mini|Übersichtskarte Wittenau

Wittenau () ist ein Ortsteil des Berliner Bezirks Reinickendorf. Er entstand aus dem märkischen Dalldorf. Im Jahr 1905 wurde das Dorf nach seinem verstorbenen Gemeindevorsteher Peter Witte benannt und 1920 nach Berlin eingemeindet.

Lage Im Norden von Wittenau schließt sich der Ortsteil Waidmannslust an, nach Westen der Ortsteil Tegel und im Süden die ehemalige Ortslage Borsigwalde, seit 2012 Ortsteil. Im Südwesten liegt das Gelände des Flughafens Tegel. Nach Südosten hin schließt sich der für den Bezirk namensgebende Ortsteil Reinickendorf an. Östlich liegt die Großwohnsiedlung Märkisches Viertel, die im Juni 1999 als eigener Ortsteil von Wittenau abgetrennt wurde.

Geschichte

Gründung und Mittelalter Ein genaues Gründungsdatum von Dalldorf wurde urkundlich nicht überliefert. Da allerdings um 1230 der hochmittelalterliche Landesausbau des Barnims erfolgte, gingen die aktuellen Publikationen von einer Gründung um 1230 aus. Die erste urkundliche Erwähnung von Daldorff stammte erst aus dem Jahr 1322. Sie legte fest, dass Tegel zu einer Filiale der Pfarre Dalldorf wurde.Fritz Curschmann: Das Urkundeninventar des Klosters Spandau. In: Bereits vor 1322 befand sich das Dorf im Besitz des Benediktinerinnen-Klosters Spandau (und zwar bis 1558). Allerdings blieb diese Urkunde im Original nicht erhalten, so dass für die offiziellen Feierlichkeiten zum Ortsjubiläum eine bis heute erhaltene Urkunde aus dem Jahr 1351 maßgeblich wurde.Üblicherweise werden Ortsjubiläen nach der urkundlichen Ersterwähnung festgelegt, unabhängig davon, ob noch das Original existiert. In nicht wenigen Fällen fehlt die Originalurkunde, sondern existiert nur in Abschrift (Kopialbuch), so beispielsweise die Spandauer Urkunde von 1232. In dieser Urkunde sprach Markgraf Ludwig dem Nonnenkloster in Spandau eine Rente aus den Einkünften der Bede in Dalldorf, Gatow, Kladow und Liechtenow zu.Adolph Friedrich Riedel (Hrsg.): Codex diplomaticus Brandenburgensis. Band A 11, S. 42. In: Das Landbuch Karls IV. von 1375 wies für Daldorp/Doldorff 39 Hufe aus, davon vier Pfarrhufe (Wedemhof). Es gab zwölf Kossäten und einen Krug. Im Jahr 1450 gehörten 55 Hufe Ackerland zu Dalldorf, davon zwei Pfarrhufe und ein Kirchenhufe. Es gab nur noch zwei Kossäten.Lieselott Enders: Historisches Ortslexikon für Brandenburg. Teil 6, S. 627. In: Um 1488 wurde die Dorfkirche Wittenau errichtet.

Nach der Reformation Nach der Reformation und der damit einhergehenden Auflösung des Klosters in Spandau 1558 wurde Dalldorf vom Amt Spandau verwaltet. Die Ableistung der Frondienste zugunsten des Amtes erforderte von den Dalldorfern das Zurücklegen langer Wege (u. a. zum Schönhauser Tor), dies führte in einem ersten Schritt zu einer Reduzierung der Arbeitszeiten und im Jahre 1715 schließlich zur Umwandlung der gesamten Frondienste in ein Dienstgeld. Nach Ende des Dreißigjährigen Kriegs wohnten 1652 in Dalldorf nur noch sieben Familien, nur eine einzige davon war bereits vor Beginn des Kriegs dort ansässig. Im Zuge der Wiederbesiedlungspolitik in der Mitte des 18. Jahrhunderts gelang es allen Dalldorfer Kossäten, Ackerland zugesprochen zu bekommen. Wie auch viele andere Dörfer in der Umgebung Berlins verfügte Dalldorf nur über wenige Wiesen, auf denen Vieh gehalten werden konnte. Der daraus resultierende Mangel an Dung bremste auch die intensivere Nutzung von landwirtschaftlichen Flächen. Entsprechend begannen 1782 Bestrebungen, das Seggeluch – ein Sumpfgebiet zwischen Dalldorf, Rosenthal und Lübars – zu entwässern. Nach beendeter Melioration im Jahre 1790 konnte nun eine zusätzliche Fläche von etwa 60 Morgen zur Viehhaltung genutzt werden. Die bis heute dort erhaltene Niederung wurde im Zuge der Gründung des Märkischen Viertels geflutet und ist heute als Seggeluchbecken bekannt.

Zeit der Industrialisierung mini|Wappen von Wittenau (links) und Berlin (rechts) über dem Hauseingang Oranienburger Straße 186, entstanden um 1927

Mit dem Wachsen der Stadt Berlin stieg auch die Einwohnerzahl Dalldorfs beständig an. Dies ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass die Landwirtschaft auf intensivere Kulturen umgestellt wurde. Dies erforderte wiederum mehr Arbeitskräfte, die zunächst als Einlieger nach Dalldorf kamen. Oft erworben sich diese später das Recht, ein Haus zu bauen, so dass sie in die Klasse der Büdner aufsteigen konnten. Bedeutende politische Ereignisse wie die französische Besatzung nach 1806 und die Bauernbefreiung in Preußen bremsten zwar die Entwicklung Dalldorfs, hatten aber darüber hinaus keine entscheidenden Auswirkungen. Dies ist beispielsweise auf die schon im 18. Jahrhundert erfolgte Ablösung der Frondienste zurückzuführen. Erst 1827 wurde in Dalldorf der erste Antrag zur Separation gestellt. Zeitgleich wurde ein Teil der Jungfernheide in einen Schießplatz umgewandelt (später: Flughafen Tegel). Da dort bis zu diesem Zeitpunkt Schafe aus Dalldorf weideten, erhielten die Bauern Ausgleichszahlungen, was ihnen das Aufbringen der Ablösungssumme für alte Dienste und Abgaben zumindest erleichterte. 1869 erwarb die Stadt Berlin ein weiteres Mal Land von der Gemeinde Dalldorf, diesmal zum Bau einer städtischen Irrenanstalt. Die Anstalt wurde von 1877 bis 1879 errichtet und war fortan als Städtische Irrenanstalt zu Dalldorf bekannt, von 1957 bis 2006 wurde die Klinik Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik genannt. Aufgrund der expliziten Erwähnung des Ortsnamens wurde Dalldorf in den Folgejahren im Volksmund zum Synonym für Irrenanstalt.

Mit der Fertigstellung der Berliner Nordbahn 1877 und der Kremmener Bahn 1893 kamen Dalldorf und die umliegenden Dörfer für eine Randwanderung der Berliner Industrie in Frage. Den größten Einfluss für die Entwicklung Dalldorfs hatte der Umzug der Firma Borsig nach Tegel. Für die rund 4800 Arbeiter und 500 Angestellten stand kein ausreichender Wohnraum in der Nähe des neuen Werks zur Verfügung; daher sollte eine Werkssiedlung gebaut werden. Eine eigens dafür gegründete Terraingesellschaft kaufte 200 Morgen Land von der Gemeinde Dalldorf und legte auf der ehemaligen Weidefläche ein Straßennetz an. Rund ein Jahr nach Beginn der Produktion in den neuen Tegeler Borsigwerken konnten die ersten Wohnungen der Werkssiedlung zum 1. Oktober 1899 bezogen werden. Den Bewohnern dieser neuen Siedlung war die Assoziation von Dalldorf mit der Irrenanstalt bekannt, so dass man sich frühzeitig um einen eigenständigen Namen bemühte. Die Brüder Conrad und Ernst Borsig waren mit der Verwendung ihres Familiennamens einverstanden; somit konnte der Name Borsigwalde offiziell verwendet werden. Dennoch gehörte die Siedlung verwaltungstechnisch weiterhin zu Dalldorf.

mini|Rathaus Reinickendorf

Aber nicht nur die zugezogenen Borsigwalder bemühten sich, keine Verbindung zur Irrenanstalt aufkommen zu lassen. Auch die Dalldorfer selbst wussten um die negative Assoziation, die ihrem Dorfnamen anhing. Daher wurde bereits am 24. Januar 1903 ein Gesuch an den zuständigen Landrat des Kreises Niederbarnim gestellt, die Gemeinde umzubenennen. Pate für den neuen Namen standen der 1902 verstorbene langjährige Amtsvorsteher Dalldorfs, Peter Witte, in Kombination mit der Lage der Gemeinde auf dem flachen Land (eine Au). Der neue Name Wittenau erfuhr aufgrund der Beliebtheit Wittes großen Zuspruch. Der Kaiser höchstpersönlich genehmigte – nach fast zweijähriger Bearbeitungszeit – am 23. August 1905 per Kabinettsorder die Umbenennung. Der Name Dalldorf solle danach nur noch zur Bezeichnung der dortigen Städtischen Irrenanstalt verwendet werden.(linke Spalte): Wittenau statt Dalldorf. In: Berliner Tageblatt, 23. September 1905. Da die psychiatrische Klinik doch den neuen Ortsnamen annahm, wurde statt Dalldorf nun Wittenau als Synonym für ‚Irrenanstalt‘ verwendet.

Unabhängig von der Frage des Namens der Gemeinde folgten um die Wende zum 20. Jahrhundert und in den 1910er Jahren zahlreiche weitere Firmen dem Beispiel der Firma Borsig und siedelten sich entlang der Nordbahn und Kremmener Bahn an: nördlich des Bahnhofs Wittenau der Nordbahn sind heute noch Bauten der Fahrzeugfabrik F. G. Dittmann erhalten, im Südwesten des Ortsteils befindet sich ein weitläufiges Industriegebiet. Dies führte, zusammen mit einem Anstieg des Wohlstands der Bürger, zu höheren Steuereinnahmen, so dass die Gemeinde Wittenau um 1906 mit der Planung eines repräsentativen Rathausbaus begann. Der Grundstein wurde am 3. März 1910 gelegt und am 13. Mai 1911 wurde das Rathaus Wittenau feierlich eingeweiht.

Zeit der Weltkriege mini|hochkant|Gedenktafel am ehemaligen Gebäude der Firma Alfred Teves

Die Randwanderung der Berliner Industrie überlagerte sich in Wittenau mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs. So war zum Beispiel bereits 1913 die Deutsche Waffen- und Munitionsfabrik an die Kremmener Bahn gezogen. Die Ansiedlung vieler Maschinenfabriken in und um Wittenau führte dazu, dass die Gemeinde stark von der Arbeiterbevölkerung geprägt war. So ist es nicht verwunderlich, dass die Fabriken in Wittenau und den umliegenden Gemeinden immer wieder Ausgangspunkt von Demonstrationen und Streiks der organisierten Arbeiterschaft waren. Der große Antikriegsstreik vom 28. Januar 1918 führte letztendlich sogar dazu, dass über die Rüstungsbetriebe im Norden Berlins das Kriegsrecht verhängt wurde und Militärposten in den Straßen patrouillierten.Bruno Schremmer: Reinickendorf in den letzten 100 Jahren bis zur Eingemeindung 1920. In: Zeitschrift des Vereins für die Geschichte Berlins. 55 (1938), S. 46. In: Dennoch konnten organisierte Gruppen weiterhin Waffen und Munition entwenden und verstecken. Diese wurden dann am 9. November 1918 an die demonstrierende Bevölkerung verteilt, die unter anderem das Rathaus Wittenau stürmte.Annemarie Lange: Das Wilhelminische Berlin. S. 792. In: In den folgenden Tagen übernahm ein Arbeiter- und Soldatenrat die Verwaltung der Gemeinde. Die Prägung Wittenaus durch die Arbeiterschaft wurde nicht nur in den Wahlen zur Nationalversammlung deutlich, bei der die SPD und die USPD die meisten Stimmen in der Gemeinde erhielten,Hermsdorf-Waidmannsluster-Frohnauer-Glienicker-Zeitung, 30. Januar 1919. In: ebenso folgten alle Wittenauer Betriebe dem Aufruf zum Generalstreik als Reaktion auf den Kapp-Lüttwitz-Putsch. Nach Kriegsende führte die Umstellung auf Friedensproduktion in Wittenau zur Entlassung von großen Teilen der Belegschaft, da die hier ansässige Industrie vornehmlich Rüstungsgüter herstellte. Dieses Problem wurde durch die Eingemeindung Wittenaus als Ortsteils des Bezirks Reinickendorf nach Groß-Berlin 1920 vorerst nicht gelöst. Erst Mitte der 1920er Jahre besserte sich die wirtschaftliche Situation der Bevölkerung in Wittenau. Dies äußerte sich vor allem in den umfangreichen Bautätigkeiten im Ortsteil; so wurden in dieser Zeit nicht nur die Wohnanlage Siedlung Wittenau südöstlich des Rathauses und die Siedlung Grünland an der Straße nach Alt-Tegel angelegt, auch der Volkspark Wittenau und der Steinbergpark datieren aus dieser Zeit.