Marguerite Sechehaye geb. Burdet (geboren 27. September 1887 in Genf; gestorben 1. Juni 1964 in Genf) war eine Schweizer Psychoanalytikerin, die vor allem durch ihre Arbeit mit schizophrenen Patienten bekannt wurde.
Leben Marguerite Sechehaye stammte aus einer protestantischen Familie, die von den französischen Cevennen in die Schweiz eingewandert war. Nach der Matura an einer Höheren Mädchenschule studierte sie in Genf Linguistik bei Ferdinand de Saussure und Psychologie bei Édouard Claparède am erziehungswissenschaftlichen Institut in Genf (Jean-Jacques Rousseau-Institut), bei dem sie nach ihrem Studium wissenschaftliche Assistentin wurde. 1906 heiratete sie den Linguisten Albert Sechehaye.Marguerite Sechehaye auf Psychoanalytikerinnen. Biografisches Lexikon.
Sie arbeitete zunächst als Psychologin und machte später eine Lehranalyse bei Raymond de Saussure. Als Psychoanalytikerin spezialisierte sie sich auf die Behandlung von Schizophrenen. Sie gehört zu den ersten Therapeuten, die sich psychoanalytisch mit den Psychosen auseinandersetzte und das schizophrene Erleben zu verstehen suchte.
Bekannt wurde ihre Methode der „symbolischen Wunscherfüllung“: In Anlehnung an Melanie Klein bricht diese Methodik mit der generellen Tabuisierung der Wunscherfüllung in der psychoanalytischen Behandlung und bezieht bei bestimmten Störungen eine symbolische Befriedigung frühkindlicher Bedürfnisse aus der Mutter-Kind-Beziehung in die Behandlung ein.Die symbolische Wunscherfüllung. Huber-Verlag, Bern 1955 So reichte die Therapeutin der Patientin Renée Äpfel als präsentatives Symbol des Nährens mit guter Muttermilch. Dabei betonte Sechehaye stets, dass diese Arbeitsweise nur für eine bestimmte Phase der Therapie gilt, in der der Patient auf ein sehr frühes Erleben regrediert ist. Das 1947 zunächst in französischer Sprache erschienene Buch schildert die zehnjährige, erfolgreiche Behandlung Renées, einem jungen Mädchen mit der ärztlichen Diagnose einer Schizophrenie.
1950 erschien dann ein zweites Buch über dieselbe Patientin unter dem Titel Tagebuch einer Schizophrenen: Selbstbeobachtungen einer Schizophrenen während der psychotherapeutischen Behandlung, in dem die junge Frau selbst ihr Erleben während der Therapie beschreibt und Sechehaye dies im zweiten Teil der Buches kommentiert. Später adoptierte Sechehaye Renée, die ihr Pseudonym aufhob und unter ihre wirklichen Namen Louisa Düss selbst Psychoanalytikerin wurde. Von 1951 bis 1952 hielten beide eine Reihe von Vorlesungen an der psychiatrischen Universitätsklinik Klinik Burghölzli in Zürich. Sie erschienen 1954 unter dem Titel Introduction à une psychothérapie des schizophrènes.
Rezeption Sechehayes Arbeiten wurde vor allem von den Psychoanalytikern und Psychotherapeuten aufgegriffen, die versuchten, einen verstehenden Zugang zum schizophrenen Erleben zu gewinnen, wie z. B. von Silvano Arieti (1915–1981),Silvano Arieti: Schizophrenie. Ursachen, Verlauf, Therapie. Hilfen für Betroffene. Piper Verlag, München 1979 ISBN 3-492-02938-8 Gaetano Benedetti,Gaetano Benedetti: Psychotherapie als existentielle Herausforderung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2. Auflage 1992 ISBN 978-3525457429 und Todeslandschaften der Seele, ebendort 4. Auflage 1994 ISBN 3-525-45666-2 Luc CiompiLuc Ciompi: Affektlogik. Über die Struktur der Psycho und ihre Entwicklung. Ein Beitrag zur Schizophrenieforschung. Klett-Cotta, Frankfurt am Main 1994 ISBN 3-608-95037-0 und Erich Wulff.Erich Wulff: Wahnsinnslogik. Von der Verstehbarkeit schizophrener Erfahrung. Edition Das Narrenschiff im Psychiatrie-Verlag, Bonn 1995 ISBN 3-88414-193-7 Sie fand darüber hinaus auch Eingang in die psychiatrische StandardliteraturRainer Tölle: Psychiatrie. Springer-Verlag, Stuttgart 1973, 7. Auflage, S. 2016 ISBN 978-3-540-15853-0 sowie in die kritische Sozialpsychiatrie.Thomas Bock: Lichtjahre. Psychosen ohne Psychiatrie. Krankheitsverständnis und Lebensentwürfe von Menschen mit unbehandelten Psychosen. Psychiatrie-Verlag, Bonn 1997. ISBN 3-88414-204-6 Die Konzeption der symbolischen Wunscherfüllung und des „Nachnährens“, wie es später oft genannt wurde, wurde aufgegriffen von Therapeuten, die die ursprüngliche Ebene der Konfliktverarbeitung um eine Ebene zu erweitern suchten, die sich stärker auf die Schädigungen durch frühkindliche Mangelsituationen bezog, wie z. B. Sándor Ferenczi, tiefenpsychologischen Körpertherapeuten, wie z. B. Tilmann Moser und künstlerischen Therapeuten.Dorothee von Moreau: Zur Idee des therapeutischen Nachnährens – was kann Musiktherapie leisten? Ludwig-Reichert-Verlag, Wiesbaden 2002 ISBN 978-3895002953
Schriften in deutscher Sprache Die symbolische Wunscherfüllung. Huber-Verlag, Bern 1955 Tagebuch einer Schizophrenen: Selbstbeobachtungen einer Schizophrenen während der psychotherapeutischen Behandlung. edition suhrkamp 613, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1973, ISBN 3-518-00613-4 Eine Psychotherapie der Schizophrenen. Klett-Cotta, Stuttgart 1986, ISBN 3-608-95863-0
Literatur Sechehaye, Marguerite, in: Élisabeth Roudinesco; Michel Plon: Wörterbuch der Psychoanalyse: Namen, Länder, Werke, Begriffe. Übersetzung aus dem Französischen. Wien: Springer, 2004, ISBN 3-211-83748-5, S. 917f.
Einzelnachweise
Kategorie:Psychologe Kategorie:Psychoanalytiker Kategorie:Schweizer Kategorie:Geboren 1887 Kategorie:Gestorben 1964 Kategorie:Frau