Abū Muhammad Hischām ibn al-Hakam (; gestorben 795 oder später in Kufa) war einer der wichtigsten Kalām-Gelehrten während der Herrschaft der beiden abbasidischen Kalifen al-Mahdī (regierte 775-785) und Hārūn ar-Raschīd (regierte 786-809). Nachdem er sich in seiner Jugendzeit dem sechsten Imam Dschaʿfar as-Sādiq (gestorben 765) angeschlossen hatte, gehörte er zu den bedeutendsten Vertretern der imamitischen Schia. Als Kalām-Gelehrter führte er religiöse Streitgespräche mit Gelehrten anderer islamischer Glaubensrichtungen (Ibaditen, Muʿtazila, Zaiditen) sowie auch mit Vertretern nicht-islamischer Religionen. Viele dieser Gespräche fanden im Kreise des barmakidischen Wesirs Yahyā ibn Chālid statt. Später wandte sich aber der Wesir gegen Hischām und diskreditierte ihn wegen seiner politischen Ansichten beim Kalifen, so dass Hischām untertauchen musste.
Hischām ibn al-Hakam hat zahlreiche Werke verfasst, von denen jedoch keines erhalten ist. Einer der auffälligsten Züge an seiner Lehre war sein Korporealismus (taǧsīm). Er meinte, dass es in der Welt nur Körper gebe und auch Gott ein Körper sei. Auf politischer Ebene arbeitete er eine Imamatstheorie aus, die zur Grundlage der imamitischen Lehre wurde. Hierzu gehörten die Vorstellung von der Unfehlbarkeit der Imame sowie das Prinzip ihrer Festlegung durch Designation (naṣṣ). Über die Prophetengefährten lehrte er, dass sie mit wenigen Ausnahmen vom Glauben abgefallen sein, weil sie das Imamat von ʿAlī ibn Abī Tālib nicht anerkannt hatten. Deshalb betrachteten ihn Sunniten als extremistischen Rāfiditen und Feind des Islams. Auch innerhalb der imamitischen Schia war Hischām nicht unumstritten. Einige Imamiten warfen ihm vor, mit seinen Streitgesprächen die Verhaftung des siebten Imams Mūsā al-Kāzim (gest. 799) verschuldet zu haben. Die von ihm überlieferten Lehren hielt man zum Teil für falsche Anschuldigungen.
Leben Herkunft und persönliche Lebensverhältnisse Hischām war ein Klient der Banū SchaibānSo Ibn an-Nadīm: Fihrist. 1871, Bd. I, S. 175. oder der KindaSo aṭ-Ṭūsī: Iḫtiyār maʿrifat ar-riǧāl. 2006, S. 219. aus Kufa. Er wurde in Wāsit geboren und wuchs dort auch auf. Später zog er nach Bagdad.Vgl. at-Tustarī: Maǧālis al-muʾminīn. Bd. I, S. 608. Dort unterhielt er in dem Stadtbezirk al-Karch einen Handel. Sein Haus stand neben dem Waddāh-Palast in der Straße, die zum Teich der Banū Zarzar führte, wo Kuriositäten und Ḫalanǧ-Bäume verkauft wurden.Vgl. aṭ-Ṭūsī: Iḫtiyār maʿrifat ar-riǧāl. 2006, S. 219. Hischām war als Tuchhändler (baiyāʿ al-karābīs) tätig und verkaufte auch Kleidung.Vgl. Modarressi: Tradition and survival. 2003, S. 260. Seinen Laden teilte er sich mit dem ibaditischen Kalām-Gelehrten ʿAbdallāh ibn Yazīd. Trotz beträchtlicher Unterschiede in den Lehrauffassungen hielten die beiden ihre Geschäftspartnerschaft ihr ganzes Leben lang aufrecht. Als ʿAbdallāh ibn Yazīd allerdings um die Hand seiner Tochter Fātima anhielt, verwies ihn Hischām darauf, dass sie eine Gläubige sei, woraufhin ʿAbdallāh ibn Yazīd ihn nie mehr darauf ansprach.Vgl. al-Masʿūdī: Murūǧ aḏ-ḏahab. Bd. V, S. 443f.
Religiöser Werdegang Nach der imamitischen Überlieferung war Hischām Dschahmit, d. h. ein Anhänger von Dschahm ibn Safwān (gest. 746), bevor er sich dem schiitischen Imam Dschaʿfar as-Sādiq anschloss.Vgl. aṭ-Ṭūsī: Iḫtiyār maʿrifat ar-riǧāl. 2006, S. 220. Sein Übertritt zur Schia muss schon sehr früh erfolgt sein, denn ein anderer Bericht spricht davon, dass er „zur Zeit, als der Bart auf seinen Wangen zu sprießen begann“ (auwal mā ḫtaṭṭa ʿāriḍāhu), in Minā einer Versammlung schiitischer Scheiche unter Vorsitz des Imams beiwohnte.Vgl. aš-Šarīf al-Murtaḍā: al-Fuṣūl al-muḫtāra min al-ʿuyūn wa-l-maḥāsin. Dār al-Mufīd, Beirut, 1992. S. 52. Digitalisat. Nach seiner Konversion zur Schia hatte er öfter Umgang mit dem Daisaniten Abū Schākir ad-Daisānī und hielt mit ihm Disputationen ab.Vgl. Madelung: "The Shiite and Khārijite Contribution to Pre-Ashʿarite Kalām". 1979, S. 124. Die Daisānīya war eine gnostische Sekte, die auf Bardesanes zurückgeht und dem christlichen Spektrum zugerechnet wird. Ein weiterer Theologe, mit dem Hischām schon in frühen Jahren disputierte, war der muʿtazilitische Theologe ʿAmr ibn ʿUbaid (gest. 761). Hischām soll ihn in ein Streitgespräch über das Imamat verwickelt und ihn dabei besiegt haben.Vgl. al-Masʿūdī: Murūǧ aḏ-ḏahab. Bd. VII, S. 234–236.
Nach dem Tode von Dschaʿfar as-Sādiq im Jahre 765 gehörte Hischām zu einer Gruppe von Gelehrten, die im Gegensatz zu anderen Schiiten sofort dessen Sohn Mūsā al-Kāzim als Nachfolger anerkannten.Vgl. Al-Hasan ibn Mūsā an-Naubachtī: Kitāb Firaq aš-šīʿa. Ed. H. Ritter. Istanbul: Maṭbaʿat ad-daula 1931. S. 66. Digitalisat. Der Imam soll ihm einmal 15.000 Dirham anvertraut haben, damit er damit Gewinne erwirtschaftete.So aṭ-Ṭūsī: Iḫtiyār maʿrifat ar-riǧāl. 2006, S. 229.
Kalām-Aktivitäten unter al-Mahdī und Hārūn ar-Raschīd Während des Kalifats von al-Mahdī (775-785) ließ Mūsā ihm durch einen Boten übermitteln, er möge alle theologischen Streitgespräche unterlassen. Hintergrund war, dass al-Mahdī zu dieser Zeit die schiitischen Sekten (firaq) verfolgen ließ.Vgl. aṭ-Ṭūsī: Iḫtiyār maʿrifat ar-riǧāl. 2006, S. 226f. Ob sich Hischām an dieses Schweigeverbot gehalten hat, ist allerdings nicht klar. Während es in einen Überlieferung heißt, dass er sich bis zum Tod al-Mahdīs jeglicher Streitgespräche enthalten habe,So aṭ-Ṭūsī: Iḫtiyār maʿrifat ar-riǧāl. 2006, S. 226f. wird in einer anderen Überlieferung mitgeteilt, dass ihn der Imam mehrfach ermahnen ließ und ihm schließlich Vorwürfe machte, weil er mit seiner fortwährenden Kalām-Aktivität sein eigenes Leben in Gefahr bringe.Vgl. aṭ-Ṭūsī: Iḫtiyār maʿrifat ar-riǧāl. 2006, S. 230f.
Nach dem Herrschaftsantritt von Hārūn ar-Raschīd im Jahre 786 gehörte Hischām zu dem Kreis von Kalām-Gelehrten, die der barmakidische Wesir Yahyā ibn Chālid sonntags zu religiösen Disputationen in sein Haus einlud.Vgl. Ibn Bābawaih: Kamāl ad-Dīn wa-tamām an-niʿma. 1991, S. 338f. Al-Masʿūdī berichtet von einer Diskussion über die Liebe (ʿišq) in diesem Kreis, an der neben Hischām zwölf weitere Gelehrte verschiedener religiöser Richtungen teilnahmen. Darunter waren die beiden muʿtazilitischen Theologen an-Nazzām und Bischr ibn al-Muʿtamir sowie auch zwei Schüler Hischāms, nämlich ʿAlī ibn Mansūr und Chalīl as-Sakkāk.Vgl. al-Masʿūdī: Murūǧ aḏ-ḏahab. Bd. VI, S. 370–374. Nach Ibn an-Nadīm hatte Hischām bei diesen Disputationssitzungen sogar den Vorsitz inne.Vgl. Ibn an-Nadīm: Fihrist. 1871, S. 175. Nach einem Bericht, der bei asch-Schaich al-Mufīd überliefert ist, war bei einem religiösen Streitgespräch, das Hischām mit seinem ibaditischen Kompagnon ʿAbdallāh ibn Yazīd führte, auch der Kalif Harūn ar-Raschīd zugegen.Vgl. at-Tustarī: Maǧālis al-muʾminīn. Bd. I, S. 615–617.
Die meisten Disputationsgegner Hischāms waren Muʿtaziliten. So führte er mit Abū l-Hudhail Diskussionen über die vergleichende Beschreibung Gottes (tašbīh), die Abhängigkeit des göttlichen Wissens (taʿalluq ʿilm al-bārī)Vgl. aš-Šahrastānī: al-Milal wa-n-niḥal. S. 187. – Dt. Übers. 212. und die Attribute Gottes.Vgl. al-Masʿūdī: Murūǧ aḏ-ḏahab. Bd. VII, S. 232f. Besonders heftige Streitgespräche lieferte er sich mit dem Muʿtaziliten Abū Bakr al-Asamm (gest. 816).Vgl. ʿAbd al-Ǧabbār ibn Aḥmad: Faḍl al-iʿtizāl wa-ṭabaqāt al-Muʿtazila. Ed. Fuʾād Saiyid. Tunis 1974. S. 267. Digitalisat. Al-Asamm verfasste später ein eigenes Buch zur Widerlegung von Hischāms Lehren über die Gestalt Gottes.Vgl. van Ess: Theologie und Gesellschaft. 1993, Bd. V, S. 193, Nr. 3.
Die Intrige des Yahyā ibn Chālid Um die Mitte der 790er Jahre verschlechterte sich allerdings das Verhältnis zu dem barmakidischen Wesir. Nach einem Bericht, der auf den imamitischen Rechtsgelehrten Yūnus ibn ʿAbd ar-Rahman (gest. 823) zurückgeht, lag dies daran, dass Yahyā ibn Chālid an verunglimpfenden Reden Hischāms über die Philosophie Anstoß nahm.Vgl. aṭ-Ṭūsī: Iḫtiyār maʿrifat ar-riǧāl. 2006, S. 221. Von größerer Bedeutung war allerdings, dass Yahyā ibn Chālid in einem rivalitären Verhältnis zu dem Imamiten Dschaʿfar ibn Muhammad stand, der durch militärische Leistungen die Gunst des Kalifen erlangt und die Erziehung des abbasiden Prinzen al-Amīn übernommen hatte. Da Yahyā ibn Chālid für den Fall der Herrschaftsübernahme durch al-Amīn eine Entmachtung der Barmakiden durch Dschaʿfar fürchtete, strebte er danach, die geheimen finanziellen Netzwerke der Imamiten aufzudecken und sie insgesamt beim Kalifen zu verunglimpfen.Vgl. E. Kohlberg: Art. "Mūsā al-Kāẓim" in The Encyclopaedia of Islam. New Edition Bd. VII, S. 646a.
Dies wirkte sich auch auf das Verhältnis zu Hischām ibn al-Hakam aus. Nach der imamitischen Überlieferung versuchte der Wesir, Hischām vor dem Kalifen Hārūn ar-Raschīd bloßzustellen, indem er ihn in dessen Anwesenheit aufforderte, sein Urteil über einen Streit abzugeben, den ʿAlī ibn Abī Tālib und al-ʿAbbās ibn ʿAbd al-Muttalib einst vor dem ersten Kalifen Abū Bakr um das Erbe des Propheten ausgetragen hatten.Nach Ibn Qutaiba ging es um die Ortschaft Fadak, vgl. Kitāb Taʾwīl muḫtalif al-ḥadīṯ. 2009, S. 126. – Frz. Übers. 54. Yahyās Aufforderung zielte darauf ab, Hischām dazu zwingen, vor dem Kalifen seine schiitische Gesinnung zu offenbaren und al-ʿAbbās, den Stammvater der Abbasiden, ins Unrecht zu setzen. Hischām, der seinen eigenen Glauben nicht verleugnen wollte, konnte seinen Kopf in dieser Situation dadurch aus der Schlinge ziehen, dass er beiden Streitenden Recht gab und sie zu den im Koran (Sure 38:21-24) erwähnten zwei streitenden Engeln in Beziehung setzte. So wie diese eigentlich nur deswegen zu David gekommen seien, um ihn zu prüfen, so habe auch der Streit zwischen ʿAlī und al-ʿAbbas lediglich die Funktion gehabt, Abū Bakr zu prüfen, während die beiden in Wirklichkeit gar keinen Streit hatten. Der Kalif soll von der Antwort Hischāms sehr angetan gewesen sein.Vgl. at-Tustarī: Maǧālis al-muʾminīn. Bd. I, S. 614f.
Nach einem Bericht, der auf Yūnus ibn ʿAbd ar-Rahman zurückgeht, suchte der Wesir Yahyā ibn Chālid nun nach einer anderen Möglichkeit, Hischām zu überführen, und wies den Kalifen darauf hin, dass Hischām nicht ihn, sondern eine andere Person als von Gott eingesetzten Imam betrachtete und diesem auch gehorchen würde, wenn zu einem Aufstand aufrufe. Der Kalif forderte daraufhin Yahyā ibn Chālid auf, eine Disputationssitzung mit den Kalām-Gelehrten einzuberufen, damit er diesen bei ihren Reden heimlich hinter einem Vorhang zuhören könnte. Hierauf berief Yahyā ibn Chālid eine Sitzung ein, zu der der Muʿtazilit Dirār ibn ʿAmr, der Zaidit Sulaimān ibn Dscharīr, der Ibadit ʿAbdallāh ibn Yazīd, der zoroastrische Mobed und der jüdische Exilarch erschienen. Hischām wohnte der Sitzung aufgrund einer Krankheit anfangs nicht bei, wurde aber nach einem von Yahyā inszenierten Streit von diesem herbeigerufen, um zwischen den Streitenden als Schiedsrichter zu fungieren. Nachdem Hischām den Streit geschlichtet hatte, stellten ihm der Wesir und Sulaimān ibn Dscharīr verfängliche Fragen über das Imamat. Da Hischām in seiner Antwort bestätigte, dass er sich dem alidischen Imam zu unbedingtem Gehorsam verpflichtet sah, betrachtete das der Kalif als ausreichenden Beweis für seine Illoyalität. Nachdem Hischām bereits die Versammlung verlassen hatte, befahl er dem Wesir, ihn und seine Gefährten verhaften zu lassen. Hischām floh aber über al-Madā'in nach Kufa, wo er einige Zeit später im Haus von Ibn Scharaf an seiner Krankheit starb.Vgl. aṭ-Ṭūsī: Iḫtiyār maʿrifat ar-riǧāl. 2006, S. 221–224.