Remigration (von „zurückwandern“, „zurückkehren“), auch Rückwanderung oder Rückkehrmigration, bezeichnet den Teil eines Migrationsprozesses, bei dem Menschen nach einer beträchtlichen Zeitspanne in einem anderen Land oder einer anderen Region in ihr Herkunftsland oder ihre Herkunftsregion zurückkehren. Remigration findet in umgekehrter Richtung zur vorangegangenen Migration statt. Der Begriff wurde von der Neuen Rechten als Kampfbegriff und Euphemismus für Vertreibung und Deportation etabliert. Eine Jury wählte ihn zum „Unwort des Jahres 2023“ in Deutschland.

Definition mini|300px|Situationsdarstellung nach Russell King Der Begriff steht für die Rückkehr in einem engeren oder weiteren Herkunftskontext der Migration meist am Ende einer Wanderungskette. Üblicherweise wird von Remigration nur innerhalb der Biografie einer einzelnen Person gesprochen.Die Definition folgt Sarah Scholl-Schneider: Remigration, in: Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Stand 2015. Die Remigration der Nachfahren wird unter dem Terminus „Remigration der 2. Generation“ in der Migrationssoziologie behandelt.Dennis Conway, Robert B. Potter: Return Migration of the Next Generations – 21st Century Transnational Mobility. Ashgate Publishing, 2009, ISBN 978-0-7546-7373-6, S. 3. Der Ursprungsort kann ein Haus, Dorf, eine Region, ein Nationalstaat oder Kontinent sein.Julia Pauli: Return migration. In: Handbook of Culture and Migration. Hrsg.: Jeffrey H. Cohen, Ibrahim Sirkeci Edward Elgar Publishing. Cheltenham, 2021, ISBN 978-1-78990-346-1, S. 97.

Formen und Perspektiven Bis in die 1960er Jahre wurde die Remigration kaum erforscht, da es keine befriedigende Datengrundlage gab und die Migrationsforscher sich auf andere Aspekte der Migration konzentrierten.Russell King (Hrsg.): Return Migration and Regional Economic Problems. Croom Helm, 1986, ISBN 0-7099-1578-0, S. 1 f.

Man kann zwischen der freiwilligen und erzwungenen Rückkehr unterscheiden: Die Remigration kann durch einen Migranten selbst initiiert oder aber auch erzwungen sein. Im Kontext der staatlich erzwungenen Rückkehr werden die Begriffe „Rückführung“, „Abschiebung“, „Ausweisung“ oder „Deportation“ gebraucht.Edda Currle: Theorieansätze zur Erklärung von Rückkehr und Remigration. In: soFid Migration und ethnische Minderheiten, Heft 2/2006, S. 7. Auch bei der freiwilligen Rückkehr können staatliche Institutionen oder Nichtregierungsorganisationen beteiligt sein, die die Remigration bzw. Reintegration organisatorisch und/oder finanziell unterstützen.

Der italienische Soziologe Francesco P. Cerase kam 1974 anhand einer Untersuchung der Remigration italienischer Auswanderer aus den USAFrancesco P. Cerase: Expectations and Reality: A Case Study of Return Migration from the United States to Southern Italy. In: International Migration Review 8 (1974), Heft 2, S. 245–262, doi:10.2307/3002783. zu einer Typisierung der Remigration, die in der Migrationsforschung bis heute verbreitet ist.Russell King: Handbook of return migration. S. 5. + Typologie nach CeraseRussell King: Return Migration and Regional Economic Problems. 1986, S. 14 f.KlassifikationRemigration nach JahrenOrientierungFehlschlag der Migration<5HerkunftsortBewahrung der Identität5–10Rückkehr zur Innovation10–20AuswanderungsortHeimkehr zum Ruhestand>20keine Rückkehr

Bei einer Remigration nach kurzer Zeit spricht er von einem Fehlschlag der Migration und nennt als mögliche Gründe Anpassungsschwierigkeiten und das Fehlen adäquater Erwerbsmöglichkeiten. Eine Remigration zur Bewahrung der Identität findet statt, nachdem sich der Auswanderer eingerichtet hat, eventuell genügend erspart hat und seine Heimatkultur bewahren und sogar im Herkunftsort pflegen will. Deshalb spricht man auch von Rückkehr aus Konservatismus. Als eine Rückkehr zur Innovation bezeichnet er die Rückwanderung nach langem Aufenthalt mit dem Ziel, neue Ideen in seiner Heimat zu verwirklichen. Dieser Fall tritt seltener auf und der Rückkehrer trifft auf den Beharrungswiderstand der lokalen Gesellschaft. Die Rückkehr nach dem altersbedingten Ausscheiden aus dem Erwerbsleben findet erst nach langer Zeit statt und der Rückkehrer ist wegen seiner langen Abwesenheit und seiner Sozialisation am Auswanderungsort entfremdet.

Ein anderer, von Jean-Pierre Cassarino vorgestellter Ansatz unterscheidet bei Rückkehrern nach unterschiedlichen Graden der Vorbereitung („preparedness“), die auch mit verschiedenen Möglichkeiten der Aktivierung von Ressourcen für die Remigration und Reintegration zusammenhängen. Dazu zählt die Aktivierung und Nutzung von finanziellem Kapital, Qualifizierungen und sozialem Kapital. Je höher dieses ausfällt, umso erfolgversprechender ist die Remigration und Reintegration für die wandernde Person und das Herkunftsland. Entlang dieser Dimension lässt sich die Remigranten graduell klassifizieren. Am besten gestellt sind Rückkehrer, deren hoher Grad an „preparedness“ es erlaubt, Zeitpunkt und Art der Rückwanderung selbstständig zu planen. Diese verfügen über hohe Ressourcen und können diese nutzen sowie außerdem Kosten und Nutzen einer Rückkehr gegenüber einem Verbleib abwägen. Am schlechtesten gestellt sind etwa Personen, die das Aufnahmeland zum Beispiel wegen Abschiebungen verlassen. Ihre Bereitschaft zur Rückkehr sowie die Ressourcen sind am niedrigsten ausgeprägt.

Die Migrationswissenschaftlerin Katie Kuschminder unterscheidet nach den strategischen Verhältnissen der Rückkehrer vier Fälle: Freiwillige Rückkehr aus langer und meist erfolgreicher Abwesenheit mit dem Wunsch starker Eingliederung, wobei der Remigrant beiden Kulturkreisen zugewandt ist und bleibt. Freiwillige Rückkehr aus langer und meist erfolgreicher Abwesenheit mit dem Wunsch, die Werte und Kultur des Gastlandes wie in einer Enklave in seinem Ursprungsort zu erhalten. Freiwillige Rückkehr aus kürzerer und stabiler Abwesenheit mit traditionellen Ansichten und Werten des Ursprungsortes. Unvorbereitete Rückkehr (z. B. wegen Abschiebung, Deportation) nach kurzer Abwesenheit unter wirtschaftlich ungesicherten Verhältnissen. Kein Bezug zu Werten und Kultur des Gastlandes. Die Rückkehrer werden von der herrschenden Mehrheitsgesellschaft des Ursprungslandes abgelehnt.Katie Kuschminder: Reintegration Strategies. Conceptualizing How Return Migrants Reintegrate. Palgrave Macmillan, Basingstoke 2017, S. 202 f.

Auf der Makroebene werden Migranten auf der Ebene der Nationalstaaten häufig in die drei Kategorien Opfer wie Flüchtlinge, Vertriebene und Opfer des Menschenhandels erwünschte Hochqualifizierte und wirtschaftlich notwendige geringfügig qualifizierte sozial unerwünschte Migranten eingeteilt. Das beeinflusst die Rückkehr und die Behandlung der Rückkehrer durch die Staaten und ihre Darstellung in den Medien.Julia Pauli: Return migration. 2021, S. 98.

Für Remigrationen gelten potentiell dieselben heterogenen BeweggründeEdda Currle: Theorieansätze zur Erklärung von Rückkehr und Remigration. Sozialwissenschaftlicher Fachinformationsdienst, in: Migration und ethnische Minderheiten 2006/2, S. 14–17. wie für andere Formen der Migration. Es können jedoch zusätzliche Faktoren dazukommen, wie etwa der Wunsch, sich nach einer politisch motivierten Emigration in den veränderten Herkunftskontext einzubringen. Zu den häufig genannten individuellen Pushfaktoren gehören Rassismus und Diskriminierung im Aufenthaltsort, Heimweh und gesundheitliche Probleme. Pullfaktoren sind oftmals die familiären und sozialen Bande zum Herkunftsort, soziale Sicherheit (z. B. Pflege von oder durch Verwandte bei Krankheit und Alter, Kinderbetreuung) und Renteneintritt. Die mit der Rückkehr verbundenen Erwartungen werden oft nicht erfüllt (sowohl der Migrant wie auch Rückkehrumgebung haben sich während der Abwesenheit verändert) und es kommt zu Enttäuschung und Frustration, so dass der Remigrant evtl. wieder in sein Gastland zurückkehren will.Julia Pauli: Return migration. 2021, S. 97 ff.

mini|Rückkehr innerhalb verschiedener Migrationsverläufe Rückkehr ist nicht gleichbedeutend mit dem Ende des Migrationsvorganges, sondern sie kann Teil eines Migrationsverlaufs oder im Fall der Zirkularmigration eines wiederkehrenden Zyklus bei Individuen oder Gruppen sein. Eine Einordnungsmöglichkeit der transnationalen Remigration orientiert sich am relativen Entwicklungsstand der beiden betroffenen Länder und kennt drei Typen: Remigration zwischen etwa gleich entwickelten Staaten, die Rückkehr aus einem hochentwickelten Staat in einen weniger entwickelten und die Rückkehr aus einem weniger entwickelten in einen höher entwickelten Staat.Russell King (Hrsg.): Return Migration and Regional Economic Problems. Croom Helm, 1986, ISBN 0-7099-1578-0, S. 5.

Mit zunehmendem räumlichen Abstand ist die Remigrationsneigung von Langzeitmigranten geringer, da die wirtschaftliche, soziale und psychologische Trennung zwischen Heimatort und Aufenthaltsort größer ist. Zwischen näher zusammenliegenden Staaten können dagegen transnationale Kontakte, vor und nach der Rückkehr gepflegt werden.Russell King: Handbook of return migration. S. 4.

Wirtschaftliche Erklärungsansätze In der Wirtschaftswissenschaft wird die individuelle Rückwanderungsentscheidung durch Überlegungen der Nutzenoptimierung erklärt. Als Gründe werden die Präferenz für Konsum am Herkunftsort, höhere Kaufkraft im Herkunftsort, Erreichung einer Ressourcenverbesserung (Zielsparen, Qualifikationen) und wirtschaftliche Schocks auf der makroökonomischen Ebene (Wechselkurs, Kaufkraftparität, Arbeitskraftnachfrage und Lohnniveau) oder mikroökonomischen Ebene (Arbeitslosigkeit, persönliche Zukunftsaussichten) und weiteres aufgeführt. Die Empirie dazu ist gering.Jackline Wahba: The economics of return migration. In: Handbook of return migration. 2022, S. 25.

Im Neoklassischen Ansatz der Wirtschaftswissenschaft werden der Lohnniveauunterschied und die Zukunftserwartung höherer persönlicher Einkünfte als Migrationstreiber angesehen. Zur Rückkehrentscheidung kommt es, wenn der Migrant zu der Einsicht gelangt, dass die Differenz aus den Kosten des Aufenthalts und des Ertrages aus der Arbeitskraft falsch, d. h. zu günstig, eingeschätzt wurden. Der Rückkehrer erwartet nunmehr in seinem Heimatort den größeren Ertrag für sich. Die vorherige Migration wird als Fehlentscheidung bei Unsicherheit betrachtet. Ersparnisse und Qualifikationen spielen kaum eine Rolle.Jean-Pierre Cassarino: Theorising Return Migration – The Conceptual Approach to Return Migrants Revisited. PDF, HAL Open Science, International Journal on Multicultural Societies, 2004, Nr. 6 (2), S. 255 u. 269.

Die Neue Ökonomie der Arbeitsmigration (engl. new economics of labour migration NELM) sieht die Rückkehr dagegen als Teil einer erfolgreichen Strategie von Migrieren, Geld verdienen, Rücküberweisungen in die Heimat, Ansparen und zuletzt der Rückkehr zu einem sichereren und komfortableren Leben am Ursprungsort. Anders als beim individualistischen Entscheidungsmotiv des Neoklassischen Ansatzes wird eine Strategie auf der Ebene eines Familienverbandes angenommen. Das Einkommen und die Ressourcen werden maximiert und diversifiziert und es werden gegenseitige Abhängigkeiten angenommen. Familienmitglieder bleiben im Ausland oder kehren zurück. In einer späteren Phase des Familien- oder Haushaltszyklus migrieren andere Mitglieder und stellen die weitere Unterstützung sicher.Russell King, Katie Kuschminder: Handbook of return migration. S. 5 f.

Genderaspekte