Homogenität bezeichnet in der Pädagogik und der Unterrichtslehre eine zu Lern- oder Erziehungszwecken unter bestimmten Aspekten gleichartig zusammengesetzte Gruppe von Lernenden. Homogenität ist das Gegenteil von Heterogenität. Es bedeutet nicht „Gleichheit“, sondern „Gleichartigkeit“, „Ähnlichkeit“, „Verwandtschaft“.
Begriff Der Begriff Homogenität leitet sich ab von „gleich“, „ähnlich“ und „génos“ = Art, Verwandtschaft.Gerhard Wahrig, Walter Ludewig: Deutsches Wörterbuch. 1. Auflage. Mosaik Verlag, Gütersloh 1970, Sp. 1819–1820. Homogenḗs (ὁμογενής, mittellateinisch homogeneus) bedeutet „gleichen Geschlechts“, „verwandt“, „gleicher Herkunft oder Art“.Adolf Kaegi (Bearb.): Benselers Griechisch-Deutsches Schulwörterbuch, 12. Auflage, Teubner, Leipzig/Berlin 1904, S. 629. In der Bedeutung „Gleichartigkeit“, „Von verwandter Art“ charakterisiert Homogenität Gruppenbildungen, die unter bestimmten Arbeitsbedingungen und Zielsetzungen formiert werden. Wortgenau übersetzt, bedeutet das Kompositum homo-gen also nicht „gleich“, nicht „identisch“, sondern „gleich-artig“, „ähnlich“, „verwandt“. Das Übersehen des zweiten Wortteils führt oft zu Fehldeutungen, einer falschen Verwendung des Begriffs und zu abwegiger Kritik.siehe etwa Hans Wocken: Über Widersacher der Inklusion und ihre Gegenreden – Essay. Abschnitt Die homodoxe Antwort: Der Glaube an Gleichheit. In: Das Parlament, 23–2010, Beilage: Menschen mit Behinderungen.
Formen Je nach Zielsetzung kann es in der Unterrichtsgestaltung sinnvoll sein, homogene oder heterogene Gruppen zu bilden. Diese Gruppenbildung kann sich nach der Körpergröße, dem Geschlecht, dem Alter, dem Leistungsstand, der Religionszugehörigkeit, der Sprache, der Kultur und weiteren Kriterien anbieten. Bekannte homogene Formatierungen sind etwa das Unterrichten in Jahrgangsklassen, die Aufgliederung des Gymnasiums in Unterstufe, Mittelstufe und Oberstufe, die Einteilung von Bildung in ein mehrgliedriges Schulsystem mit Grundschule, Förderschule, Hauptschule, Realschule, Gymnasium, die Ausbildung in verschiedenen Fachgebieten oder wissenschaftlichen Disziplinen etc.
Alters-Homogenität Alters-Homogenität wird, wie der Name schon aussagt, etwa in der Bildung von Jahrgangsklassen in den Schulen angestrebt. Diese setzen einen annähernd gleichen Entwicklungsstand der Kinder an und wollen in Klassenformation fördern. Altershomogene Gruppierungen begünstigen das Ausbilden von Peergroups und Interessengemeinschaften, die für das gemeinsame Lernen förderlich sind. Für die Lehrkräfte hat diese Gliederung den Vorteil, das didaktische Prinzip des alters- und entwicklungsgerechten Lernens methodisch leichter umsetzen zu können.
Geschlechter-Homogenität mini|links|Jungenklasse auf einem Bild von Nikolai Bogdanov-Belsky 1895 mini|Mädchenklasse. Ölgemälde von Emanuel Spitzer 1888, aus Die Gartenlaube mini|Koedukative Dorfschule mit homogenen Untergruppen 1848
Noch vor einigen Jahrzehnten war die überwiegende Lehrmeinung, dass Heranwachsende ab der Pubertät getrennt voneinander, möglichst in geschlechtsgleichen Klassen, zu unterrichten sind. Dies galt vor allem auch für den Sportunterricht. Maßgeblich waren außer der unterschiedlichen Entwicklungsgeschwindigkeit und der Vermeidung sexueller Annäherungen auch die Divergenz der Leistungsschwerpunkte und der Interessen. Die Pädagogik wollte keine Gleichschaltung und Nivellierung in der Erziehung, sondern die Gestaltung einer als geschlechtstypisch angesehenen Persönlichkeitsförderung von Jungen und Mädchen. Dazu schien die Bildung von getrennt geschlechtlichen homogenen Klassen die angemessene Maßnahme. Entsprechend entstanden Lyzeen für die höhere Schulbildung der Mädchen und Gymnasien für die Jungen, Mädchenpensionate und Jungeninternate. Sie setzten teilweise unterschiedliche Bildungsschwerpunkte. Diese Trennung ist heute bis auf Ausnahmen in privaten Einrichtungen weitestgehend aufgehoben. Lediglich der Sportunterricht wird aus naheliegenden Gründen weiterhin von weiblichen Lehrkräften für die Mädchen und von männlichen Sportlehrern für die Jungen erteilt.
Leistungs-Homogenität Eine didaktische Regel fordert, den einzelnen Schüler für seine Lernfortschritte an seinem jeweiligen Wissens- und Könnensstand abzuholen. Soll das im Klassenverband geschehen, bedarf es eines etwa gleichen Leistungsniveaus oder einer Differenzierung in homogen strukturierte Untergruppen. Es macht keinen Sinn, etwa Skianfänger in demselben Kurs gemeinsam mit fortgeschrittenen Skiläufern unterrichten zu wollen. Ein Lehrer kann Drittklässler nicht angemessen auf das Gymnasium vorbereiten, wenn er in derselben Gruppe auch Analphabeten betreuen muss. Der Anfänger im Violine-Spielen wird sich ebenso wenig wie der Schüler der Meisterklasse wohlfühlen und sein Können steigern können, wenn sie sich in derselben Lerngruppe wiederfinden. Beide benötigen für ihre optimale Förderung eine Lerngruppe, die ihrem Leistungsniveau entspricht, oft sogar Lehrer auf jeweils anderem Kompetenzniveau. Beide benötigen andersartige Lehranweisungen und Lernmethoden.
Interessen-Homogenität Interessenhomogenität erleichtert das Bilden von arbeitsteiligen Gruppen, weil sie das Zugesellen zu Gleichgesinnten erlaubt. Sie realisiert sich etwa bei der freien Entscheidung für ein bestimmtes Wahlfach, bei der Eingliederung in eine thematisch gemeinsam interessierende Arbeitsgruppe, bei der Zuordnung zu einer bestimmten Riege oder Sportart im Sportunterricht, bei der Wahl eines speziellen Schultyps oder einer Studien- oder Berufsausrichtung. Ähnliche Interessen erzeugen eine lernfördernde Gruppendynamik. Diesen Sachverhalt nutzten auch die sogenannten Peer-Education-Strategien.Maria Harring u. a. (Hrsg.): Freundschaften, Cliquen und Jugendkulturen. Peers als Bildungs- und Sozialisationsinstanzen, Wiesbaden: VS-Verlag 2010
Bildungs-Homogenität Die Schulen des Bildungssystems differenzieren sich nach allgemeinbildenden und weiterführenden, mehr wissenschaftlich-akademisch oder mehr berufsbezogenen, eher musisch-künstlerisch oder sportlich orientierten Ausbildungsrichtungen, die in Absetzung zueinander relativ homogene Ausbildungsgänge anbieten. Hauptschulen, Realschulen oder Gymnasien arbeiten auf unterschiedlichem Anspruchsniveau, haben eine unterschiedliche, aber jede für sich relativ gleichartige, vom Schultyp her vorgegebene Bildungsausrichtung.
Weltanschauungs-Homogenität Religionsunterricht findet in der Regel entsprechend der religiösen Ausrichtung in homogenen Gruppen, etwa als christlich-protestantischer, christlich-katholischer, als islamischer oder jüdischer Unterricht statt. Die Unterrichtskonzeption geht davon aus, dass die Kinder zunächst einmal in einer, der von ihren Eltern vorgegebenen Religionsgemeinschaft, heimisch werden, dass christliche Kinder eine christliche und islamische Kinder eine islamische Erziehung erhalten sollen und dass eine vorzeitige Vermischung selbst protestantischen und katholischen Glaubensguts die Kinder nur verwirren würde.
Kultur-Homogenität Das in jüngster Zeit besonders intensiv diskutierte Phänomen einer sogenannten „Multikulturellen Gesellschaft“ charakterisiert sich durch ein Gemisch der unterschiedlichsten Kulturen im gemeinschaftlichen Lebensraum. Dies bleibt nicht folgenlos für das Schulsystem und die Pädagogik der ursprünglich kulturell einheitlicher zusammengesetzten Bildungseinrichtungen. Es stellt vor neue Herausforderungen, um das Herausbilden von unerwünschten Parallelgesellschaften zu verhindern. Das Zusammenwachsen von Menschen unterschiedlicher Herkunftsländer mit eigenen Traditionen ist oft konfliktbeladen und unterrichtlich sehr viel schwieriger zu erreichen als das Lehren und Lernen in homogenen Gruppen, wie die Schulsituation in verschiedenen Brennpunkten, etwa in Berlin-Kreuzberg, zeigt. Die Lehrer werden dann statt in ihrer eigenen Kompetenz als Vermittler eines curricular vorgegebenen Lernstoffs und Bildungsauftrags weitestgehend in der berufsfremden Funktion des Sozialarbeiters gefragt, was eine andere Ausbildung voraussetzt und eigentlich eine andere Berufsgruppe mit spezieller Ausrichtung betrifft.Silke B. Gahleitner u. a.: Disziplin und Profession Sozialer Arbeit. Barbara Budrich, Opladen 2010
Pädagogische Intention Homogenität bei der Lerngruppenbildung strebt möglichst gleichartige Voraussetzungen der zu Erziehenden an, um eine bestmögliche Förderung des einzelnen Schülers und der gesamten Gruppe erreichen zu können.Schulz Wolfgang: Unterrichtsplanung, München, Verlag Urban & Schwarzenberg, 1980 Es verbietet sich von der Sache her, etwa bei einem Skikurs, den Ski-Anfänger, der noch nie ein gleitendes Brett unter den Füßen hatte, mit dem bereits Rennen fahrenden Slalomfahrer in derselben Ausbildungsgruppe unterrichten zu wollen. Es verbietet sich sowohl von der Wahl des Geländes wie der Lehrmethode wie dem Anspruchsniveau des Lehrgangs und den Erwartungen der Lehrgangsteilnehmer. Selbst bei Einstellung auf ein Durchschnittskönnen der Gruppe wäre der Anfänger überfordert. Er wäre erhöhten Verletzungsgefahren ausgesetzt und würde wahrscheinlich frustriert vorzeitig aufgeben. Der Könner wäre dagegen unterfordert. Er würde sich langweilen, würde kaum die gewünschten eigenen Lernfortschritte erzielen können und ebenfalls wohl vorzeitig den Kurs enttäuscht verlassen. Ähnliches gilt für einen Sprachkurs oder eine akademische Vorlesung, wenn die Voraussetzungen der Lernenden zu unterschiedlich sind. So besteht in jedem Kurs die Gefahr, dass die Lehrkraft bzw. Dozent einzelne Lernende zu unterfordern und die anderen zu überfordern. Diese Gefahr besteht auch in homogenen Gruppen. Es wird aber durch die Gruppenbildung gehofft die Passung zwischen Lerninhalt und Lernenden zu erhöhen.
Gesellschaftliche Realität Es ist eine Binsenweisheit, dass die Menschen, schon Heranwachsende gleichen Alters, sich in mancherlei Weise voneinander unterscheiden, dass jeder Mensch ein sogenanntes Individuum, dass Diversität als gesellschaftliche Vielfalt eine Gegebenheit ist. In keinem Klassenverband finden sich Kinder vollständig identischer Altersgegebenheiten, Bildungsvoraussetzungen oder Lernfähigkeiten. Ebenso unbestreitbar ist aber auch die Erkenntnis, dass es verwandte, sogar übereinstimmende Merkmale gibt, die eine Gruppe von Lernenden gemeinsam charakterisieren und die sich entsprechend sinnvoll als Gruppen zusammenfassen lassen. Auf letzteres Merkmal stützt sich die Einteilung in homogene Gruppen.
Die homogene Gruppenbildung versucht, dem didaktischen „Prinzip der Alters- und Entwicklungsgerechtigkeit“ stringent zu folgen und die Leistung jedes Einzelnen in einer seinem Leistungsstand angemessenen Gruppe optimal zu fördern. Dabei geht es nicht um „Gleichheit“ der Gruppenmitglieder, sondern um „Gleichartigkeit“, d. h. „Ähnlichkeit“ der Interessen und Lernvoraussetzungen.
Die Bildungsvorstellung verfolgt mit der Einrichtung homogener Gruppen die Absicht, für eine ähnlich strukturierte Lerngruppe die bestmöglichen Lernvoraussetzungen zu schaffen, um optimale Lernfortschritte für jedes Gruppenmitglied und die Gruppe insgesamt erzielen zu können. Die verbleibenden Unterschiede sollen entsprechend dem Prinzip der Differenzierung methodisch ausgeglichen werden. Dies setzt jedoch überschaubare Klassengrößen, entsprechende Räumlichkeiten und materielle Ausstattung voraus und lässt sich auch angesichts des gravierenden Lehrermangels und schwieriger gewordenen Schülerverhaltens oft nicht gewährleisten.
Problemfelder