Auf der Suche nach Indien, Originaltitel A Passage to India, ist ein 1924 erschienener Roman des britischen Autors E. M. Forster, der die kulturellen Konflikte zwischen Indern und Briten in Britisch-Indien während der Kolonialzeit Anfang der 1920er Jahre erkundet. Eine zentrale Thematik ist die Unmöglichkeit der Verständigung und Freundschaft zwischen Repräsentanten beider Gruppen, die durch die koloniale Herrschaft, die kulturellen Unterschiede, durch Vorurteile und Missverständnisse verhindert werden.John Sutherland: How to be well read: A Guide to 500 great novels and a Handful of Literary Curiosities. Eintrag zu A passage to India. Random House Books, London 2014, ISBN 978-0-09-955296-3. Neben den Auswirkungen des Kolonialismus auf menschliche Beziehungen ist das Potenzial Indiens zur Bildung einer nationalen Einheit ein weiteres wichtiges Thema. E. M. Forster kannte die Lebensbedingungen in Britisch-Indien nach zwei längeren Aufenthalten im Jahre 1912 und 1921 aus eigener Anschauung.

Der Roman, der 1924 mit dem James Tait Black Memorial Prize ausgezeichnet wurde, wurde unmittelbar nach seiner Veröffentlichung wegen seiner angeblich antibritischen Haltung kritisiert. Er gilt heute als herausragende Darstellung einer fremden KulturDrabble: The Oxford Companion to English Literature. 1985, S. 742. und als ein Klassiker der Literatur des 20. Jahrhunderts. Das US-amerikanische Magazin Time wählte ihn im Jahre 2005 zu einem der wichtigsten 100 Romane, die zwischen 1923 und 2005 erschienen. 2015 wählten 82 internationale Literaturkritiker und -wissenschaftler den Roman zu einem der bedeutendsten britischen Romane.The best British novel of all times – have international critics found it? In: The Guardian; abgerufen am 2. Januar 2016.

Übersicht Mrs. Moore reist mit der jungen Adela Quested aus England nach TschandrapurMit dieser fiktiven Stadt ist Bankipore am Ganges gemeint, heute ein Stadtteil von Patna. Vgl. A Passage to India, Penguin Classics, S. 344. in Indien, da diese herausfinden möchte, ob sie Mrs. Moores Sohn Ronny Heaslop wirklich heiraten will. Als Mrs. Moore in einer Moschee zufällig den jungen indischen Arzt Dr. Aziz kennenlernt, freunden sich die beiden an. Durch Mrs. Moore lernt Aziz auch Miss Quested kennen, die das „wahre Indien“ sucht und die Vorurteile und soziale Schranken der in Indien lebenden Briten zu umgehen versucht. Aziz organisiert für Mrs. Moore und Adela einen Ausflug zu den Marabar-Höhlen in der Umgebung. Dieser Ausflug endet für ihn in einer Katastrophe: Adela beschuldigt Aziz, sie während ihres Besuchs der Höhle sexuell belästigt zu haben. Aziz wird verhaftet, wodurch die Beziehungen zwischen Briten und Indern in Tschandrapur bis an die Grenze eines Gewaltausbruchs belastet werden. Aber während des Gerichtsprozesses zieht Adela ihre Anklage überraschend zurück und Aziz wird freigesprochen. Er lehnt einen weiteren Umgang mit Briten ab und nimmt eine Stellung als Arzt in einem von Indern regierten BundeslandIn Indien gab es „Hunderte von schein-autonomen Fürstenstaaten.“ Die „indigene Kollaborationselite“ der indischen Oberschicht besaß einen zum Teil erheblichem Handlungsspielraum, wenn auch im Auftrag der britischen Oberhoheit, die die Form der „indirekten Herrschaft“ annahm. „Die etwa 40 großen und über 500 kleinen ‚Princeley States‘ der Maharajas, Nizame und wie sie immer heißen mochten, waren in das Territorium Britisch-Indiens eingesprengselt.“ Osterhammel, Jansen: Kolonialismus. Geschichte, Formen, Folgen, München: 2021, S. 40, 59. an, wo er nun mit seiner Familie lebt, Gedichte schreibt und persische Literatur liest. Im dritten Teil des Romans, zwei Jahre später, besucht ihn sein früherer Freund Cyril Fielding, der einstmals Leiter des Government College in Tschandrapur gewesen war. Aziz erfährt erst jetzt, dass Fielding nicht Adela Quested, sondern eine Tochter von Mrs. Moore und Halbschwester von Ronny Heaslop geheiratet hat. Sie diskutieren über die Zukunft Indiens und Aziz prophezeit, dass er und Fielding erst dann wahre Freunde werden könnten, wenn die Briten Indien verlassen haben.

Hauptpersonen Der Erzähler zeichnet die Hauptfiguren als widersprüchliche Charaktere. Typischerweise wird nicht ein lateraler, sondern ein zentraler Charakterzug durch sein Gegenteil ergänzt und dadurch zeitweilig aufgehoben oder ausbalanciert.Forster unterscheidet die praktischen, aber simplen „flachen“ und die komplexen, überraschenden „runden“ Charaktere: Die „runden Charaktere“ sind zwar „auch nach einem Schema gemacht“, aber werden durch die Szenen, die sie durchlaufen, verändert und weisen daher Brechungen auf. Diese Charaktere werden durch ein Ereignis erweitert und ihr Schemata, ihre Formeln, wenigstens zeitweilig aufgehoben. E. M. Forster: Ansichten des Romans. Übersetzt von Walter Schürenberg, 1. Auflage Frankfurt: Suhrkamp 1962, S. 76, 83 f. So ist der junge Arzt Aziz zuverlässig in seiner Arbeit, aber im Privaten sprunghaft, sein Freund Fielding zwar ohne Vorbehalte gegen seine indische Umgebung, aber mit begrenztem Verständnis für ihre Kultur, Adela Quested ist neugierig auf das „wirkliche Indien“, aber nicht neugierig genug, um a priori ihr Erlebnis zu klären, bevor sie mit ihrer falschen Anklage eine Katastrophe auslöst. Auch Mrs. Moore, die anfangs mit einer christlich fundierten Empathie gezeichnet wird, verliert ihre Einfühlung in die Einbildungen Adela Questeds und gewinnt eine ungewohnte Härte. Die von Forster in seiner Romantheorie geforderten „runden Charaktere“ sind – um im Bild zu bleiben – keine 360-Grad-Sammelsurien von Merkmalen, sondern haben bei wesentlichen Merkmalen ihre diametralen 180-Grad-Brüche, mit denen der Autor die Wendungen der Figuren aus ihren Persönlichkeitsstrukturen und Perspektiven konstruiert.„Das Kennzeichen für einen runden Charakter ist, ob er uns in überzeugender Weise zu überraschen vermag. Überrascht er uns nie, ist er flach. Überzeugt er nicht, ist er flach und gibt nur vor, rund zu sein.“ E. M. Forster: Ansichten des Romans. Übersetzt von Walter Schürenberg, 1. Auflage Frankfurt: Suhrkamp 1962, S. 84.

Dr. Aziz ist ein junger muslimischer indischer Arzt und Witwer, der im britischen Krankenhaus von Tschandrapur arbeitet. Er ist ein vorausplanender und begabter Operateur, aber in seinem Privatleben von schwankender, überspannter Emotionalität und in seinen schnellen Schlussfolgerungen oft unlogisch. Neben anderen Themen schreibt er auch über den Niedergang des Islam Gedichte, in denen er sich entweder mit Pathos oder Bosheit ausdrückt. Er zeigt zunächst wenig Interesse an den Fragen der britischen Herrschaft und entwickelt eine enge Freundschaft mit Cyril Fielding. Doch nach der Anklage von Adela Quested und dem Gerichtsverfahren gegen ihn hat er die Vision eines vom englischen Kolonialismus befreiten Indiens.E. M. Forster: A Passage to India, Penguin Books 2005, S. 48, 50 f., 61, 133, 147, 221, 236, 246, 252, 256, 279, 305 f.

Cyril Fielding, ein unverheirateter Mann von etwa 45 Jahren, ist Leiter des kleinen Colleges für indische Studenten in Tschandrapur, bei dessen Verwaltung er jede Menge Fehler macht. Aufgrund seiner liberalen, nicht-rassistischen Weltanschauung fühlt er sich seinen Landsleuten nicht verbunden: Er hat indische Freunde und verteidigt Aziz als vermutlich nicht schuldig, weswegen die Engländer ihm nicht trauen. Fielding hat auch seine Schwächen: Zum Beispiel begreift er nicht, das Weiß nicht nur eine Hautfarbe ist, sondern auch eine Position im Leben und bei allem Respekt für die Kultur Indiens ist für ihn die Kultur des Mittelmeeres das Maß aller Dinge. Auch das Interesse seiner Frau am Hinduismus bleibt ihm ebenso fremd wie der sich in den vielen Echos der Natur ankündigende Widerstand gegen die Herrschaft Englands.E. M. Forster: A Passage to India, Penguin Books 2005, S. 41, 56 f., 164, 176, 260, 265 f., 302 f.

Adela Quested ist eine junge britische Lehrerin, die mit Mrs. Moore nach Indien gereist ist, um zu prüfen, ob sie wirklich Ronny Heaslop heiraten will, den Sohn Mrs. Moores, der in Tschandrapur als Richter arbeitet. Sie ist intelligent und mutig, religiös und ehrlich, wird aber von ihrer Umwelt auch als ignorant und dumm erlebt. Sie will das „wahre“ Indien kennenlernen, aber schon nach kurzer Zeit ist sie von der englischen Exilgesellschaft gelangweilt und fürchtet, als deren Mitglied Indien nur mit englischen Scheuklappen erleben zu können. Sie ahnt bald, dass sie Ronny nicht liebt, und dieser Gedanke verbindet sich beim Besuch der Marabar-Grotten mit der Beobachtung, dass ihr Aziz gefällt – in dieser Konfusion halluziniert sie, dass Aziz sich ihr unsittlich genähert hätte. Damit löst sie die Katastrophe aus, aber sie hat immerhin die Kraft, ihren Irrtum nachträglich einzuräumen.E. M. Forster: A Passage to India, Penguin Books 2005, S. 21, 23, 42, 45, 65, 124, 127, 142 f., 182 ff., 199 f., 225 f., 248 f.

Mrs. Moore ist eine ältere englische Dame und Mutter des sich in seiner Rolle als englischer Kolonialbeamter einrichtenden Ronny Heaslop. Sie ist lebenserfahren, hat liberale Grundsätze und denkt und urteilt selbständig. In der Diskussion mit ihrem Sohn hinterfragt sie dessen koloniale Selbstgerechtigkeit und Arroganz gegenüber Indern; als er sie wegen ihrer Bekanntschaft mit Aziz kritisiert, besteht sie auf ihrer Autonomie. Sie ist Christin mit Respekt für den Islam, fühlt sich aber beunruhigt durch die Ereignisse um sie herum und hält Adelas Anschuldigungen gegen Aziz für hysterische Einbildungen. Obwohl sie anfangs jünger erscheint als sie ist, wird sie zunehmend erschöpft und beschließt, vorzeitig nach Europa zurückzureisen.E. M. Forster: A Passage to India, Penguin Books 2005, S. 17 f., 22, 45 f., 139, 187 f., 231 f.

Die englischen Nebenfiguren wie z. B. Ronny Heaslop, der englische Amtsrichter in Tschandrapur, Mr. McBryde, der britische Polizeichef, Mr. Turton, der oberste Distriktoffizier, und Major Callendar, der britische Chefarzt, sind Variationen eines sich steigernden Rassismus; die indischen Nebenfiguren, wie z. B. der Brahmane Narayan Godbole, Professor am College in Tschandrapur, und Nawab Bahadur, ein sehr wohlhabender muslimische Inder, repräsentieren das bürgerliche Umfeld, das die Aktionen der englischen Beamten kritisch beobachtet.

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