Die Blätter für deutsche und internationale Politik (Abkürzung: „Blätter“) sind eine deutsche politische Fachzeitschrift, die seit 1956 erscheint.Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 3/2021, S. (1).

Geschichte Gründung und erste Jahre Die Zeitschrift wurde im November 1956 aus dem Umfeld des neutralistischen Deutschen Klubs 1954 von Karl Graf von Westphalen, Hermann Etzel, Paul Neuhöffer und Manfred Pahl-Rugenstein gegründet. Sie erschien in den beiden ersten Jahren, bis zu dessen Konkurs, im Kölner Verlag Dörr, danach im Pahl-Rugenstein Verlag. Aus den ersten Jahren stammt die Einschätzung des Theologen Karl Barth, der sie „eine Insel der Vernunft in einem Meer von Unsinn“ nannte – ein Zitat, auf das sich die Zeitschrift noch heute bezieht.

In den Blättern schrieben viele Autoren aus der Marburger Schule.Wilfried von Bredow: Round Table zur Geschichte des Instituts für Wissenschaftliche Politik in den 60er und 70er Jahren. In: Wolfgang Hecker, Joachim Klein, Hans Karl Rupp (Hrsg.): Politik und Wissenschaft. 50 Jahre Politikwissenschaft in Marburg. Band 1: Zur Geschichte des Instituts. Lit, Münster 2001, ISBN 3-8258-5440-X, S. 181. Im Zuge der Westdeutschen Studentenbewegung der 1960er Jahre entwickelte sich die Zeitschrift zum einflussreichen Medium der Linken in Westdeutschland. Der Bayernkurier bezeichnete sie als „Zentralorgan der APO“. Mitte der 1980er Jahre hatte die Zeitschrift mehr als 15.000 Abonnenten.

Im Rahmen der Westarbeit der DDR dienten die Blätter der Regierung der DDR als Medium zur Propagierung ihrer Politik in der Bundesrepublik. Die Redaktion war politisch und finanziell von der SED abhängig, die leitenden Redakteure stimmten auch die inhaltliche Gestaltung mit der SED ab. Bis 1989 wurde die Zeitschrift von der SED über den Pahl-Rugenstein Verlag wesentlich mitfinanziert. Als dieser Ende 1989 in Konkurs ging, gelang der Zeitschrift – anders als anderen Publikationen des Verlages – mit immer noch fast 11.000 Abonnenten der Übergang in einen Eigenverlag.Roland Kirbach: DKP: Von den Genossen verlassen. Die SED stellt die finanzielle Hilfe für westdeutsche Ableger ein. In: Die Zeit, Nr. 52/1989.

Nach dem Ende der DDR Schon 1988 wurde eine „Blätter-Gesellschaft“ in der Rechtsform einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) gegründet, um die Zeitschrift von Verlagen unabhängig machen zu können.Klaus Naumann: Nachrüstung und Selbstanerkennung. Staatsfragen im politisch-intellektuellen Milieu der ‚Blätter für deutsche und internationale Politik’. In: Dominik Geppert, Jens Hacke (Hrsg.): Streit um den Staat. Intellektuelle Debatten in der Bundesrepublik 1960–1980. Göttingen 2008, S. 269–289, 285 m. Fn. 45: „Mitte der 1980er Jahre setzten, offenbar aus finanziellen Gründen, Konzentrationsprozesse im Verbund der ‚befreundeten‘ Verlage ein. Weltkreis- und Röderberg-Verlag wurden mit prv fusioniert; später wurde erwogen, den Verlag unter das Dach des parteieigenen Plambeck-Verlags aufzunehmen. Vgl. die Rede Neuhöffers vor der erweiterten Belegschaft, Januar 1987 (Privatarchiv), sowie die Erklärung zur Gründung der ‚Blätter-Gesellschaft‘, in: Blätter 10/1989, S. 1181 f.“ Seit 1989 werden die „Blätter“ in eigener Regie von der Blätter-Verlagsgesellschaft herausgebracht, die ursprünglich von der Redaktion gegründet worden war. Träger ist heute die „Gesellschaft zur Förderung politisch-wissenschaftlicher Publizistik und demokratischer Initiativen e. V.“, die auch kurz als „Blätter-Gesellschaft“ (früher: „Blätter-Förderverein“) bezeichnet wird.

In einer Erklärung von Intellektuellen, publiziert im Juni 1996 in der Zeit, heißt es: „Diese Zeitschrift steht für republikanisch-demokratische Grundsätze, für eine über bündnispolitische und ökonomische Bindungen hinausgehende Westorientierung des Landes wie für soziale Gerechtigkeit und nachhaltige Entwicklung.“Die Zeit, 27. Juni 1996

Nach der Gründung der Zeitschrift im Jahr 1956 lag die Redaktion bei Karl D. Bredthauer und seit 2003 bei Albrecht von Lucke, der schon vorher als Korrespondent für die „Blätter“ tätig war. Im Jahr 2004 erfolgte der Umzug der Redaktion von Bonn nach Berlin. Der Redaktion gehörten im März 2021 Anne Britt Arps, Daniel Leisegang, Albrecht von Lucke, Annett Mängel und Steffen Vogel an.

Die Zeitschrift ist Kooperationspartner des Internetportals Eurozine und verleiht unregelmäßig den Demokratiepreis.

Inhalte Der Schwerpunkt der Zeitschrift besteht traditionell aus den beiden Teilen „Kommentare und Berichte“ zu aktuellen innen- und außenpolitischen Themen sowie „Analysen und Alternativen“ mit längeren Aufsätzen. Wichtige politische Dokumente werden seit dem Jahrgang 2011 nicht mehr in der gedruckten Ausgabe, sondern nur noch auf der Website des Verlags publiziert. Das gilt auch für die Kurzfassung des jährlichen Wirtschaftsgutachtens („Memorandum“) der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik, die bis dahin jeweils in der Mai-Ausgabe der „Blätter“ dokumentiert worden war. Weiterhin zeichnet die Redaktion eine Chronik der politischen Ereignisse nach, die laufend fortgeschrieben wird; über Querverweise können längerfristige Entwicklungen verfolgt werden. Neuerdings gibt es auch Buchbesprechungen und besondere Debattenbeiträge. Auf der Website der Zeitschrift werden ausgewählte Beiträge im Volltext bereitgestellt.

Leserschaft Die gedruckte Auflage betrug im Januar 2026 13.500 Exemplare. In die Verbreitung gingen 13.200 Exemplare, davon wurden 13.000 Exemplare verkauft.

Einer Leserumfrage aus dem Jahr 2017 zufolge positioniert sich die Mehrheit der Leserschaft „im links-ökologischen politischen Spektrum“. Die Leser sind recht gleichmäßig über das Bundesgebiet verteilt. Rund 40 % arbeiten als Angestellte. Auch Rentner (20 %) und Studenten (14 %) bilden einen signifikanten Teil. Die Leserschaft ist gekennzeichnet von einem „vergleichsweise hohen Haushaltsnettoeinkommen“: 19 % stehen monatlich mehr als 5.000 Euro zur Verfügung, bei 31 % sind es zwischen 3.000 und 5.000 Euro und bei 22 % zwischen 2.000 und 3.000 Euro. 62 % der Leserschaft nutzen Tageszeitungen, um aktuelle Informationen zu beziehen. Zwei Drittel sind zudem „gesellschaftlich aktiv“, beispielsweise in Gewerkschaften oder Parteien.

Herausgeber

Der Herausgeberkreis bestand im Mai 2026 ausBlätter: Herausgeberkreis abgerufen am 5. Mai 2026.Herausbildung und Wandel des Herausgeberkreises zwischen 1956 und 2006. In: Blätter, 12/2006, S. 1462 f.Große Köpfe für große Fragen. In: Blätter, 5/2011, S. 5–9:

Jahr des Beitritts Name Land 1982 Rudolf Hickel 1986 Rainer Rilling 1990 Claus Leggewie 1992 Klaus Naumann 1997 Dan Diner 1998 Karen Schönwälder 1992 Klaus Naumann 1997 Dan Diner 2011 Katajun Amirpur 2011 Seyla Benhabib 2011 Peter Bofinger 2011 Ulrich Brand 2011 Saskia Sassen 2011 Hans-Jürgen Urban 2026 Nicole Deitelhoff 2026 Steffen Mau 2026 Meron Mendel 2026 Oliver Nachtwey 2026 Friederike Otto 2026 Lea Ypi 2026 Daniel Ziblatt

Ehemalige und verstorbene Herausgeber

Jahr des Beitritts Name Land Verstorben Anmerkung 1997 Jürgen Habermas 14.03.2026 1997 Micha Brumlik 10.11.2025 1998 Ingeborg Maus 14.12.2024 1998 Detlef Hensche 13.12.2023 1990 Friedrich Schorlemmer 09.09.2024 1970 Gerhard Stuby 24.08.2020 1956 Franz Beyer 15.10.1968 Gründungsmitglied 1956 Reimar von Bonin 18.05.1976 Gründungsmitglied 1956 Joseph Emonds 07.02.1975 Gründungsmitglied 1956 Hermann Etzel 14.04.1978 Gründungsmitglied 1956 Johannes Hessen 28.08.1971 Gründungsmitglied 1956 Hans Joachim Iwand 02.05.1960 Gründungsmitglied 1956 Karl Klammt 16.10.1987 Gründungsmitglied 1956 Hanfried Lenz 01.08.2013 Gründungsmitglied 1956 Manfred Pahl-Rugenstein 07.07.1990 Gründungsmitglied 1956 Franz Rauhut 01.03.1988 Gründungsmitglied 1956 Hermann Rauschning 08.02.1982 Gründungsmitglied 1956 Hans Rheinfelder 31.10.1971 Gründungsmitglied 1956 Franz Paul Schneider 23.06.1970 Gründungsmitglied 1956 Hermann Strathmann 19.11.1966 Gründungsmitglied 1956 Leo Weismantel 16.09.1964 Gründungsmitglied 1956 Johannes Weidenheim 08.06.2002 Gründungsmitglied 1956 Karl von Westphalen 18.10.1975 Gründungsmitglied 1960er Anton Neuhäusler 15.01.1997 1960er Harold Rasch 1990 1960er Viktor Renner 21.04.1969 1960er Helmut Ridder 15.04.2007 1960er Ernst Wolf 11.09.1971 1960er Knut Nevermann 24.04.2024 1960er Fritz Straßmann 22.04.1980 1998 Norman Birnbaum 04.01.2019 Wilfried von Bredow Günter Gaus 14.05.2004 1983 Ute Osterkamp 1975 Jörg Huffschmid 05.12.2009 Urs Jaeggi 13.02.2021 1989 Walter Jens 09.06.2013 Herausgeber bis 2011 Gerhard Kade 04.12.1995 1982 Walter Kreck 15.11.2002 1972 Reinhard Kühnl 10.02.2014 Herausgeber bis 2011 1977 Jutta Menschik 11.09.1971 1972 Reinhard Opitz 03.04.1986 1986 Marie Veit 14.02.2014 1977 Helga Deppe-Wolfinger

Autoren (Auswahl)

Die Redaktion veröffentlichte eine Liste von zweihundert Autoren, die mit dem Hinweis endet, dass noch viele andere in den Blättern geschrieben haben.Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 3/2021, Zweite Umschlagseite. Aus dieser Liste sind folgende Autoren ausgewählt, die das Spektrum politischer Positionen zeigen können:

Democracy Lecture Von 2014 bis 2019 veranstaltete die Zeitschrift jährlich die Democracy Lecture. Es handelte sich um den Vortrag eines politischen Autors zu einer Neuerscheinung mit anschließender Diskussion. Eingeladen waren: 2014: Thomas Piketty: „Das Ende des Kapitalismus im 21. Jahrhundert.“Blätter für deutsche und internationale Politik (2014), abgerufen am 26. März 2020. 2015: Naomi Klein: „Die Entscheidung: Kapital vs. Klima.“Blätter für deutsche und internationale Politik (2015), abgerufen am 26. März 2020. 2016: Paul Mason: „Nach dem Kapitalismus?!“Blätter für deutsche und internationale Politik (2016), abgerufen am 26. März 2020. 2017: Wendy Brown: „Demokratie unter Beschuss. Der apokalyptische Populismus.“Blätter für deutsche und internationale Politik Blätter (2017), abgerufen am 26. März 2020. 2018: Richard Sennett: „Der Kampf um die Stadt.“Blätter für deutsche und internationale Politik (2018), abgerufen am 15. November 2018. 2019: Luiz Ruffato: „Brasilien – der neue Faschismus?“Blätter für deutsche und internationale Politik (2019), abgerufen am 26. März 2020.

Siehe auch Sinn und Form, gegründet 1949 Das Argument, gegründet 1959

Monografien Blätter für deutsche und internationale Politik (Hrsg.): Der Sound des Sachzwangs. Der Globalisierungs-Reader. Verlag Edition Blätter, Berlin 2006, ISBN 978-3-98049-253-9. Blätter für deutsche und internationale Politik (Hrsg.): Das Ende des Kasino-Kapitalismus? Globalisierung und Krise. Verlag Edition Blätter, Berlin 2009, ISBN 978-3-98049-255-3. Blätter für deutsche und internationale Politik (Hrsg.): Exit. Mit Links aus der Krise. Verlag Edition Blätter, Berlin 2011, ISBN 978-3-98049-256-0. Blätter für deutsche und internationale Politik (Hrsg.): Mehr geht nicht! Der Postwachstums-Reader. Verlag Edition Blätter, Berlin 2015, ISBN 978-3-98049-259-1. Blätter für deutsche und internationale Politik (Hrsg.): Unsere letzte Chance. Der Reader zur Klimakrise. Blätter Verlagsgesellschaft, Berlin 2019, ISBN 978-3-98213-230-3. Blätter für deutsche und internationale Politik (Hrsg.): Heiße neue Welt. Der Planet am Limit. Blätter Verlagsgesellschaft, Berlin 2023, ISBN 978-3-9821323-2-7. Blätter für deutsche und internationale Politik (Hrsg.): Demokratie oder Faschismus. Was heute auf dem Spiel steht. Blätter Verlagsgesellschaft, Berlin 2024, ISBN 978-3-9821323-3-4.

Literatur Redaktion: 50 Jahre „Blätter“. In: Blätter für deutsche und Internationale Politik. 11/2006. S. 1284–1286. Archiv-DVD 1990–2017. Blätter Verlag, 2018. Archiv 1956–2010 (2 DVD). Blätter Verlag, 2010.

Weblinks

Homepage der Blätter für deutsche und internationale Politik Lutz Frühbrodt: 60 Jahre und kerngesund: Die Blätter für deutsche und internationale Politik, zweite-aufklaerung.de, 24. November 2016

Einzelnachweise

Kategorie:Politikwissenschaftliche Fachzeitschrift (Deutschland)