Das Flussbad Berlin ist ein stadtentwicklungspolitisches und wasserökologisches Projekt zur Nutzung des Spreekanals in Berlin-Mitte als öffentlicher Erholungs- und Badeort. Das von der Architekten- und Künstlergruppe realities:united entwickelte Konzept sieht vor, den rund 1,8 Kilometer langen Spreekanal zwischen Fischerinsel und Bode-Museum ökologisch aufzuwerten und abschnittsweise für Aufenthalt am Wasser und Schwimmen nutzbar zu machen. Kern des ursprünglichen Entwurfs war ein Pflanzenfilter im südlichen Kanalabschnitt sowie eine rund 840 Meter lange Schwimmstrecke zwischen Schlossplatz und Museumsinsel.Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen: Flussbad Berlin. Abgerufen am 28. Juni 2026.

Das Projekt wurde von 2014 bis 2018 als „Nationales Projekt des Städtebaus“ mit Mitteln des Bundes und des Landes Berlin gefördert. Projektträger ist der 2012 gegründete Verein Flussbad Berlin e. V. Seit den 2020er Jahren verlagerte sich die Debatte von der baulichen Umsetzung des Gesamtprojekts zunehmend auf die Frage, ob im Spreekanal eine kontrollierte Pilotbadestelle auf Grundlage von Wasserqualitätsmonitoring und tagesbezogenen Prognosen eingerichtet werden kann. Dem stehen nach Auffassung der Berliner Senatsverwaltung rechtliche, sicherheitsbezogene und hygienische Hindernisse entgegen.Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt: Baden im Spreekanal weiterhin rechtswidrig – keine Ausnahmegenehmigung für angekündigte Schwimmdemonstrationen. Pressemitteilung vom 19. Mai 2026.

Historischer Bezug, Ort Der 1,8 Kilometer lange Spreekanal zweigt an der Fischerinsel nach Südwesten von der breiteren Hauptspree ab und knickt kurz vor der Gertraudenbrücke nach Nordwesten ab. Er mündet am Bode-Museum wieder in die Hauptspree. Gemeinsam mit dieser umfließt er die Museumsinsel. Ein öffentlicher Zugang zum Wasser des Spreekanals ist bislang an keiner Stelle möglich.

Der Vorschlag eines Flussbads im Spreekanal knüpft an eine ältere Berliner Badekultur an. Am Mühlengraben, im Bereich des späteren Flussbad-Gartens beim ehemaligen Staatsratsgebäude, befand sich eine der letzten Berliner Flussbadeanstalten. Die sogenannte Doppel-Badeanstalt am Mühlengraben wurde zwischen 1895 und 1897 errichtet und verfügte über ein Schwimmer- und ein Nichtschwimmerbecken. Sie wurde 1925 geschlossen.Flussbad Berlin e. V.: Der Ort. Abgerufen am 28. Juni 2026.

Der 2017 eröffnete Flussbad-Garten in der Friedrichsgracht, nimmt auf diese Vorgeschichte Bezug. Die dort angelegte Holzterrasse folgt nach Angaben des Vereins den Konturen des früheren Schwimmerbeckens; auf dem öffentlichen Weg entlang der Spree wird der frühere Verlauf des Mühlengrabens durch einen Wechsel im Bodenbelag markiert.Flussbad Berlin e. V.: Der Ort. Abgerufen am 28. Juni 2026.mini|Unterwasseraufnahme der Kanalsohle im Kupfergraben auf Höhe des Pergamonmuseums im Juli 2016 mini|Projektdarstellung nach Vorgabe der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen. mini|Friedrichsgracht in Berlin-Mitte

Wasserqualität und Monitoring Ein zentrales Problem für eine Nutzung des Spreekanals als Badeort sind Einleitungen aus der Berliner Mischwasserkanalisation. Bei stärkeren Regenfällen können Mischwasserüberläufe ungeklärtes Abwasser in Spree und Spreekanal eintragen. Für die Bewertung einer möglichen Badetauglichkeit sind insbesondere mikrobiologische Parameter wie Escherichia coli und intestinale Enterokokken von Bedeutung. Für die Erreichung von Badewasserqualität im Spreekanal müssen die in der EU-Badegewässerrichtlinie definierten Grenzwerte eingehalten werden.

Der Verein Flussbad Berlin entwickelte zusammen mit dem Kompetenzzentrum Wasser Berlin ein Prognose- und Monitoringsystem für die Wasserqualität im Spreekanal. Das System berücksichtigt unter anderem Messwerte, Niederschläge, Mischwasserüberläufe, Durchfluss, Sichttiefe und mikrobiologische Stichproben. Die Ergebnisse werden über die Plattform Badberlin und über eine Flaggenlogik am Flussbad-Garten kommuniziert.Flussbad Berlin e. V.: Forschung & Entwicklung. Abgerufen am 28. Juni 2026.Uwe Rada: Schwimmen im Berliner Spreekanal: Ab sofort wird geflaggt. In: taz, 28. April 2026.

Nach Angaben des Vereins wies das Monitoring in den Jahren 2024 und 2025 für mehr als 80 Prozent der Tage während der Badesaison eine zum Baden ausreichende Wasserqualität aus.Uwe Rada: Schwimmen im Berliner Spreekanal: Ab sofort wird geflaggt. In: taz, 28. April 2026. Das Landesamt für Gesundheit und Soziales bewertete die hygienische Situation im Spreekanal dagegen kritischer. Nach Darstellung der Senatsverwaltung umfasst die mikrobielle Grundbelastung Bakterien, Viren und Parasiten. Insbesondere nach stärkeren Niederschlägen könnten Krankheitserreger in den Spreekanal gelangen.Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt: Baden im Spreekanal weiterhin rechtswidrig – keine Ausnahmegenehmigung für angekündigte Schwimmdemonstrationen. Pressemitteilung vom 19. Mai 2026.

Der Müggelsee, der vor den Überlauf-Einleitungsstellen gelegen ist und der von der Spree durchflossen wird, weist in der Regel Badewasserqualität auf. In Zeiten, in denen der letzte Überlauf der Kanalisation im Innenstadtbereich lange genug zurückliegt, ist die generelle Wasserqualität im Spreekanal gut. Der Spreekanal weist dann zeitweise eine Sichttiefe von bis zu 2,5 Metern auf.

Rechtslage und Zuständigkeiten Der Spreekanal ist Teil einer Bundeswasserstraße. Damit berührt eine Nutzung als Badestelle nicht nur Berliner Landesrecht, sondern auch Zuständigkeiten des Bundes für Wasserstraßen und Schifffahrt. Das Wasser- und Schifffahrtsamt Berlin erklärte hierzu im August 2015: „Nach einer ersten überschlägigen Rechtsprüfung hindern die Belange der Schifffahrt im Spreekanal die Umsetzung des Flussbades nicht.“

Die Berliner Senatsverwaltung verwies 2026 darauf, dass der Spreekanal von zahlreichen Brücken überspannt werde. Nach Bundesrecht und Berliner Badegewässerverordnung sei Baden im Bereich von Brücken aus Sicherheitsgründen verboten; das Land Berlin könne davon keine Ausnahmen nach eigenem Ermessen festlegen.Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt: Baden im Spreekanal weiterhin rechtswidrig – keine Ausnahmegenehmigung für angekündigte Schwimmdemonstrationen. Pressemitteilung vom 19. Mai 2026.

Die Zuständigkeitsfrage wurde dadurch zu einem eigenständigen Konfliktpunkt des Projekts. Während der Verein Flussbad Berlin eine kontrollierte Nutzung auf Grundlage von Monitoring und tagesbezogenen Freigaben vorschlug, hielten die zuständigen Behörden an der Auffassung fest, dass einer Nutzung des Spreekanals als Badeort rechtliche, sicherheitsbezogene und gesundheitliche Hindernisse entgegenstehen.rbb24: Verein ruft zu Schwimm-Demos im Berliner Spreekanal auf. 27. April 2026.

Stadtraum- und Denkmalkonflikt Neben Wasserqualität und Rechtslage wurde das Projekt als Konflikt um die Nutzung der Berliner Mitte diskutiert. Der geplante Schwimmbereich liegt im Umfeld von Museumsinsel, Berliner Dom, Humboldt Forum und Bode-Museum. Damit berührt das Vorhaben einen Stadtraum, der zugleich touristischer Schwerpunkt, Denkmalensemble und repräsentativer Ort der Berliner Stadtmitte ist.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz vertrat 2018 die Auffassung, der Kupfergraben eigne sich im Bereich der Museumsinsel nicht für ein Flussbad. Begründet wurde dies mit dem Schutz der baulichen Einheit von Ufermauer und Museumsbauten sowie der „Aura“ der Museumsinsel.Natalia Bronny: Badestelle an der Spree mitten in Berlin: Da ist was im Fluss. In: taz, 8. Juli 2018. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, meldete in einem Gastbeitrag im Tagesspiegel Bedenken gegenüber einer Entwicklung zur „Partyzone“ an.

Die internationale Rezeption des Projekts ist überwiegend positiv. Michael Kimmelman in der New York Times und Max Kutner in Newsweek sehen das Flussbad als Symbolprojekt einer modernen, zukunftsgewandten Hauptstadt Berlin. Befürworter des Projekts sehen darin eine Auseinandersetzung darüber, ob die Berliner Mitte vorrangig als musealer Repräsentationsraum oder als öffentlich nutzbarer Stadtraum verstanden werden solle. In der Debatte wurde wiederholt darauf verwiesen, dass Baden im Spreekanal historisch bereits Teil der städtischen Alltagskultur war.

Entwicklung seit 2014 Das Projekt erhielt 2014 im Rahmen des Bundesprogramms „Nationale Projekte des Städtebaus“ eine Förderung von insgesamt 4 Millionen Euro, davon 2,6 Millionen Euro aus Bundesmitteln und 1,4 Millionen Euro vom Land Berlin. Die Förderung diente der Weiterentwicklung des Konzepts, der Öffentlichkeitsarbeit, der Erprobung technischer Elemente und der Errichtung des Flussbad-Gartens.Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen: Flussbad Berlin. Abgerufen am 28. Juni 2026.

Nach Abschluss der Förderphase blieb die Umsetzung des baulichen Gesamtprojekts offen. Der Verein verlagerte seine Aktivitäten stärker auf Öffentlichkeitsarbeit, Demonstrationsschwimmen, rechtliche Debatten und die Entwicklung eines Systems zur Prognose der Wasserqualität.

An der jährlich stattfindenden Veranstaltung "Flussbad-Pokal", nahmen 2018 bereits mehr als 400 Schwimmer und Schwimmerinnen teil. Schirmherrin war Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher.

Anlässlich des hundertjährigen Bestehens des Badeverbots in der Spree in Berlin organisierte der Verein 2025 mehrere Demonstrationen. Unter dem Motto „100 Jahre Schwimmverbot - Berliner Badeverbot ist eine Ente“ protestierten am 17. Juni 2025 etwa 300 Menschen schwimmend vor dem Humboldt-Forum. Bei einer zweiten Demonstration am 12. August 2025 schwammen etwa 700 Teilnehmerinne und Teilnehmer für ein Ende des Badeverbots.

2026 kündigte der Verein eine Reihe von weiteren Mitschwimm-Demonstrationen an, mit denen er gegen das seit 1925 bestehende Badeverbot in der innerstädtischen Spree protestierte. Die Senatsverwaltung erklärte die Teilnahme am Baden im Spreekanal ohne Ausnahmegenehmigung als rechtswidrig.Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt: Baden im Spreekanal weiterhin rechtswidrig – keine Ausnahmegenehmigung für angekündigte Schwimmdemonstrationen. Pressemitteilung vom 19. Mai 2026.

Internationaler Kontext Das Flussbad Berlin steht im Zusammenhang mit europäischen Projekten, innerstädtische Flüsse, Kanäle und Hafenbecken als öffentliche Bade- und Aufenthaltsräume zu nutzen. Vergleichbare Entwicklungen wurden unter anderem in Kopenhagen, Paris, Amsterdam und Rotterdam beschrieben. Gemeinsames Merkmal vieler dieser Projekte ist, dass Baden nicht als dauerhaft garantierte Nutzung verstanden wird, sondern an Wasserqualitätsmessungen, Wetterdaten, Warnsysteme und zeitweise Sperrungen gekoppelt ist.Uwe Rada: Schwimmen im Berliner Spreekanal: Ab sofort wird geflaggt. In: taz, 28. April 2026.

Basel: Das Schwimmen im Rhein ist eine etablierte Form der städtischen Freizeitnutzung. Neben der individuellen Nutzung findet jährlich das offizielle Basler Rheinschwimmen statt.Basel Tourismus: Swimming in the Rhine. Abgerufen am 28. Juni 2026. Boston: Die Charles River Conservancy verfolgt mit dem Swim Park Project das Ziel, eine saisonale, überwachte Schwimmanlage im Charles River einzurichten. Unabhängig davon finden genehmigte Schwimmveranstaltungen im Fluss statt.Charles River Conservancy: Swim Park Project. Abgerufen am 28. Juni 2026. Brügge: Der Canal Swimmer’s Club war ein temporäres Architektur- und Kunstprojekt von Atelier Bow-Wow und Architectuuratelier Dertien 12 im Rahmen der Triennale Brügge 2015. Die schwimmende Plattform bezog sich auf die Reinigung der Kanäle und die Möglichkeit, diese wieder für Schwimm- und Freizeitnutzungen zu öffnen.Triennale Brugge: Canal Swimmer’s Club. Abgerufen am 28. Juni 2026. Dublin: Der Dublin City Liffey Swim ist ein seit 1920 ausgetragenes Freiwasserschwimmen in der Liffey.Swim Ireland: 105th Dublin City Liffey Swim 2025. 22. August 2025.