Großajatollah Mohammad Kazem Schariatmadari (; * 5. Januar 1906 in Täbris; † 3. April 1986 in Teheran) war vor der islamischen Revolution der einflussreichste iranische Großajatollah. Schariatmadari vertrat – wie der Chomeini-Lehrer Hossein Borudscherdi – die Meinung, dass Geistliche keine politischen Ämter übernehmen und sich auch nicht unmittelbar politisch betätigen sollten (Quietismus). Dadurch stand er in eindeutiger Opposition zu Ruhollah Chomeini.
Leben Herkunft Kasem Schariatmadari wurde 1905 in der Stadt Täbris geboren. Schariatmadari war der älteste Sohn einer Familie aus der iranischen Mittelklasse. Sein Vater war Tabakhändler. Mit elf Jahren begann er im Geschäft seines Vaters zu arbeiten. Nach zwei Jahren entschied er sich, die Laufbahn eines Geistlichen einzuschlagen. Neben Türkisch und Persisch hatte Schariatmadari bereits Arabisch und Französisch gelernt.
Ausbildung 1915 begab sich Kasem Schariatmadari nach Ghom, um in der neu gegründeten Hozey-e Elmiye zu studieren. Die Religionsschule wurde von Scheich Abdolkarim Haeri Yazdi geleitet, der die Auffassung vertrat, dass sich die Geistlichkeit vor allem spirituellen Fragen widmen und die Politik den Politikern überlassen sollte. Jahre später, nachdem Scheich Haeri und Großajatollah Hossein Borudscherdi verstorben waren, sollte Kasem Schariatmadari zu dem bedeutendsten Vertreter dieser Auffassung und damit zu einem erbitterten Gegner von Ruhollah Chomeini werden.Abbas Milani: Eminent Persians. Syracuse University Press, 2008, S. 368.
Kasem Schariatmadari wurde bereits mit 19 Jahren von Scheich Harir der Titel „Ajatollah“ verliehen. Er wurde damit zum Mudschtahid, d. h. einem Rechtsgelehrten, der zur selbständigen Rechtsfindung (Idschtihad) befähigt ist. 1921 ging Schariatmadari nach Nedschef, um sein Studium fortzusetzen. Er blieb dort sechs Jahre und kehrte 1927 in seine Heimatstadt Täbris zurück.
Erstes öffentliches Auftreten Bereits als junger Ajatollah unterschied sich Kasem Schariatmadari von der traditionellen Geistlichkeit. Während diese Arabisch als die Sprache Gottes betrachteten und Persisch für die Diskussion theologischer Fragen für „ungeeignet“ hielt, brach Schariatmadari mit dieser Tradition und veröffentlichte seine Publikationen nicht nur auf Arabisch, sondern auch auf Persisch. Später, als Großajatollah und Leiter seiner eigenen Religionsschule, bestand er darauf, dass seine Studenten nicht nur Persisch und Arabisch, sondern mindestens eine weitere Fremdsprache lernten.
War es bis dato üblich, dass sich ein Geistlicher nur mit wenigen, theologischen Texten auseinandersetzte und seine Gedanken über diese Texte veröffentlichte, so brach Schariatmadari auch mit dieser Tradition. Er beschäftigte sich nicht nur mit theologischen, sondern auch mit säkularen Texten wie Mohammad Ali Foroughis Geschichte der europäischen Philosophie und Ahmad Kasravis Kritik der schiitischen Theologie.
Gegenüber politischen Fragen nahm Schariatmadari seit seinen frühen Tagen als Ajatollah in Täbris eine entschieden proiranische Haltung ein. Als nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Dschaʿfar Pischewari die Loslösung Aserbaidschans von Iran erklärte und mit der politischen und militärischen Unterstützung der Sowjetunion am 3. September 1945 die Aserbaidschanische Volksregierung ausrief, gehörte Kasem Schariatmadari zu den entschiedensten Gegnern der Kommunisten, was zu seiner Verbannung aus Täbris führte. Nachdem auf Druck des US-Präsidenten Harry S. Truman Generalsekretär Josef Stalin die sowjetischen Truppen aus dem Iran zurückbeorderte, die Aserbaidschanische Volksregierung daraufhin zusammenbrach und iranische Truppen unter Schah Mohammad Reza Pahlavi 1946 in Aserbaidschan einmarschierten, bereitete Schariatmadari gemeinsam mit der Bevölkerung von Täbris dem Monarchen ein freundliches Willkommen.
Kasem Schariatmadari wirkte von 1927 bis 1949 als Ajatollah in Täbris. Aufgrund seiner Beliebtheit hatte er bald eine große Anhängerschaft unter der gesamten türkischsprachigen Bevölkerung Irans.Abbas Milani: Eminent Persians. Syracuse University Press, 2008, S. 369.
Die Jahre in Ghom Nur wenige Monate nachdem Mohammad Reza Schah den Thron von seinem Vater übernommen hatte, sandte er einen Boten mit einer nicht unbeträchtlichen Summe Geldes nach Nedschef, um Ajatollah Hoseyn Gomi zur Rückkehr nach Ghom in den Iran einzuladen. Der junge Schah war der Überzeugung, dass alle Mullahs „aus tiefstem Herzen Monarchisten“ wären und dass sich die Geistlichkeit voll im klaren darüber sei, dass der Islam aufgrund der latenten kommunistischen Bedrohung im Iran nicht ohne die Monarchie überleben könnte.Abbas Milani: Eminent Persians. Syracuse University Press, 2008, S. 816. Ajatollah Gomi, der wenige Jahre zuvor aus Protest gegen die antiklerikale Politik Reza Schahs den Iran verlassen hatte, nahm die Einladung Mohammad Reza Schahs an und kehrte im Juni 1942 unter dem Jubel von mehr als 100.000 Teheranern zurück. Wenige Jahre später, als Ajatollah Hossein Borudscherdi nach Ghom in den Iran zurückkehrte, brach der Schah mit dem Protokoll und besuchte ihn im Krankenhaus. In diesen Tagen wurde er nicht müde, den Klerus aufzufordern, politisch aktiver zu werden.
1950 verließ Schariatmadari Täbris und zog nach Ghom, wo er sich bald als beliebter Lehrer einen Namen machte. Nach der Rückkehr Borudscherdis war Ghom rasch zum wichtigsten Zentrum der schiitischen Gelehrsamkeit geworden. Schariatmadari erkannte rückhaltlos die Führungsrolle Borudscherdis unter den Ajatollahs an. Als dann allerdings 1951 Mohammad Mossadegh Premierminister Irans wurde und Ajatollah Abol-Ghasem Kaschani, der wichtigste politische Führer der Geistlichkeit Mossadegh unterstützte, entschied sich auch Kasem Schariatmadari für die Seite Mossadeghs. Nach dem Sturz Mossadeghs hatte sich die Entscheidung Großajatollah Borudscherdis, sich aus den politischen Auseinandersetzungen herauszuhalten und die Monarchie zu unterstützen, als die bessere Entscheidung erwiesen.Abbas Milani: Eminent Persians. Syracuse University Press, 2008, S. 370.
Als Großajatollah Borudscherdi 1961 starb, bereitete sich Schariatmadari darauf vor, seine Nachfolge als Mardschaʿ-e Taghlid und damit als ranghöchster Ajatollah anzutreten. Schah Mohammad Reza Pahlavi hatte die Unterstützung Mossadeghs durch Kasem Schariatmadari aber nicht vergessen und sandte sein Kondolenzschreiben an den älteren Großajatollah Muhsin al-Hakim nach Nedschef, der sich daraufhin als rechtmäßiger Nachfolger von Borudscherdi und Mardscha-e taqlid betrachtete.
Erste Auseinandersetzungen mit Chomeini Obwohl Schariatmadari nun nicht Mardscha-e taqlid geworden war, wurde er Großajatollah und damit ranghöchster Geistlicher in Ghom. Das Jahr 1961 sollte weitere Umbrüche im politischen Leben Irans mit sich bringen. Ali Amini war am 6. Mai 1961 Premierminister geworden und hatte ein umfangreiches Reformprogramm eingeleitet. Amini war darauf bedacht, die Geistlichkeit in den politischen Reformprozess einzubeziehen. Aus diesem Grund entschied er sich, nach Ghom zu fahren, um die führenden Geistlichen zu treffen. Bei dieser Gelegenheit traf Amini auch mit einem bis dahin weitgehend unbekannten Geistlichen, Ruhollah Chomeini zusammen, der es nur bis zum Hodschatoleslam gebracht hatte, und eigentlich nicht zum Kreis der ranghöheren Ajatollahs zählte. Was Chomeini an akademischer Reputation fehlte, hatte er durch politische Aktivitäten wettgemacht. Eines seiner ersten Opfer war Ahmad Kasravi. Ahmad Kasravi war der erste, der die politische Klasse Irans auf den Herrschaftsanspruch der iranischen Geistlichkeit aufmerksam machte und sich mit ihm öffentlich auseinandersetzte. In einem 1942 erschienenen Artikel mit dem Titel Botschaft an die Mullahs von Täbris griff Kasravi die Forderungen der Geistlichkeit als unbegründet an. Zudem hielt er die religiösen Gesetze der Scharia für völlig ungeeignet, um eine komplexe Gesellschaft des 20. Jahrhunderts damit regieren zu können. 1943 veröffentlichte Ali Akbar Hakamizadeh, der Kasravi gut kannte, sein Buch Die Geheimnisse von tausend Jahren, in dem er die Argumente Kasravis aufgriff und als Fragen an die Geistlichkeit neu formulierte. 1944 antwortete dann Chomeini mit dem Buch Die Enthüllung der Geheimnisse, in dem er die Argumente Kasravis direkt angriff, ohne ihn allerdings persönlich zu nennen. Chomeini sprach nur vom Abenteurer aus Täbris.Mohammad Ali Jazayery: Kasravi, Iconoclastic Thinker of Twentieth-Century Iran. In: Ahmad Kasravi: Shi'igari (شيعيگرى). Übersetzung von M. R. Ghanoonparvan: On Islam and Shi'Ism, Mazda Pub, 1990. ISBN 0-939214-39-3, S. 23. Am 11. März 1946 wurde Kasravi von zwei Mitgliedern der von Abol-Ghasem Kaschani initiierten und von Navvab Safavi gegründeten Fedajin-e Islam niedergeschossen und mit 27 Messerstichen getötet. Auch sein Assistent, der ihn begleitet hatte, wurde umgebracht. Wenige Monate vorher hatte Chomeini eine Fatwa erlassen, dass Kasravi ein „Verderbnisstifter auf Erden“ (Mofsed-e fel Arz) sei, was einem Todesurteil gleichkam. Chomeini war bereits zum geistigen Führer der Fedajin-e Islam aufgestiegen. Andere Geistliche warben Navvab Safavi an, bezahlten ihm die Reise nach Teheran und gaben ihm den Auftrag, Kasravi umzubringen.
Chomeini schlug den Ajatollahs 1961 vor, sich regelmäßig im Haus von Kasem Schariatmadari zu treffen, „um ihre Strategie abzustimmen“. Bei einem dieser Treffen kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Schariatmadari und Chomeini. Schariatmadari kritisierte Chomeini dafür, dass er seine politischen Ziele über die Religion stelle. Zudem war er gegen Chomeinis Fundamentalopposition gegen den Schah, da er Irans wachsenden politischen Einfluss im Nahen Osten sah, und Chomeini vorwarf, dass er mit seinen Angriffen auf die Regierung sowohl Iran als auch dem Islam schade.Abbas Milani: Eminent Persians. Syracuse University Press, 2008, S. 371.
Nach Chomeinis Rede vom 3. Juni 1963, am Aschura-Tag,Heinz Halm: Die Schia Darmstadt 1988. Seite 157 gehalten gegen den Tyrannen unserer Zeit – jeder wusste, dass damit der Schah gemeint war –, wurde Chomeini am 5. Juni 1963 verhaftet. Durch seine bewusst gewählte Konfrontation gegen den Schah zog er einige gemäßigte Kleriker auf seine Seite, indem sie für ihn notgedrungen Partei ergreifen mussten. Chomeinis Aufruf vom 3. Juni 1963 richtete sich vor allem gegen die vom Schah im Rahmen der Weißen Revolution begonnene Landreform.