Onno Poppinga (* 1943 in Ostfriesland) ist ein deutscher Agrarwissenschaftler. Er war Hochschullehrer am Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften, zuletzt im Fachgebiet „Landnutzung und regionale Agrarpolitik“, an der Universität Kassel und ist Mitgründer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft.
Leben, Werdegang Onno Poppinga wurde als Sohn eines selbständigen Landwirts in Ostfriesland geboren. Nach dem Schulbesuch absolvierte er eine landwirtschaftliche Lehre.Autorenkollektiv: „Gegenwind aus Ostfriesland“: Bäuerliche Landwirtschaft und Agrarpolitik. AbL-Verlag Hamm; darin S. 303: "Lebenslauf". Danach studierte er an der Universität Hohenheim Agrarwissenschaften mit den Schwerpunkten Agrarökonomie, Agrarsoziologie und Agrarpolitik.Landwirtschaft als Lebensform, Onno Poppinga im Gespräch mit Joachim Scholl in Deutschlandradio Kultur vom 30. März 2009 Zu dieser Zeit stand die Stellung der Landwirte in der Gesellschaft im Fokus seines Forschungsinteresses. So hatte er schon 1972 zu Bauern, Bauernverband und GewerkschaftenPoppinga, Onno (1972): Bauern Bauernverband und Gewerkschaften, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, Jg. 23, H. 8, S. 484–494. publiziert.
1973 promovierte er in Hohenheim mit der Promotionsschrift Politisches Verhalten und Bewusstsein deutscher Bauern und Arbeiter-Bauern, unter besonderer Berücksichtigung revolutionärer und gegenrevolutionärer Bewegungen und Ansätze. Diese Arbeit wurde 1975 als Buch publiziert mit dem Titel „Bauern und Politik“.Onno Poppinga: Bauern und Politik. Europäische Verlagsanstalt Frankfurt am Main, 1975. In einer Rezension dazu schrieb Jens Flemming, dass die Publikation nicht ohne Informationsgehalt sei, aber durch die Konzentration auf „revolutionäre und gegenrevolutionäre Bewegungen“ würde bei der Frage nach dem politischen Verhalten der Bauern der Blick zu sehr auf die Extreme im Parteienspektrum (NSDAP und KPD) verengt. Gleichzeitig würden aber mit dem Fokus auf „Selbsthilfebewegungen“ der Bauern durchaus „Ansätze und Methoden einer alternativen Bauernpolitik sichtbar werden, die sich aus der einseitigen Verklammerung mit dem Bauernverband zu lösen beginnt“. Dies betraf vor allem den im dritten Kapitel vorgestellten, 1973 im Landkreis Böblingen gegründeten „Arbeitskreis junger Landwirte“,Jens Flemming: Rezension zu: Onno Poppinga, "Bauern und Politik". In: Archiv für Sozialgeschichte, Band 19, 1979, S. 788–789. aus dem später die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft hervorging und deren Mitbegründer er war.
Nach der Zeit in Hohenheim 1971–1973 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung für international vergleichende Agrarpolitik arbeitete er, nachdem er kurzzeitig arbeitslos gewesen war, ab 1974 als Studiengangplaner an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.Autorenkollektiv: „Gegenwind aus Ostfriesland“: bäuerliche Landwirtschaft und Agrarpolitik. AbL-Verlag Hamm; darin S. 303: "Lebenslauf". 1975 wurde er im Alter von erst 32 Jahren zum Professor an die damalige Gesamthochschule Kassel berufen.Onno Poppinga auf der Website der Universität Kassel Dort lehrte und forschte er anfänglich in Kassel am Fachbereich Stadt- und Landschaftsplanung und gründete die „AG Ländliche Entwicklung“. 1998 wechselte er nach Kassel-Witzenhausen, dem deutschlandweit ersten und bisher einzigen Fachbereich für Ökologische Agrarwissenschaften. Das eigene Fachgebiet in Witzenhausen hieß „Landnutzung und regionale Agrarpolitik“.Autorenkollektiv: „Gegenwind aus Ostfriesland“: Bäuerliche Landwirtschaft und Agrarpolitik. AbL-Verlag Hamm; darin S. 11ff.
Neben den agrarhistorischen Arbeiten war ein weiterer Schwerpunkt der Arbeiten von Onno Poppinga die Agrarpolitik. Schon während seiner Studienzeit hatte er die Entwicklung der Landwirtschaft hin zu industrieller Produktion kritisch gesehen und sich während seines gesamten Berufslebens für die bäuerliche und die ökologische Landwirtschaft eingesetzt.Sind Bauern rechts? Der Agrarwissenschaftler Onno Poppinga über die Irrtümer von Marxisten, Wirtschaftsforschern und Bauernvertretern. Interview von Johann Thun. Der Rabe Ralf August/September 2022, S. 15–17. PDF (3,3 MB). Ebenso hinterfragte er kritisch die Rolle der eigenen Wissenschaftsdisziplin im Industrialisierungsprozess. Diese Kritiken wurden von ihm und seinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der AG Ländliche Entwicklung in der Reihe „Die Wissenschaft und die Bauern“ publiziert. Hierbei versuchte und versucht Onno Poppinga, dabei in Richtung eines Dialogs zwischen Landwirten und Verbrauchern zu arbeiten. So gab die „AG Ländliche Entwicklung“ zwischen 1986 und 2009 insgesamt 62 Ausgaben der eigenen Serie „arbeitsergebnisse“ heraus. Seine Schriften entsprachen nicht der gängigen Lehrmeinung und galten eher als „heimlich in den Ministerialbürokratien gelesenes Theorieorgan der Agraropposition“.Onno Poppinga – der Bauern-Professor, Rezension von „Gegenwind aus Ostfriesland“ durch Bernd Hüttner auf der Website der Rosa-Luxemburg-Stiftung vom 21. Dezember 2009.
Neben diesen beiden Schwerpunkten bestand die Besonderheit seines Profils darin, dass er drittens ebenso im Bereich Tierhaltung und Tierforschung tätig war. Nach der Anpachtung der Domäne Frankenhausen als Versuchsbetrieb der Universität Kassel war er am Aufbau einer Milchvieherde beteiligt.Onno Poppinga: Milchviehherde in Frankenhausen. In: Archiv zum Workshop: Tierschutz und bäuerliche Landwirtschaft: Tierkomfort oder Tierwohl? 07.10.08, Kassel. Zum Schwerpunkt Tierhaltung und hier insbesondere zum Bereich Milchviehhaltung hat er intensiv gearbeitet, vor allem zur Frage der Wirtschaftlichkeit in der Milchviehhaltung und auch nach 2009.Karin Jürgens, Onno Poppinga, Urs Sperling: Wirtschaftlichkeit einer Milchviehhaltung mit wenig bzw. ohne Kraftfutter. Forschungsbericht zur Studie im Auftrag der Internationalen Forschungsgemeinschaft für Umweltschutz und Umwelteinflüsse auf Mensch, Tier, Pflanze und Erde e. V., 2016. Onno Poppinga betreibt zudem seit 1979 gemeinsam mit seiner Frau eine Pensionspferdehaltung im Nebenerwerb. Ebenso hatte er bis zu seiner Pension selbst auch Milchkühe gehalten. Diese Besonderheit wurde schon zu der Zeit seiner Berufung hervorgehoben, wenn es z. B. von dem Architekten Michael Wilkens hieß: „Also der neue Kollege Poppinga sah eher aus wie ein Bauer, und was das Faszinierendste war: der war auch einer.“Autorenkollektiv: „Gegenwind aus Ostfriesland“: Bäuerliche Landwirtschaft und Agrarpolitik. AbL-Verlag Hamm; darin S. 17.
Wirken ab 2009 Am 1. April 2009 ging Onno Poppinga in den Ruhestand. Seine Professur wurde nicht wiederbesetzt, weshalb Studenten die Ringvorlesung „Agrarpolitik in der Lee(h)re“Die gleichnamige Publikation "Agrarpolitik in der Lee(h)re" (hrsg. von Johanna Besier, Katharina Wenzel, Maggi Selle), erschien 2010 im AbL Bauernblatt Verlags-GmbH, Hamm. organisierten. Der Wegfall des Fachgebietes wurde damit begründet, dass dieses einst vom Fachbereich 6 der Universität Kassel nach Witzenhausen gewechselt war und nun eine Rückgabepflicht der Stelle bestünde.Agrarpolitik in der Lee(h)re? Tagungsband zur Ringvorlesung, hrsg. von Johanna Besier, Katharina Wenzel, Maggi Selle, Hannes Schulz, Sven Schmidt, Arne Rost, Hannah Fritsch, ABL-Verlag Hamm, 2010. Gleichzeitig kam es zu der Tendenz, dass der Fachbereich „Ökologische Agrarwissenschaften“ Kassel staatsvertraglich geregeltWissenschaftsrat: Empfehlungen zur Entwicklung der Agrarwissenschaften in Deutschland im Kontext benachbarter Fächer (Gartenbau-, Forst- und Ernährungswissenschaften), 2006; hier S. 134–135. stärker mit der Georg-August-Universität Göttingen kooperierte, welche traditionell wenig mit der ökologischen Landwirtschaft verbunden ist. Zudem gab es in Göttingen eine Professur mit dem Namen „Agrarpolitik“.Der friesische Sturkopf. Die Studenten der Agrarwissenschaftlichen Fakultät in Witzenhausen trauern. Ende März geht Poppinga in Rente, Vordenker der Ökolandwirtschaft, und mit ihm der Lehrstuhl. In: taz vom 19. März 2009. Diese ist dort allerdings dem Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung zugeordnet und von einem Ökonomen besetzt. Diese Ausprägung – dass Agrarpolitik als Agrarökonomie verstanden wird und daher auf den Professuren für Agrarpolitik seit ausschließlich Professoren bzw. Professorinnen der Agrarökonomie lehren – hat sich seit Jahrzehnten an allen 10 agraruniversitären Standorten etabliert.Katrin Hirte: Die deutsche Agrarpolitik und Agrarökonomik. Entstehung und Wandel zweier ambivalenter Disziplinen. Springer Wiesbaden, 2019; dort S. 59ff.
Für Onno Poppinga wurde unter dem Titel „Gegenwind aus Ostfriesland“ nach der Beendigung seiner Tätigkeit ein Buch erstellt. Bernd Hüttner bezeichnet den Wissenschaftler in seiner Buchbesprechung als bekannten Linken und als „Partisan unter den Agrarprofessoren“, eine Anspielung auf Wolfgang Abendroth, dem Begründer der „Marburger Schule“, die neben der Kölner Schule und Freiburger Schule eine der einflussreichen Schulen in der bundesdeutschen Politikwissenschaft war und sich durch eine explizite Bezugnahme auf die Ideen und Theorien in der Folge von Karl Marx und Friedrich Engels abhob. Insbesondere die kritische Auseinandersetzung mit den herkömmlichen Auffassungen der an den Universitäten vertretenen Agrarökonomik hatten seine Tätigkeit an der Universität Kassel geprägt. Stellvertretend dafür steht die von ihm mit initiierte Stellungnahme „Eine Neuorientierung der Agrarpolitik ist notwendig“ als Antwort zu dem 2001 getätigten Aufruf „Professoren mahnen zur Vernunft in der Agrarpolitik“. Dieser wurde von 44 Agrarökonomen und 1 Agrarökonomin nach dem BSE-Skandal und dem Absetzen des damaligen Agrarministers publiziert und in dieser warnten sie vor „klein und öko“.Katrin Hirte: Die deutsche Agrarpolitik und Agrarökonomik. Entstehung und Wandel zweier ambivalenter Disziplinen. Springer Wiesbaden, 2019; dort S. 31ff. In der von Onno Poppinga mit initiierten Stellungnahme hieß es dazu, dass die Warnung der Agrarökonomen vor einer künftigen agrarpolitischen Bevorzugung (von z. B. ökologisch ausgerichteten Betrieben) konterkariert wird durch ihre eigene Bevorzugungspolitik. Denn schließlich sind sie Jahrzehnte lang einseitig für industrielle Großbetriebe eingetreten, d. h., „In unzähligen wissenschaftlichen Beiräten, Gutachten und Forschungsprojekten haben Agrarökonomen das ökonomische Naturgesetz vom ‚Wachsen oder Weichen‘ zum Regulativ erklärt und damit zu der gegenwärtigen Sackgasse beigetragen.“Katrin Hirte: Die deutsche Agrarpolitik und Agrarökonomik. Entstehung und Wandel zweier ambivalenter Disziplinen. Springer Wiesbaden, 2019; dort S. 33. Indem sie so mitverantwortlich sind, dass für solch Agrarpolitik die entsprechenden Bedingungen geschaffen wurden, führte das für die Landwirte zu der Situation: „Kein Bauer kann es sich mehr leisten, andere als ökonomische Überlegungen zur Richtschnur seiner Produktion zu machen.“Heide Inhetveen, Margret Blasche (1983): Frauen in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 167. (google.com)
Poppinga hat sich seit 2009 im Ruhestand weiterhin in die agrarischen Debatten eingemischt. Vor allem im jährlich erscheinenden Kritischen Agrarbericht, der vom AgrarBündnis herausgegeben wird, sowie auf den Seiten des Kasseler Instituts für ländliche Entwicklung sind seine jährlichen Beiträge zu aktuellen agrarischen Themen zu finden, insbesondere zum Schwerpunkt Produktion und Markt.siehe z. B.: Onno Poppinga: Entwicklungen & Trends 2022. Klimaveränderung, Bodennutzung, Tierhaltung und Wirtschaftlichkeit. In: Der Kritische Agrarbericht 2023, Kapitel 4: Produktion und Markt. AbL-Verlag Hamm, S. 143–159.