mini|Dominante (das Werkzeug führende) und nichtdominante (unterstützende) Hand
Als Händigkeit bezeichnet man bei Menschen und Tieren die bevorzugte Verwendung einer bestimmten Hand insbesondere für anspruchsvolle und feinmotorische Tätigkeiten. Je nachdem, welche Hand die dominante Hand ist, spricht man von Linkshändern bzw. Rechtshändern.
Der Grad der Händigkeit kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Außerdem kann sich die Händigkeit im Laufe des Lebens verändern, bei Kindern z. B. durch Erziehung oder unbewusstes Abschauen und bei Erwachsenen durch bewusstes Lernen. Menschen, die eigentlich Linkshänder sind bzw. waren und gelernt haben, mit rechts zu schreiben, werden auch umgeschulte Linkshänder genannt.
Menschen mit keiner oder nur schwach ausgeprägter Dominanz einer Hand werden häufig als Beidhänder bezeichnet. Diese Fähigkeit, die eigenen Hände gleichwertig einsetzen zu können, wird als Beidhändigkeit (auch Ambidextrie) bezeichnet.
Häufigkeit von Links- und Rechtshändern Eine klare Überrepräsentation der Rechtshändigkeit findet sich in allen gut untersuchbaren menschlichen Kulturen. Der Anteil von Linkshändern in der europäischen Bevölkerung wird von der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin mit 10 bis 15 % angegeben.Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin e. V.: (Stand 11/2014). Eine neuere Meta-Analyse schätzt den weltweiten Anteil der Linkshänder auf 10,6 %, wobei Männer (11,62 %) häufiger linkshändig sind als Frauen (9,53 %).
Eine phylogenetisch vergleichende Meta-Analyse von 2025 Individuen aus 41 anthropoiden Primatenarten ordnete den Menschen zudem sowohl hinsichtlich der Richtung als auch der Stärke der Händigkeit als evolutionäre Ausnahme ein. Der Anteil von so genannten Beidhändern ist Definitionssache: Für das Führen eines Besens oder der Zahnbürste benutzen über 60 % der Rechtshänder und etwa 99 % der Linkshänder auch die nichtdominante Hand,J. F. Stein und C. J. Stoodley: Neuroscience. An Introduction. John Wiley & Sons, Chichester 2006, ISBN 1-86156-389-2, S. 428. je anspruchsvoller aber die Aufgaben werden, desto deutlicher strebt der Anteil funktioneller Beidhänder gegen null.
Für die jüngere Menschheitsgeschichte lassen sich größere historische Unterschiede nicht feststellen. Die Analyse archäologischer Funde (etwa die Untersuchung von Werkzeugen auf Abnutzungsspuren) legt nahe, dass schon die Neandertaler, ausgestorbene Verwandte des modernen Menschen, überwiegend rechtshändig waren. Für andere „Vorfahren“ des Menschen lässt sich dies nicht klar feststellen, da die Funde (Knochen, Werkzeuge …) häufig nicht ausreichen, um Aussagen über Händigkeit oder gar die in einer Bevölkerungsgruppe präferierte Hand zu treffen.L. Cashmore, N. Uomini und A. Chapelain: The evolution of handedness in humans and great apes: review and current issues (PDF-Datei; 889 kB) In: Journal of Anthropological Sciences. Vol. 86, 2008, S. 7–35 (Artikel auf isita-org.com, Stand 1. Juli 2010). Den ältesten Nachweis von Rechtshändigkeit stellt ein 1,8 Millionen Jahre alter Oberkiefer eines Homo habilis dar. Modellierungen ausgestorbener Homininen deuten darauf hin, dass die Stärke individueller Handpräferenzen bereits früh in der Homininenentwicklung hoch gewesen sein könnte, während die ausgeprägte Rechtsrichtung vor allem mit der Gattung Homo zunahm. Für die Gegenwart lässt sich mehrheitliche Rechtshändigkeit in allen Zivilisationen feststellen.
Bestimmung der Händigkeit Die Angaben über den Anteil von Links- und Rechtshändern in der Bevölkerung können sich von Studie zu Studie stark unterscheiden. Dies ist zu einem großen Teil darauf zurückzuführen, dass es unterschiedliche Definitionen von Händigkeit gibt und unterschiedliche Methoden, diese zu bestimmen. Die Methoden reichen vom einfachen Fragen der Teilnehmer, über das Beobachten bei bestimmten Tätigkeiten bis hin zum Testen der Genauigkeit und Geschwindigkeit der Hände bei verschiedenen Aufgaben.
Die Definitionen reichen von der Einteilung in zwei Klassen (Links- und Rechtshänder) oder drei Klassen (Links-, Rechts- und Beidhänder) bis zu Skalen, die jeden beliebigen Grad von Händigkeit erfassen. Außerdem beziehen sich Definitionen von Händigkeit in der Regel auf bestimmte Tätigkeiten, weil ein Mensch bei verschiedenen Tätigkeiten nicht notwendigerweise dieselbe Hand bevorzugt. Im einfachsten Fall kann dies eine einzelne Tätigkeit sein. Oft versteht man unter Rechts- bzw. Linkshändern einfach Menschen, die mit der rechten bzw. mit der linken Hand schreiben. Wenn mehrere Tätigkeiten berücksichtigt werden sollen, greift man häufig auf standardisierte Listen zurück, die neben dem Schreiben auch viele andere alltägliche Tätigkeiten wie z. B. Werfen, Zähneputzen, oder das Trinken aus einer Tasse einbeziehen. Zu den häufiger verwendeten Testverfahren gehören z. B. das Crovitz-Zener Inventory, das Annett Handedness Questionnaire, das Edinburgh Inventory und das Waterloo Handedness Questionnaire. In vergleichenden Untersuchungen wird häufig zwischen der Richtung einer Handpräferenz und ihrer Stärke unterschieden, etwa über den mittleren Händigkeitsindex und den mittleren absoluten Händigkeitsindex.
Ursachen Warum ein Mensch Links- oder Rechtshänder ist, lässt sich nicht einfach beantworten. Schon in der Antike gab es unterschiedliche Ansichten über die Ursache für die Händigkeit. So ging z. B. Aristoteles davon aus, dass die Händigkeit angeboren ist.Aristoteles, Magna Moralia, Buch 1, 1194.b.32. Platon dagegen nahm an, dass bei Geburt beide Hände noch vollkommen gleich sind und die Händigkeit eine Folge der Erziehung ist. Er forderte, dass bei der Erziehung darauf geachtet werden sollte, dass die Geschicklichkeit beider Hände trainiert wird.Platon, Nomoi, Buch 7, 788a–795d.
Bis heute ist die Frage, ob die Gene oder die Umwelt für die Händigkeit verantwortlich sind, nicht abschließend geklärt. Die Beobachtung, dass linkshändige Eltern häufiger linkshändige Kinder haben als rechtshändige Eltern,I.C. McManus & M.P. Bryden (1992). The genetics of handedness, cerebral dominance and lateralization. In: I.Rapin & S. J. Segalowitz (Eds.), Handbook of Neuropsychology, Volume 6, Section 10: Child neuropsychology (Part 1) (pp. 115-144). Amsterdam: ElsevierWalter McKeever, British Journal of Psychology (2000). A new family handedness sample with findings consistent with X-linked transmission. kann mit dem Einfluss der Gene oder der Umwelt erklärt werden. Studien mit Zwillingen zeigen allerdings, dass sowohl die Gene als auch die Umwelt die Händigkeit beeinflussen. Einerseits haben eineiige Zwillinge häufiger die gleiche Händigkeit als zweieiige Zwillinge, andererseits ist es nicht selten, dass eineiige Zwillinge eine unterschiedliche Händigkeit haben.
Genetische Ursachen Die zwei bekanntesten Modelle zur genetischen Ursache der Händigkeit sind die „Right-Shift“-Theorie von M. AnnettM. Annett, British Journal of Psychology, 63, 343-358 (1972). The distribution of manual asymmetry. und die „Dextral/Chance“-Theorie von McManus.I.C. McManus, Psychological Medicine, Monograph Supplement no. 8, 1-40 (1985). Handedness, language dominance and aphasia: a genetic model. Beide Modelle nehmen an, dass nur ein einzelnes Gen für die Händigkeit verantwortlich ist und beiden liegt die Idee zu Grunde, dass es nicht eine Genvariante für links und eine Genvariante für rechts gibt, sondern nur eine für rechts (R) und eine neutrale (N). Da Menschen zwei Chromosomensätze haben (Diploidie), ergeben sich vier mögliche Kombinationen. Die Kombination R/R führt zu Rechtshändigkeit, R/N und N/R führen häufiger zu Rechtshändigkeit als zu Linkshändigkeit und bei N/N sind Links- und Rechtshändigkeit gleich wahrscheinlich. Mit dieser Theorie lässt sich erklären, warum es mehr Rechts- als Linkshänder gibt und warum eineiige Zwillinge mit denselben Genen unterschiedliche Händigkeit haben können.
Ob die Händigkeit tatsächlich durch ein einzelnes Gen bestimmt wird und welches dies ist, bleibt bis heute ungeklärt. Als Kandidaten vorgeschlagen wurden das Gen PCDH11Y auf dem Y-Chromosom sowie das Gen LRRTM1 auf dem Chromosom 2.Tinka Wolf: Forscher entdecken Linkshänder-Gen. In: Welt Online. 2. August 2007
Bedingungen während der Entwicklung Das Geschwind-Behan-Galaburda-Modell geht davon aus, dass ein erhöhter Testosteronspiegel während der embryonalen Entwicklung das Wachstum der linken Gehirnhälfte hemmt, was zu einer Dominanz der rechten Gehirnhälfte und somit zu Linkshändigkeit führt. Mit diesem Modell kann erklärt werden, warum Männer häufiger Linkshänder sind als Frauen.
Eine weitere Theorie, die die Händigkeit mit den Bedingungen während der Entwicklung erklärt, wurde von F.H. Previc vorgeschlagen.F.H. Previc, Psychological Review 98, 299-334 (1991). A general theory concerning the prenatal origins of cerebral lateralization in humans. Im letzten Drittel der Schwangerschaft liegen die meisten Kinder mit dem rechten Ohr nach vorne (aus Sicht der Mutter). Dadurch soll sich die linke Gehirnhälfte auf Sprache spezialisieren, weil das rechte Ohr mit mehr Geräuschen stimuliert wird, und die linke Gehirnhälfte sich auf Motorik spezialisieren, weil beim Gehen der Mutter der Gleichgewichtssinn des Kindes auf der linken Seite mehr stimuliert wird.
Erziehung und Kultur Welchen Einfluss die Erziehung, und damit auch die Kultur, auf die Händigkeit haben, lässt sich an der zeitlichen Veränderung des Anteils der Linkshänder beobachten, der während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts spürbar gestiegen ist. Während früher allen Kindern das Schreiben mit der rechten Hand beigebracht wurde, setzte sich in den westlichen Ländern mehr und mehr die Meinung durch, dass man Schulkinder nicht zwingen sollte, mit der rechten Hand zu schreiben.V. Llaurens, M. Raymond, C. Faurie, Philosophical Transactions of the Royal Society B, Vol. 364, Issue 1519 (2009). Why are some people left-handed? An evolutionary perspective Ebenso zeigt sich dieser Effekt im höheren Anteil von Linkshändern unter Kindern asiatischer Einwanderer in den USA im Vergleich zu Kindern in Asien.
Evolutionäre Faktoren Eine phylogenetisch vergleichende Meta-Analyse von 2026 fand für die Richtung und die Stärke der Händigkeit deutliche phylogenetische Signale, stützte jedoch keine der zuvor vorgeschlagenen Einzelhypothesen eindeutig. Die menschliche Ausnahmestellung verschwand in den Modellen weitgehend, sobald Gehirngröße und Intermembralindex – ein Maß für die Proportionen von Vorder- und Hintergliedmaßen und damit für zweibeinige Fortbewegung – berücksichtigt wurden.
„Händigkeit“ bei Tieren