chilenischen Idiosynkrasien präzise beschrieb. Sein Roman El socio (1928), dessen Held an einer Lüge zugrunde geht, ist Pflichtlektüre in chilenischen Sekundarschulen; er wurde sechsmal verfilmt.
1914 gründete sich die Gruppe Los Diez oder Los X („Die Zehn“) um den Architekten Pedro Prado (1886–1952), der Lyrik und Romane verfasste. Sein Werk Alsino, eine Mischung aus Roman, Prosagedicht und Märchen, handelt von einem Jungen vom Lande, einen chilenischen Ikarus, der vom Fliegen träumt. Prado fügt dem criollistisch-modernistischen Grundton einen Schuss Imagination und Exotik hinzu. Alsino setzt sich in allegorischer Form mit der Mission und dem Schicksal der lateinamerikanischen Intellektuellen auseinander und ist eines der letzten bedeutenden Werke des Modernismo, über den es schon hinausweist. 1949 erhielt Prado dafür den Nacional de literatura.Aníbal González: Companion to Spanish American Modernismo. Boydell & Brewer, 2007, S. 98. Zu den „Imaginisten“ der chilenischen „Generation 27“ zählt auch der spätere Diplomat Salvador Reyes Figueroa (1899–1970). Pablo Neruda verfasste 1926 das erste chilenische avantgardistische Prosawerk El habitante y su esperanza, das weder eine konsistente Geschichte noch eine klare Erzählsituation enthält, womit sich das festgefügte Bild von Realität auflöst.Rössner 1996, S. 245.
In den 1930er Jahren litt Chile erneut unter dem Verfall der Salpeterpreise und sozialen Erschütterungen. Die sozialistische Bewegung erstarkte, 1933 wurde der Partido Socialista de Chile gegründet; zugleich kam es aber zu einer Welle des Nationalismus. Die Literatur wandte sich verstärkt sozialen Themen zu. Ein wichtiger Vertreter des regionalistisch-naturalistischen, sog. criollistischen Romans – eine späte Variante des Costumbrismo unter dem Einfluss Émile Zolas und Guy de Maupassants, aber auch Maxim Gorkis – war Mariano Latorre (1886–1955), der in seinen Romanen über das arme ländliche Zentralchile den lokalen Dialekt verwendet. Weitere Schöpfer criollistischer Werke waren der von William Faulkner beeinflusste sozialistische Aktivist und Nationalpreisträger Manuel Rojas (1896–1973), der „Hemingway Südamerikas“, der mit einem hart realistischem Stil seinen Durchbruch 1951 mit Hijo de ladrón erfuhr, sowie Marta Brunet (1897–1967), die sich dem criollistischen Idyll verweigerte und später dem psychologischen Roman zuwandte. Die Werke des Arztes und Diplomaten Juan Marín (1900–1963) oszillieren zwischen Criollismo (Paralelo 53 Sur) und avantgardistischem Futurismus (Looping, 1929). mini|Marta Brunet bei der Präsentation ihres Kinderbuchs Cuentos para Marisol (1938)
Eduardo Barrios (1884–1963) verfasste nach naturalistischen Anfängen psychologisch-realistische Romane. Er gilt als wichtigster chilenischer Prosaist nach Blest Gana; sein Roman Gran señor y rajadiablos (1948; dt. El huaso – der chilenische Gaucho ist nicht nur Viehzüchter, sondern baut auch Getreide an) schildert das Leben eines ehemaligen Gutsbesitzers. Der aus einer bekannten britisch-chilenischen Industriellen- und Bankiersfamilie stammende Joaquín Edwards Bello (1887–1968) schrieb zunächst naturalistische, teils dadaistische, dann immer stärker psychologisierende Romane. Bei aller stilistischen Vielfalt sind seine Liebe zu seiner Heimatstadt Valparaíso und der Nationalismus zwei Konstanten seines Werks; auch entwickelte er Sympathien für den deutschen Nationalsozialismus. mini|hochkant|María Luisa Bombal Das schmale Werk von María Luisa Bombal (1910–1980) lässt sich keiner der beiden großen Strömungen zuordnen. La amortajada (1938), ein psychologischer, „implizit feministischer“María José Crisóstomo: María Luisa Bombal y el feminismo implícito: De las Monjas Francesas a la Sorbonne. 1934-1979. Madrid 2018. Roman aus der Sicht einer Toten, die eine beschützende Vaterfigur sucht, spielt mit zahlreichen Metaphern und schwankt zwischen Realität und Phantasie.
Avantgardistische Lyrik