Menschenführung ist in der Sozialpsychologie ein soziales Verhalten von Personen oder Personenvereinigungen, andere Personen oder Gruppen durch Führung in eine gewünschte Richtung (Führungsziel) zu beeinflussen oder zu leiten.
Menschenführung ist eine Unterart der Führung, zu deren Dimensionen noch Lebensführung und Unternehmensführung gehören.Cay von Fournier: Die 10 Gebote für ein gesundes Unternehmen. 2010, S. 28. (google.de) Dabei ist die Lebensführung meist eine Selbstführung.
Arten Personalführung betrifft das Personal von Unternehmen, Institutionen oder sonstigen Organisationen. Teamführung bezieht sich auf Gruppen, Individualführung auf einzelne Personen (Individuen).
Führung ┌─────────────┴────┬────────────┐ Lebensführung Menschenführung Unternehmensführung ┌────┴────┐ Personalführung Teamführung
Menschenführung ist sowohl ein Forschungsbereich als auch eine praktische Fähigkeit, die die Fähigkeit eines Einzelnen, einer Gruppe oder Organisation umfasst, andere Einzelpersonen, Teams oder ganze Organisationen zu „führen“ oder zu beeinflussen.Georg Marschner: Menschenführung. In: Wilhelm Arnold, Hans Jürgen Eysenck, Richard Meili (Hrsg.): Lexikon der Psychologie. Band 2, 3. Auflage. Freiburg i.Br. 1987, ISBN 3-451-08500-3, Sp. 1359 f. In der humanen Ethik ist sie der begründete Versuch, durch eine Führungskraft steuernd und richtungsweisend auf eigenes und fremdes Handeln mit geeigneten Führungstechniken einzuwirken, um deren Vorstellung von den Führungszielen zu verwirklichen. Führung ist eine Methode, „geführte“ Menschen für die gesetzten Ziele zu motivieren und auf den Weg der Erfüllung der Ziele mitzunehmen, für den gemeinsamen Erfolg. Der Führungsprozess ist eine „ständige und sich wiederholende Begleitung“ der Geführten. Als Geführte können im Rahmen der Individualführung einzelne Personen, aber auch Personengruppen genannt werden.Oswald Neuberger: Führen und führen lassen. 6. Auflage. Stuttgart 2002, ISBN 3-8252-2234-9, Vorwort. Bei Arbeitsgruppen oder Schülergruppen wird auch der speziellere Begriff Teamführung genutzt. Bezieht sich in der Arbeitswelt die Führung auf die Gesamtheit aller Mitarbeiter, dann wird von PersonalführungJürgen Weibler: Personalführung. 3. Auflage. München, 2016, ISBN 978-3-8006-5171-9. oder MitarbeiterführungHartmut Laufer: Grundlagen erfolgreicher Mitarbeiterführung. 6. Auflage. Speyer, 2009, ISBN 978-3-89749-548-7.Uta Rohrschneider: Praxishandbuch Mitarbeiterführung. Haufe Mediengruppe, Freiburg 2010, ISBN 978-3-648-00334-3. gesprochen. Diese Führungsformen werden im englischen Sprachraum als „leadership“ bezeichnet.
Die Menschenführung vollzieht sich vor dem Hintergrund verschiedener gesellschaftlicher Kontexte wie Familie, Schule, Hochschule, Politik, Wirtschaft, Militär, Polizei und Sport innerhalb oder außerhalb einer Institution oder Organisation.Lutz von Rosenstiel: Grundlagen der Organisationspsychologie. 6. Auflage. Stuttgart 2007, ISBN 978-3-7910-2523-0. Zwingend wird Führung beim Militär erachtet, aufgrund der besonderen Zielsetzung der gewaltsamen Durchsetzung von Zielen bei bestehender akuter Bedrohung. Gleichzeitig wird die militärische Führung durch moderne Erkenntnisse der Menschenführung und durch Erkenntnisse über die Wirksamkeit der Motivation moderiert. Das im 20. Jahrhundert arg strapazierte Führerprinzip wurde seit Mitte des Jahrhunderts jedoch im Grundsatz wegen seines impliziten Anspruchs absoluter Macht in der Gesellschaft überall sonst abgelöst.
In der modernen Industriegesellschaft steht insbesondere das Leitungsprinzip einer Organisation im Vordergrund. Es stellt die Person des Leiters als eines (vorlaufend) Wissen, (initial) Auftrag und (begleitend) Arbeitsmotivation vermittelnden Mitglieds einer Gruppe mit definierter Entscheidungsgewalt vor. Je nach intellektueller und sozialer Kompetenz der Leitungspersonen verändert sich die herausgehobene Stellung im Selbstverständnis des Leiters oder auch im Verständnis der als „Gruppe“ oder „Personal“ Geführten von der Leitungsperson zur Führungskraft.
Insbesondere in der konsequenten Anwendung einer humanen Ethik besitzt die Führungsaufgabe ein besonderes Gewicht. Nicht allein die sachbezogene Leitung einer Gruppe und ihrer Maximen des Handelns, sondern eine vorbildliche Führung der Leitungsperson selbst und die Führung der von ihr geleiteten Menschen nach ethischen Leitlinien begründet die Menschenführung. Daraus gewinnt der die Menschen Führende eine Legitimation, welche konsequent führendes Einwirken auf das Handeln der Gruppenmitglieder im Sinne einer ethischen Norm nicht nur toleriert, sondern aufgrund der ethischen Autorität eben autorisiert. Menschenführung bedeutet in diesem Zusammenhang auch Leitung, Macht und Vorbildfunktion.
In der Weltgeschichte gibt es auch andere Auffassungen zur Legitimation von Führung. In einem faschistisch geprägten Weltbild war die Führung in der „Vorsehung“ gegründet. Im Stalinismus sieht sich die Führung als legitime Führungselite und die Anarchisten lehnen die Herrschaft durch selbsternannte Eliten total ab.
Zur Menschenführung werden – abgestuft nach Anzahl der Geführten – die Personalführung, Teamführung und Individualführung gerechnet.
Begründung Die Attributionstheorie der Psychologie liefert Erklärungsmodelle für wiederkehrende Strategien der vereinfachenden Beschreibung komplexer sozialer Zusammenhänge in Industrie und Gesellschaft.Richard J. Gerrik, Philip G. Zimbardo: Psychologie. 18. Auflage. München 2008, ISBN 978-3-540-64633-4, S. 637 f. Der anthropologische Begründungsversuch behauptet, dass Menschen geführt werden müssen und dass Menschen geführt werden wollen. Diese erste Begründung schließt Menschen aus, die sich nicht führen lassen wollen und sich auch so äußern. Es wird übersehen, dass individuelle Selbstbestimmung keineswegs impliziert, einem von Dritten erklärten höherwertigen Ziel zuzustreben oder gar zustreben zu müssen.
Der zweite Begründungsversuch zur Erklärung der Entstehung des Führungsphänomens ist funktionaler Art. Angenommen wird zunächst, dass viele Problemlösungen ein gemeinsames Tun erfordern. Im Rahmen einer solchen Wechselwirkung entsteht jedoch ein Koordinationsbedarf, der mit der Anzahl der Menschen an der gemeinsamen Problemlösung steigt. Neben der Möglichkeit einer Kooperation durch Handlungskoordination mit Diskussion und Konsensfindung bietet sich zur Bewältigung des gegebenen Koordinationsbedarfs „Führung“ als Handlungskoordination an. Der funktionale Begründungsversuch besteht in der Führung aus einem gegebenen Koordinationsbedarf von Menschen im Rahmen gemeinsamer Problemlösungsversuche. Dabei wird jedoch die Differenzierung der Motivationstheorie in Leitung und Führung übersehen.
Akzeptanz Insbesondere bei der Menschenführung in Organisationen ist ein genaueres Verständnis der Führung von zentraler Bedeutung. Führung unterscheidet sich von einer Leitungsfunktion. Der Vorgesetzte (oder auch Leiter) hat Rechte und Pflichten allein durch seine Position im Gegensatz zu einer Führungsperson. Diese bedarf der Anerkennung und Akzeptanz durch die Geführten. Führung liegt nur vor, wenn der unternommene Einflussversuch durch den Führer auf die zu Beeinflussenden von diesen akzeptiert wird und sich in ihrem Verhalten niederschlägt. Führung ist dabei nicht der Beeinflussungsversuch selbst, sondern muss als „akzeptierter Beeinflussungsversuch“ im Verhalten der zu Beeinflussenden zum Ausdruck kommen.
Das Kriterium der Anerkennung und Akzeptanz erst ermöglicht die Unterscheidung zwischen einem Vorgesetzten (engl. headship) und einer Führungskraft (engl. leadership). Eine beliebige Person kann formal Vorgesetzter einer anderen Person sein, muss aber nicht zwangsläufig als Führer akzeptiert werden. Die Akzeptanz kann sich aus einem entsprechenden Charisma ergeben oder durch Leistung erarbeitet sein.
In diesem Zusammenhang ist die deutsche Redewendung Der Fisch stinkt vom Kopf zu erwähnen. Damit soll darauf hingewiesen werden, dass die Verantwortung für Probleme von Amts wegen oft bei den Entscheidungsträgern liegt.Holger Fröhlich: Der Fisch stinkt vom Kopf – Eine kleine Kulturgeschichte der Führung In: Brand eins, 10/2022, abgerufen am 12. Oktober 2022.
Führungstheorien Führungstheorien sind die Gesamtheit aller mit wissenschaftlichen Methoden entwickelten Theorien, die – vorwiegend auf betriebswirtschaftlichen und sozialpsychologischen Grundlagen – Ergebnisse der Führungsforschung in ein einheitliches System von Begriffen und Aussagen bringen.Gablers Wirtschafts-Lexikon. Band 2, Verlag Dr. Th. Gabler, 1984, ISBN 3-409-30333-2, Sp. 1630. Führungstheorien sind Theorien, die sich mit der Führung durch Führungskräfte befassen, ohne Rücksicht auf die praktische Anwendbarkeit zu nehmen. In den letzten Jahren sind viele Arbeiten zur Führungsforschung von unterschiedlichen Fachrichtungen durchgeführt worden. Gleichzeitig wird bei der Durchsicht der Führungsliteratur die Schwierigkeit deutlich, die Inhalte der Menschenführung einheitlich zu fassen. Führung ist ein „multifaktorelles“ Geschehen, zu dessen Verständnis man bei verschiedenen Faktoren ansetzen kann: Führungskraft, Geführte, Aufgaben, Organisation, Umwelt. Um diese komplexen Zusammenhänge angemessen verarbeiten zu können, wurden in der Führungsforschung verschiedene Führungstheorien entwickelt. Unter Beachtung der Theoriedefinition der WissenschaftstheorieHans Albert: Theorien in den Sozialwissenschaften. In: Hans Albert (Hrsg.): Theorie und Realität. 2. Auflage. Tübingen 1992, S. 3–25. sollte von Führungsansätzen gesprochen werden.
Insbesondere sind die Eigenschaftstheorie, Verhaltenstheorie, Situationstheorie, Interaktionstheorie oder Kollektivtheorie als wesentliche Führungstheorien zu erwähnen.Rüdiger Pieper: Lexikon Management. 1992, S. 127. (google.de)Rolf Wunderer: Führung und Zusammenarbeit. 8. Auflage. Stuttgart 2009, ISBN 978-3-472-08062-6, Kapitel D.Wolfgang H. Staehle, Peter Conrad, Jörg Sydow: Management. 8. Auflage. München 1999, ISBN 3-8006-2344-7, S. 347 ff.
Eigenschaftstheorie Sie geht davon aus, dass der Führungserfolg eine Funktion bestimmter Persönlichkeitsmerkmale (Führungseigenschaften) und der Qualifikation der Führungskraft ist.Lutz von Rosenstil: Personalistische Führungstheorie. In: Fritz Neske, Markus Wiener (Hrsg.): Management-Lexikon. Band II, 1985, ISBN 3-88640-009-3, S. 464 f.Günther Schanz: Personalwirtschaftslehre. 3. Auflage. München 2000, ISBN 3-8006-1718-8, S. 661. Sie ist die Grundlage für die weitverbreitete Praxis, künftige Führungskräfte durch Eignungstests herauszufiltern.
Ein erstes Beispiel für einen eigenschaftsorientierten Ansatz sind die Vorstellungen, die aus der Great-Man-Theorie des 19. Jahrhunderts hervorgingen. Eine erste Übersichtsarbeit aus der Nachkriegszeit von verschiedenen Untersuchungen zu Führungseigenschaften kam zum Ergebnis, dass die Korrelationen zwischen Eigenschaften und Führungserfolg gering sind.Ralph Melvin Stogdill: Personal Factors Associated with Leadership: A Survey of the Literature. In: Journal of Psychology. Band 25, Nr. 1, 1948, S. 35–71. Eine moderne, systematischere Meta-Analyse zeigte ebenfalls, dass Unterschiede in den Eigenschaften nur in bescheidenem Umfang den Führungserfolg vorhersagen konnten.
Eine Meta-Analyse von 2008 konnte zeigen, dass Kreativität für Führung von Bedeutung ist. Laut dieser systematischen Überblicksstudie aus 27 Studien mit insgesamt über 47.000 Personen korreliert die Fähigkeit zu divergentem Denken mit Leistungen und Erfolgen auf dem Gebiet der Führung.
Verhaltensansatz