alternativtext=|mini|399x399px|20. poesiefestival berlin 2019, Foto (c) Mirko Lux

Jedes Jahr treffen sich Dichter und Künstler aus aller Welt zum Poesiefestival Berlin – Eigenschreibweise: poesiefestival berlin –, das jeweils für etwa neun Tage an zentralen Orten in Berlin auf eine primär performative Weise Lyrik präsentiert. Das 2000 gegründete und vom Hauptstadtkulturfonds gemeinsam mit privaten Sponsoren geförderte Festival wird vom Haus für Poesie (ehemals Literaturwerkstatt Berlin) veranstaltet. Die Akademie der Künste ist Kooperationspartner und seit 2008 zentraler Austragungsort des Festivals. mini|399x399px|Weltklang – Nacht der Poesie beim 20. poesiefestival berlin 2019, Foto (c) Mirko Lux

Idee

Zu diesem Zweck wird Poesie als performative Kunstform dargestellt, die mit Musik und Film verschmilzt. Organisator Thomas Wohlfahrt versuche auf diese Weise, die Poesie als „eigene und selbständige Kunstform neben der Literatur“ zu entwickeln.

Das 2000 gegründete Festival ist in der Lyrikszene etabliert und hat ein generationenübergreifendes Publikum. Bisher kamen pro Jahr 8.000 bis 12.000 Besucher zu den Veranstaltungen. Bis zu 150 Lyriker aus zahlreichen Ländern tragen ihre Werke vor und diskutieren mit dem Publikum sowie mit Wissenschaftlern und Künstlerkollegen. Durch innovative Veranstaltungsformate und multimediale Präsentationen soll die Dichtkunst einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden. Außerdem fungiert das Poesiefestival als Arbeitstreffen für Autoren sowie als Übersetzungswerkstatt.

Das Festival ist darauf ausgerichtet, auf unkonventionelle Art und Weise Nähe zum Publikum herzustellen. In der Eröffnungsveranstaltung Weltklang – Nacht der Poesie lesen etablierte Lyriker aus aller Welt – ohne Übersetzung – aus den Originalversionen ihrer Werke und lassen dadurch den Klang ihrer Dichtung auf das Publikum wirken. In den Kolloquien werden die Schwerpunkte des Festivals thematisiert. In der Poet’s Corner führt das Publikum an vielen Orten Berlins Poesiegespräche mit den Künstlern. Im Rahmen des Workshops Versschmuggel wird Poeten die Möglichkeit geboten, ihre Gedichte in die Sprache des Anderen zu „schmuggeln“. Auf dem Lyrikmarkt kann unter freiem Himmel poetische Literatur erworben werden. Für Kinder und Jugendliche gibt es ein eigenes Programm rund um das Thema Poesie. Ausstellungen und Konzerte sowie Performancekünstler ergänzen das Programm.

Auf Initiative des Hauses für Poesie machen Autoren des Poesiefestivals seit Oktober 2014 selbst gesprochene Originalversionen ihrer Gedichte bei Lyrikline.org zugänglich. Über 1.300 Dichter tragen mehr als 12.000 Gedichte in 80 Sprachen vor. Außerdem stellt Lyrikline rund 20.000 Übersetzungen bereit. 2001 erhielt Lyrikline von den Vereinten Nationen das Logo „Jahr des Dialogs zwischen den Kulturen“.

2010 verlieh die UNESCO dem Festival ihre Schirmherrschaft. Am 4. Juni 2010 bekam es den Preis Ort im Land der Ideen.

Erste Dekade 2000 Erstmals fand das Festival "Weltklang - Nacht der Poesie" im Sommer 2000 auf dem Potsdamer Platz in Berlin am 15. Juli 2000 statt. Unter freiem Himmel traten neun internationale Lyriker und Lyrikerinnen auf und trugen ihre Texte in Originalsprache vor. Dies waren Adonis (Syrien), Amanda Aizpuriete (Lettland), Volker Braun (Deutschland), Inger Christensen (Dänemark), Ben Okri (Nigeria), Lesego Rampolokeng (Südafrika), Gerhard Rühm (Österreich), Kazuko Shiraishi (Japan) und Patricia Smith (USA). Um das Verständnis für (nur) Deutsch sprechende Menschen im Publikum zu ermöglichen, erschien ein Reader mit den Gedichten in deutscher Übersetzung unter dem Titel "Weltklang - Nacht der Poesie. Lesebuch mit den deutschsprachigen Übersetzungen oder den deutschsprachigen Originaltexten der vorgetragenen Gedichte", herausgegeben von Michael Fisch und Thomas Wohlfahrt in Berlin: Bebra Verlag 2000. Damit war der Grundstein für die folgenden jährlichen Veranstaltungen gleicher Art und die fortan in der Edition diá erscheinenden Publikationen in dieser Form gelegt. Der verantwortliche Kurator Michael Fisch übergab die Organisation des Festivals im Anschluss in die Hände von Odile Kennel.

2001 Das Poesiefestival Berlin 2001 war die zweite Ausgabe des Festivals.

2002 Das Poesiefestival wird als Spagat beschrieben: „Hier die ‘jungen Wilden’, da die Lautpoeten und in der Mitte jene, die in konventioneller Art ihrer Arbeit nachgehen“.

2003 Die australischen Tänzer Legs on the Wall und das Musikensemble Mara! eröffneten das Festival mit der Performance Homeland. Als Vorlage diente ein Gedicht von Stefan Kozuharov, das die Geschichte von Migration, von einem Leben in der Schwebe, erzählt. Bei der Performance stand ein Mann auf dem Dach eines Plattenbaus. Es sah aus, als wolle er springen. Ein Chor setzte ein und der Mann geht. Er geht tänzelnd die Hausfassade herunter, fast schwebend. Bilder von Reisepässen und Grenzübergängen, von Kindern mit Furcht in den Augen, wurden an die Hauswand projiziert.

In der Weltklang – Nacht trat der 1922 in Paris geborene und 2008 verstorbene Henri Chopin „als Dirigent und Konzertmeister seines elektrisch verstärkten Körperorchesters“ auf. Inspiriert von Friedrich Nietzsches Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik sah er ein audiovisuelles Zeitalter anbrechen, das die jüdisch – christliche Epoche beendet.

2007 Anlässlich der Eröffnung des Festivals im Roten Rathaus von Berlin stellten Autoren und Literaturveranstalter ihr Konzept eines „Zentrums für Poesie“ vor. Es solle ein Ort der Begegnung für Dichter, Verleger, Medien und die Öffentlichkeit sein. Diese Aktion richtete sich an Kulturstaatsminister Bernd Neumann. Der Leiter des Poesiefestivals, Thomas Wohlfahrt, meinte, „der Rückgang von Lyrikeditionen im Printbereich darf als dramatisch bezeichnet werden. Deutsche Dichtung findet heute international so gut wie nicht mehr statt“.

2008

Innovative Veranstaltungsformate bergen das Risiko des Scheiterns in sich. Wenn alte Poesie mit alter elektronischer Musik gemixt wird, käme nur scheinbar etwas Neues heraus: „Lyrikschwindler reden von überschrittenen Grenzen und unterliegen einem Missverständnis, denn Minus und Minus ergeben eben nicht Plus.“

Zum Abschluss des Festivals sprühten internationale Graffitikünstler ihre Interpretation von Gedichten – direkt neben den von den Dichtern handgeschriebenen Texten – an die Fassade des ehemaligen Kaufhofgebäudes in Berlin–Lichtenberg. Unter dem Motto Gedichte aus der Sprühdose stellten 19 Lyriker ihre Texte zur Verfügung, darunter Monika Rinck und Jan Wagner. Der Sprayer Tokyoe fasste Bas Böttchers Gedicht Freiheit im Quadrat als Origami-Kraniche auf. „Die sind ja auch aus quadratischem Papier gefaltet. Es ist schön, wenn ein Text auf diese Art ein Eigenleben bekommt“, meinte der Dichter.

Bei der Podiumsdiskussion wiederholte Thomas Wohlfahrt seinen Vorschlag eines „Zentrums für Poesie“. Die Frage, ob Berlin, wo „die Dichte der Dichter am dichtesten ist“, ein Zentrum für Poesie brauche, wurde überwiegend bejaht. Nur der Vertreter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zeigte sich skeptisch: „Wenn Verlage, Kritik und Lesungen es nicht schafften, mehr Lyrik-Leser zu gewinnen, dann liege das daran, dass die Dichtung, mit Gottfried Benn gesprochen, eine ‘leuchtende Randerscheinung’ sei“.

2009 Unter dem Motto „Entlang des Sambesi“ wurden unterschiedliche Formen der Dichtung – Gospel, Performance Poetry und agitative Lyrik – aus vier Sprachen sowie das „Portrait Johannesburg“ vorgestellt. Unter den Künstlern waren der Liedermacher Jackson Kaujeua, der Performer Keamogetsi Joseph Molapong, der Lyriker und Freiheitskämpfer Jack Mapanje aus Malawi und der Lyriker Moffat Moyo, sowie aus Südafrika Keorapetse Kgositsile, der Imbongi (Lob-Dichter) Zolani Mkiva, der Spoken-Word-Dichter Kgafela oa Magogodi, der Rapper Iain Gregory Robinson aka Ewok und die Dichterin Phillippa Yaa de Villiers. Ein Konzert von Chiwoniso Maraire aus Simbabwe bildete den Abschluss des Afrika-Tages.

Die Teilnehmer des Kolloquiums setzten sich mit der „sperrigen Schönheit“ des Gedichts auseinander. Die Dichterin Monika Rinck vertrat die Ansicht, das Gedicht sei nicht schwieriger oder undurchdringlicher als der Rest unserer Gegenwart. Trotzdem nehmen immer mehr – besonders kleine – Verlage unter starkem finanziellen Druck die Poesie aus ihrem Sortiment. Ein Verlagsleiter sagte: „Das Phänomen des Bestsellers gibt es in der Lyrik nicht.“

Zweite Dekade 2010 Das Schwerpunktthema Mittelmeer rückte gemeinsam mit der Migration politische Lyriker in den Mittelpunkt des Interesses. Der Poet Jazra Khaleed zeigte, wie sehr ihm das Schicksal der Flüchtlinge auf der Seele lag. „Lyrik heißt Attacke“, sagte er und:

„Bin ein Monster Ein Terrorist Bin ein Vermummter“

Am Ende seines Vortrags zerriss er seine Manuskriptseiten und warf sie auf den Boden. Die Fotoausstellung Das Leben der Anderen von Lucas Gambi war dem Leben und den Arbeitsbedingungen der vielen Migranten gewidmet, die auf italienischen Baustellen arbeiten. Das „Thema der Poesie ist das Leben“, sagte der italienische Schriftsteller Amir Or. Diese Sichtweise kann dabei helfen, die sprachliche Gewaltbereitschaft politischer Lyriker zu verstehen.

2012 Der Thementag Syrien begann mit einem Gespräch über Brot, Haschisch und Mond – einem Gedicht des 1998 verstorbenen syrischen Lyrikers Nizar Qabbani, der für die arabische Kultur große Bedeutung hat. Angesichts der in Syrien eskalierenden Gewalt sei die Interpretation des im britischen Exil lebenden Dichters Nouri Jarah fahrig und blutleer gewesen und der nach Frankreich geflüchtete Kritiker Subhi Hadidi habe sich in ein braves Referat über die syrische Literaturgeschichte geflüchtet. Ein Poesiegespräch habe sich nicht entfaltet. Die Chance auf tiefere Einsichten jenseits der tagespolitischen Ereignisse sei vertan worden.

Beim Poet’s Corner lasen 30 Dichter an besonderen Orten, wie dem Körnerpark in Neukölln und der Wagenburg Lohmühle in Treptow, aus ihren Gedichten. Dabei wurde kritisiert, dass sich im Publikum hauptsächlich auswärtige Lyrikliebhaber befanden, sodass die Lesungen nichts mehr mit der Idee des Poet’s Corner zu tun gehabt hätten. Der Veranstalter des Festivals möchte, „dass die Gedichte raus sollen, in die Kieze, unter Leute, die sonst nichts mit Lyrik am Hut haben“.

Im Workshop Versschmuggel begegneten sich sechs brasilianische und sechs deutsche Dichter, um jeweils ein Gedicht in die Sprache des Anderen zu übersetzen. Die Ergebnisse sind in einer zweisprachigen Anthologie veröffentlicht worden. Eines der Kriterien, nach denen die brasilianischen Dichter ausgewählt wurden, war die Tatsache, dass deren Werke noch nicht ins Deutsche übersetzt waren. Außerdem wurde das Experiment gewagt, dass die Dichter die Sprache, in die ihre Werke übersetzt wurden, nicht beherrschten. Während des Workshops machte ein Dolmetscher Rohübersetzungen, auf deren Basis die Gedichte neu geschrieben werden konnten.

2013 Leopold von Verschuer inszenierte die Aufführung von Wolfgang Hilbigs Langgedicht „Prosa meiner Heimatstraße“. Dieses Werk gilt als schwer verständlich. Für den Schriftsteller Uwe Kolbe hat der Text „Brühwürfelcharakter“. Am besten sei dieser Abend dort gewesen, wo es ihm gelang, „den hohen Theaterton hinter sich zu lassen und den Text tatsächlich in einer Art Denkübung zu befragen“.

2014 Es wurde untersucht, wie schnell Poesie auf gesellschaftliche Brüche, wie kriegerische Auseinandersetzungen und zivilen Ungehorsam, reagiert. Die zeitliche Spanne reichte vom Ersten Weltkrieg bis zu den Schlachten am Gezi-Park und in der Ukraine. Im Ersten Weltkrieg habe die poetische Mobilmachung als eine Art Social Media fungiert, meinte der niederländische Literaturwissenschaftler Geert Buelens. Street Art Poetry erzählte von der Faszination des Aufbruchs, von der Ernüchterung und vom Schrecken. Baris Atay Mengülü zog sein Fazit, das Gedicht sei reaktionsschneller als der Film oder die Prosa.