mini|hochkant|Raúl Castro (2012) mini|hochkant|Raúl Castro (2015)

Raúl Modesto Castro Ruz (* 3. Juni 1931 in Birán, Provinz Oriente) ist ein kubanischer Politiker. Von 2008 bis 2018 war er Präsident des Staats- und des Ministerrates der Republik Kuba und von 2011 bis 2021 Erster Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kubas (PCC). Er war eine der führenden Persönlichkeiten der Kubanischen Revolution. Er ist der jüngere Bruder des kubanischen Politikers und Revolutionärs Fidel Castro.

Leben Familie und Jugend Raúl Castro wurde als außerehelicher Sohn eines Großgrundbesitzers geboren. Seine Eltern waren Ángel Castro Argiz, aus der galicischen Stadt Lugo ursprünglich als Kolonialsoldat nach Kuba entsandter und später eingewanderter Spanier, und die Hausangestellte Lina Ruz González aus einer mittellosen Bauernfamilie aus der Provinz Pinar del Río, die Ángel nach der Scheidung von seiner ersten Frau 1941 geheiratet hatte. Raúl ist der jüngste der drei Castro-Brüder – neben Ramón und Fidel. Außerdem hat er noch vier Schwestern: die ältere Ángela sowie die jüngeren Juana, Emma und Augustina. Im Gegensatz zu seinem Bruder Fidel gilt er als Familienmensch, der auch zu „abtrünnigen“ Familienmitgliedern in den USA oder Spanien den Kontakt aufrechterhält.

Er absolvierte die Schulzeit zunächst im Heimatort Birán und besuchte anschließend eine auf Initiative Fulgencio Batistas gegründete, kombinierte zivil-militärische Landschule sowie ab 1938 das Jesuitenkolleg Colegio Dolores in Santiago de Cuba, das auch seine Brüder Fidel und Ramón besuchten.Hermsdorf: Raúl Castro. 2016, S. 30–33. Während sein Bruder Fidel sowohl intellektuell als auch sportlich in seinen Klassen herausragte, war Raúl weniger erfolgreich. 1945 ging er mit Unterstützung seines Vaters in das Jesuitenkolleg Colegio Belén nach Havanna, das bereits sein Bruder Fidel besuchte.Hermsdorf: Raúl Castro. 2016, S. 33. 1946 musste Raúl das Kolleg verlassen und arbeitete danach wieder in der Landwirtschaft in Birán.Hermsdorf: Raúl Castro. 2016, S. 34. 1950 kehrte Raúl nach Havanna zurück, wo er bei seinem Bruder Fidel in eine Dachgeschosswohnung einzog.Hermsdorf: Raúl Castro. 2016, S. 36. Obwohl er nie das Abitur abgelegt hatte, besuchte er an der Universität von Havanna einen Verwaltungslehrgang und später Soziologiekurse, unter anderem bei Boris Goldenberg. Einen Hochschulabschluss besitzt Raúl Castro nicht. Er erhielt aber auch nicht dieselbe großzügige materielle Unterstützung aus dem Elternhaus wie Bruder Fidel.Widmann: Endspiel mit Raúl. In: Das letzte Buch über Fidel Castro. 2012, S. 316–330.

Während seiner Studienzeit engagierte sich Raúl in der Juventud Socialista („Sozialistische Jugend“), dem Jugendverband der der Sowjetunion nahestehenden Kommunistischen Partei Kubas (die 1944 bis 1962 den Namen Partido Socialista Popular (PSP) trug). So nahm er im März 1953 an der vom kommunistischen Weltbund der Demokratischen Jugend organisierten Internationalen Konferenz zur Verteidigung der Jugendrechte in Wien als Delegierter teil, wo der sowjetische Auslandsnachrichtendienst auf ihn aufmerksam wurde, und besuchte anschließend mehrere osteuropäische Länder, in denen nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Einfluss der von Josef Stalin geführten Sowjetunion jeweils eine Kommunistische Partei die Regierung übernommen und die staatlichen Strukturen sowie das politische System umgebaut hatte. Auf der einen Monat langen Rückreise per Schiff aus Europa freundete er sich mit Nikolai Leonow an, einem jungen Mitarbeiter des sowjetischen Außenministeriums, den er bereits von der Wiener Konferenz kannte und der später ein wichtiger Kontakt zur sowjetischen Regierung werden sollte.Wulffen: Kuba im Umbruch. 2008, S. 32.

Bei seiner Wiedereinreise am 6. Juni 1953 nach Kuba wurde Castro zunächst von der Polizei festgenommen – er hatte kommunistisches Propagandamaterial bei sich geführt und gegen die Festnahme zweier mittelamerikanischer Mitreisender protestiert. Nach seiner Freilassung wurde er im Juni 1953 von der Sozialistischen Jugend als Vollmitglied aufgenommen. in der Enzyklopädie EnCaribe (spanisch). Sieben Wochen später folgte er dem Aufruf seines Bruders Fidel zum bewaffneten Kampf gegen den im März 1952 durch einen Militärputsch an die Macht gekommenen Diktator Fulgencio Batista, obwohl die kubanischen Kommunisten solche Aktionen damals prinzipiell ablehnten.John Haylett: . In: Morning Star. 7. Januar 2009, abgerufen am 13. Oktober 2011. Als Konsequenz seiner Teilnahme am Sturm auf die Moncada-Kaserne am 26. Juli 1953, den die PSP-Führung als Putschversuch wertete,Raúl Castro On 1953 Moncada Assault: ‘Aim Was To Spark Revolutionary Armed Action’. In: The Militant. 2. August 1999, abgerufen am 17. Juli 2013. beschloss der kommunistische Jugendverband seinen Ausschluss.

Nach dem Sieg der Revolution heiratete Raúl im Januar 1959 in Santiago de Cuba Vilma Espín, die ihm bereits während des mexikanischen Exils als aktive Unterstützerin der revolutionären Bewegung begegnet war und die letzten Monate des Guerillakriegs an seiner Seite verbracht hatte.Raúl Castro. In: Biografías y Vidas. Abgerufen am 2. Mai 2011. Sie war bis zu ihrem Tod am 18. Juni 2007 Vorsitzende des kubanischen Frauenverbandes. Wie ihr Mann galt sie als vom Kommunismus überzeugt und entstammte ebenfalls einer begüterten Oberschichtfamilie Ostkubas. Gemeinsam haben sie vier Kinder: Déborah, Mariela, Nilsa und Alejandro. Raúl pflegt Kontakt zu den „abtrünnigen“ Familienmitgliedern in Miami oder Spanien und ermöglicht geheime Familientreffen.

Revolution mini|Raúl Castro (links) zusammen mit Che Guevara in der Sierra Cristal (1958)

Raúl Castro war eine treibende Kraft bei der Revolution gegen den Diktator Batista auf Kuba. Am 26. Juli 1953 nahm er am Angriff auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba teil, der von seinem Bruder Fidel angeführt wurde. Der gesamte Versuch scheiterte. Der Generalsekretär der kubanischen Kommunisten Blas Roca bezeichnete den Überfall als „kleinbürgerlichen Putsch, mit dem wir Kommunisten nichts zu tun haben“. Raúl Castro wurde zu 13 Jahren Zuchthaus auf der Isla de Pino (heute Isla de la Juventud) südlich von Havanna verurteilt, kam aber nach zwei Jahren im Rahmen einer Generalamnestie am 15. Mai 1955 frei. Am 12. Juni 1955 gründeten er und die freigelassenen Moncadisten die Bewegung des 26. Juli (Movimiento 26 de Julio, M-26-7).

Auf Anraten seines Bruders Fidel ging er am 24. Juni 1955 nach Mexiko ins Exil. Sein Bruder und weitere Getreue folgten ihm einige Tage später. In Mexiko nahm Raúl Kontakt zu der Kubanerin María Antonia González auf, die mit dem Ringer Arsacio Vaneges verheiratet war. Dieser bot kubanischen Immigranten freie Unterkunft. In Mexiko wurde er mit dem argentinischen Arzt Ernesto „Che“ Guevara bekannt gemacht, mit dem er sich sofort befreundete.Koenen: Traumpfade der Weltrevolution. 2008, S. 131. In einem Guerillatrainingscamp dort bereiteten sie sich auf einen bewaffneten Kampf gegen das Batista-Regime vor. Raúl machte im Juli 1956 sowohl Guevara als auch Fidel mit seinem inzwischen in der sowjetischen Botschaft in Mexiko tätigen russischen Freund Leonow bekannt, der 1958 zum KGB wechselte.Rafael Poch: Tres preguntas sobre Rusia: estado de mercado, Eurasia y fin del mundo bipolar. In: Icaria. Barcelona 2000, S. 75 f. (). Laut den Memoiren des damaligen sowjetischen Staatschefs Nikita Chruschtschow hat Raúl damals gegenüber seinem Bruder Fidel seine „wahren Überzeugungen verborgen“. Chruschtschow hielt ihn für „einen nützlichen, vom KGB geführten Einflussagenten in Havanna“. Tatsächlich geschahen wohl alle Kontakte zu in- und ausländischen Kommunisten und entsprechende Aktivitäten mit Wissen oder gar auf Weisung seines Bruders Fidel, der sich schon damals die kommunistische Option offenhalten, aber vermeiden wollte, das öffentlich zu kommunizieren. Fidel orientierte sich öffentlich noch an den Antikommunisten seiner Orthodoxen Partei unter Eduardo Chibás.

Während des Kampfes in der Sierra Maestra wie schon während der chaotischen Anfangszeit ab Dezember 1956 galt Raúl Castro als disziplinierter und harter Kämpfer. Comandante en Jefe (Oberkommandierender) Fidel Castro beförderte ihn schnell zum Kompaniechef.Wulffen: Kuba im Umbruch. 2008, S. 41 ff. Ende Februar 1958 wurde er (gleichzeitig mit Juan Almeida) in den Rang des Comandante erhoben und mit der Gründung und Leitung der Zweiten Front beauftragt, die nach Frank País, dem populären Organisator des städtischen Untergrundkampfes, benannt wurde, der im Sommer 1957 in Santiago getötet worden war. Diese erste vom Rest der Rebellenarmee getrennte Einheit sollte von der Sierra Cristal aus kämpfen, im fast äußersten Osten Kubas (heutige Provinz Holguín). Dorthin brach Raúl Castro im März des Jahres mit 66 Mitkämpfern von der Sierra Maestra aus auf. Es begann der erfolgreiche Kampf zunächst um den Norden der Provinz Oriente, bevor wenig später andere Einheiten den Guerillakrieg auf das ganze Land ausdehnten.Wulffen: Kuba im Umbruch. 2008, S. 45 ff. In dem Gebiet der Zweiten Front hatten bereits zuvor kleinere bewaffnete Gruppen, die nicht unter dem Kommando Fidel Castros standen, sondern überwiegend der Stadtguerilla in Santiago entstammten, dem Batista-Regime einzelne Schläge versetzt. Raúl brachte sie unter sein Kommando, wodurch die von Fidel angeführte Rebellenarmee insgesamt an Einfluss gewann.Franqui: Family Portrait with Fidel. 1984, S. 157 f.

Bei Überfällen auf die in US-Besitz befindlichen Nickelminen von Moa und Nicaro, östlich von Holguín, sowie Betriebe der United Fruit Company ließ Raúl Ende Juni 1958 mehrere Dutzend dort beschäftigte US-Amerikaner als Geiseln nehmen. Damit wollte er die Einstellung der US-Verkäufe von militärischem Gerät und Treibstoff an Batista erzwingen, der kurz zuvor eine Sommer-Offensive gegen die Rebellenarmee eingeleitet hatte. Raúls Aktion war jedoch mit seinem Bruder Fidel nicht abgesprochen, der unbedingt eine Konfrontation mit den USA vermeiden wollte. Raúl ließ die Geiseln, wenn auch widerwillig und mit zeitlicher Verzögerung, wieder frei. Den Plan Raúls, in Guantánamo stationierte US-Soldaten zu entführen, konnte Fidel gerade noch verhindern. Es wäre nicht nur ein Verstoß gegen das Völkerrecht gewesen, sondern hätte mit großer Wahrscheinlichkeit auch zum Eingreifen der USA geführt, obwohl diese ihre Unterstützung für Batista im Laufe des Kampfes in der Sierra Maestra schon zurückgefahren hatten.Wulffen: Kuba im Umbruch. 2008, S. 46 f.Rafael Rojas: El origen de la dictadura. In: El Nuevo Herald. 13. Juli 2008, abgerufen am 13. Oktober 2011.

Raúl Castro zeigte während seiner Zeit als Comandante in der Sierra Cristal militärisches und organisatorisches Talent. Er schuf eine anfänglich aus 53 Männern bestehende Spezialeinheit, die mit der Zeit auf über 1000 Mann anwuchs, sowie eine revolutionäre Verwaltung als Vorbild für das spätere Regime. Auch wurden die armen Bauern in der Region unterstützt, indem man ihre überschüssige Ernte nicht etwa beschlagnahmte, sondern sie für bares Geld abkaufte. Außerdem wurden in der Region soziale Infrastrukturen geschaffen, indem man Straßen baute sowie Schulen, Krankenhäuser und Apotheken errichtete. All diese Maßnahmen trugen wesentlich zur Popularität der Rebellen in der Gegend bei, die Propagierung marxistischer Ideen sorgte jedoch auch für Irritationen unter nichtkommunistischen Angehörigen und Unterstützern der Rebellenarmee.Wulffen: Kuba im Umbruch. 2008, S. 47 f.Zeuske: Insel der Extreme – Kuba im 20. Jahrhundert. 2004, S. 177.