mini|Isabella II. von Spanien (1830–1904) wurde 1868 abgesetzt, es folgte eine zweijährige Suche nach einem Nachfolger Bei der Spanischen Thronfolge 1868–1870 ging es um die Nachfolge von Königin Isabella II., die durch einen Putsch im September 1868 ihren Thron verloren hatte. Die Anführer dieser September-Revolution, die Generäle Juan Prim und Francisco Serrano Domínguez, suchten in ganz Europa nach einem geeigneten neuen König.

Einer der möglichen Kandidaten war Leopold von Hohenzollern, ein 34-jähriger Prinz aus dem katholischen Haus Hohenzollern-Sigmaringen. Er war mit dem preußischen König und Inhaber des norddeutschen Bundespräsidiums verwandt, das heißt mit Wilhelm I. von Preußen, der später erster deutscher Kaiser wurde. Der norddeutsche Bundeskanzler Otto von Bismarck riet Leopold zur Annahme des Angebotes, dieser willigte am 19. Juni 1870 ein.

Als der französische Botschafter in Spanien am 2. Juli 1870 erfuhr, dass die Spanier bald Leopold krönen wollten, führte dies zu einem Aufschrei in Frankreich. Die französische Regierung drohte mit Krieg gegen Preußen, weswegen Leopold am 12. Juli seine Kandidatur zurückzog. Die französische Regierung suchte aber weiterhin die Konfrontation und bedrängte daraufhin den preußischen König Wilhelm, eine ähnliche Kandidatur für die Zukunft auszuschließen. Wilhelm, der zur Kur in (Bad) Ems weilte, lehnte weitergehende Erklärungen dazu ab und beauftragte per Emser Depesche Bismarck, die Presse darüber zu informieren. Bismarcks Mitteilung war so formuliert, dass sie den Kontakt zwischen beiden Seiten als schroff und undiplomatisch erscheinen ließ. In beiden Ländern war die Empörung groß, und am 19. Juli erklärte Frankreich Preußen den Krieg. Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 begann, welcher mit einer Niederlage Frankreichs enden sollte.

Im November 1870 wählte das spanische Parlament einen der anderen Kandidaten zum König, den italienischen Herzog von Aosta, Amadeus. Die politische Situation in Spanien blieb allerdings dauerhaft instabil. Bereits im Februar 1873 dankte Amadeus ab. Schließlich kam wieder ein Bourbone auf den spanischen Thron.

Vorgeschichte Bedeutung für Europa Die Flucht Isabellas aus Spanien wurde als Bloßstellung und Schwächung Frankreichs interpretiert, und zugleich als Chance für Italien und Deutschland. So kam es zu Verdächtigungen, der Herzog von Montpensier (ein innenpolitischer Gegner Napoleons) habe mit Bismarcks Unterstützung zu Isabellas Sturz beigetragen. Der französische Ministerpräsident Émile Ollivier kannte die Gerüchte, gab aber zu, dass die revolutionäre Bewegung in Spanien älter war und keinen Anstoß aus Berlin benötigte.Lawrence D. Steefel: Bismarck, the Hohenzollern Candidacy, and the Origins of the Franco-German War of 1870. Harvard University Press, Cambridge (Massachusetts) 1962, S. 11/12. Ein direkter preußischer Einfluss ist auch deshalb unwahrscheinlich, weil man ohne persönliche Beziehungen war und weil der Sturz einer Königin nicht zum legitimistischen Standpunkt in Berlin gepasst hätte.Hans-Otto Kleinmann: Die spanische Thronfolge in der internationalen Politik vor Ausbruch des deutsch-französischen Krieges. In: Eberhard Kolb (Hrsg.): Europa vor dem Krieg von 1870. Mächtekonstellation – Konfliktfelder – Kriegsausbruch. R. Oldenbourg, München 1987, S. 125–150, hier S. 135.

Der norddeutsche Bundeskanzler Bismarck interpretierte in einem internen Schreiben den Sturz Isabellas als günstig für den Frieden, weil ein französischer Angriff auf Preußen unwahrscheinlicher werde. Das Offenhalten der Thronfolge sei in Preußens Interesse, außerdem solle Preußen sich das Wohlwollen des Übergangsregimes erhalten. König Wilhelm betonte in einer Rede vor dem preußischen Landtag die Unabhängigkeit Spaniens.Lawrence D. Steefel: Bismarck, the Hohenzollern Candidacy, and the Origins of the Franco-German War of 1870. Harvard University Press, Cambridge (Massachusetts) 1962, S. 13/14. Für Bismarck war die Thronfolge zunächst nicht wichtiger als der St. Gotthard-Tunnel oder der Kaiserplan von 1870: nur ein weiterer Dorn im Fleische Napoleons III., eine Gelegenheit zur Provokation.Geoffrey Wawro: The Franco-Prussian War. The German Conquest of France in 1870–1871. Oxford University Press, Oxford u. a. 2003, S. 34.

Für Preußen war die Spanische Thronfolge also die Chance, Napoleon zu stören und von der deutschen Frage abzulenken, aber auch, um sich Spanien als möglichem Bundesgenossen zu nähern. Möglicherweise glaubte Bismarck an ein neues Bündnis: Mit einem preußenfreundlichen Spanien im Rücken hätte Frankreich vor einem Krieg zurückgeschreckt, oder im Kriegsfall hätte Frankreich in einen Zweifrontenkrieg geraten können, wie Österreich 1866 mit Italien. Frankreich hoffte seinen Einfluss auf Spanien zu stärken, wenn dort wieder ein Bourbone König würde. Dadurch hätte Frankreich, schreibt Hans-Otto Kleinmann, einen „Trumpf für die Einkreisungspolitik gegenüber Preußen“ erhalten. Italien sah gern ein außenpolitisch stärkeres Spanien, das sich gegen Frankreichs Großmachtsucht richtete. Großbritannien, Russland und Österreich hingegen warteten aus unterschiedlichen Gründen ab und versuchten, den Frieden zu erhalten.Hans-Otto Kleinmann: Die spanische Thronfolge in der internationalen Politik vor Ausbruch des deutsch-französischen Krieges. In: Eberhard Kolb (Hrsg.): Europa vor dem Krieg von 1870. Mächtekonstellation – Konfliktfelder – Kriegsausbruch. R. Oldenbourg, München 1987, S. 125–150, hier S. 139–141.

Situation Spaniens mini|Karikatur auf die spanische Revolution von 1868 und die sich daran anschließenden demokratischen Jahre

Spanien hatte im Vergleich zum 18. Jahrhundert eine schwierigere außenpolitische Lage. Es hatte die meisten seiner Kolonien verloren, in Frankreich und Spanien waren nicht mehr gleichzeitig Bourbonen auf dem Thron, und Konflikte im Innern verhinderten eine Politik des nationalen Interesses. Spanien hätte gern nur im Einklang mit Frankreich und Großbritannien gehandelt, um sich nicht einseitig an Frankreich zu binden, doch Großbritannien verhielt sich gerade 1860–1870 außenpolitisch zurückhaltend. Frankreich war ein übermächtiger Nachbar, sowohl diplomatisch als auch wirtschaftlich. Im spanischen Interesse war es, gerade nach der Revolution von 1868, enge Bande auch zu anderen Mächten zu knüpfen.Hans-Otto Kleinmann: Die spanische Thronfolge in der internationalen Politik vor Ausbruch des deutsch-französischen Krieges. In: Eberhard Kolb (Hrsg.): Europa vor dem Krieg von 1870. Mächtekonstellation – Konfliktfelder – Kriegsausbruch. R. Oldenbourg, München 1987, S. 125–150, hier S. 130/131, 133.

In Spanien vereinten die Liberale Union, die Fortschrittspartei und die Demokraten kurzfristig ihre Kräfte gegen die Republikaner. Diese hatten in den Verfassungsberatungen 1869 gefordert, dass das Staatsoberhaupt ein Spanier sein müsse, in Spanien geboren und von spanischen Eltern. Praktisch wäre dann nur ein republikanisches Staatsoberhaupt möglich gewesen. Die Mehrheit verwarf dies und stimmte am 21. Mai ausdrücklich für eine Monarchie. Am 12. Juni musste Prim im Parlament erklären, dass die Regierung noch keinen Kandidaten vorstellen könne. Das liege daran, dass Spanien erst jetzt seine verfassungsmäßige Ordnung vervollständige, und dass Unruhen im Land Kandidaten abschreckten. Dringendste Aufgabe der Übergangsherrschaft sei daher zunächst die Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung. Serrano wurde am 15. Juni Regent, also ein vorläufiger Ersatzmonarch.Lawrence D. Steefel: Bismarck, the Hohenzollern Candidacy, and the Origins of the Franco-German War of 1870. Harvard University Press, Cambridge (Massachusetts) 1962, S. 35.

Anforderungen an einen Kandidaten mini|Juan Prim im Jahr 1861. Später in der Übergangszeit wurde er Ministerpräsident Spaniens. Die Suche nach einem Kandidaten erwies sich als ausgesprochen schwierig. Die Anforderungen schlossen einen Spanier mehr oder weniger aus. Dennoch wollte das Volk an sich keinen Ausländer auf dem Thron.Marcel Emerit: L’opinion de Napoléon III sur la question du trone d'Espagne en 1869. In: Revue d’histoire moderne et contemporaine. 1954 (16), Nr. 3 (Juli–September 1969), S. 431–438, hier S. 435. Grundsätzlich war nur an einen Mann aus dem europäischen Hochadel zu denken. Er sollte einem regierenden Fürstenhaus angehören. Der Kandidat sollte Katholik sein. Das Volk hätte es nicht als glaubwürdig empfunden, wenn jemand die Religion gewechselt hätte, nur um König zu werden. Allerdings sollte der Kandidat nicht so strenggläubig sein, dass er den Liberalen missfallen hätte. Er sollte intelligent sein und eine angenehme, charakterfeste Persönlichkeit haben. Von Vorteil war es, wenn er nicht zu jung und nicht zu alt war. Außerdem sah man es gern, wenn der Kandidat bereits einen Sohn hatte, der einmal die Dynastie fortführen würde. Spaniens Außenpolitik sollte von der Thronfolge profitieren und nicht etwa zusätzlich belastet werden. Napoleon III. sollte nicht gegen den Kandidaten sein, der sonst einen besonders starken Rückhalt hätte haben müssen, national und international.Hans-Otto Kleinmann: Die spanische Thronfolge in der internationalen Politik vor Ausbruch des deutsch-französischen Krieges. In: Eberhard Kolb (Hrsg.): Europa vor dem Krieg von 1870. Mächtekonstellation – Konfliktfelder – Kriegsausbruch. R. Oldenbourg, München 1987, S. 125–150, hier S. 142/143.

Auch die Frage der Dynastie erschwerte die Auswahl. Die revolutionäre Führung in Madrid lehnte jeden ab, der aus der gestürzten Dynastie der Bourbonen stammte oder mit dieser allzu nahe verwandt war. Diese Haltung galt vor allem für den Ministerpräsidenten Prim.Lawrence D. Steefel: Bismarck, the Hohenzollern Candidacy, and the Origins of the Franco-German War of 1870. Harvard University Press, Cambridge (Massachusetts) 1962, S. 48.Hans-Otto Kleinmann: Die spanische Thronfolge in der internationalen Politik vor Ausbruch des deutsch-französischen Krieges. In: Eberhard Kolb (Hrsg.): Europa vor dem Krieg von 1870. Mächtekonstellation – Konfliktfelder – Kriegsausbruch. R. Oldenbourg, München 1987, S. 125–150, hier S. 143. Das schloss sowohl spanische als auch ausländische (etwa französische) Vertreter ein; in Frankreich hatten die Bourbonen bis 1830 regiert. Ferner gab es in Spanien die umstrittene Karlistenbewegung mit ihrem eigenen Kandidaten, der für die Revolutionäre ebenfalls unannehmbar war.

Nach Möglichkeit wollten die Revolutionäre einen Konflikt mit Napoleon III. vermeiden: Dieser war vor allem gegen Kandidaten aus dem Hause Orleans, also derjenigen Dynastie, die 1848 in Frankreich gestürzt worden war. Napoleon lehnte schließlich auch den süddeutschen Hohenzollern Leopold ab, aus zwei Gründen: Napoleon fürchtete den Einfluss der Hohenzollern in Europa, nachdem bereits in Rumänien ein solcher König geworden war, und Leopold war mit einem Franzosen verwandt, der sich 1813 den Alliierten gegen Napoleon I. angeschlossen hatte.

Schließlich musste der Gesuchte überhaupt Kandidat werden wollen. Wegen der unruhigen Lage in Spanien war der Thron nicht gerade attraktiv.Lawrence D. Steefel: Bismarck, the Hohenzollern Candidacy, and the Origins of the Franco-German War of 1870. Harvard University Press, Cambridge (Massachusetts) 1962, S. 33.

Kandidaten Herzog von Montpensier mini|Antoine von Orléans, Herzog von Montpensier, hatte nicht nur Napoleon III. zum Gegner, sondern war in Spanien unbeliebt.