Lebensrückblickstherapie ist eine Therapie mithilfe des Lebensrückblicks (life review), Erinnern und Erzählen von bedeutsamen Lebenssituationen, erlebten Krisen, Konflikten und Erfolgen, um das gelebte Leben als Ganzes zu akzeptieren. Durch das Erinnern werden Ressourcen aktiviert für die Bewältigung aktueller Probleme und die Gestaltung des weiteren Lebens.

Lebensrückblickstherapie ist eine Kurzzeitpsychotherapie von etwa zehn bis zwanzig Sitzungen, in denen Erinnerungen stimuliert und angeleitet werden. Patienten werden unterstützt, eine kohärente Lebensgeschichte zu erzählen. Auswirkungen des gelingenden Lebensrückblicks sind Abnahme von depressiver Stimmung sowie Zunahme von Wohlbefinden und Selbstwirksamkeitserleben.

Als Biografiearbeit werden ähnliche Methoden in der Sozialarbeit (z. B. mit Adoptiv- und Pflegekindern, mit Jugendlichen) und in der Betreuung von Menschen mit beginnender Demenz angewendet.

Formen sowie Ziel- und Altersgruppen von Lebensrückblicks-Interventionen sind vielgestaltig. Als gemeinsamer Kern der Indikationen ist zu sehen: Der Lebenslauf einer Person wurde durch ein Lebensereignis, ein Trauma oder schwerwiegende altersbedingte Einbußen im normalen Verlauf erheblich gestört. Dadurch wurde auch die Identität der Person angegriffen. Durch einen Lebensrückblick werden negativ erinnerte Ereignisse neu bewertet, Ressourcen und Hoffnung aktiviert und die Identität wieder oder neu hergestellt.

Einleitung Robert Neil ButlerR. Butler: The life review: An interpretation of reminiscence in the aged. In: Psychiatry. 26, 1963, S. 65–76. machte 1963 die grundlegende Beobachtung, dass ältere Menschen ganz allgemein ein Bedürfnis nach Lebensrückblick haben, nach Bewertung und Bearbeitung von bisher ungelösten Konflikten. „Wie das Leben auch war, gegen Ende scheint bei vielen Menschen das Bedürfnis zu stehen, über das Leben nachzudenken, es aber vor allem auch wertzuschätzen: Das ganze Leben, trotz Widrigkeiten und Schicksalsschlägen auch im Positiven zu sehen und es als sinnvoll zu verstehen“ (Kast 2010, S. 15).V. Kast: Was wirklich zählt, ist das gelebte Leben. Die Kraft des Lebensrückblicks. Kreuz, Freiburg 2010. „Die Lebensgeschichte kann als die Grundlage für das Formen der eigenen Identität gesehen werden; sie integriert vergangene Erlebnisse mit den Belangen der Gegenwart und den zukünftigen Zielen – im besten Falle in Form eines kohärenten Narrativs.“A. Maercker, A. B. Horn: Sicherinnern und Lebensrückblick: Psychologische Grundlagen. In: A. Maercker, S. Forstmeier (Hrsg.): Der Lebensrückblick in Therapie und Beratung. Springer, Heidelberg 2013, S. 3–23. In entwicklungspsychologischer Perspektive haben autobiografische Erinnerungen von älteren Personen die Funktion, „die Kontinuität des Selbst aufrecht zu erhalten“.P. Perrig-Chiello: Bedeutung und Funktion des Lebensrückblicks in der zweiten Lebenshälfte. In: Psychotherapie im Alter. 4, 2007, S. 35–46.

Bei spontanem Lebensrückblick im Alter ist davon auszugehen, dass Erinnerungen an unangenehme Ereignisse, unbewältigte Konflikte oder Rückschläge oft vermieden werden. Eine Autobiografie ist in der Regel kein Lebensrückblick im hier gemeinten Sinn, da bei ihr oft die Intention besteht, ein bestimmtes Bild von sich abzugeben oder Handlungen zu rechtfertigen; zudem können konfliktbezogene Erinnerungen ausgespart werden. Erzählungen folgen in der Regel einer Dramaturgie. „Die eigene Geschichte wird im Licht persönlicher Präferenzen und Aversionen dargestellt.“B. Boothe: Das Narrativ. Biografisches Erzählen im psychotherapeutischen Prozess. Schattauer, Stuttgart 2011. Hingegen hilft ein therapeutisch angeleiteter Lebensrückblick einem Patienten, Zugang zu allen Erinnerungen zu erreichen, diese z. T. neu zu bewerten und seine Erzählkompetenz zu verbessern.

Formen Lebensrückblicks-Interventionen sind Maßnahmen in einem professionellen Setting, durch die Personen zu einem Lebensrückblick angeleitet werden. Sie arbeiten mit einer begrenzten Zahl von Terminen (zwischen 2 und 20). Unterschieden werden drei Formen:A. Maercker: Formen des Lebensrückblicks. In: A. Maercker, S. Forstmeier (Hrsg.): Der Lebensrückblick in Therapie und Beratung. Springer, Berlin 2013, S. 25–45.M. Pinquart, S. Forstmeier: Wirksamkeitsforschung. In: A. Maercker, S. Forstmeier (Hrsg.): Der Lebensrückblick in Therapie und Beratung. Springer, Berlin 2013, S. 47–63.

Einfache Reminiszenz: Die Teilnehmer werden eingeladen, Erlebnisse aus ihrer Vergangenheit zu erzählen, häufig in Gruppen (z. B. in „Erinnerungscafés“), aber auch im Einzel-Gespräch. In der Regel werden Themen vorgegeben u. a. Feste, Feiertage, Kinderspiele, Rezepte. Der Erzählfluss wird unterstützt. Ziele sind eine allgemeine Aktivitätssteigerung, das Vermitteln von Erfolgserlebnissen beim Sich-erinnern-Können sowie das Sicherfreuen an positiven Erinnerungen. Ähnlich streben Oral-History-Projekte ein möglichst freies Erinnern und Erzählen über das Alltags-Leben an (s. a. Erzählcafé).

Lebensrückblick/Biografiearbeit: Bei älteren Menschen, die aktiviert werden sollen, die manifest depressiv sind oder von beginnender Demenz betroffen sind, wird in einer Reihe von Einzel-Sitzungen jeweils eine Lebensphase vorgegeben, aus der bedeutsame Handlungen und Erfahrungen erzählt werden sollen. Die Erinnerung wird durch konkrete Fragen stimuliert. Ziele sind: Wiederbeleben der persönlichen Lebensgeschichte, Bearbeitung ungelöster früherer Konflikte und Finden neuer Ansatzpunkte für Aktivitäten und Kommunikation. – Mit anderer Zielsetzung wird Biografiearbeit auch mit Kindern und Jugendlichen durchgeführt (s. u.).

Lebensrückblickstherapie: Diese Therapie wird angewendet bei in der Regel älteren Personen mit psychischen Störungen. Oft werden auch Elemente anderer Therapieformen einbezogen, etwa die kognitive Umstrukturierung aus der kognitiven Verhaltenstherapie. Besonders geht es darum, unter Anleitung und Stützung Erinnerungen an positive und negative Ereignisse zu aktivieren sowie Selbstreflexionen und Bilanzierungen zu formulieren.

Ziele Eine Lebensrückblickstherapie kann bei folgenden Krankheiten bzw. psychischen Störungen eingesetzt werden: Depression, Angststörung, Posttraumatische Belastungsstörung, Anpassungsstörung. Ziele sind:S. Forstmeier: Lebensrückblick bei Anpassungsproblemen und Lebenskrisen. In: A. Maercker, S. Forstmeier (Hrsg.): Der Lebensrückblick in Therapie und Beratung. Springer, Berlin 2013, S. 85–105.

Symptom-Besserung bei psychischen Störungen; Zunahme des Wohlbefindens, Versöhnung mit dem gelebten Leben; Bewältigung der gegenwärtigen Lebenssituation, Erschließen von Ressourcen.

Psychische Funktionen in der Therapie Der Lebensrückblick beinhaltet eine Reihe von psychischen Funktionen, die je nach Problemsituation in unterschiedlicher Weise beteiligt sind.

(1) Gedächtniselaboration: Die Zugänglichkeit von Erinnerungen aus dem episodischen bzw. autobiografischen und aus dem nicht-deklarativen Gedächtnis wird gefördert. Positive und negative, ggf. traumatisierende Lebensereignisse sollen detailliert erzählt werden. Dabei sollen die damaligen Emotionen und Sinneseindrücke wiedererlebt werden. Kern ist das mehrfache Durchsprechen von Details eines belastenden Ereignisses. Mit dem ausführlichen, ggf. wiederholten Erzählen reduzieren sich die physiologische Erregung und die emotionale Beteiligung (Habituation).S. Forstmeier, A. Maercker, E. A. M. van der Hal-van Raalte, M. Auerbach: Die Methode des therapeutischen Lebensrückblicks bei Holocaust-Überlebenden. In: Psychotherapie im Alter. 11, 2014, S. 433–448.

(2) Bilanzierung, Integrieren: Die Aktivierung positiver Erinnerungen ermöglicht es, sich selbst differenzierter, mitfühlender und realistischer zu sehen. Durch Verknüpfung der positiven und negativen Erinnerungen sowie durch Neubewertungen soll eine kohärente persönliche Lebensgeschichte mit einer „wenig konfliktiven Selbstsicht“ erreicht werden. Erinnerungen an kritische Ereignisse oder Verluste werden weniger belastend.

(3) Sinngebung, Sinnfindung: „Nach einem kritischen Lebensereignis haben Menschen das Bedürfnis, diesem einen Sinn zu geben.“ Sie haben den Wunsch, neben der Tragik und dem Schmerz auch subjektiv positive Veränderungen in der Folge des Ereignisses und/oder der Bewältigungsanstrengungen zu erleben. Eine Person entdeckt z. B., dass sie aus einem schwierigen Lebensereignis etwas Wertvolles gelernt hat. Die Sinngebung dient der Einbettung eines erlebten Traumas in die persönliche Geschichte.

(4) Ressourcenaktivierung: Durch Erinnerungen an gemeisterte Herausforderungen sowie durch Neubewertungen werden Ressourcen aktiviert, um Unerledigtes bearbeiten, aktuelle Probleme bewältigen oder soziale Aktivitäten unternehmen zu können. Für die Zukunft werden veränderte Perspektiven und neue Ziele gefunden sowie Motivation entwickelt. Die Selbstwirksamkeitserwartung nimmt zu.

(5) Stärkung der Identität. Mit fortschreitender Abnahme des Gedächtnisses gehen einer demenzkranken Person sowohl die Orientierung in der jeweiligen Situation als auch die Einheit des Selbsterlebens verloren. Das noch erhaltene biografische Wissen soll gezielt reaktiviert und geübt werden, um das Gefühl der Identität zu erhalten („Erinnerungstherapie“Th. Fuchs: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – Erinnerung in der Demenz. In: Fortschritte Neurologie Psychiatrie. 63, 1995, S. 38–43.). – Bei jüngeren Personen stützt Biografiearbeit Bildung und Festigung der Identität.

(6) Scham- und Schuld-Erleben bearbeiten: Die Erinnerung an Situationen, in denen man sich geschämt hat, wird oft vermieden. Sie gehört aber zum Lebensrückblick. Eigenes schuldhaftes Handeln oder moralisches Versagen können lebenslang belasten. Scham- und Schuld-Erleben werden in der Lebensrückblickstherapie bearbeitet, z. B. durch kognitive Umstrukturierung und Bereuen.

(7) Zeugnis ablegen: Oft wird ein Dokument erstellt. Dieses dient als Erinnerungshilfe für einen selbst, als Vermächtnis für den Partner oder die Nachkommen oder als Zeugnis eines erlittenen Unrechts für eine ausgewählte Öffentlichkeit, z. B. eine Menschenrechts-Organisation. Zeugnisablegen entspricht dem Bedürfnis einer Person, der ein Unrecht zugefügt wurde, dass dieses von der Gesellschaft oder/und von Bezugspersonen nicht mehr geleugnet, sondern anerkannt wird.I. Wiemann: Biografiearbeit mit Adoptiv- und Pflegekindern. In: C. Hölzle, I. Jansen (Hrsg.): Ressourcenorientierte Biografiearbeit. Grundlagen – Zielgruppen – Kreative Methoden. 2. Auflage. VS Verlag, Wiesbaden 2011, S. 108–122.F. Neuner, M. Schauer, T. Elbert: Narrative Exposition. In: A. Maercker (Hrsg.): Posttraumatische Belastungsstörungen. 4. Auflage. Springer, Berlin 2013, S. 328–347.

(8) Soziale Funktion: Das Mitteilen von Lebens-Erinnerungen hat wichtige zwischenmenschliche Funktionen. Es ist eine Form der Selbstenthüllung, um Interesse und empathische Reaktionen von Zuhörenden zu erlangen und soziale Beziehungen zu stärken.

Ansätze Therapie nach Maercker Andreas Maercker (2013) veranschlagt in seiner Therapieform insgesamt 10 – 15 Sitzungen. In der Vorbereitungsphase erfolgen Psychologische Diagnostik, Psychoedukation über das therapeutische Vorgehen sowie der Aufbau der therapeutischen Beziehung.

In der mittleren Phase wird jedes gewählte Lebensalter in einer in sich abgeschlossenen Form in mindestens einer Sitzung besprochen. Der Therapeut stellt aktiv Fragen, um Erinnerungen anzuregen und um den Ausdruck von Gefühlen, Sinneseindrücken und Bewertungen zu fördern, die mit den erinnerten Erlebnissen verbunden waren oder sind (5 – 8 Sitzungen). Mögliche Themen sind: Ursprungsfamilie, Schule und Erziehung, Wahrnehmung der Kohorte (Gleichaltrige), sexuelle Entwicklung, Partnerschaften und Ehen, Kinder, Berufsbiographie, Wahrnehmung von ethnischer Zugehörigkeit, Geschlecht und sozialer Klasse, Körperbild und körperliche Veränderungen, religiöse und spirituelle Entwicklung bzw. Weltsicht, Erfahrungen mit dem Tod, Sicht der Zukunft, Freundschaften.