Jochen H. H. Ehrich (* 5. Januar 1946 in Braunschweig) ist ein deutscher Kinderarzt mit den Schwerpunkten pädiatrische Nephrologie und Tropenmedizin, sowie emeritierter Universitätsprofessor und ehemaliger Direktor der Klinik für Pädiatrische Nieren-, Leber- und Stoffwechselerkrankungen an der Medizinischen Hochschule Hannover.
Leben Ehrich begann 1965 das Medizinstudium an der Freien Universität Berlin. Von 1968 bis 1969 war er Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes an der Universität Lausanne in der Schweiz und arbeitete parallel bei Georges Peters in der Nierenpharmakologie. 1971 legte er sein Staatsexamen an der Freien Universität Berlin ab und wurde dort 1972 bei Klaus Hierholzer promoviert.
Im Jahr 1971 begann er als Medizinalassistent in der Inneren Medizin des Bernhard Nocht-Institutes für Schiffs- und Tropenkrankheiten bei W. Mohr, Hamburg. Von 1971 bis 1972 war er als Stipendiat des DAAD an der London School of Hygiene and Tropical Medicine, London, England und erhielt dort 1972 das Diploma in Clinical Medicine of the Tropics der Universität London (D.C.M.T.).
Ende 1972 wurde er Medizinalassistent in der Unfallchirurgie bei Harald Tscherne und Abdominal- und Transplantationschirurgie bei Rudolf Pichlmayr der Medizinischen Hochschule Hannover, 1972 bis 1973 war er Medizinalassistent bei Jan Brod in der „Experimentellen Nephrologie“ des Departements „Innere Medizin“ der MHH.
Die Approbation erhielt er im März 1973. Von 1973 bis 1974 wurde er wissenschaftlicher Assistent in der Kinderklinik der MHH, Abteilung Pädiatrische Nephrologie bei Johannes Brodehl.
Er unterbrach die Weiterbildung zum Kinderarzt und leistete von 1974 bis 1975 seinen Wehrdienst als stellvertretender Wehrbereichs-Hygieniker der Wehrbereichs II in der Abteilung Sanitätswesen des Wehrbereichskommandos II, Dezernat Hygiene in Hannover ab.
Von 1975 bis 1979 erfolgte die Fortsetzung der Tätigkeit als wissenschaftlicher Assistent in der Kinderklinik der MHH. Im Juli 1979 erhielt er die Anerkennung als Facharzt für Kinderheilkunde. Von 1979 bis 81 war er Stipendiat der Volkswagenstiftung mit dem Forschungsauftrag über „Kooperative Studien zur Behandlung des nephrotischen Syndroms“ an der Kinderklinik der MHH. Am 4. Februar 1981 erhielt er die venia legendi für das Fach Kinderheilkunde.
Am 10. Juni 1985 erfolgte die Ernennung zum außerplanmäßigen Professor für Kinderheilkunde an der MHH. Von 1982 bis 1993 war er Oberarzt in der Abteilung II des Zentrums Kinderheilkunde der MHH tätig.
Am 1. Februar 1994 erfolgte die Berufung zum C 3-Professor für Kinderheilkunde, Abteilung für Kindernephrologie der Charité, Humboldt-Universität zu Berlin und am 1. Oktober 1997 die Berufung zum C 4-Professor für Kinderheilkunde, Abteilung für Pädiatrische Nieren- und Stoffwechselerkrankungen der Medizinischen Hochschule Hannover. Am 31. Mai 2011 erfolgte Emeritierung an der MHH.
2012 war Ehrich als Gastprofessor am Scientific Center of Children’s Health in Moskau, Russland tätig. Von Ende 2012 bis Anfang 2013 arbeitete er als Leiter der Arbeitsgruppe Kindernephrologie an der Universitätskinderklinik Innsbruck, Österreich.
Klinische Schwerpunkte Der von 1997 bis 2011 von Jochen H. H. Ehrich geleiteten Abteilung an der MHH waren drei Arbeitsgruppen zugeordnet: pädiatrische Nephrologie und Endokrinologie, einschließlich Diabetologie pädiatrische Hepatologie- und Gastroenterologie sowie Sonographie (die Schwerpunkte der beiden ersten Arbeitsgruppen liegen in dem Bereich Transplantationspädiatrie, d. h. 650 Nierentransplantationen von 1971 bis 2010 und 500 Lebertransplantationen von 1982 bis 2010) neurometabolische Arbeitsgruppe mit Schwerpunkten pädiatrische Stoffwechselerkrankungen, Neuropädiatrie und Kinderpsychologie, und Krankenhausschule, Beschäftigungsabteilung und Diätassistentinnen.
Forschungsgebiete Grundlagenforschung Im Zentrum der Forschung stehen seit 1967 die Nieren. Im Institut für Physiologie der Freien Universität Berlin begannen – noch während des Studiums – die Untersuchungen zur Wirkung der Diuretica auf die Natrium-Kalium-ATPase der plasma-membranösen Fraktion des Ratten-Tubulus. Im Jahr 1968 setzten sich die tierexperimentellen Untersuchungen am Institut für Pharmakologie in Lausanne mit einem Bioessay zur Wirkung von Renin-Angiotensin auf den Blutdruck fort.H. Ebel, J. H. H. Ehrich, N. G. DeSanto, U. Doerken: Plasma membranes of the kidney: III. Influence of diuretics on ATPase-activity. In: Pflügers Arch. 335, 1972, S. 224.
Translationale tropenmedizinische Forschung zur Nierenbeteiligung Das Konzept der eigenen tropenmedizinischen Forschung beruhte zu dieser Zeit auf der Hypothese, dass Tropenkrankheiten grundsätzlichen Modellcharakter für die Nierenbeteiligung bei allen, d. h. auch europäischen Infektionskrankheiten haben könnten. Am Tropeninstitut Hamburg begann Ehrich die langjährige tierexperimentelle und klinische Erforschung der Auswirkungen von Malaria auf die Nieren, was später auch sein Habilitationsthema wurde.
Am Londoner Tropeninstitut – zusammen mit Alister Voller und Michael Hutt – wurde ein Tiermodell zur Malaria-induzierten Glomerulonephritis entwickelt, das später über zehn Jahre an der Kinderklinik der MHH zusammen mit Bernd Sterzel weiter verfolgt wurde. Dies führte zum besseren Verständnis des lebensbedrohlichen, multiplen Organversagens bei Malaria, bei der das Nierenversagen eine Schlüsselrolle spielt. Daraufhin wurde in Zusammenarbeit mit Rolf Horstmann eine deutschlandweite Studie zu den Todesursachen der Malaria durchgeführt, deren Ergebnisse zur verbesserten intensivmedizinischen Versorgung kritisch kranker Tropenheimkehrer in Deutschland führten. Als Folge nahm die Letalität deutlich ab. Aber nicht alle eingeschlagenen Forschungsrichtungen zur Malaria wurden von gleichem Erfolg belohnt, so bestätigten beispielsweise die Untersuchungen im Labor von Helmut Deicher nicht die erwartete nephritogene Wirkung Malaria-induzierter Immunkomplexe.
Sämtliche Ergebnisse zu „Malaria und Nieren“ wurden 2007 in einem Übersichtsartikel zusammengefasst, in dem zwischen Fakten und Hypothesen unterschieden wurde. Der Mythos des Malaria-induzierten nephrotischen Syndromes in Afrika – die sogenannte „tropische Nephropathie“ – konnte durch eigene Untersuchungen widerlegt werden. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft und der Sonderforschungsbereich (SFB) unterstützten die experimentelle Forschung über viele Jahre.
War die tropenmedizinische Feldforschung zur Malaria bis 1984 noch auf Deutschland beschränkt, so erfolgte die Erforschung der Komplikationen an Nieren und Leber bei der Schistosomiasis (Bilharziose) von 1984 bis 2000 in 20 Ländern. Die Hannoveraner Arbeitsgruppe von Ehrich bewies in den Tropen unter der Führung von Ekkehard Döhring die Überlegenheit der Ultraschalldiagnostik und der differenzierten Urin-Analytik zur Ermittlung der Organkomplikationen. Sie wurden fortan neben der parasitologischen Diagnostik zum Goldstandard. Weiterhin konnte die positive Wirkung der antiparasitären Therapie auf die Reversibilität der Nieren- und Leberschäden nachgewiesen werden. Die Untersuchungen zeigten, dass im Gegensatz zur Malaria die Bilharziose induzierte akute Letalität gering ist. Bei Beginn der Praziquantel-Therapie im Kindesalter können auch die Spätschäden stark reduziert werden. Die Untersuchungen förderten zahlreiche Sponsoren wie z. B. Staatskanzlei Niedersachsen und Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit.
Nicht alle durchgeführten Forschungsprojekte zur Nierenbeteiligung bei Tropenkrankheiten waren ähnlich erfolgreich. So wurde das vom Sonderforschungsbereich der DFG geförderte Modell des Afrikanische Trypanosomiasis induzierten nephrotischen Syndromes der Ratte nicht zum Standardmodell der idiopathischen Nephrose des Kindes, obwohl es viele Gemeinsamkeiten, wie „minimal glomerular changes“ und Cyclosporin-Sensibilität aufwies. Leider wurden die Untersuchungen vor dem Siegeszug der molekulargenetischen und molekularbiologischen Techniken in den 1990er Jahren zur Charakterisierung der Podozyten beendet und wurden bis heute aus den unten aufgeführten Gründen nicht wiederaufgenommen. Auch die Habu-Schlangengift-induzierte Glomerulopathie wurde nicht zum dringend benötigten Rattenmodell des hämolytisch-urämischen Syndromes (HUS) des Kindes. Die vielschichtigen Gründe für das Scheitern der Projekte lagen unter anderem darin, dass aus Gründen des zunehmenden Tierschutzes Tiermodelle obsolet wurden. Es stehen für das EHEC-Durchfall und Shiga-Toxin induzierte HUS der Kinder bis heute keine aussagekräftigen Modelle zur Erforschung gezielter Frühtherapien zur Verfügung.
Ehrich fasste die klinischen und experimentellen Ergebnisse zur Nierenbeteiligung bei allen Tropenkrankheiten in drei Kapiteln des deutschen Standardwerkes der „Tropenmedizin in Klinik und Praxis“ von Thomas Löscher und Gerd-Dieter Burchard zusammen.J. A. Bruijn, B. S. Oemar, J. H. H. Ehrich, J. M. Foidart, G. J. Fleuren: Antibasement membrane glomerulopathy in experimental trypanosomiasis. In: Journal of Immunology. 139, 1987, S. 2482–2488.J. A. Bruijn, B. S. Oemar, J. H. H. Ehrich, G. J. Fleuren: Immune complex formation in the kidney: recent observations in experimental trypanosomiasis. In: Ann. Soc. belge Med. trop. 68, 1988, S. 11–14.
Ehrich wies die Beteiligung der Nieren ebenfalls bei Fieber und nicht-tropischen Infektionskrankheiten, malignen Erkrankungen, rheumatischen Erkrankungen, Herzerkrankungen, Lungen- und Leber Erkrankungen, und sportlicher Aktivität nach und publizierte sie in Übersichtsarbeiten. Die Ergebnisse zeigen, dass es in einer Vielzahl von Erkrankungen zu Funktionsstörungen in den Nierenglomeruli und -tubuli kommt, von denen die meisten, aber nicht alle, reversibel sind.B. Nonnast-Daniel, J. H. H. Ehrich, G. M. Eisenbach, W. G. Daniel, K. W. Kuehn, P. R. Lichtlen, K. M. Koch: Is renal involvement a prognostic parameter in patients with infective endocarditis? In: European Heart Journal. 5 (Suppl.), 1984, S. 93.R. Rossi, R. Kleta, J. H. Ehrich: Renal involvement in children with malignancies. In: Pediatr Nephrol. 13(2), Feb 1999, S. 153–162. Review.F. Bläker, J. H. H. Ehrich: Systemische und rheumatische Erkrankungen mit Nierenbeteiligung. In: U. Wahn, R. Seger, V. Wahn: Pädiatrische Allergologie und Immunologie. Gustav Fischer, Stuttgart 1994, S. 545–550.G. Steinkamp, M. Luetge, U. Wurster, J. H. Schulz-Baldes, H. J. Groene, J. H. H. Ehrich: Renal function in cystic fibrosis: lack of permanent nephrotoxicity after intravenous or aerosol tobramycin therapy. In: European Journal of Pediatrics. 145, 1986, S. 526.J. H. H. Ehrich, F. Krull, C. Rosema, D. Byrd, J. Brodehl: Veränderungen der Aminosäuren-Konzentration im Plasma und Urin bei körperlicher Belastung. In: Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin. 35, 1984, S. 24.
Chemische Laborforschung und Diagnostik