Der Eissturmvogel (Fulmarus glacialis) oder Nordatlantische Eissturmvogel gehört zur Familie der Sturmvögel. Als einziger Möwensturmvogel nördlich des Äquators verbringt er die meiste Zeit über dem offenen Meer. Er ernährt sich von Krill, Fischen, Schnecken, Krebsen, Kopffüßern, Mollusken und Quallen. Zudem frisst er Aas und Fischabfälle. Während der Brutzeit verteidigt sich der Eissturmvogel gegen Prädatoren und Nesträuber, indem er diese mit seinem Magenöl bespeit.

Der Eissturmvogel war der Seevogel des Jahres 2022 in Deutschland.Der Eissturmvogel ist Seevogel des Jahres 2022

Beschreibung Der etwa krähengroße Eissturmvogel erreicht eine Länge von 45–53 cm sowie ein Gewicht von 650–1000 g. Die Flügelspannweite beträgt 101 bis 117 cm.J. Fisher: The Fulmar. Collins, London 1952.

Beim adulten (ausgewachsenen) Eissturmvogel sind Kopf, Hals und Unterseite dunkelgrau oder weiß. Das Gefieder auf der Oberseite der Flügel ist graublau. Bürzel und Schwanz sind meist heller grau, letztgenannter ist zudem gerundet. Die Geschlechter sind gleich gefärbt, Männchen sind meist etwas größer als Weibchen. Die Beine sind kurz und gelblichgrün. Im Gegensatz zu vielen Möwen zeigt der Vogel im Flug keine schwarzen Flügelspitzen.

Unter Berücksichtigung des Gefiederdimorphismus werden zwei Gruppen unterschieden: Zum einen die Populationen der grauen oder dunklen Morphe,WhatBird: Northern Fulmar Dark Morph die in der Hocharktis und der niederarktischen Bäreninsel einen Anteil von knapp 85 bis 90 Prozent aufweisen. Zum anderen die Populationen der weißen Morphe, auf: identify.whatbird.com die im borealen Nordatlantik leben. Außerdem finden sich im niederarktischen Westgrönland (einschließlich der hocharktischen Thule-Region) und auf dem hocharktischen Jan Mayen Populationen mit mindestens einem Prozent grauer Vögel. An den arktisnahen Orten der pazifischen Küste leben zudem viel mehr graue und dunkle Individuen als weiße.Finn Salomonsen: The Geographical Variation of the Fulmar (Fulmarus glacialis) and the Zones of the Marine Environment in the North Atlantic. In: The Auk. Vol. 82, 1965, S. 327–355. sora.unm.edu (PDF; 1,6 MB)

Der Eissturmvogel hat dunkle, durch einen grauen Zügelfleck betonte Augen. Der Schnabel ist kurz und kräftig. Er ist überwiegend gelblich gefärbt, wird zur Nasenspitze dunkler und variiert zwischen einer schwarzen Melierung an und nahe den Nasenflügeln. Die Nasenlöcher sind wie bei allen Röhrennasen röhrenartig verlängert. Bezüglich der Schnabellängen werden drei Gruppen unterschieden: Kurze Schnäbel (weniger als 37 mm) finden sich in der ganzen Hocharktis, mittellange (38 bis 39 mm) in der Niederarktis, auf Jan Mayen sowie Thule und die langen (mehr als 40 mm) im borealen Nordatlantik.

Flug mini|Flugbild Der Eissturmvogel segelt mit starr ausgebreiteten Schwingen und neigt den Körper mal auf die eine Seite und mal auf die andere Seite. Meistens fliegt er dabei dicht über dem Wasser. Er richtet seinen Flug nach dem Heben und Senken der Wogen aus. Seine Flügelschläge sind rasch und kurz. In der Nähe von Steilklippen ermöglichen ihm die Aufwinde ein Gleiten. Zum Abflug vom Wasser aus wird ein kurzer Anlauf auf der Wasseroberfläche durchgeführt.

Verbreitung und Lebensraum mini|Verbreitung des Eissturmvogels. Brutgebiet: gelb, Winter: blau Der Eissturmvogel ist im Norden des Atlantik und des Pazifik verbreitet und nistet auf Felseninseln und entlang von Steilküsten. Während der Brutzeit entfernt er sich nicht mehr als 30 bis 40 km von seinen Kolonien. Den Rest des Jahres streift er über das Meer. Er überwintert an den Küsten, selten im Binnenland.

An der Atlantikküste Nordamerikas gibt es 16 Kolonien. Davon befinden sich fünf auf Neufundland und Labrador. Weitere elf Kolonien verteilen sich auf das arktische Kanada, die Baffininsel und die Devon-Insel.

Auch auf Spitzbergen gibt es Brutkolonien. Diese befinden sich vor allem an der Westküste und auf der Bäreninsel.

In Europa gibt es Kolonien unter anderem auf Island, an den Küsten Irlands (Saltee-Inseln), in Schottland und allgemein in Skandinavien, aber auch in Dänemark, den Niederlanden und auf Helgoland sowie in Nordfrankreich.

Lebensweise Ernährung Der Eissturmvogel ernährt sich von Krill, Fischen, Schnecken, Krebsen, Kopffüßern, Mollusken und Quallen. Zudem frisst er Aas und Fischabfälle. Die Nahrung wird von der Wasseroberfläche gepickt oder ertaucht. Kurzzeitige Tauchgänge erfolgen bis in eine Tiefe von vier Metern.

Entlang der Schifffahrtsrouten der Nordsee verschlucken Eissturmvögel oft Kunststoffteile. Magenuntersuchungen zeigen, dass diese Exemplare eine viermal höhere Kontamination als die Vögel der Färöer aufweisen.spektrumdirekt: Plastikmüll bedroht Nordseevögel Der Plastikmüll in der Nordsee hat in den letzten Jahren nicht abgenommen. 90 % des Mülls besteht aus Kunststoffen. Bei 60 % der untersuchten Eissturmvögel konnte mehr als 0,1 Gramm Kunststoffe im Magen nachgewiesen werden.

Verhalten An den Brutkolonien geben Eissturmvögel gackernde, glucksende und nasale LauteAllAboutBirds: Northern Fulmar von sich. Auf hoher See sind sie weniger ruffreudig. Streit um Futter wird indes auch mit lautem Gackern ausgetragen.

Der Eissturmvogel ist tagaktiv und während der Brutzeit streng territorial. An Stellen mit viel Nahrung bildet er Schwärme. Manchmal versammeln sich mehrere tausend Vögel, um am treibenden Kadaver eines Wals zu fressen. Unaufmerksam auf dem Wasser treibende Eissturmvögel können von Haien ergriffen und erbeutet werden, sobald diese die richtige Jagdtechnik erlernt haben. Mit Ausnahme eines akuten Angriffs lassen sich die Vögel in Ruhephasen und bei der Nahrungssuche jedoch nicht aus der Ruhe bringen.

Adulte Eissturmvögel verteidigen ihr Revier gegen arteigene und artfremde Konkurrenten. Dabei lassen sie sich selten auf gefährliche Kämpfe gegen Artgenossen ein. Meistens werden Streitereien am Brutplatz mit aggressiven Drohgebärden ausgefochten, die damit enden, dass die Konkurrenten nach den Flügeln des Gegenübers schnappen. Wenn sich der Verlierer daraufhin nicht zurückzieht, wird er mit Magenöl bespuckt, bis er das Weite sucht.John P. Dumbacher, S. Pruett-Jones: Avian chemical defense. In: V. Nolan Jr, E. D. Ketterson (Hrsg.): Current Ornithology. Volume 13, Plenum Press, New York 1996, ISBN 0-306-45473-4, S. 137–174.

Der Eissturmvogel verteidigt sein Nest, indem er Hustengeräusche von sich gibt, gegen den Eindringling fällt und Salven von gelbem Magenöl aus seinem Drüsenmagen ausstößt.J. Warham: The petrels: their ecology and breeding systems. Academic Press, San Diego 1990. Der Eissturmvogel zielt 50 bis 100 cm, manchmal 200 cm weit. Er kann mehrere Male hintereinander spucken, wenn auch mit sinkenden Mengen. Das Öl hat einen unangenehm süßen, fischigen Geruch, der einen abschreckenden Effekt hat.P. J. Weldon, J. H. Rappole: A survey of birds odorous or unpalatable to humans: possible indications of chemical defense. In: Journal of Chemical Ecology. 23(11), 1997, S. 2609–2633. Meist wird das Magenöl zur Verteidigung gegen Raubmöwen und wildernde Katzen eingesetzt,J. Warham: The incidence, functions and ecological significance of petrel stomach oils. In: Proceedings of the New Zealand Ecological Society. 24, 1977, S. 84–93. aber es ist auch gegen Greifvögel und andere Meervögel (vor allem Dreizehenmöwen, Papageitaucher) sehr effektiv.C. Swennen: Observations on the effect of ejection of stomach oil by the fulmar Fulmarus glacialis on other birds. In: Ardea. 62, 1974, S. 111–117. Auf Grund verklebter und beschädigter Federn sterben diese Vögel häufig.J. Warham, R. Watts, R. J. Dainty: The composition, energy content and function of the stomach oils of petrels (Order Procellariiformes). In: Journal of Experimental Marine Biology and Ecology. 23, 1976, S. 1–13.J. Jacob: Stomach oils. In: D. S. Farner, J. R. King, K. C. Parkes (Hrsg.): Avian Biology. Volume VI, Academic Press, New York 1982, S. 325–340. Schon Jungvögel können Magenöl gegen jeden speien, der sich ihnen nähert.

Der Eissturmvogel kann mit seinem eigenen Magenöl kontaminiert werden, aber er kann es durch Baden und Putzen des Gefieders entfernen. Weil andere Vögel unfähig sind, das Öl auf dieselbe Art und Weise zu beseitigen, muss ein Mechanismus vorliegen, der Eissturmvögeln „Immunität“ gegen die Wirkungen des Öls gibt. FisherJ. Fisher: The Fulmar. Collins, London 1952. berichtet zudem, dass Eissturmvögel kleine Mengen des Magenöls beim Putzen des Gefieders verwenden, um es auf die Federn aufzutragen. Warham vermutet, dass Eissturmvögel eine spezielle Federstruktur haben.

Das Magenöl besteht hauptsächlich aus Triglyceriden und ungesättigten Fettsäuren. Das Öl hat eine niedrige Viskosität mit einem spezifischen Gewicht von 0,88. Es verdichtet sich bei kühlen Temperaturen zu einem Wachs. Die Farbe variiert von farblos bis zu tiefem Rotbraun, aber ist oft klargelb.Kerri M. Skinner: Oil-spitting in fulmars: an example of chemical defense in birds? EN 570: Chemical Ecology, 1998.

Zusätzlich zum Magenöl haben alle Eissturmvögel einen charakteristischen Moschusgeruch, welcher die Eier durchdringt und vermutlich Eierdiebe abhalten soll. Im Altisländischen wird er wegen dieses Verhaltens oder auch seines Eigengeruches fūlmār genannt, was „Stinkmöwe“ (foul maa) bedeutet.

Fortpflanzung und Entwicklung mini|Nestling Die erste Brut beginnt der Eissturmvogel im Alter von sechs bis zwölf Jahren. Im Frühling und im Frühsommer brütet er meist in der Nähe anderer Meeresvögel. Die oft großen Kolonien befinden sich normalerweise in Felswänden über der Brandung bis in Höhen von einigen hundert Metern. Am Brutplatz liegen die Vögel auf dem Bauch und schieben sich bei Gefahr unter die Felskante.

Balz und Paarung In der Zeit von März bis April erscheinen die Eissturmvögel vor dem Brutfelsen, gehen aber zunächst nicht an Land. Die Männchen treffen zuerst ein und balzen auf dem Wasser, indem sie rhythmisch den Körper hochheben, mit den Flügeln schlagen und Schreie ausstoßen. Bei den Populationen im Pazifik reißen sie zudem den Schnabel auf und zeigen dem Partner den leuchtend orangefarbenen Schlund.

Nach der erfolgreichen Balz auf dem Wasser bleibt das Männchen in der Nähe des ausgewählten Weibchens. Einige Zeit später gackert es das Weibchen laut an und stößt es mehrfach zärtlich mit dem Schnabel. In regelmäßigen Abständen bringt es ihm Nahrung, um zu zeigen, dass es eine Familie ernähren kann. Nach einiger Zeit kommt es schließlich zur Kopulation. Die Paare bleiben ein Leben lang zusammen.

Brutpflege mini|Ei, Sammlung Museum Wiesbaden Am Ende des Winters beziehen die Eissturmvögel ihre Nistplätze, brüten die Eier jedoch erst im Mai aus. Sie nisten auf nackten Felsvorsprüngen, unzugänglichen Felsbändern, in kleinen Höhlungen in den obersten Etagen der Felswand. Manche Paare brüten auch am Boden. Das Nest ist eine flache Mulde, die manchmal mit Gras ausgepolstert oder mit kleinen Steinen eingefasst ist. Zwischen Mai und August wird ein einziges weißes Ei von beiden Eltern 48 bis 57 Tage bebrütet, die sich alle paar Tage ablösen. Wird das Ei gestohlen oder zerbrochen, legt das Weibchen kein neues.