Gerstungen ist eine Gemeinde und ein Dorf im Wartburgkreis im Freistaat Thüringen in Deutschland.
Geografie Die Gemeinde liegt im Westen des Freistaates Thüringen unmittelbar an der Grenze zu Hessen. Nachbargemeinden im Wartburgkreis sind die Stadt Eisenach im Norden, Wutha-Farnroda und Ruhla im Osten, Bad Salzungen im Südosten und Süden und Werra-Suhl-Tal im Südwesten sowie Wildeck im Landkreis Hersfeld-Rotenburg im Westen und Herleshausen im Werra-Meißner-Kreis im Nordwesten.mini|301x301px|Naturräume Gerstungens Das Gemeindegebiet erstreckt sich nach dem Handbuch der naturräumlichen Gliederung Deutschlands mit dem Großen Armsberg (459,7 m ü. NN) vom Solzrottenwald (357.21) westlich der Werra (Richelsdorfer Gebirge) bis in den Nordwestlichen Thüringer Wald (391.0) mit dem Hirschstein (463,3 m ü. NN) am Rennsteig. Im Kern erstreckt sich das Gemeindegebiet über das nördliche Berkaer Becken (359.12), das südliche Neustädt-Hörscheler Werratal (359.13), die Suhl-Talung (359.3) um Marksuhl und das gesamte Oberellener Hügelland (359.4), das von der Elte durchflossen wird. Nach der weniger kleinteiligen Gliederung der Naturräume Thüringens liegt das Gemeindegebiet im Wesentlichen in Bad Salzunger Buntsandsteinland (2.7) mit der Werraaue-Gerstungen (6.6) sowie im Nordwestlichen Thüringer Wald (1.3.1) und seinem Zechsteingürtel (7.4).
Gemeindegliederung mini|300px|Gemeindegliederung (Einwohnerzahlen mit Stichtag 31. Dezember 2021)
Gerstungen (3.142) mit Untersuhl und Lutzberg Marksuhl mit Baueshof, Mölmeshof, Josthof und Meileshof (1.177) Lauchröden (907) Oberellen (810) mit Clausberg, Frommeshof und Hütschhof Förtha mit Epichnellen (716) Wolfsburg-Unkeroda (708) Eckardtshausen mit Wilhelmsthal (497) Unterellen (487) Burkhardtroda (268) Neustädt (247) Sallmannshausen (102) Lindigshof (80)
Geschichte mini|Marktplatz Gerstungen mit Storchenbrunnen Für die Frühgeschichte liegen keine schriftlichen Nachweise vor. Die Endung -ungen deutet, wie die ähnliche Endung -ingen, auf eine germanische Gründung hin, doch lässt sich diese nicht sicher nachweisen.
Mittelalter Eine im Codex Eberhardi, welcher aus dem 12. Jahrhundert stammt, erwähnte Schenkung Gerstungens an das 744 gegründete Kloster Fulda durch den fränkischen Hausmeier Karlmann gilt als erste urkundliche Erwähnung.
Der römisch-deutsche König und spätere Kaiser Heinrich IV. war während des Sachsenkrieges mehrmals in Gerstungen. 1074 fanden hier die Verhandlungen zwischen dem aufständischen sächsischen und thüringischen Adel und dem König statt. Schließlich wurde der Frieden von Gerstungen geschlossen. Der König musste der Zerstörung seiner Burgen in Nordthüringen und im Harz zustimmen. 1174 wurden die Herren von Gerstungen erstmals erwähnt.
Die ehemalige Burg war dreiseitig von Wassergräben geschützt. Mit ihr sicherte man zu dieser Zeit den Werraübergang, eine an der „Kurzen Hessen“ gelegene Furt.Thomas Bienert: Mittelalterliche Burgen in Thüringen. Wartberg Verlag, 2000, ISBN 3-86134-631-1, S. 324.Michael Köhler: Thüringer Burgen und befestigte vor- und mittelalterliche Wohnplätze. Jenzig-Verlag, 2001, ISBN 3-910141-43-9, S. 108–109.
Mitte des 14. Jahrhunderts wurde vom Bistum Fulda das Amt Gerstungen geschaffen, welches ab 1402 pfandweise, letztlich jedoch dauerhaft an die Landgrafen von Thüringen und in deren Folge an das Herzogtum Sachsen-Eisenach ging. Zu ihm gehörten die heutigen Ortsteile Gerstungen, Untersuhl und Neustädt. Die Orte Lauchröden, Sallmannshausen und Unterellen gehörten zum Herrschaftsbereich der benachbarten Brandenburg, sie wurden daher als zum brandenburgische Gerichte zugehörig genannt. Administrativ gehörten die drei Orte wohl zum wettinischen Amt Wartburg (Sachsen-Eisenach). Der Ort Oberellen bildete mit mehreren Höfen eine Exklave des Herzogtums Sachsen-Meiningen.
Frühe Neuzeit Infolge eines Brandes musste die Katharinenkirche 1588 erneuert werden, ihr Vorgängerbau an derselben Stelle diente auch als Burgkirche.
Als 1741 Gerstungen an Herzog Ernst August I. von Sachsen-Weimar-Eisenach kam, standen nur noch Vorwerksgebäude der Burg. Die Wasserburg war verfallen. Der neue Landesherr erwarb noch den Knobelsdorfchen Garten und vereinigte ihn mit dem Vorwerk zum Kammergut. Der Marstall wurde vergrößert und der Schlossbau geplant. Die Grundmauern der mittelalterlichen Wasserburg dienten dem Aufbau des Schlosses im 17. und 18. Jahrhundert, das später Sitz des Amtes Gerstungen war und heute Heimatmuseum ist.Heiko Laß: Jagd- und Lustschlösser des 17. und 18. Jahrhunderts Michael Imhof Verlag 2006, ISBN 3-86568-092-5, S. 318–319.
20. Jahrhundert Während des Zweiten Weltkrieges mussten 550 sowjetische Kriegsgefangene beim Bau der Autobahnbrücke über das Weihetal Zwangsarbeit verrichten. Weitere 90 Arbeitskräfte waren bei kleineren Firmen und in der Landwirtschaft eingesetzt, 53 Kriegsgefangene wurden nach Oberellen zugewiesen. An 107 Todesopfer der Zwangsarbeit erinnert seit 1977 ein Mahnmal auf dem Friedhof von Untersuhl.Thüringer Verband der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten und Studienkreis deutscher Widerstand 1933–1945 (Hrsg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933–1945, Band 8: Thüringen. Verlag für Akademische Schriften (VAS), Frankfurt am Main Erfurt 2003, ISBN 3-88864-343-0, S. 323.
Am 20. Juli 1944 erfolgte ein US-amerikanischer Luftangriff mit 226 Sprengbomben auf den Bahnhof von Gerstungen und seine Umgebung. Unter der Einwohnerschaft gab es elf Tote und mehrere Verletzte. Am Bahnhofsgebäude und an den Gleisanlagen entstand erheblicher Schaden. Unter anderem wurde das Fünffamilien-Beamtenhaus am Schwarzen Weg zerstört.Werratal-Museum Gerstungen (Hrsg.): II. Weltkrieg im Werratal.Gerstungen 2020.
Am 13. September 1944 stürzte bei Neustädt beim Versuch einer Notlandung ein amerikanischer Bomber vom Typ B-17 „Flying Fortress“ ab. Acht Besatzungsmitglieder kamen bei der Explosion ums Leben, einer konnte sich retten.
Am 27. September 1944 lag das Zentrum der „Luftschlacht von Thüringen“ zwischen den Gemeinden Gerstungen, Herleshausen, Lauchröden und Richelsdorf. Dabei wurden insgesamt 30 viermotorige US-Bomber vom Typ B-24 „Liberator“ abgeschossen, viele stürzten in der Region ab. Auch 29 deutsche Jagdflugzeuge gingen verloren.
Die US-Armee besetzte Gerstungen nach Artilleriebeschuss und Tieffliegerangriffen ohne Widerstand am 1. April 1945. Die meisten Einwohner waren in den Wald oder die übrige Umgebung geflüchtet. Aus dem „Forst“ beschoss eine deutsche Flak-Einheit die Amerikaner beim Übergang über die teilweise gesprengte Werra-Brücke. Acht der bei dem Kampf gefallenen Wehrmachtsoldaten wurden auf dem Gerstunger Friedhof beigesetzt. Die Gräber wurden zur DDR-Zeit in den 1970er Jahren eingeebnet.Rainer Lämmerhirt: Der Kampf um die Werralinie. Verlag Rockstuhl, Bad Langensalza. 2. Auflage 2005, ISBN 3-937135-64-2. S. 52.
Anfang Juli 1945 wurde Gerstungen, wie ganz Thüringen, von den Amerikanern an die Rote Armee übergeben. Damit wurde es Teil der SBZ und 1949 der DDR. Ab 1961 lag Gerstungen im 5-Kilometer-Sperrgebiet an der Zonengrenze.
Der Bahnhof Gerstungen war von 1963 bis 1990 der drittgrößte Grenzbahnhof der DDR. Er wurde ab 1961 vom Rangier- zum Kontrollbahnhof ausgebaut, einschließlich von Gleissperren. Im September 1961 hatte das ZK der SED die Anweisung zum Bau der Reichsbahn-Ausweichstrecke Gerstungen–Förtha (13 km) erteilt, damit nicht mehr der Thüringer Zipfel mit Fluchtmöglichkeit für DDR-Bürger durchfahren werden musste.Dieter Schneberger: Am Bahnknoten Bebra keimte fünfmal jeden Tag Hoffnung. Zugverkehr im „Kalten Krieg“. In Gerstungen wird Rangierbahnhof zu Kontrollzwecken umgebaut. Thüringische Landeszeitung, 13. August 2011.
Eingemeindungen Untersuhl wurde am 1. Januar 1960 eingemeindet.Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Gemeinden 1994 und ihre Veränderungen seit 01.01.1948 in den neuen Ländern. Verlag Metzler-Poeschel, Stuttgart 1995, ISBN 3-8246-0321-7. Neustädt und Sallmannshausen folgten am 8. März 1994. Am 16. März 2004 wurden die ehemals selbständigen Orte Lauchröden, Oberellen und Unterellen eingemeindet.StBA: Änderungen bei den Gemeinden Deutschlands Am 6. Juli 2018 wurden die Gemeinden Marksuhl und Wolfsburg-Unkeroda eingemeindet. Durch die Fusion mit den Gemeinden Marksuhl und Wolfsburg-Unkeroda ist Gerstungen die flächengrößte und mit rund 9000 Einwohnern einwohnerreichste Gemeinde Thüringens ohne Stadtrecht.
Einwohnerentwicklung Entwicklung der Einwohnerzahl: Datenquelle: ab 1994 Thüringer Landesamt für Statistik – Werte vom 31. Dezember 1994: 4.019 1995: 4.042 1996: 4.057 1997: 4.054 1998: 3.957 1999: 3.910 2000: 3.911 2001: 3.885 2002: 3.859 2003: 3.863 2004: 6.344 2005: 6.324 2006: 6.290 2007: 6.194 2008: 6.114 2009: 6.077 2010: 6.033 2011: 6.003 2012: 5.872 2013: 5.829 2014: 5.856 2015: 5.896 2016: 5.815 2017: 5.763 2018: 9.165 2019: 9.100 2020: 9.034 2021: 9.026 2022: 9.054 2023: 8.956 2024: 8.884
Politik mini|Das Rathaus in Gerstungen Gemeinderat Der Gemeinderat in Gerstungen setzt sich nach den Kommunalwahlen in Thüringen 2024 aus 20 Ratsmitgliedern zusammen:
CDU: 8 Sitze Wählergemeinschaft Bürger für die Gemeinde: 5 Sitze Liste für alternative Demokratie: 1 Sitz Wählergemeinschaft Bürger für Vernunft: 1 Sitz Wählergemeinschaft Pro 12: 5 Sitze (Stand: Kommunalwahl am 26. Mai 2024)
Nach der Eingemeindung der Gemeinden Marksuhl und Wolfsburg-Unkeroda im Juli 2018 wurde ein Übergangsgemeinderat gebildet, dem 32 Mandatsträger angehörten. Dieser bestand bis zur Gemeinderatswahl 2019.Katja Schmidtberger: größte Flächengemeinde im Kreis steht vor großen Aufgaben, Thüringer Allgemeine/Eisenacher Allgemeine vom 18. August 2018, online aufgerufen am 23. August 2018
Bürgermeister Bei der Bürgermeisterwahl am 10. April 2022 konnte sich weder die Amtsinhaberin Sylvia Hartung (SPD/FW, 40,4 %) noch die beiden Herausforderer Denny Schmidt (FDP, 20,2 %) und Tim Rommert (Bürger für die Gemeinde, 39,4 %) durchsetzen. In der Stichwahl setzte sich Tim Rommert mit 54,5 % zu 45,5 % gegen Sylvia Hartung durch. Ende Oktober 2023 gab Rommert seinen Rücktritt zum Ende des Jahres öffentlich bekannt."Gerstungens Bürgermeister Tim Rommert tritt zurück", Thüringer Allgemeine vom 30. Oktober 2023 In der Neuwahl am 25. Februar 2024 wurde Daniel Steffan (CDU) mit 70,4 Prozent der Stimmen zum Gerstunger Bürgermeister gewählt.
Wappen
Flagge Die Flagge der Gemeinde Gerstungen ist weiß mit grünen Flanken und trägt das Gemeindewappen.§ 2 der Hauptsatzung der Gemeinde Gerstungen (PDF).
Dienstsiegel Das Dienstsiegel trägt die Umschrift im oberen Halbbogen „WARTBURGKREIS“, im unteren Halbbogen „Gemeinde Gerstungen“ und zeigt das Gemeindewappen.
Gemeindepartnerschaft Breitenau am Hochlantsch (Steiermark in Österreich)
Wirtschaft und Infrastruktur mini|Gewerbegebiet Unterellen Gewerbegebiete In Gerstungen gibt es Betriebe der Metall verarbeitenden Industrie, der Herstellung von Baustoffen und Kunststofferzeugnissen, der Holzverarbeitung, elektrotechnische Teilefertigung und Dienstleistungsbetriebe. Die ae group ag, ein Zulieferer für die Automobilindustrie, hatte bis 2025 ihre Firmenzentrale in Gerstungen. Im Kernort Gerstungen, als wichtigstem Gewerbestandort, gibt es fünf Gewerbegebiete und ein Industriegebiet. Ein sechstes Gewerbegebiet ist in Planung. Das größte Gewerbegebiet Oberhalb der Bahn mit einer Gesamtfläche von etwa 24 Hektar liegt am nordwestlichen Ortsrand von Gerstungen, das Gewerbegebiet Auf der Höhe mit einer Gesamtfläche von 11,2 Hektar befindet sich am westlichen Ortsrand von Untersuhl.