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Divestment aus fossilen Energieunternehmen () ist ein Bereich der Desinvestition, der sich auf Unternehmen bezieht, deren Geschäftsfeld die Extraktion, Verarbeitung und der Vertrieb fossiler Energieträger ist (Mineralöl-, Erdgas- und Kohleindustrie).

Der Klimaschutz ist der wichtigste Grund für Initiativen zum Abzug von Investitionen aus Unternehmen mit Aktivitäten in der Förderung, Verarbeitung oder dem Handel von fossilen Brennstoffen. Ein weiteres Motiv ist die Reduktion von Gesundheitsschäden infolge der durch die Verbrennung fossiler Energieträger entstehenden Luftverschmutzung. Zudem können wirtschaftliche Überlegungen eine Rolle spielen, wie z. B. die Befürchtung, dass die Aktien der fossilen Brennstoffunternehmen über den Effekt einer Kohlenstoffblase stark an Wert verlieren werden.

Im Kontext des Klimaschutzes entstand etwa ab dem Jahr 2012 eine globale gesellschaftliche Divestment-Bewegung, die den Abzug von Investitionen in fossile Brennstoffunternehmen und wenn möglich die Reinvestition in nachhaltige Anlagen fordert.

Das Divestment aus fossilen Brennstoffunternehmen wird u. a. von der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC), dem Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) und dem Weltärztebund, sowie prominenten Persönlichkeiten wie dem UN-Generalsekretär Ban Ki-moon, US-Präsident Barack Obama, oder Prince Charles unterstützt. Bisher haben sich zahlreiche Universitäten (u. a. die Stanford University), Städte (in Deutschland bisher Münster, Berlin, Freiburg im Breisgau und Stuttgart), Versicherungsunternehmen und Pensionsfonds (u. a. der Norwegische Pensionsfonds, AXA und Allianz), Stiftungen (u. a. die Rockefeller-Stiftung) sowie weitere Organisationen (wie die British Medical Association und die Guardian Media Group) und prominente Einzelpersonen (u. a. Leonardo DiCaprio) entschieden, aus fossilen Brennstoffunternehmen zu desinvestieren. Die ganze Bewegung kann zum ethischen Investment zugerechnet werden.

Hintergrund mini|300px|Globale Kohlenstoffemissionen aus fossilen Quellen zwischen 1800 und 2007 mini|sprache=de|Anstieg der globalen Oberflächen-Durchschnittstemperaturen 1880–2016 (rel. zu 1951–1980) mini|Einige Projektionen der Temperaturentwicklung bis 2100 zeigen, dass das Zwei-Grad-Ziel nur mit großen Anstrengungen einzuhalten sein wird.

Globale Erwärmung und Kohlenstoffbudget Durch die Förderung, den Transport, die Verarbeitung und die Verbrennung fossiler Energieträger werden unter anderem Treibhausgase wie Kohlenstoffdioxid (CO2) und Methan emittiert, die maßgeblich zur globalen Erwärmung beitragen. Um die Erderwärmung auf maximal 2 °C gegenüber vorindustriellem Niveau zu begrenzen (Zwei-Grad-Ziel), dürften nach Angaben des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) nur noch maximal 750 Milliarden Tonnen CO2 emittiert werden – dies war 2014 das verfügbare Kohlenstoffbudget.

Die vollständige Verbrennung aller nachgewiesener fossiler Energiereserven, die bereits in staatlichem und privatem Besitz sind, würde aber zu einer Freisetzung von 2.795 Milliarden Tonnen CO2 führen. Zählt man schwer abbaubare oder vermutete fossile Energiereserven hinzu, wäre dieser Wert noch um ein Vielfaches höher. Einer Analyse vom September 2016 zufolge überschreitet allein die vollständige Ausbeutung derjenigen Bergwerke und Öl- und Gasfelder, die zu diesem Zeitpunkt bereits in Betrieb waren, mit 942 Milliarden Tonnen CO2 das Budget deutlich. Dazu auch: Um das Zwei-Grad-Ziel einzuhalten, darf somit ein Großteil der bekannten Erdöl-, Erdgas- und Kohle-Reserven nicht verbrannt werden. Nach einer im Jahr 2015 veröffentlichten Studie dürften etwa ein Drittel der heute bekannten Ölreserven, die Hälfte der Erdgasreserven und mehr als 80 % der Kohlereserven nicht verbrannt werden, sofern das Zwei-Grad-Ziel mit mindestens 50 % Wahrscheinlichkeit erreicht werden soll.

Entsprechend den Berechnungen des Weltklimarats müssten laut WBGU die jährlichen Investitionen in konventionelle, auf fossilen Energieträgern basierende Stromerzeugung in den nächsten zwanzig Jahren um ca. 30 (2–166) Milliarden US-Dollar sinken, und parallel dazu die jährlichen Investitionen in emissionsarme Stromerzeugung um ca. 150 (30–360) Milliarden US-Dollar steigen. Der WBGU weist auch auf das Problem von Pfadabhängigkeiten hin. So habe die internationale Energieagentur gewarnt, dass „aufgrund der langen Lebensdauer der Kapitalinvestitionen schon bald der Zeitpunkt erreicht sein könnte, an dem die bestehende Energieinfrastruktur bereits so viele CO2-Emissionen für die Zukunft festlegt, dass keine neuen CO2-emittierenden Kraftwerke mehr errichtet werden dürfen, wenn die 2°C-Leitplanke eingehalten werden soll“.

Bislang wird jedoch weiterhin in fossile Energien investiert, zudem werden staatliche Subventionen vergeben. Die jährlichen globalen Energieinvestitionen lagen Stand 2014 bei etwa 1.200 Milliarden US-Dollar. Im Jahr 2012 investierten die 200 größten fossilen Brennstoffunternehmen 674 Milliarden US-Dollar in die Suche und Entwicklung neuer Reserven, die Summe der staatlichen Subventionen für fossile Energie betrug nach einer Studie der Internationalen Energie-Agentur 544 Milliarden US-Dollar. Diese Summe betrage sogar 1.900 Milliarden, wenn „angemessene Steuern für fossile Energieträger als Messlatte genommen werden, die Konsumsteuern sowie negative Externalitäten des Verbrauchs (z. B. Gesundheitsschäden, Umweltverschmutzung, Einfluss auf das Klima) einschließen“. Die Abschaffung dieser Subventionen könnte eine CO2-Emissionsreduktion von 13 Prozent bewirken. Neuere Studien aus dem Jahr 2015 ergaben noch deutlich höhere Werte. Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds lagen die vollen sozialen Kosten der Energieerzeugung 2013 bei 4.900 Milliarden US-Dollar, womit die Produktion einer Tonne Kohlenstoffdioxid im Energiesektor weltweit mit mehr als 150 US-Dollar subventioniert wurde. Etwa 60 % dieser Kosten wurden durch die Verbrennung von Kohle verursacht.Ottmar Edenhofer, King Coal and the queen of subsidies. In: Science 349, Issue 6254, (2015), 1286f, doi:10.1126/science.aad0674.

Kohlenstoffblase mini|300px|Kohlenstoffblase nach den Berechnungen der Carbon Tracker Initiative 2013

Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen wies in seinem Sondergutachten Klimaschutz als Weltbürgerbewegung im Jahr 2014 unter anderem auf das mögliche „Platzen der Kohlenstoffblase“ hin, was für Investoren in fossile Brennstoffunternehmen ein finanzielles Risiko darstelle. Vermindere sich die Nachfrage durch eine verbindlich festgelegte CO2-Leitplanke, würden die Aktien dieser Unternehmen an Wert verlieren. Divestment könne somit dazu beitragen, dass Investoren die Risiken einer Kohlenstoffblase in Betracht ziehen. Würden von Schlüsselinvestoren vermehrt Aktien aus fossilen Brennstoffunternehmen abgezogen, könne dies „ein Indikator für die zukünftige Komposition des Energiemarktes sein“.

Das Übereinkommen von Paris hielt, in einer Reihe mit dem Zwei-Grad-Ziel, das Ziel fest, die „Finanzmittelflüsse in Einklang [zu bringen] mit einem Weg hin zu einer hinsichtlich der Treibhausgase emissionsarmen und gegenüber Klimaänderungen widerstandsfähigen Entwicklung“ – und damit weg von kohlenstoffintensiven Investments.Artikel 2c in Für den damit implizierten Abzug von Kapital aus emissionsintensiven Finanzanlagen:

Mark Carney, Chef der Bank of England, äußerte in einer Rede im September 2015, eine Beschränkung der Förderung der Kohlenstoffvorräte im Zusammenhang mit dem Zwei-Grad-Ziel bedeute, dass ein Großteil der Reserven, in deren Erschließung oftmals bereits Milliarden geflossen sind, „stranded assets“ (verlorenes Vermögen) wären. Andererseits sei die Finanzierung der Dekarbonisierung unserer Wirtschaft eine große Chance. Dies bedeute eine einschneidende Umschichtung von Ressourcen und eine technologische Revolution, was mit einer nötigen Erhöhung der Investitionen in die langfristige Infrastruktur um etwa das Vierfache einher gehe. Damit dies möglich sei, könne die grüne Wirtschaft mittelfristig kein Nischeninteresse mehr sein. Kapital sollte so eingesetzt werden, dass es grundlegende Werte reflektiere, einschließlich Externalitäten. Eine komplette Umschichtung aller Investitionen auf einmal berge jedoch die Gefahr der Destabilisierung des Marktes. Er rate daher zur Voraussicht. Desto weniger müsse man im Nachhinein bedauern.

Luftverschmutzung Verbrennung von Kohle und Öl führt unter anderem zur Freisetzung von Feinstaub. Nach einer Studie der Weltgesundheitsorganisation hat dies negative Effekte auf die Gesundheit. Feinstaub reduziert demnach die Lebenserwartung allein in Europa um durchschnittlich ein Jahr, v. a. bedingt durch ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf- und Atemwegs-Erkrankungen, sowie Lungenkrebs.

Klimapolitische Ziele Die Divestment-Bewegung zielt letztlich darauf ab, dass die Kohle-/Erdöl-/Erdgas-Förderung (und damit die Verbrennung fossiler Energieträger) reduziert und beendet wird, was sich auch im vielfach verwendeten Slogan „Keep it in the ground“ (dt.: „Lasst es im Boden“) spiegelt. Divestment soll die Energieunternehmen dazu zwingen, die Förderung von Erdöl, Kohle und Erdgas zu unterlassen, und diese ggf. zu einer transformativen Veränderung bewegen (z. B. Wechsel zu alternativen Formen der Energieversorgung), welche zu einer drastischen Reduktion der CO2-Emissionen führt. Nicht zuletzt sollen durch Divestment Regierungen dazu gebracht werden, entsprechende Gesetze zu erlassen, z. B. ein Verbot von Erdölbohrungen oder eine CO2-Steuer.Atif Ansar, Ben Caldecott, James Tilbury: Stranded assets and the fossil fuel divestment campaign: What does divestment mean for the valuation of fossil fuel assets? (PDF; 2,0 MB) Smith School of Enterprise and the Environment, University of Oxford, Oktober 2013. Zudem kann Divestment „den politischen Druck erhöhen, dass die gegenwärtigen Subventionen für fossile Brennstoffunternehmen in Frage gestellt und schließlich reduziert werden“.

Erwartete Wirkungsmechanismen von Divestment Bewusstmachen der moralischen Verantwortung Ein wesentliches Anliegen der Divestment-Bewegung ist es, auf die Rolle der fossilen Energieunternehmen an der globalen Erwärmung hinzuweisen. Der Leitspruch der Bewegung ist dementsprechend „Wenn es falsch ist, das Klima zu zerstören, dann ist es sicherlich falsch, von dieser Zerstörung zu profitieren.“ (engl.: „If it’s wrong to wreck the climate, then surely it’s wrong to profit from that wreckage“).

Es gehe darum, verantwortungsvoll zu investieren, um die Verknüpfung von Handlungen mit Werten. Man könne nicht einen Lebensstil ohne fossile Energien und gleichzeitig einen Vermögenszuwachs durch fossile Energien anstreben, das seien unvereinbare Widersprüche. Divestment erinnere uns daran, die Interessen der Gemeinschaft über die der Industrie zu stellen. In großen moralischen Fragen, zu denen der Klimawandel gehöre, hätten speziell Bildungseinrichtungen die Pflicht, nicht nur ihre Studenten zu unterrichten, sondern auch die Gesellschaft als Ganzes.

Aus Sicht von Noam Chomsky hat Divestment eine symbolische, pädagogische Wirkung. Wenn man nicht desinvestiere, würde man anderen vermitteln, dass man Klimaschutz nicht für wichtig halte. Dies komme quasi einer Aufforderung an die Öffentlichkeit gleich, sich keine Sorgen zu machen und weiter „auf den Abgrund zuzulaufen“. Speziell Universitäten sollten im Sinne ihres Rufs, ein Zentrum von Wissenschaft, Verstehen und moralischer Integrität usw. zu sein, der Welt vermitteln, dass sie Klimaschutz für sehr bedeutsam und wichtig halten. Aus seiner Sicht sei Divestment einer von vielen wichtigen Schritten, die dringend unternommen werden müssen, wenn die Menschheit überleben wolle.