mini|Eine von 1100 Metallstelen, die an die Opfer des Speziallagers erinnern
Das Speziallager Nr. 2 in Buchenwald entstand 1945 als Speziallager in der sowjetischen Besatzungszone auf dem Gelände des ehemaligen KZ Buchenwald bei Weimar und wurde 1950 aufgelöst.
Nach der Befreiung des KZ Buchenwald gegen Ende des Zweiten Weltkriegs durch die 3. US-Armee und deren Abzug aus Thüringen nutzte das sowjetische Volkskommissariat für Inneres (NKWD, ab 1946 Innenministerium (MWD)) ab dem 21. August 1945Bodo Ritscher, Spezlager Nr. 2 Buchenwald. Zur Geschichte des Lagers Buchenwald 1945 bis 1950, Weimar-Buchenwald 1993, S. 29. das Lager als „Speziallager Nr. 2“ zur Internierung von Personen, die aus Sicht der Besatzungsmacht im Sinne einer „Generalprävention“ eine Gefährdung für die militärische Sicherheit darstellten.Bodo Ritscher: Das sowjetische Speziallager Nr. 2 – einige historische Anmerkungen. In: Das sowjetische Speziallager Nr. 2 1945 bis 1950. Katalog zur ständigen historischen Ausstellung, hrsg. von Bodo Ritscher u. a., 3., überarbeitete Auflage, Weimar 2020, S. 29. Für die Verhaftungen war der Befehl Nr. 00315 des sowjetischen Innenministeriums vom 18. April 1945 maßgeblich: Die zur Inhaftierung vorgesehenen Personengruppen umfassten danach a) Spione deutscher Geheimdienste,b) Personen, die von deutschen Geheimdiensten zur Aktivität im besetzten Gebiet angeworben wurden,c) Betreiber illegaler Sendestationen, Waffenlager und Druckereien,d) aktive Mitglieder der NSDAP,e) höhere Führer faschistischer Jugendorganisationen,f) Mitarbeiter von Gestapo und SD,g) Leiter von Gebiets-, Stadt- und Kreisverwaltungen,h) Zeitungs- und Zeitschriftenredakteure.Befehl des Volkskommissars für innere Angelegenheiten der UdSSR Nr. 00315 vom 18.4.1945 Über die teilweise Abänderung des Befehls des NKWD der UdSSR 0016 vom 11.1.1945. Volltext auf der Webseite der Stiftung Sächsische GedenkstättenDas sowjetische Speziallager Nr. 2 1945 bis 1950. Katalog zur ständigen historischen Ausstellung, hrsg. von Bodo Ritscher u. a., 3., überarbeitete Auflage, Weimar 2020, S. 46–47.Tatsächlich umfassten die Verhaftungen einen weitaus größeren Personenkreis und wurden zum Teil auch willkürlich vorgenommen.Jörg Morré: Sowjetische Speziallager in Deutschland. In: Anna Kaminsky (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR. 3. überarbeitete und erweiterte Aufl., Berlin: Ch. Links Verlag, S. 610–614. Online bei Bundesstiftung Aufarbeitung.
Seit 1997 wird die Geschichte des sowjetischen Speziallagers Nr. 2 1945–50 in einem eigenen Ausstellungsgebäude auf dem Gelände der Gedenkstätte Buchenwald dargestellt.
Einrichtung der Internierungslager in der SBZ Die sowjetischen Speziallager entstanden in der Endphase des Zweiten Weltkriegs. Sie entwickelten sich in einem Spannungsfeld von Reparationsabsichten und militärischen Sicherheitsinteressen, der Überwindung des Nationalsozialismus und der fortschreitenden Sowjetisierung der SBZ.Das sowjetische Speziallager Nr. 2 1945 bis 1950. Katalog zur ständigen historischen Ausstellung, hrsg. von Bodo Ritscher u. a., 3., überarbeitete Auflage, Weimar 2020, S. 14.
Angesichts der Verbrechen des „Dritten Reichs“ und der Angst vor stetigem Widerstand der Zivilbevölkerung waren die Alliierten der Auffassung, dass alle nationalsozialistischen Institutionen aufgelöst; und nationalsozialistische und militaristische Propaganda verhindert werden sollte.Huxford, Grace: Allied Internment Camps in Occupied Germany: Extrajudicial Detention in the Name of Denazification, 1945–1950. Cambridge 2020, S. 26. Im Potsdamer Abkommen wurde das Vorgehen der Alliierten festgelegt. Hierbei wurde auch die Vorgehensweise für Internierungen ausformuliert:
„War criminals and those who have participated in planning or carrying out Nazi enterprises involving or resulting in atrocities or war crimes shall be arrested and brought to judgment. Nazi leaders, influential Nazi supporters and high officials of Nazi organizations and institutions and any other persons dangerous to the occupation or its objectives shall be arrested and interned.“Extracts from the Report on the Tripartite Conference of Berlin (Potsdam) (August 2, 1945), Official Gazette of the Control Council for Germany, Supplement 1, S. 13; reprinted in Beata Ruhm von Oppen, ed., Documents on Germany under Occupation, 1945–1954. London and New York: Oxford University Press, 1955, S. 44, German History in Documents and Images (PDF)
Die letzte Klausel legitimiert die Internierung von „einflussreichen Nazi-Unterstützern“, um die Sicherheit der Besatzung zu gewährleisten.
In allen alliierten Besatzungszonen wurden Menschen, die mit dem nationalsozialistischen Machtapparat in Verbindung standen, oder dessen verdächtigt wurden, interniert. Der Arrest war hierbei nicht notwendigerweise auf eine individuelle kriminelle Schuld der Internierten zurückzuführen oder auf ein generelles Misstrauen der Alliierten gegenüber Deutschen. Die alliierte Besatzung nahm diese Personen durch ihre Verbindung zum Nazi-Regime als Bedrohung wahr und internierte sie aufgrund dessen. In der SBZ errichteten die sowjetischen Geheimdienste ein System von insgesamt zehn Speziallagern und drei Gefängnissen.Huxford, Grace. "Allied Internment Camps in Occupied Germany: Extrajudicial Detention in the Name of Denazification, 1945–1950." Cambridge 2020, S. 105. Die Verhaftungen erfolgten durch die sowjetischen Sicherheitsorgane und die deutsche Polizei. Ohne nähere Angabe von Gründen wurden die Betroffenen vorgeladen oder zu Hause festgenommen. Die nur grob umrissenen Verhaftungsrichtlinien erleichterten eine willkürliche Auslegung. Über eine Einweisung in die Speziallager entschieden ausschließlich die sowjetischen Geheimdienstorgane.
Aufbau des Speziallagers 2 Das Speziallager Nr. 2 wurde aus administrativen Gründen auf dem Gelände des KZ Buchenwalds errichtet, obwohl der Beauftragte für die Ermittlung des Lagerstandorts in Thüringen Hauptmann Fjodor J. Matuskow aus organisatorischen Gründen davon abriet und stattdessen die ehemalige Blumenthal-Kaserne in Erfurt empfahl:
Das sowjetische Speziallager Nr. 2 1945 bis 1950. Katalog zur ständigen historischen Ausstellung, hrsg. von Bodo Ritscher u. a., 3., überarbeitete Auflage, Weimar 2020, S. 64.
Am 17. August 1945 wurde Matsukow zusammen mit Personal zum Aufbau des Speziallagers Buchenwald in Thüringen beordert. Die ersten Häftlinge folgten kurz darauf. Der Insasse Karl Keil berichtete von 46 Inhaftierten am 22. August 1945.Bodo Ritscher, Spezlager Nr. 2 Buchenwald. Zur Geschichte des Lagers Buchenwald 1945 bis 1950, Weimar-Buchenwald 1993, S. 39. Zunächst wurden Gefangene aus Arnstadt, Erfurt, Jena, Torgau und Weimar ins Speziallager gebracht. Zum Jahresende 1945 waren 6.000 Menschen in Buchenwald gefangenBodo Ritscher: Spezlager Nr. 2 Buchenwald. Zur Geschichte des Lagers Buchenwald 1945 bis 1950, Weimar-Buchenwald 1993. S. 139.; im Januar 1946 kamen 5.700 Häftlinge aus dem Lager Landsberg (Warthe) und am 3. und 7. April 1947 weitere rund 4.000 aus dem Speziallager Jamlitz hinzu. Mit ca. 16.400 Insassen erreichte das Speziallager seine größte Belegungsstärke.Bodo Ritscher: Spezlager Nr. 2 Buchenwald. Zur Geschichte des Lagers Buchenwald 1945 bis 1950, Weimar-Buchenwald 1993. S. 141. Sehr viele weitere Insassen waren vor ihrer Ankunft in Buchenwald bereits durch andere Lager des NKWD wie Ketschendorf, Mühlberg/Elbe oder die Justizvollzugsanstalt Bautzen gegangen und wurden dort gleich nach ihrer Verhaftung verhört. Diese Verhöre fanden in mehreren Fällen auch mit Einsatz von physischer Gewalt statt.
Verhaftungen und Inhaftierte Mitarbeiter des sowjetischen Geheimdienstes oder der militärischen Abwehr der Roten Armee (Smert Schpionam – SMERSCH) nahmen die Verhaftungen vor, zum Teil auch gemeinsam mit der deutschen Polizei. Die Verhaftungen gingen häufig auf Hinweise aus der Bevölkerung zurück. Mitglieder und Amtsträger der NSDAP waren ab Frühjahr 1945 aufgefordert worden, sich bei den Behörden zu melden.Das sowjetische Speziallager Nr. 2 1945 bis 1950. Katalog zur ständigen historischen Ausstellung, hrsg. von Bodo Ritscher u. a., 3., überarbeitete Auflage, Weimar 2020, S. 46–47.
Die Verhafteten wurden zunächst in Gefängnissen und improvisierten Haftstätten festgehalten. Dort wurden sie häufig unter Anwendung psychischer und physischer Repressalien verhört. Fanden sich dabei Anhaltspunkte, die den sowjetischen Sicherheitskräften verdächtig vorkamen, folgten Verfahren vor sowjetischen Tribunalen mit strengen Urteilen und Einweisung in Strafanstalten oder Deportation nach Sibirien. Der große Rest der nicht Verurteilten wurde in den Speziallagern festgehalten. Die Insassen im Lager sind somit zu unterscheiden in die von Sowjetischen Militärtribunalen (SMT)-Verurteilten und in die ohne Gerichtsurteil eingelieferten Internierten.Das sowjetische Speziallager Nr. 2 1945 bis 1950. Katalog zur ständigen historischen Ausstellung, hrsg. von Bodo Ritscher u. a., 3., überarbeitete Auflage, Weimar 2020, S. 43.
Im Speziallager Nr. 2 wurden Personen festgehalten, die Ämter im Staatsapparat und im Parteiapparat der NSDAP innehatten. Wenige hatten der Gestapo oder SS angehört. Durch die Willkür der sowjetischen Geheimdienste wurden auch zahlreiche Menschen interniert, die vor 1945 keine Verantwortung im NS-System getragen hatten.
Von den bis 1948 inhaftierten Personen wurden insgesamt 61,13 % als untere zivile Funktionsgrade der NSDAP interniert. Als Haftgrund wurden Blockleiter (28,16 %), Zellenleiter (22,48 %) oder Ortsgruppenleiter (10,49 %) der NSDAP angegeben. Weitere häufige Haftgründe umfassten Polizeiangehörige, „Terroristen“, zivile Gestapo-Mitarbeiter oder Besitzer von Betrieben, in denen Zwangsarbeiter misshandelt wurden. In vielen Fällen lässt sich der Haftgrund im Nachhinein bestätigen, der in den sowjetischen Akten angegebene Haftgrund wurde jedoch nicht mit rechtmäßigen Verfahren überprüft.Sergej Mironenko, Lutz Niethammer, Alexander von Plato mit Volkhard Knigge und Guenter Morsch (Hrsg.): Sowjetische Speziallager in Deutschland 1945–1950. Band 1: Studien und Berichte. Akademie Verlag, Berlin 1998, S. 298.
Von den inhaftierten Männern gehörten über 75 % (18.907 Inhaftierte) den Geburtsjahrgängen 1886–1905 an. Der Großteil der männlichen Inhaftierten war somit zwischen 40 und 60 Jahren alt. Knapp über 5 % (1.343) waren unter 19 Jahren alt.Sergej Mironenko, Lutz Niethammer, Alexander von Plato mit Volkhard Knigge und Guenter Morsch (Hrsg.): Sowjetische Speziallager in Deutschland 1945–1950. Band 1: Studien und Berichte. Akademie Verlag, Berlin 1998, S. 297. Insgesamt waren im Speziallager Buchenwald etwa 28.000 Menschen inhaftiert, davon etwa 1.000 Frauen sowie einige in Buchenwald und anderen Lagern geborene Kinder.Alexander Latotzky: Kindheit hinter Stacheldraht, Mütter mit Kindern in sowjetischen Speziallagern, Forum Verlag Leipzig, 2001, ISBN 3-931801-26-8
Bekannte Inhaftierte mini|Dauerausstellung im Speziallager Nr. 2 Buchenwald, mit vielen Biografien der internierten Häftlingen, Mai 2025
Rudolf Ahlers (1889–1954), Autor Joachim Ernst von Anhalt (1901–1947), Herzog von Anhalt Margret Bechler (1914–2002), Offiziersfrau und Lehrerin Rudolf Bernhardt (1904–nach 1970), von 1933 bis 1945 Bürgermeister der Kreisstadt Großenhain Helmut Bischoff (1908–1993), Polizist, SS-Obersturmbannführer und Oberregierungsrat Wilhelm Bombös (1894–1977), Prokurist, Schriftleiter der Deutschen Kegler-Zeitung Gotthard Böttger (1893–1949), Ingenieur und NS-Funktionär Erwin Brauer (1896–1946), Theologe Herbert von Conrad (1880–1946), Landrat Franz Czermak (1896–1960), Landrat Horst Dreßler-Andreß (1899–1979), Regisseur, Politiker der NSDAP und Präsident der Reichsrundfunkkammer Wilhelm Frerichs (1900–unbekannt), Leiter der Politischen Abteilung im KZ Buchenwald und KZ Sachsenhausen Ernst Fresdorf (1889–1967), Politiker der SPD und Oberbürgermeister von Eisenach