Konstruktiver Journalismus ist ein seit den 2010er Jahren verwendeter Begriff für eine Strömung im Journalismus, die auf der Berichterstattung lösungsorientierter statt negativer und konfliktbasierter Nachrichten basiert. Konstruktiver Journalismus grenzt sich von Meinungsjournalismus oder Aktivismus ab.Gyldensted, Cathrine "Innovating News Journalism through Positive Psychology". "University of Pennsylvania Scholarly Commons". 1. August 2011. Abgerufen am 21. Dezember 2014.Curry, Alexander L. & Hammonds, Keith H.: . "University of Texas at Austin". 1. August 2014. Abgerufen am 21. Dezember 2014.

Definition Der Kern des konstruktiven Journalismus liegt darin, die Gesellschaft darüber zu informieren, welche Lösungen es geben könnte. Pioniere des konstruktiven Journalismus sagen, dass sie als Journalisten einen großen Einfluss auf die Art und Weise haben, wie die Menschen denken, weil sie die Nachrichten konstruieren. Journalisten müssen sich dieser Verantwortung stärker bewusst sein, indem sie bei der Art und Weise, wie sie ihre Geschichten konstruieren, vorsichtiger sind. Sie denken, dass viele Journalisten, die eine sehr zynische Art und Weise der Nachrichtenberichterstattung anwenden, vergessen, dass sie, indem sie alles, was schiefläuft, aus der Distanz berichten, auch die Gesellschaft bewegen.Gyldensted, Cathrine: "You will not believe what Upworthy can teach the media about sustainability". "The Guardian". 14. August 2014. Abgerufen am 21. Dezember 2014.Sillesen, Lene Bech: "Good news is good business, but not a cure-all for journalism". "Columbia Journalism Review". 29. September 2014. Abgerufen am 21. Dezember 2014.

Damit wird auch die einseitige Fokussierung auf eine negative Sicht abgelehnt. Erkenntnisse aus der positiv-psychologischen Forschung werden somit einbezogen, um neuartige Rahmenbedingungen für den Journalismus zu schaffen.Tenore, Mallary Jean: . "IVOH -Media as Agents of World Benefit". 2. September 2014. Abgerufen am 21. Dezember 2014. Konstruktiver Journalismus zielt daher nicht nur auf die Berichterstattung über Konflikte und Probleme ab, sondern auch auf eine umfassendere Darstellung der anstehenden Themen.Albeanu, Catalina: "Why constructive journalism can help engage the audience". "Journalism.co.uk". 18. August 2014. Abgerufen am 21. Dezember 2014. Er zielt darauf ab, Kernursachen von Problemen aufzudecken, aber auch über aufkommende Ideen und Entwicklungen zu berichten, um die Gesellschaft auf unvoreingenommenere und nachhaltigere Wege zu bringen. Konstruktiver Journalismus will zum Ausdruck bringen, wie Veränderung möglich ist, und hebt die Rolle hervor, die jedes Mitglied der Gesellschaft spielen kann, um sie zu fördern. Darüber hinaus ist er bestrebt, den Ethikkodex des Journalismus zu stärken, indem er die Verzerrung von Informationen vermeidet, um ein realistischeres Bild der Welt zu vermitteln. Konstruktiver Journalismus versucht, eine ansprechende Erzählung zu schaffen, die sachlich korrekt ist, ohne Zahlen oder Realitäten zu übertreiben.Ellis, Justin: "With Knight funding, Solutions Journalism Network wants to grow reporting on positive results in health reporting". "Nieman Foundation". 18. Januar 2014. Abgerufen am 21. Dezember 2014.

Der Begriff konstruktiver Journalismus wurde im skandinavischen Raum von Journalisten wie Cathrine Gyldensted und Ulrik Haagerup geprägt. In Deutschland sind Vertreter des konstruktiven Journalismus beispielsweise Maren Urner oder Alexander Sängerlaub.

Ähnlich wie konstruktive Kritik nicht nur aufzählt, was schlecht gelaufen ist, sondern auch Verbesserungsvorschläge macht und positive Aspekte hervorhebt, setzt auch Konstruktiver Journalismus bewusst auf eine Berichterstattung, die nicht nur Probleme thematisiert, sondern helfen soll, Lösungen für ebendiese Probleme zu finden.Constructive Journalism Project: What is Constructive Journalism. Abgerufen am 24. Dezember 2015 (englisch, Text liegt unter Button Characteristics of constructive journalism.)

Ein oft geäußerter Anspruch des konstruktiven Journalismus ist die Darstellung eines „realistischen Weltbilds“. Er soll einen „journalistischen Negativ-Bias“ vermeiden und positive Entwicklungen gleichberechtigt mit Problemen thematisieren. Ziel soll eine kritische Berichterstattung ohne gleichzeitige Verzerrung der Realität durch „Einseitigkeit oder Schwarz-Weiß-Malerei“ sein. Diese Berichterstattung soll geprägt sein von einer konstruktiven statt einer negativen Grundeinstellung. So bemüht sich konstruktiver Journalismus auch, Auseinandersetzungen nicht als chronische Konflikte, sondern als Dilemmata darzustellen, in denen beide Seiten Gründe für ihr Handeln haben.

Der konstruktive Journalismus grenzt sich vom Positiven Journalismus dadurch ab, dass Kernziele des Journalismus weiterhin erfüllt bleiben müssen: Der konstruktive Journalismus begreift sich wie der „klassische“ Journalismus als vierte Macht im Staat und sieht sich in einer Wächterfunktion, um gesellschaftliche Probleme aufzudecken und auf die Behebung mit hinzuwirken.

Eine wichtige Rolle im konstruktiven Journalismus spielt das Bewusstsein um die Auswirkungen der Berichterstattung auf Konsumenten und Gesellschaft. Grundlegende psychologische Erkenntnisse über diese Auswirkungen sollen helfen, eine bewusste und verantwortungsvolle Berichterstattung aufzubauen. Der konstruktive Journalismus hat hier zahlreiche Gemeinsamkeiten mit dem Friedensjournalismus.

Eine weitere Basis des konstruktiven Journalismus ist eine starke Orientierung auf die Zukunft. Konstruktive Journalisten wie Cathrine Gyldensted kritisieren „klassische“ Journalisten oft dafür, zu sehr auf die Gegenwart und die Vergangenheit gerichtete Fragen zu formulieren (um herauszufinden, wie der jetzige Zustand entstanden ist und wer die Schuld daran trägt), anstatt sich darauf zu konzentrieren, wer wie helfen kann, einen Wandel zu bewirken.Cathrine Gyldensted: From Mirrors to Movers: Five Elements of Positive Psychology in Constructive Journalism. CreateSpace Independent Publishing Platform, 2015, ISBN 978-1-5147-7749-7.

Forschung

Der Vorwurf eines negativen Trends in der Medienberichterstattung wurde international in verschiedenen Studien untersuchtGrace Ferrari Levine: "Learned Helplessness" and the Evening News. In: Journal of Communication. Volume 27, Nr. 4, 1977, doi:10.1111/j.1460-2466.1977.tb01863.x und bestätigt, darunter auch in Deutschland.Matthias Heinz, Johan Swinnen: Media sland in economic news: A factor 20. In: Economic Letters. Volume 132, 2015, S. 18–20, doi:10.1016/j.econlet.2015.04.011 In Verbindung damit wurde auch die besonders hohe Porträtierung von Hilflosigkeit festgestellt. Eine Umfrage der schwedischen Stiftung Gapminder in mehreren westlichen Ländern zeigte zudem, dass die Mehrheit der Bevölkerung eine übertrieben pessimistische Einstellung zu exemplarischen Sachverhalten wie Alphabetisierungsquote, Impfquote oder der Entwicklung von Kindersterblichkeit und Toten durch Naturkatastrophen hat.Guido Mingels: Ingoranz-Test: Wissen Sie wirklich, wie es um die Welt steht? In: Spiegel Online. 10. September 2014, abgerufen am 24. Dezember 2015.

Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass aus einer positiven Grundstimmung die Fähigkeit, kreativ Probleme zu lösen, deutlich höher ist als aus einer negativen Grundstimmung heraus.A. M. Isen, K. A. Daubman, G. P. Nowicki: Positive affect facilitates creative problem solving. In: Journal of personality and social psychology. Band 52, Nummer 6, Juni 1987, S. 1122–1131. PMID 3598858. Negative Stimmungen, wie sie zum Beispiel durch negative Nachrichtenbeiträge erzeugt werden können,Wendy M. Johnston, Graham C. L. Davey: The psychological impact of negative TV news bulletins: The catastrophizing of personal worries. In: British Journal of Psychology. Volume 88, Nr. 1, 1997, S. 85–91, doi:10.1111/j.2044-8295.1997.tb02622.x.E. Alison Holman, Dana Rose Garfin, Roxane Cohen Silver: Media's role in broadcasting acute stress following the Boston Marathon bombings. In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America. Volume 111, Nr. 1, 2013, S. 93–98. können dagegen die Leistungsfähigkeit verringern.Shawn Achor, Michelle Gielan: Consuming Negative News Can Make You Less Effective at Work. In: Harvard Business Review. 14. September 2015, abgerufen am 24. Dezember 2015 (englisch.)

Kritik Kritiker bemängeln, dass bei konstruktivem Journalismus einfache Lösungen für komplexe Probleme vorgeschlagen würden. Zudem müssten Vorschläge gesellschaftlich ausgehandelt werden, man dürfe sie nicht auf dem Silbertablett servieren. Des Weiteren würden beim Konstruktiven Journalismus oft nur die Ideen großer westlicher Unternehmen und Organisationen weitergetragen, was der PR zuzurechnen sei und nicht dem Journalismus.

Der Literaturwissenschaftler und -kritiker Magnus Klaue kritisierte das Konzept 2016 in einem Artikel in der jungle world als „das offensive Zurechtbiegen der unbotmäßigen Wirklichkeit“. Das Schlüsselwort fasse zusammen, „was im bürgerlichen Pressewesen lange als ,Propaganda‘ vom ,Journalismus‘ unterschieden worden“ sei: „die so argumentfreie wie empirieresistente Vereidigung aufs Positive, die Betonung der sonnigen Ausnahme gegenüber dem tristen Normalfall, die Camouflage von Bosheit und Gemeinheit als Friedens- und Menschenliebe, vor allem aber die Diffamierung jedes Widerspruchs als Störung, jedes Gedankens als Anmaßung, jeder Kritik als Beleidigung.“

Verbreitung Im deutschsprachigen Raum Im Vergleich zum internationalen Umfeld ist konstruktiver Journalismus in Deutschland noch gering verbreitet. Vorreiter sind das Onlinemagazin Perspective Daily, welches sich komplett dem konstruktiven Journalismus verschrieben hat und die beiden Wirtschaftsmagazine brand eins und Good Impact, die konstruktiv berichten. Keines der großen deutschen Medienhäuser hat bisher explizit eine Sektion für konstruktive Berichterstattung eröffnet. Jedoch haben Magazine wie der Spiegel und die Zeit darauf hingewiesen, künftig vermehrt konstruktiv berichten zu wollen. Spiegel Online startete 2015 unter dem damaligen Chefredakteur Florian Harms eine Reihe konstruktiver Artikel zu verschiedenen Themen.Florian Harms: Artikel, die weitergehen. In: Spiegel Online, SpiegelBlog. 14. August 2015, abgerufen am 24. Dezember 2015. Zu Beginn des Jahres 2016 veröffentlichte der Spiegel einen Artikel über den Sozialwissenschaftler Max Roser und gab bekannt, dass die Zusammenarbeit mit ihm zum Start einer Kolumne führt. Der Medienwissenschaftler Stephan Weichert nannte 2021 als Beispiele für konstruktiven Journalismus die Podcasts Coronavirus-Update mit Christian Drosten sowie Wir. Der Mutmach-Podcast der Berliner Morgenpost mit Hajo Schumacher und seiner Frau Suse.

Seit Herbst 2013 berichtet das Online-Magazin Good ImpactWebseite des Online-Magazins Good Impact konstruktiv und lösungsorientiert über neue Chancen und Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen.Jonathan Widder: Mehr Optimismus wagen! Wie die Medien die negative Weltsicht der Bürger prägen. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. 29. November 2015. Seit 2014 veröffentlicht die transform Verlag gemeinnützige UG jährlich und deutschlandweit ein Printmagazin, welches seit jeher den Anspruch hat, Lösungen in den Vordergrund zu stellen, ohne Probleme zu verniedlichen und auf Kontext zu verzichten.