Jürgen Christoph Frölich (* 1939 in Rudolstadt, Thüringen) ist ein deutscher Facharzt und Professor für Pharmakologie. Bis zu seiner Emeritierung lehrte Frölich an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und war dort Gründer und Leiter des Instituts für Klinische Pharmakologie. Frölich erregte Aufsehen und erlangte Bekanntheit durch die Publikation und Thematisierung erhöhter Todesfallzahlen durch Unerwünschte Arzneimittelwirkungen sowie den Auftritt u. a. in Dokumentarfilmen und Politmagazinen. Frölich ist wesentlicher Mitinitiator und Pionier der Entwicklung, dass die klinische Pharmakologie für Medizinstudenten zum Pflichtfach wurde und Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) seit dem Jahr 2005 zu einer festen Bezugsgröße in der Arzneimitteltherapie werden konnte.
Werdegang und Leben Nach der Schulzeit am Gymnasium Osterode am Harz und nachfolgend dem Studium der Humanmedizin, Staatsexamen und Promotion an der Freien Universität Berlin begann Frölich seit 1964 seine Tätigkeit in der pharmakologischen Forschung und war seit 1973 als „Assistant Professor of Medicine and Pharmacology“, seit 1977 dann als „Associate Professor of Medicine and Pharmacology“ u. a. an der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee tätig. Frölich kehrte nach Deutschland zurück und wurde ab 1977 Leiter des Instituts für klinische Pharmakologie am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart. Im Jahr 1984 beauftragte das Ministerium für Wissenschaft und Kultur des Landes Niedersachsen Frölich damit, an der Medizinischen Hochschule Hannover ein Institut für klinische Pharmakologie zu gründen, als dessen Leiter er seitdem eingesetzt wurde. Frölich wurde häufig als Sachverständiger bei Gerichtsverhandlungen hinzugezogen, wo es um Fälle von Erblindung, lebenslanger Dialyse, akutes Nierenversagens, lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen oder auch Todesfälle ging., abgerufen am 4. Mai 2018MHH-Pionier der klinischen Pharmakologie. Professor Dr. Jürgen C. Frölich ging in den Ruhestand, Namen und Nachrichten - MHH Info Juni/Juli 2004 Frölich wirkt(e) in mehreren Fachorganisationen, u. a. der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ), als Mitglied, Gutachter oder Vorsitzender mit.
Zum 31. März 2004 ging Frölich in den Ruhestand,Informationsdienst Wissenschaft (idw), Namen und Nachrichten der Medizinischen Hochschule Hannover, März/April 2004 war aber auch danach noch Mitwirkender in einigen TV-Formaten (s. Mitwirkung in Dokumentarfilmen, Politmagazinen etc.). Frölich war Gesellschafter bei den Firmen Atheso Arzneimittelsicherheit GmbH in Hannover und FBR Arzneimittel in Springe (s. „Gesellschafter bei Atheso und FBR Arzneimittel“).
Engagement für die klinische Pharmakologie und in der Arzneimitteltherapiesicherheit Frölich kritisierte wiederholt die Schwächen in der Mediziner-Ausbildung und setzte sich für die Aufnahme der klinischen Pharmakologie als Pflichtfach in den Lehrplan ein. Das gelang nach langjähriger Verhandlung mit dem Bundesministerium für Gesundheit: Die Approbationsordnung verlangt nun, Medizinstudierende in klinischer Pharmakologie auszubilden und zu prüfen.MHH-Pionier der Klinischen Pharmakologie. Professor Dr. Jürgen C. Frölich ging in den Ruhestand, Namen und Nachrichten - MHH Info Juni/Juli 2004 Über viele Jahre publizierte und argumentierte Frölich wiederholt Zahlen, Folgen, Zusammenhänge, Ursachen und Abhilfemöglichkeiten in Bezug auf Unerwünschte Arzneimittelwirkungen und die daraus resultierenden Todesfälle und Schädigungen, bei denen er auch das individuelle Patientenleid betonte: „Ich mache diese ganzen Zahlen an den Todesfällen fest und ich kann ihnen zahlreiche Todesfälle durch unerwünschte Arzneimittelwirkungen aufzeigen. Individuelle Patienten kann ich ihnen benennen.(…) Was mich eben auch sehr bedrückt, daß es sehr viele Schädigungen durch unerwünschte Arzneimittelwirkungen gibt, die unter Umständen den Patienten lebenslang, lebenslang schwer beschädigen.“Zitat aus der Dokumentation „Tödliche Pillen“, 2004 Frölich nutzte dazu auch zahlreiche Medien und übte gleichfalls Kritik gegenüber dem eigenen (ärztlichen) Kollegium und den Vertretern der pharmazeutischen Branche. Auf Basis der Angaben früherer Publikationen anderer Verfasser sagte Frölich 1999 gegenüber Panorama, man müsse davon ausgehen, „daß im Bundesgebiet 25.000 Patienten jedes Jahr an unerwünschten Arzneimittelwirkungen sterben und daß es zu 500.000 schweren arzneimittelbedingten unerwünschten Wirkungen kommt.“Thomas Berndt und Christian Kossin: „Tödliche Nebenwirkungen - 20.000 Opfer durch Medikamente“ In: Panorama (ARD), 24. Juni 1999, 21:15 Uhr Diese Zahlen korrigierte er später nach oben.
Als einen wichtigen Faktor zur Lösung des Problems sah Frölich dabei, unzureichende Information angesichts erheblicher Zahlen von Medikamenten und deren Neben- und Wechselwirkungen zu beheben. 2001, zum Zeitpunkt des Skandals um den Blutfettsenker Lipobay, mahnte Frölich, es müsse „schnellstens mehr aktuelle Information über Arzneimittel-Sicherheit und richtige Dosierung direkt zum niedergelassenen Arzt gelangen“. Dazu schlug Frölich die „Einrichtung eines flächendeckenden Netzes von Experten vor, die rund um die Uhr erreichbar sind“. Nötig sei weiterhin, so Frölich, für jedermann ein „Zugang zu unabhängigen Informationsquellen über Medikamente“. Stattdessen gebe es ein „Informationsdefizit auf breiter Front“, Ärzte als auch Patienten betreffend, da Informationen (etwa Fachinformationen zu Medikamenten) seitens der Pharmazeutischen Industrie „in Panzerschränken“ gelagert würden, anstatt sie im Internet zu veröffentlichen.Tausende unnötiger Todesfälle, Bild der Wissenschaft, 1. Dezember 2001Nicht immer ist die Krankheit schuld. In: Berliner Zeitung, 27. August 2003.
Als Reaktion auf den Skandal um das Rheumamittel Vioxx und dessen Rücknahme durch den Hersteller forderte Frölich 2004, neue Medikamente nach der Zulassung intensiver zu beobachten und sah dabei die Ärzte in der Pflicht: „Ärzte müssen verpflichtet werden, über jeden Patienten, den sie mit dem neuen Medikament behandeln, zu berichten“. Nur so sei es möglich, insbesondere seltene Nebenwirkungen frühzeitig zu erkennen und Todesfälle zu vermeiden.Claudia Ehrenstein: „Vioxx galt bis zuletzt als sicher“ In: Berliner Morgenpost, 12. Oktober 2004. Wegen Bezahlschranke alternativer Link auf Worldnews.com: Vioxx galt bis zuletzt als sicher
Aufbau eines Arzneimittelinformationsdienstes Um solche Ziele erreichen zu können, wirkte Frölich an der Entwicklung eines Arzneimittelinformationsdienstes (AID) bzw. -systems, über das sich Ärzte zu individuellen Dosierungen bzw. Wechsel- und Nebenwirkungen informieren können. 1994 richtete Frölich zusammen mit der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) an der Medizinischen Hochschule Hannover den Arzneimittelinformationsdienst AID bzw. das „Arzneimittelinformationssystem“ (AIS) ein. 2001 sagte er gegenüber „Bild der Wissenschaft“ in Bezug auf den bestehenden „AID“ in Hannover, er wünsche sich, „dass dies Schule macht und in absehbarer Zeit zu einem Deutschland weiten Informationssystem führt, zu einer Datenbank mit regionalen Kompetenzschwerpunkten.“Thorwald Ewe: „Tausende unnötiger Todesfälle“ In: Bild der Wissenschaft, 1. Dezember 2001
Die Publikationen und die Erfolge Fröhlichs in NiedersachsenJ. C. Frölich, M. Lumpe, D. O. Stichtenoth: „Arzneimittelinformation, ein Aufgabengebiet der Klinischen Pharmakologie“. In: Aktuelle Arzneitherapie, 1998, S. 23–26 (25–28). stießen bei der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) 1998 auf offene Ohren und es wurde „von mehreren Diskutanten der Wunsch nach Verbreiterung und allgemeiner Zugänglichkeit eines Arzneimittelinformationsdienstes, wie er exemplarisch in Hannover entstanden ist, ausgedrückt“.B. Müller-Oerlinghausen: „Diskussion“. In: Aktuelle Arzneitherapie, 1998, S. 42 (45). Letztlich konnte dieser mittels der kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und dem Bundesministerium für Gesundheit umgesetzt werden. Mittlerweile existieren an zahlreichen Instituten für klinische Pharmakologie solche Einrichtungen.Arzneimittel-Informationsdienste der Institute für Klinische Pharmakologie, auf der Webseite der AkdÄ, abgerufen am 22. Dezember 2015. An der Medizinischen Hochschule Hannover wurde das „AIS“ weiter zum heutigen „Arzneimitteltherapieinformationssystem“ (ATIS) ausgebaut., Medizinische Hochschule Hannover Frölich war damit wesentlicher Mitinitiator der neueren positiven Entwicklungen, so etwa im Jahr 2005 der 1. Deutsche Kongress für Patientensicherheit bei medikamentöser Therapie. Seit 2005 ist die Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) damit zu einer festen Bezugsgröße in der Diskussion über Arzneimitteltherapie geworden. konkretisiert im „Aktionsplan zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit in Deutschland“ des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG). ebm-netzwerk.de, 2012, abgerufen am 25. Februar 2015. die Verbesserung der „Arzneimitteltherapiesicherheit“ (AMTS) wurde auch eines der wesentlichen Ziele des ebenfalls 2005 gegründeten Vereins Aktionsbündnis für Patientensicherheit e.V. (APS).Kurzportrait des APS e.V. Für die AMTS wurden entsprechende Handlungsempfehlungen herausgegeben. die Einrichtung einer ersten – in Deutschland einzigartigen – Professur für Arzneimittelsicherheit im Jahr 2011 an der Medizinischen Hochschule Hannover. Presseinformation der MHH vom 4. Mai 2011, abgerufen am 25. Februar 2015.
Gesellschafter bei Atheso und FBR Arzneimittel Die Entwicklung eines „AIS“ (optimiert als „CPOE-CDS“, d. h. CPOE inkl. „Clinical decision support“, z. B. Warnung vor Arzneimittelinteraktionen) als von Experten unterstützte Softwarelösung wurde von Frölich und zahlreichen Vertretern seiner Fachrichtung zur Erreichung angemessener Patientensicherheit in der modernen Arzneimitteltherapie für zwingend erforderlich befunden. Begründet wird dies mit einer enorm großen (und steigenden) Arzneimittel- und Wirkstoffzahl zzgl. einer diesbezüglichen Vielzahl an wissenschaftlicher Publikationen, die ein Arzt im Alltag unmöglich bewältigen könne. Lt. Fröhlich sind die Fachinformationen der Hersteller aus industriefinanzierten, nach Belieben teilweise oder gar nicht veröffentlichten Studien diesbezüglich ungenügend, ein Zustand der auch von Vertretern der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) bereits häufig kritisiert wurde.
Neben einer barrierefreien Bereitstellung von Informationen ist dementsprechend eine solche „mit Expertenwissen gefütterte“ und kontrollierte Softwarelösung bzw. deren weitere Verbesserung auch weiterhin Teil der Forderungen im „Aktionsplan AMTS 2013-14“. Ziel und Arbeitsprinzip des Systems ist, mittels der Software eine ärztlich beabsichtigte Medikamentengabe bei spezifischen Erkrankungen und Unverträglichkeiten (z. B. Allergien), u. a. altersbedingten spezifischen Stoffwechselleistungen sowie Neben-, Wechselwirkungen und Dosierungen der Medikamente kritisch abzugleichen und ggf. Warnungen und angepasste Dosisempfehlungen herauszugeben. Insofern ergibt sich gleichfalls die Notwendigkeit, Expertenwissen von Pharmakologen mit dem Know-how von Softwareentwicklern zu kombinieren, ein Umstand, der lange Zeit nicht dazu führte, dass qualitative Systeme am Markt verfügbar waren.„AMTS-Software wird erweitert“, Ärztezeitung zur Fachmesse Medica am 20. November 2009