Die Nazareth-Konferenzen waren der Anfang eines Projektes von Psychoanalytikern aus England, Israel und Deutschland, dessen Gründungsväter und -mütter sich vorgenommen hatten, zur Lösung von Konflikten beizutragen, die sich zwischen nationalen Gruppen entwickelt haben. Die Konfliktursachen wurden in kollektiven Vorurteilen und Ressentiments angenommen. Ziel der Konferenzen war – und ist es für die Folgeprojekte bis heute –, dieser Vorurteile und Ressentiments gewahr zu werden und – bestenfalls – sie aufgeben zu können. Desmond Tutu verglich die Konferenzen in seinem Vorwort zur deutschen wie englischen Ausgabe des Buches über die Nazareth-Konferenzen mit der nach dem Ende der Apartheid in Südafrika eingerichteten Kommission für Wahrheit und Versöhnung (TRC), deren Vorsitz er innehatte.
Geschichte Es sind lange Wege, die einzelne Psychoanalytiker und die sie vertretenden Organisationen – zusammengeschlossen in der International Psychoanalytical Association (IPA) – zurückgelegt haben, bis die erste der drei Konferenzen unter dem Namen Nazareth-Konferenzen 1994 stattfinden konnte. Die Wurzeln reichen zurück bis in das Jahr 1934, als Max Eitingon nach seiner Flucht aus Deutschland die Palästinensische, heute Israelische Psychoanalytische Gesellschaft gründete. Aus ihren Reihen kam ein Teil der diese Konferenzen ins Leben rufenden Psychoanalytiker.
Eine zweite Linie der Geschichte des Projektes nahm 1957 in England ihren Anfang. Dort begann das Tavistock-Institut, die später sogenannten Leicesterkonferenzen zu entwickeln, ein „empirisches Experiment über Gruppenbeziehungen“, das teils psychoanalytische Konzepte, teils solche aus der „Theorie offener Systeme“ einsetzte.
1977 fand, erstmals nach dem Krieg und der Zeit des Nationalsozialismus, der in zweijährigem Turnus abgehaltene Kongress der IPA in Jerusalem statt. Die Ereignisse auf diesem Kongress setzten in Deutschland wie Israel Prozesse der Auseinandersetzung in Gang, die 1985 in beiden Ländern sichtbare Folgen haben sollten. In Jerusalem erlitt die deutsche Gruppe 1977 eine zwar kränkend erlebte Zurückweisung ihres Wunsches, einen nächsten Kongress – ebenfalls erstmals nach dem Holocaust – in Berlin auszurichten, nutzte diese Kränkung aber für einen intensiven Prozess der Selbstreflexion. An dessen Beginn stand die Einsicht in die „Illusion einer unschuldigen Tradition und Geschichte“. Das Ergebnis wurde bei dem 34. Kongress der IPA 1985 in Hamburg in einer begleitenden Ausstellung vorgestellt, die den selbstreflexiven Prozess nachvollzog.
Im selben Jahr wurde in Israel als Ergebnis des Bemühens um Selbsterkenntnis nach dem Jerusalemer Kongress die OFEK gegründet, eine Organisation, die sich dem Studium von Gruppenprozessen mit Hilfe der Leicesterkonferenzen widmet. Mit Unterstützung und unter Leitung von Eric Miller aus dem Tavistock-Institut in London wurden mit der OFEK in Israel eigene Gruppenbeziehungskonferenzen etabliert.
Bald nach dem IPA-Kongress 1985 in Hamburg und durch ihn angeregt, schlugen Rafael Moses und seine Frau Rina Moses-Hrushevski in Israel eine Forschungsgruppe vor, die selbstreflexive Prozesse beider Gruppen in Gegenwart der jeweils anderen initiieren sollte. Die Entscheidung, dieses Wagnis einzugehen und das Projekt auf den Weg zu bringen, fiel in der Wohnung des Ehepaares Moses, wie Shmuel Erlich, der damals dabei war, erwähnte. Aber weitere 9 Jahre – und das Scheitern mit einem ersten Anlauf – gingen ins Land, ehe die erste Konferenz 1994 in Nazareth endlich stattfinden konnte.
Weil manche die deutschen Juden auf der ersten und zweiten Konferenz schmerzlich vermissten, wandte sich Shmuel Erlich, ein gebürtiger Frankfurter, 1999 kurz vor der dritten Konferenz in einem Offenen Brief an sie, in dem er sie zur Teilnahme ermutigte. Zu dem Weg der deutschen Psychoanalytiker in diese Konferenzen gehörten Hermann Beland zufolge einerseits die „nach wie vor kollektiv wirksam(e)“ Abwehr der Deutschen gegen eine „Vergegenwärtigung des Holocaust“ sowie andererseits der Mangel an einer „überzeugende(n) Einsicht in den Wahnsinn, warum die Deutschen dies (den Holocaust, Anm. d. Verf.) wollten“. Ausführlich beschreibt er die Irrungen und Wirrungen – eigene und die eines Teils der deutschen Gruppe –, die schließlich in eine Beteiligung an diesem Projekt mündeten. Bis 2007 dauerte es, bis zum ersten Mal seit 1922 wieder in Berlin ein Kongress der IPA möglich war.
mini|links|Konferenzort 2000 in Bad Segeberg mini|Konferenzort seit 2004 in Platres/Zypern Direktor der staff genannten Supervisoren-Gruppe war für die ersten drei Konferenzen 1994 und 1996 in Nazareth und 2000 in Bad Segeberg Eric Miller. Sein unerwarteter Tod im Jahr 2002 bewirkte eine Zäsur, ebenso wie im selben Jahr der Tod von Rafael Moses, der von Anbeginn Mitglied des staff war. 2004 ging es auf Zypern mit der vierten und 2006 mit der fünften Konferenz weiter: unter neuem Namen, mit neuem Design und mit Anton Obholzer als neuem Direktor. 2007 wurde die PCCA gegründet – Partners in Confronting Collective Atrocities –, eine non-profit Organisation, mit der sich die Gründer der Nazareth-Konferenzen eine auch nach außen sichtbare Struktur gegeben haben. Ab 2008 übernahm sie fortan die Federführung für die Konferenzen. Im selben Jahr nahmen erstmals Palästinenser teil und in der darauffolgenden Konferenz 2010 waren sie mit Nimer Said auch im staff vertreten.
Im Jahr 2019 wurde die veranstaltende Organisation PCCA mit dem Sigourney Award für die Entwicklung und erfolgreiche Erprobung der angewandten Methode geehrt.
Aufgabe und Design Der Titel der drei Nazareth-Konferenzen – „Germans and Israelis: The Past in the Present“ – war zugleich Programm. Er sprach zwei nationale Gruppen an und schlug vor, die Vergangenheit der Beziehung beider Zielgruppen zueinander in der Gegenwart zu erkennen. Damit wurden die Konferenzen zu einem Ort, an dem individuelle und Gruppenidentitäten einander begegnen konnten und Gelegenheit gegeben wurde, die Chancen und Risiken einer solchen Begegnung auszuloten. Es galt herauszufinden, wie das aktuelle Verhältnis zur anderen Gruppe durch die Zugehörigkeit zur eigenen und wie die Gegenwart dieses Verhältnisses durch die Vergangenheit beeinflusst wurde. Zwar war beabsichtigt, dabei auch den zugrunde liegenden, unbewussten Fantasien auf die Spur zu kommen, dennoch war das Ziel kein therapeutisches, sondern Lernen im Augenblick der Begegnung. Um sich dieser schwierigen Aufgabe ungestört vom Alltag der Teilnehmer widmen zu können, stellte das Design der Konferenzen einen sicheren Rahmen zur Verfügung. Members und staff, wie es auf der Konferenz hieß, lebten gemeinsam in einem Haus und arbeiteten für 6 Tage am Thema. Konferenzsprache war Englisch. Der Gebrauch der eigenen nationalen Sprache war zulässig, aber nur sofern alle Anwesenden diese Sprache beherrschten. Durch all dies sollte es möglich werden, nach und nach die eigene Rolle, die in der Konferenz in Anwesenheit der Anderen eingenommen wurde, wahrzunehmen und zu erkunden, wie sie durch frühere und aktuelle seelische und soziale Prozesse beeinflusst war.
Teilnehmer mini|Partners in Confronting Collective Atrocities (Staff: 2011). Vorn: Hermann Beland/DE, Shmuel Erlich/IL, Dorothee C. von Tippelskirch-Eissing/DE, Louisa Diana Brunner/IT, Anton Obholzer/UK. Mitte: Mira Erlich-Ginor/IL. Hinten: Jona Rosenfeld/IL, Fakhry Davids/UK, Veronika Grüneisen/DE, Karin Lüders/DE. Da die Konferenzen von Anbeginn als ein mutiges und riskantes Unternehmen eingeschätzt und von Psychoanalytikern geplant waren, erging die Einladung zunächst an eine Art geschlossene Gesellschaft: über verschiedene psychoanalytische Fachverbände an deren Mitglieder. Das änderte sich später. Teilnehmer waren Angehörige der Gruppen im Konflikt und Angehörige des staff. Dem staff oblag das Management der Konferenz, er übernahm die Verantwortung für den Rahmen, sicherte also die Grenzen von Raum, Zeit und Aufgabe; er stellte systematisch oder bei Bedarf abzufordernde Berater, sogenannte consultants, bereit und bot Arbeitshypothesen an über das, was gerade geschah. Zugleich war er nicht externer Beobachter, sondern selbst durch die beteiligten Individuen und als Gruppe in den Gesamtprozess involviert.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen, wie sich herausstellte, nicht nur aus Deutschland und Israel, so dass sich die im Titel angedeutete „Zweiteilung der Welt“ als „Fantasie seitens der Planer“ erwies. Die größte Altersgruppe stellten Angehörige der sogenannten zweiten Generation. Aber auch einige aus der vorausgehenden und Angehörige der nachfolgenden Generation waren vertreten.
Zwar waren für die Teilnahme Deutsche und Israelis eingeladen, in ihrer Identität fühlten sie sich dadurch aber oft nicht angemessen wahrgenommen. Die Frage der Identität war zentral, besonders für die Israelis, denn diese Frage war es, die in der Vergangenheit darüber entschieden hatte, wer leben durfte. Allen Beteiligten war klar, was schließlich Worte fand: „Unsere Eltern würden hier nicht zusammen sitzen“.
Struktur und Methode Die einzelnen Teilnehmer standen mit ihrer Geschichte nur scheinbar im Fokus der Betrachtung. Sie konnten versuchsweise wie Repräsentanten ihrer Gruppe betrachtet werden und gaben dadurch Gelegenheit, das Individuelle als bedeutsamen Teil der Gruppenkonflikte zu verstehen. In dem Versuch, Lösungen für diese Gruppenkonflikte zu erarbeiten, wurden verschiedene Gruppenprozesse initiiert und studiert. Wegweisende Arbeitshypothese war, dass den unlösbar erscheinenden Gruppenkonflikten bewusste und unbewusste Haltungen, Gefühle, Reaktionsbereitschaften und Fantasien zugrunde lagen, die nicht selten identitätsstiftend und deshalb schwer aufzugeben waren. Allein die Wahrnehmung dessen ging mit heftigen Affekten einher und setzte bei den Teilnehmern eine hohe Bereitschaft zur Affekttoleranz voraus.
Der Aufgabe der Konferenzen entsprechend, ein tieferes Verständnis von den individuellen und kollektiven Ursachen der Gruppenkonflikte zu erlangen und dadurch die Voraussetzung zu ihrer Lösung zu schaffen, stellte die Methode ein System verschiedener Gruppenkonstellationen bereit, die entweder experimentellen oder reflexiven Charakter hatten. In den einen sollten Erfahrungen im Hier und Jetzt gesammelt und in den anderen ausgewertet werden. Soweit die Erfahrungen einer vorausgehenden Konferenz Veränderungen am Design nahelegten, wurde es entsprechend angepasst. Bis zur dritten Konferenz hatte sich das System der verschiedenen Gruppen zunächst konsolidiert. Plenum, Review- und Application-Group sollten helfen, reflexive Prozesse auf den Weg zu bringen, Small-Study-Group und insbesondere das System Event boten Raum für Erleben, Gestalten und Erfahren, also Begegnung mit sich selbst und anderen. Insgesamt 33 ½ Arbeitsstunden verteilten sich auf 6 Tage – auch am Sabbat. Die Application-Group wurde später aufgegeben.