Wen die Götter lieben ist eine Novelle der deutschen Schriftstellerin Clara Viebig. Das Jahr der Handlung ist 1896, Handlungsorte sind rechtsrheinische Badeorte und die Städte Frankfurt und Berlin. Der Text handelt von einer lungenkranken jungen Frau, die in ihrer Umwelt wenig Zuneigung oder gar Liebe findet. In ihrem Siechen tröstet sie nur ein Seelenverwandter, dem sie später ausgiebige Briefe schreibt. Die Handlung endet mit dem Tod der jungen Frau.

Handlung Der Chefredakteur Dr. Ernst Wolfrath hat im vergangenen Frühjahr bei einem Kuraufenthalt in Bad Homburg Susanne Werther kennengelernt, ein lungenkrankes junges Mädchen. Er ist von ihr bezaubert, behandelt sie aber wegen ihrer Zartheit und Zerbrechlichkeit mit Zurückhaltung. Susanne wechselt mit ihrer Mutter Therese von einem Kurbad in das nächste, um Heilung zu finden. Die flatterhafte Mutter, die sich nur wenig um ihre kranke Tochter kümmert, widmet sich hauptsächlich ihrem zweiten Ehemann, dem Violinvirtuosen Alfredo de Camarillo und genießt gleichzeitig die Verehrung durch andere Männer. Susannes Vater ist Schauspieler, der wegen seiner wechselnden Theaterengagements mit seiner Tochter hauptsächlich brieflichen Kontakt hält. So bleibt Susanne häufig sich selbst überlassen:

Mit den Kurgästen, die ihr mit Zurückhaltung begegnen, findet Susanne lediglich oberflächliche Kontakte. Nur in dem wesentlich älteren Dr. Wolfrath, Chefredakteur einer Zeitung, findet Susanne Verständnis und Zuwendung. Er begleitet sie auf ihren Spaziergängen, man unterhält sich über den Sinn des Lebens und über die Liebe. Als Wolfrath wieder nach Berlin zurückkehrt, ist Susanne voller Trauer. Sie schreibt ihm von Mai bis August Briefe. Wolfrath denkt wenig an die junge Frau. Die Erinnerung an sie kehrt aber wieder, als im Herbst die Tochter von Wolfraths Zimmerwirtin, Viktoria Müller, unheilbar erkrankt und kurz danach stirbt. In Erinnerung an Susanne Werther liest er ein zweites Mal ihre Briefe, in denen sie von sich erzählt und ihm ihre Gedanken und Überlegungen mitteilt. Sie schreibt, dass sie ihn vermisst, dass sie einsam ist und dass es ihr schlecht geht. Ein Engländer habe ihr einen Heiratsantrag gemacht, den sie abgelehnt habe. Von ihrem Vater, mit dem sie nur brieflichen Kontakt habe, habe sie ein Bücherpaket mit Zola, Wildenbruch, Keynotes von der Egerton und du Mont erhalten.

Mutter und Tochter wechseln nach Baden-Baden. Susanne kann ihre Streifzüge durch die Natur ohne die Gesellschaft des Freundes kaum mehr genießen und sie hält sich für ein „verbildetes kümmerliches Kulturgewächs“.Clara Viebig: Wen die Götter lieben, in: Vor Tau und Tag, Berlin: Fontane 1898. S. 84. Sie fragt sich immer wieder, ob das rechte Glück in der Liebe zu finden sei. Susanne berichtet von dem jungen Russen Gregor Iwanowitsch, der ihr gefällt, den aber die Mutter – die in Abwesenheit ihres Gatten mit dem jungen Mann flirtet – zu gewinnen sucht. Bei einem Fahrradausflug macht die Mutter anscheinend Annäherungsversuche und Susanne bangt um die Ehe der Mutter. Auch sie möchte von ihm geküsst werden, aber küsst ihn dann nur stellvertretend auf einen Brief.

Den nächsten Brief erhält Wolfrath aus Frankfurt, wo sie in Behandlung ist. Immer häufiger spricht sie von Erschöpfung, von Gott, vom Tod und von ihrer Sehnsucht. Die Kur wird in Soden fortgesetzt. Die Mutter engagiert eine Gesellschafterin für Susanne, in der das Mädchen eine Seelenverwandte findet. Ein Besuch des Vaters hingegen ist für sie sehr erschöpfend. Sie kündigt an, zu schreiben, wenn es ihr besser geht. Dann brechen die Briefe ab. –

Wolfrath wird gestört durch die Anwesenheit eines jungen Burschen, den er als Verehrer der verstorbenen Viktoria erkennt. Der Junge klagt, auf dem Totenbett habe sie ihn um einen Kuss gebeten, aber aus Ehrfurcht vor der Mutter habe er gezögert. Jetzt reue ihn, der Verstorbenen ihren letzten Wunsch nicht erfüllt zu haben. Wolfrath schreibt an Susanne, aber sein Brief kommt zurück. Er versucht, mit dem Vater, der gerade mit großem Erfolg am Deutschen Theater gastiert, Kontakt aufzunehmen. Nach zwei vergeblichen Versuchen trifft er den Schauspieler in seiner Garderobe an und erfährt, dass Susannes sich in einer Klinik in Hohen-Honnef befindet. Wolfrath reist sofort nach Hohen-Honnef ab und findet Susanne in einem schlechten Gesundheitszustand vor. Da es offensichtlich mit dem Mädchen bald zu Ende geht, hat man beide Elternteile alarmiert. Doch selbst jetzt kümmert sie die Mutter hauptsächlich um ihren Ehemann und nörgelt an dem Verhalten der Tochter herum. Susanne bleibt der Fürsorge ihrer Gesellschafterin Klara Eigenbrod und der Zofe Jeanette überlassen. Als Susannes Vater eintrifft, reagiert er mit Eifersucht auf den neuen Ehemann seiner Frau. Offensichtlich hat er die Trennung von seiner Ehefrau noch nicht verkraftet.

Wolfrath tröstet die Todkranke, die über sein Erscheinen überglücklich ist. Letztlich kann er ihr nur noch den Wunsch nach einem Kuss erfüllen, nämlich die Sterbende zu küssen.

Zur Form- und Stoffgeschichte Das Jahr 1898 ist als das Datum der ersten Veröffentlichung von Wen die Götter lieben bekannt. Es ist aber nicht mehr nachvollziehbar, zu welchem Zeitpunkt Clara Viebig diese Novelle verfasst hat. Offenbar handelt es sich um ein Werk aus ihrer frühesten Schaffensphase. Darauf verweist ihr experimenteller Umgang mit textuellen Verknüpfungsarten, Gattungen und Motiven. Derlei Züge zeigen sich in der inter- und paratextuellen Verknüpfung mit weiteren Texten, der Einbindung von Elementen eines Briefromans in eine Novelle als eine spezifische Form der Wertheriade und der Gestaltung unterschiedlicher Frauenbilder als Parallelfiguren.

Zur Form Wen die Götter lieben steht im Zusammenhang mit den drei Novellen Sie muss ihr Glück machen (1896), Vor Tau und Tag (1897), und Gespenster 1898, die mit para- und intertextuellen Bezügen verbunden sowie mit gleichen Motiven versehen sind. Derlei Verweise verknüpfen die Lebensentwürfe junger Frauen unterschiedlichster Art und deren Sehnsucht und Suche nach Glück.Vgl. hierzu die Ausführungen in Anke Susanne Hoffmann: Von den Rändern her gelesen, 2005, Kap. 4.2–4.3.4. Insbesondere der Prolog zu „Vor Tau und Tag“ dient als paratextuelles Bindeglied zwischen den einzelnen Werken, ferner eine in allen drei Novellen vergleichbare Farbsymbolik.

Der in der Novelle eingebundene Briefwechsel wie auch die Namenswahl weisen hin auf Goethes Die Leiden des jungen Werther als Vorbild für Clara Viebigs Frühwerk. Während der Epoche des Fin de siècle entstanden zahlreiche Wertheriaden, da sich Autoren von Werthers psychischer Befindlichkeit angesprochen fühlten, das das Décadence-Bewusstsein dieser Epoche ansprach. Ludwig Jacobowski, ein Freund der Viebigs, hatte 1892 ein Werk mit dem Titel Werther, der Jude veröffentlicht. Clara Viebig las diesen Roman und teilte 1898 dem Freund brieflich ihre Eindrücke mit. Sie ist „sehr ergriffen“ bzw. sie hält es für ein „furchtbar trauriges Buch“.Brief Nr. 547 und 548 von Clara Viebig an Ludwig Jacobowski vom 20. und 25. Oktober 1898, in: Auftakt. Literatur des 20. Jahrhunderts - Briefe aus dem Nachlaß von Ludwig Jacobowski, Bd. I: Die Briefe, hrsg. v. Fred B. Stern, Heidelberg: Schneider, S. 482 f. Dieses 1892 entstandene Werk schildert das Scheitern eines Menschen am Konflikt zwischen dem Wunsch nach Assimilation, jüdischem Traditionsbewusstsein und aufblühenden Antisemitismus.

Clara Viebig übernimmt teilweise die Form des monologischen Briefromans, wobei auch signifikante Unterschiede zu verzeichnen sind. Während im „Werther“ die fiktive Figur des Herausgebers in die Handlung einführt, bindet Viebig die Briefe in eine Novellenhandlung ein, die aus der persönlichen Sicht Wolfraths geschildert wird. Die abgedruckten Briefe stammen jedoch, wie im „Werther“, nur von der Protagonistin und enthalten bestenfalls durch Bezugnahmen auf Antwortbriefe die Reaktion Wolfraths, wodurch sie bisweilen den Charakter von Tagebucheinträgen annehmen.Vgl. die Typologie der Briefe in ‚Aktionsbrief‘, ‚Reaktionsbrief‘ und ‚Berichtbrief‘, in: Ingrid Engel: Werther und die Wertheriaden, St. Ingbert: Röhrig 1986, S. 45–47.

Auch in Viebigs Novelle dient der Brief als das eigentliche Ausdrucksmittel der Seele, da es an Gesprächspartnern sowohl in den Kurbädern als auch in Susannes Familie mangelt. Anleihen an Werthers Spreche der Empfindsamkeit sind in den Briefen Susannes mit zahlreichen Ellipsen, Apostrophen und rhetorischen Fragen zu finden. Die Rolle des Lesers übernimmt in der Novelle Wolfrath bzw. der Lesende. Wie im „Werther“ das Einflechten von Parallelhandlungen als kompositorischer Mittel zur Vertiefung des Handlungsablaufes dient, so erfüllen die Figuren der Hauswirtin Müller und Viktoria die Funktion der Parallelhandlung, indem das jeweilige Mutter-Tochter-Verhältnis gespiegelt wird.

Zum Stoff Die Wahl des Handlungsortes entspricht Clara Viebigs Tradition, Plätze zu wählen, die ihr bekannt sind. In Bad Soden verbrachte sie im Juli/August 1896 einen vierwöchigen Kuraufenthalt.Vgl. Erika Ullrich und Edith Vetter: Wo Sodens Kurgäste logierten, 2. Aufl., Bad Soden am Taunus, Historischer Verein 2005 (Schriften zur Bad Sodener Geschichte, Bd. 24), S. 119 und S. 177. Dieser und andere Kurorte im Großraum Frankfurt und ihre Beobachtungen anderer Kurgäste sind in die Novelle eingeflossen.

Bezüge zu „Die Leiden des jungen Werther“ von Johann Wolfgang Goethe Zahlreiche intertextuelle Verweise offenbaren, dass sich Clara Viebig mit Goethes Roman Werther intensiv auseinandergesetzt hat, bevor sie ihre Novelle verfasste. Hiervon zeugt ihr autobiographisches Eingeständnis, Werther habe sie ‚fortgerissen‘,Vgl. Clara Viebig: Wie ich Schriftstellerin wurde, in Velhagen & Klasings Monatsheften, Berlin (24–39), hier S. 31. auch ihre spätere Aussage, der Genius Goethes hätte die Werther-Stimmung „in seinem Werther zu ewigem Gedächtnis einfangen“ können.Clara Viebig: Die weibliche Feder, in: Die Woche: moderne illustrierte Zeitschrift, 32. Jg. H. 48, S. 16. Clara Viebig stellt diese Aussage in Zusammenhang mit dem Problem weiblicher Schriftstellerin, denn Sophie von Lachoches 'Geschichte des Fräuleins von Sternheim‘ sei lediglich als sentimental, unwahr und übertrieben bewertet worden, da es einer weiblichen Feder entstammte.

Die Wahl des Nachnamens Werther spricht für sich. Susanne mag ein Verweis auf Susanne von Klettenberg (1723–1774), die mit Goethes Mutter verschwägerte „schöne Seele“ sein, von deren Toleranz und Spiritualität der junge Dichter sehr beeindruckt war. Die Wesensart von Clara Viebigs Protagonistin erinnert an diese beiden. Auch Susanne Werther wird als „schönen Seele“ geschildert. Für beide Protagonisten spielt die Sehnsucht eine treibende Rolle, wobei allerdings Werthers Sehnsucht seinem Wesen entspringt und unstillbar ist, während Susanne durchaus in einem von Fürsorge und Zuneigung erfüllten Leben Erfüllung finden könnte.

In mehrfacher Hinsicht leidet Susanne, wie ihr Namensvetter, an einer „Krankheit zum Tode“, wobei die krankhafte psychische Disposition Werthers ersetzt wird durch eine bedrohliche organische Krankheit. Ferner leidet Werther an den unüberwindbaren Standesunterschieden und seinem nicht anerkannten Genie; Susanne hingegen ist Opfer von Eltern, die ihr eigenes Glück wichtiger nehmen als die Fürsorge um die Tochter, sie leider an der Blasierheit und der Hohlheit der Menschen, die sie umgeben.

Beide Protagonisten sind Reisende. Während Werther immer dann die Flucht sucht, wenn eine unglückliche Liebesbeziehung oder Konflikte mit der Gesellschaft ihn handlungsunfähig machen, so wird Susanne auf Initiative ihrer lebenslustigen Mutter von einem Kurbad ins andere mitgenommen. Unklar bleibt, ob Heilungsaussichten für die Tochter oder die Aussicht auf neue Amüsements für die Mutter der Grund des Reisens sind. In beiden Texten setzt ein Kuss der Beziehung ein Ende, bevor der Tod eintritt, der in den Briefen bereits vorausgedeutet worden ist.