mini|Pierre Lanfrey, in: Le Monde illustré, 24. November 1877 Pierre Lanfrey (* 26. Oktober 1828 in Chambéry (Savoyen); † 15. November 1877 in Pau (Département Pyrénées-Atlantiques)) war ein französischer Politiker und Historiker. In letzterer Eigenschaft trat er vor allem durch seine äußerst kritische Biografie Napoleons hervor, die auch seinen literarischen Ruhm begründete. In der ersten Hälfte der 1870er Jahre war er als gemäßigter Republikaner Mitglied der Nationalversammlung sowie 1871–73 französischer Botschafter in der Schweiz. Im Dezember 1875 wurde er Senator der Dritten Republik auf Lebenszeit, starb aber bereits zwei Jahre später im Alter von nur 49 Jahren.
Frühes Leben Pierre Lanfrey war Sohn eines Husarenkapitäns, der unter Napoleon gedient und die in Chambéry in Savoyen ansässige Modewarenhändlerin Thérèse Bolain geheiratet hatte. Er verlor schon als Sechsjähriger seinen heftigen und irreligiösen Vater und wurde von seiner feinfühligen und sittenstrengen Mutter sorgfältig erzogen. In Not zurückgelassen brachte die fromme Mutter schwere Opfer für ihr einziges Kind. Obgleich ohne Unterricht und Bildung, übte sie einen dauerhaften moralischen Einfluss auf ihren Sohn aus. Sie erzog ihn zu einem selbstbewussten und wahrheitsliebenden jungen Mann, unterhielt mit ihm später lebenslang einen innigen Briefwechsel und starb erst im Alter von 86 Jahren, als ihr Sohn längst anerkannter Gelehrter war.
Die landschaftliche Schönheit der Umgebung Chambérys machte tiefen Eindruck auf den jungen Lanfrey, der dort ausgedehnte Spaziergänge unternahm und seine jugendliche Freiheit genoss. Obgleich von schwächlicher Gesundheit und sehr nervös, war er entschlussfreudig und tatkräftig. Er besuchte das Jesuitenkolleg seiner Vaterstadt, da seine Mutter ihm eine intensive christliche Ausbildung angedeihen lassen wollte. Bald zeichnete er sich durch Fleiß, Begabung und gutes Gedächtnis aus, legte aber auch eine antiklerikale Haltung an den Tag. Als 15-Jähriger machte er heimlich Auszüge aus einigen Büchern der Bibliothek des Kollegs, doch gestalteten sich diese Exzerpte zu einem Pamphlet gegen die Jesuiten. Er wurde verraten, musste sein Manuskript abliefern, reagierte aber trotzig, da er seine persönliche Freiheit und das Recht freien Denkens eingeschränkt sah, und musste das Kolleg verlassen.
Seine Mutter ermöglichte Lanfrey unter neuen persönlichen Opfern 1844 den Eintritt in ein anderes geistliches Institut in Saint-Jean-de-Maurienne. Allerdings empfand er den dortigen Unterricht heuchlerisch und er fühlte sich unverstanden und beengt in der gottselig-mystischen Atmosphäre; zum Entsetzen der Mutter begann er an den Dogmen und Mysterien der Kirche zu zweifeln. Er bat seine Mutter wiederholt, ihn seine Studien in Paris fortsetzen zu lassen. Ihr bangte jedoch vor den hohen Kosten und Versuchungen der französischen Hauptstadt. Schließlich vermochte Lanfrey von seiner Mutter nach viel Überzeugungsarbeit doch die Einwilligung in seinen Wunsch zu erhalten und konnte sich erst nun intellektuell voll entfalten. Graf D’Haussonville urteilt über Lanfrey, als Mann habe er viel vom Kind behalten, „eine gewisse natürliche, naive und freimütige Glut, übermäßige Strenge des Urteils, die Unmöglichkeit zu schweigen oder auch nur den Ausdruck seines Gedankens abzuschwächen“ und ein von sich und seinem Schicksal eingenommenes Wesen; „mit seinem 16. Jahr war er schon in sich gekehrt und von Natur zur Einsamkeit geneigt; etwas hoffärtig, reserviert und von bescheidenem Anstand, schätzte er ziemlich niedrig die Ansichten und selbst die gute Meinung Anderer.“
Doch machte Lanfrey nicht aus sich das Zentrum seiner Welt, sondern ihn bewegten die allgemeinen Eindrücke und großen Begebenheiten der Zeitgeschichte; auch erwuchs in ihm eine große Freiheitsliebe. So kam er 1846 in das Institut Bellaguet in Paris und schrieb bald seiner Mutter stolze Zukunftsträume nieder. Er wollte Schriftsteller werden und las viele Bücher, die ihm in Paris zu Gebote standen, so dass er große Kenntnisse sammelte. 1847 kehrte er heim, erholte sich in seiner Heimat von den Pariser Studien, verliebte sich erstmals flüchtig und ging 1848 nach Grenoble, um Jura zu studieren.
Die politische Erregung des Jahres 1848 ließ Lanfrey nicht unberührt. In der Monarchie hegte er frühe Neigung zum Republikanismus und schätzte große Revolutionäre, verachtete aber das Demagogentum. An der Februarrevolution fand es wenig Würdiges und an der Junischlacht viel Schmerzliches. Auch in Grenoble lebte er einsam, denn er fand schwer Anschluss; nur einigen Freunden in Paris stand er wirklich nahe. Das Studium der Jurisprudenz gefiel ihm nicht und er betrieb es sehr lässig, lernte hingegen Deutsch und Italienisch, studierte Philosophie, Literatur und namentlich Geschichte, die ihm als einzig wahre Philosophie und erhabenste Poesie erschien.
1848 und im Folgejahr laborierte der junge Gelehrte, den auch Napoleon III. einen großen Dichter nannte, dessen Sehnsucht Italien gewesen sei, an einem lebensbedrohlichen Nervenleiden, das dauernde Spuren hinterließ. In extravaganter Verbitterung klagte er Gott der Unvernunft an, dass er jemanden solle sterben lassen, ehe er ein wirkliches Leben habe führen können. Nach Beendigung seiner Studien in Grenoble sollte Lanfrey auf Wunsch seiner Mutter Advokat in Chambéry werden. Ihm sagte dieser Beruf nicht zu, er ging aber auf ihre Bitten nach Turin, um sich den Weg in die Rechtsanwaltskammer zu ebnen. Eine reizende Liebesidylle verschönerte diesen Aufenthalt von 1851; da traf ihn wuchtig die Nachricht vom Staatsstreich Napoleons III., den er verurteilte.
Frühe literarische Tätigkeit Ende 1853 siedelte sich Lanfrey in Paris an, als er gerade mit einer Arbeit über die Philosophie des 18. Jahrhunderts beschäftigt war. Paris wurde ihm nun zur neuen Heimat, während er den Posten eines Advokaten in Savoyen verschmähte. Aber bei der drückenden Lage der Presse in jenen Jahren musste Lanfrey noch harte Erfahrungen machen. Seine freiheitlichen Ansichten waren in Paris verpönt, und zu seinem Ärger wollte kein Redakteur seine Aufsätze veröffentlichen. Er vollendete seine mühevolle große Arbeit über die Philosophen, klopfte aber vergebens bei den Verlegern an; seine Mutter begann an seinem Erfolg zu zweifeln, was ihn sehr traf, und musste neue Mitteln beschaffen, um das Werk auf eigene Kosten publizieren zu lassen. Als er das Buch L’Église et les Philosophes du XVIIIe siècle hatte drucken lassen, gelang es ihm nur mühsam, einen zur Herausgabe und zum Vertrieb bereiten Buchhändler zu finden.
Das 1857 erschienene Werk, das 1879 seine dritte Auflage erlebte, machte großes Aufsehen; der französische Schriftsteller und Literaturkritiker Jules Janin fand anerkennende Worte, und Lanfreys literarisches Debüt war damit gelungen. Mit dem Maler Ary Scheffer schloss er innige Freundschaft und bei der geistvollen Gräfin d’Agoult, die ihm herzlich gewogen war, lernte er große Literaten und Häupter der republikanischen Partei kennen. Von Béranger angeregt, der ihn zur Poesie führen wollte, dichtete er ein fünfaktiges Drama, um es selbst zu verbrennen. Seine Lage schien sich auch nach dem Erfolg seines Werks nicht zu ändern; die oppositionellen Journale wagten es nicht, seine Beiträge zu veröffentlichen.
Lanfrey begann ein neues historisches Werk, polemisch wie das erste. Auf der Suche nach der Erklärung der vielen Schläge, welche die Freiheit in Frankreich seit der Revolution von 1789 erhalten hatte, schrieb er den Essai sur la Révolution française (Paris 1858). Da er sich darin erlaubte, die Lehren des Gesellschaftsvertrags zu kritisieren und die aus Rousseaus Einwirkung erwachsene Ochlokratie weit gräulicher als den Despotismus eines Einzelnen zu finden, da er Robespierre tadelte und die Adligen Mirabeau und Lafayette lobte, fiel eine Reihe von Demokraten über ihn her und stellte seine republikanische Treue in Frage.
Obgleich sein schriftstellerischer Ruf stieg, blieb Lanfreys Stellung weiterhin prekär. In Scheffer († 15. Juni 1858) verlor er seinen besten Freund. Bei ihm hatte er den italienischen Patrioten Manin kennengelernt, war zu dessen Testamentsvollstrecker ernannt worden und ging darum mit Lasteyrie 1858 nach Turin, um sich als Mitglied des französischen Ausschusses für Subskriptionen zu einem Monument Manins mit dem piemontesischen Ausschuss zu besprechen.
Nach Paris zurückgekehrt sah Lanfrey sich wachsender politischer Verfolgung ausgesetzt. Außer dem Courrier du Dimanche brachte keine Zeitung etwas von ihm, und alle seine Versuche, in der periodischen Presse Fuß zu fassen, scheiterten. Er dachte schon daran, 1859 den italienischen Feldzug mitzumachen, doch stand er davon ab und schrieb 1860 als misanthropischen Erguss einen sozialen Roman in Briefform: Les Lettres d’Evérard. Hier konnte er manches aussprechen, das ihm bisher unmöglich gewesen war; Evérards darin gezeigter Zorn bzw. gezeigtes Leid sind ein Ausdruck seiner eigenen Gefühle, ebenso wie Evérards bitterer Sarkasmus gegen die Zeit sein eigener Hohn ist, und wie Evérard strebte er nach ewigem Ruhm. Dieses Buch bewirkte, dass für Lanfrey nun eine erfolgreiche Periode begann. Er wurde allgemein bekannter und durch die Annexion Savoyens auch Franzose.
Gervais Charpentier bot Lanfrey an, für seine Revue nationale die vierzehntägliche Chronik zu übernehmen. Hiermit hatte Lanfrey Gelegenheit, seine politischen Überzeugungen endlich unverhohlen einem breiteren Publikum darlegen zu können und dem gemäßigten Republikanismus das Wort zu reden. Durch diese journalistische Tätigkeit erlangte er auch einen gesicherten Unterhalt. Von November 1860 bis Dezember 1864 schrieb er diese Chronik und verfocht die Forderungen der maßvollen Republikaner gegen den Imperialismus, ohne je seine Unabhängigkeit zu schmälern. Die Regierung bemerkte mit steigendem Missvergnügen Lanfreys Haltung in innen- und außenpolitischen Fragen, die Aufsichtsbehörde der Presse war ihm stets auf der Fährte und die Revue nationale erhielt mehrfach Verweise, bis Lanfrey Ende 1864 von der Chronik zurücktrat.
Eine Reihe größerer Artikel, die Lanfrey in die Revue nationale eingereiht hatte, gab er als Études et portraits politiques (1863; 3. Auflage 1874) gesammelt heraus. In ihnen spricht sich wie wohl in allen seinen Werken die Bitterkeit gegen das aus, was er an den Zeiten und Menschen für unrecht und tyrannisch hält. Mit beißendem Spott und hartem Tadel spricht er über die Männer des Kaiserreichs, der Restauration und der Julimonarchie. Schonungslos tritt er gegen Thiers auf, der seine Histoire du Consulat et de l’Empire im imperialistischen Geist geschrieben habe, und weist ihm besonders gern nach, welche Schläge er dem Moralitätsgefühl mit seinen Schilderungen versetze. Ohne Gnade verurteilt er Guizot und wagt es, Carnots Fehler darzulegen und Daunous Schwächen zu enthüllen. Vergnügt schildert er hingegen Carrel, mit dem er sich gern vergleichen ließ.
Seine harten Urteile über hochstehende Persönlichkeiten, die den Zeitgenossen nahe standen, machten dem jungen Gelehrten wenige Freunde und sein kaltes, verschlossenes Wesen konnte auch im Umgang nicht fesseln. Er selbst suchte wenig die Gesellschaft, die leichte Ironie der Salons stieß ihn ab, er bevorzugte eher schwere überzeugungstreue Angriffe gegen politische Opponenten. Zu seiner Zerstreuung ging er nur gern an solche Orte, an denen die Literatur, die Kunst und vor allem die Musik um ihrer selbst willen von Kennern betrieben wurden. Als stolzer Freigeist wollte er sich nicht unter die Protektion eines Patrons stellen, sondern alles sich allein verdanken. Enge Freundschaft verband ihn mit der Gräfin d’Agoult, die er als Schriftstellerin neben die Sand und Staël stellte und empathisch bewunderte. Auch andere weibliche Freundschaften kultivierte er, so kühl er sich sonst gab; zahlreiche in den Souvenirs inédits (Paris 1879) enthaltene Briefe bezeugen dies.
Lanfreys Werk über Napoleon